{"id":1017,"date":"2020-11-25T18:14:22","date_gmt":"2020-11-25T17:14:22","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1017"},"modified":"2020-11-25T18:14:23","modified_gmt":"2020-11-25T17:14:23","slug":"zu-unrecht-in-der-schmuddelecke-warum-inhalte-mit-nutzwert-guter-journalismus-sein-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/zu-unrecht-in-der-schmuddelecke-warum-inhalte-mit-nutzwert-guter-journalismus-sein-koennen\/","title":{"rendered":"Zu Unrecht in der Schmuddelecke &#8211; Warum Inhalte mit Nutzwert guter Journalismus sein k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>In Redaktionen, deren besonderer Stolz ihre preisgekr\u00f6nten und an Followern reichen Gro\u00df-Schreiber*innen oder -Filmemacher*innen sind, gehen Inhalte mit Service-Charakter oft noch nicht einmal als Journalismus durch. Zwar macht es manchmal deutlich mehr M\u00fche, die Vor- und Nachteile einer Steuerreform f\u00fcr verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen aufzudr\u00f6seln oder zu recherchieren, f\u00fcr wen sich ein Elektroauto unter welchen Umst\u00e4nden lohnt. Aber echter Journalismus, so dachte man zumindest bis vor Kurzem, das ist doch die Reportage, in der es nur so kracht, das Hingucker-Foto vom gehaltenen Elfmeter, oder das durch geschicktes Fragen entlockte Politiker-Zitat, das es in die Abendnachrichten schafft. F\u00fcr die Kolleg*innen, die sich mit \u201eNutzwert\u201c besch\u00e4ftigten, hatte man in solchen Redaktionen maximal ein anerkennendes L\u00e4cheln, nicht selten aber auch etwas Mitleid. K\u00f6nnte man solche Art von Flei\u00dfarbeit nicht den Volont\u00e4r*innen \u00fcberlassen? Man sei ja schlie\u00dflich nicht die Stiftung Warentest. <br \/><br \/>Ausgerechnet die digitale Transformation ist nun dabei, den Journalismus mit Service-Charakter aus der Schmuddelecke zu befreien. Das Konzept \u201eAudience first\u201c h\u00e4lt in den Redaktionen Einzug. Und beim Blick auf die Hitlisten dazu, f\u00fcr was das Publikum bereit ist, ein Abo abzuschlie\u00dfen, fallen Ratgeber-Inhalte stets deutlich auf. <br \/><br \/>F\u00fcr die Redaktion des amerikanischen Philadelphia Inquirer zum Beispiel war das Konzept \u201eNews you can use\u201c schon immer wichtig. Im Angesicht der Corona-Pandemie hat sie ihren <a href=\"https:\/\/www.americanpressinstitute.org\/publications\/why-the-philadelphia-inquirer-is-investing-in-service-journalism\/\">Service Newsdesk nun deutlich ausgebaut<\/a>. \u201eService-Journalismus verbindet die Nachrichten mit dem Leben unserer Leser*innen\u201c, sagte dessen Leiterin Megan Griffith Green k\u00fcrzlich in einem Interview. \u201eOk, sie wissen jetzt, was passiert, aber was k\u00f6nnen sie in der Folge tun?\u201c Wenn man will, kann man die Gattung sogar als eine Art von konstruktivem Journalismus verstehen.<br \/><br \/>Man h\u00e4tte es wissen k\u00f6nnen. B\u00fccher zur Lebenshilfe waren schon immer Umsatzbringer, ob das den Umgang mit der Steuererkl\u00e4rung, dem Chef, der Lebenspartnerin oder dem eigenen K\u00f6rper betrifft. Und so hoffieren Ressortleiter*innen neuerdings jene Kolleg*innen, die sich mit Themen wie Immobilien, Kulinarik oder Fitness besonders gut auskennen. Verglichen mit den Teams aus Politik oder Feuilleton hatten sie fr\u00fcher in der redaktionellen Hackordnung wenig zu melden. Manch einer verortete sie gar in gef\u00e4hrlicher N\u00e4he von kommerziellen Interessen, direkt an der grauen Grenze zwischen Redaktion und Verlag. Heute, wo kommerzielle Interessen nicht weniger bedeuten, als das nackte \u00dcberleben, bittet man sie, Newsletter zu erstellen und Veranstaltungen zu konzipieren. <br \/><br \/>\u201eEngagement\u201c ist das gro\u00dfe Thema, also der Aufbau von stabilen und aktiven Beziehungen zwischen Redaktion und Publikum. Und siehe da, Leser*innen engagieren sich besonders dann, wenn sie etwas davon haben \u2013 und seien es nur Unterhaltung, Zeitvertreib oder Unterst\u00fctzung auf dem Weg zum gef\u00fcllten Magen. Von den etwa sechs Millionen Digital-Abonnenten der <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/11\/05\/business\/media\/new-york-times-q3-2020-earnings-nyt.html\"><em>New York Times<\/em><\/a> zum Beispiel beziehen deutlich mehr als eine Million lediglich die Apps mit den Kreuzwortr\u00e4tseln oder den Kochrezepten. Produkte zum Mitmachen sind beliebt und wirkungsvoll, denn sie halten die Kunden auf der Seite. R\u00e4tsel und Spiele geh\u00f6ren dazu, die je nach Markenkern auch ruhig mal anspruchsvoll sein k\u00f6nnen. Die britische Financial Times gewann 2018 mit ihrem <a href=\"https:\/\/aboutus.ft.com\/en-gb\/announcements\/the-financial-times-uber-game-wins-the-gold-medal-award-at-the-serious-play-awards-2018\/\">Uber Game<\/a>, das die Zust\u00e4nde in der Gig Economy gut recherchiert aber spielerisch verdeutlicht, sogar eine Goldmedaille f\u00fcr ernsthafte Spiele. <br \/><br \/>Tats\u00e4chlich animiert die Digitalisierung Redaktionen dazu, Journalismus auch mal \u00fcber den Kanon des bildungsb\u00fcrgerlichen Ideals hinaus zu denken. Konsument*innen werden zu Nutzer*innen, die sich interaktiv bet\u00e4tigen, statt medialem Frontalunterricht zu lauschen. Dadurch muss der Journalismus nicht flacher werden, wie das manche Traditionalist*innen bef\u00fcrchten. Er macht sich nur ein anderes Menschenbild zu eigen. Leser*innen sind nicht nur Staatsb\u00fcrger*innen, die man \u00fcber die Leistungen der Entscheider*innen aus Politik und Wirtschaft, wom\u00f6glich noch jene der Stars aus Kultur und Sport, aufkl\u00e4ren muss. Nein, sie treffen auch t\u00e4glich Entscheidungen, die politisch im Kleinen sind: Nach welchen Werten gestalten sie ihren Alltag, ihr Konsumverhalten, ihr Berufsleben, welches R\u00fcstzeug geben sie ihren Kindern mit, wie wursteln sie sich durch die unendliche Zahl an Entscheidungen, die das moderne Leben jedem abverlangt? Je freiheitlicher ein System, desto vielf\u00e4ltiger sind die Weggabelungen, an denen man abbiegen kann. Journalismus, der sich als Dienstleistung versteht, hat f\u00fcr die wichtigsten zumindest ein paar Orientierungshilfen parat.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\">Dieser Text erschien f\u00fcr das Digital Journalism Fellowship <a href=\"_wp_link_placeholder\" data-wplink-edit=\"true\">im Blog der Hamburg Media School<\/a> am 19. November 2020\u00a0<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Redaktionen, deren besonderer Stolz ihre preisgekr\u00f6nten und an Followern reichen Gro\u00df-Schreiber*innen oder -Filmemacher*innen sind, gehen Inhalte mit Service-Charakter oft noch nicht einmal als Journalismus durch. 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