{"id":1029,"date":"2020-12-23T16:21:58","date_gmt":"2020-12-23T15:21:58","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1029"},"modified":"2020-12-23T16:21:58","modified_gmt":"2020-12-23T15:21:58","slug":"kultur-sticht-kommentar-warum-manch-ein-leitartikel-zur-frauenquote-unglaubwuerdig-wirkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/kultur-sticht-kommentar-warum-manch-ein-leitartikel-zur-frauenquote-unglaubwuerdig-wirkt\/","title":{"rendered":"Kultur sticht Kommentar &#8211; Warum manch ein Leitartikel zur Frauenquote unglaubw\u00fcrdig wirkt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Am 6. Juni 1971 erregte das Hamburger Magazin Stern mit einem Cover weltweites Aufsehen. \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wir_haben_abgetrieben!\">Wir haben abgetrieben<\/a>\u201c, lie\u00df es 374 bekannte und unbekannte Frauen im Heft bekennen, 28 davon auf dem Titelbild. Das war damals mehr als ein Tabu-Bruch, es verstie\u00df gegen das Gesetz. Im November 2020 schm\u00fcckte wieder eine Promi-Galerie das Blatt: \u201e<a href=\"https:\/\/www.stern.de\/politik\/quotenfrauen\/\">Ich bin eine Quotenfrau<\/a>\u201c, liest man da, 40 erfolgreiche Frauen bekennen sich dazu. Die Assoziation wird gewollt gewesen sein, gesellschaftliche Befindlichkeiten erkl\u00e4ren sich oft \u00fcber die geltenden Tabus. Man kann die Aktion als Fortschritt verstehen oder mit leichtem Befremden zur Kenntnis nehmen, was heute als radikal gilt. \u00a0<br \/><br \/>Seitdem sich die Bundesregierung zur Frauenquote bekannt hat, werden jedenfalls auch die Leitartikel zum Thema wieder entstaubt. Nun, so mahnen deren Autor*innen an, m\u00fcssten sich neben den Zahlen endlich Unternehmenskulturen \u00e4ndern. Schlie\u00dflich soll Vielfalt nicht nur von der Fototapete strahlen, sondern auch im vielfach belegten Sinne positiv wirken. So weit, so richtig. Allerdings lassen die Kommentator*innen dabei so gut wie nie durchblicken, wie es mit der Gleichstellung in ihren eigenen Redaktionen aussieht. <br \/><br \/>Eine solche Offenbarung w\u00e4re zwar un\u00fcblich aber interessant. Denn in den meisten Medienh\u00e4usern ist (wenn \u00fcberhaupt vorhanden) schon das Zahlenwerk peinlich, die Kultur, nun ja. Dass gut gemeint nicht gut gemacht ist, l\u00e4sst sich in diesen F\u00e4llen w\u00f6rtlich verstehen.<br \/><br \/>Nun ist das Ganze eine komplexe Sache. Fr\u00fcher konnten CEOs das Thema \u201eFrauenf\u00f6rderung\u201c noch mit Verweis auf den Betriebskindergarten abmoderieren. Bei der Kultur aber geht es ans Eingemachte: Es handelt sich um diejenigen Werte, Normen und Einstellungen, die den Unternehmensalltag bestimmen, ohne dass es dazu eine Ansage br\u00e4uchte. Dummerweise sind es genau jene ungeschriebenen Gesetze, die die Organisation bislang erfolgreich gemacht haben, zumindest nach Lesart ihres F\u00fchrungspersonals. Deshalb gleicht der Aufruf zum Kulturwandel in den Augen mancher der Ansage, nun mal ordentlich an genau dem Ast zu s\u00e4gen, auf man so gem\u00fctlich sitzt. Und das gerade in Zeiten, wo der Sturm ohnehin schon kr\u00e4ftig am Baum r\u00fcttelt. Das gilt in Medienh\u00e4usern genau wie anderswo auch.<\/p>\n<p>Die Medienbranche leidet zudem noch unter einer Besonderheit. Vor allem in Redaktionen ist man oft stolz darauf, dass hier Journalist*innen f\u00fchren und keine Manager*innen, die wom\u00f6glich noch das Vokabular aus der Business School importieren. Professionelles Management ist in diesen Biotopen oft sehr kluger, schlagfertiger und beobachtungsstarker Individualist*innen nahezu verp\u00f6nt. Das macht die Sache nicht leichter, aber die Unternehmenskultur eben auch nicht besser. St\u00f6hnen die Mitarbeiter*innen in gro\u00dfen H\u00e4usern unter hierarchischen Strukturen, \u00fcberkommenen Belohnungssystemen und Diskussions-Ritualen, in denen sich alles in Richtung Alpha-Mensch ausrichtet wie an einem Nordstern, beklagen sich jene in Neugr\u00fcndungen oft \u00fcber nicht minder anstrengende und schwer zu durchblickende Buddy-Systeme. Kein Wunder, dass sich Neuzug\u00e4nge, die eigentlich mehr Vielfalt bringen sollten, entweder mit Verve an die herrschende Kultur anpassen oder den Laden nach einer Weile genervt wieder verlassen, ohne viel bewirkt zu haben.<br \/><br \/>Wer in Sachen Vielfalt wirklich etwas ver\u00e4ndern will, kommt nicht umhin, <a href=\"https:\/\/europeanjournalists.org\/blog\/2020\/01\/14\/getting-real-about-diversity-and-talent-10-recommendations\/\">ein paar Instrumente in die Hand zu nehmen<\/a>. Da geht es um professionelles Recruitment, Onboarding und Coaching. Wichtig ist ein anst\u00e4ndiges Zahlenwerk dazu, wie sich die Belegschaft zusammensetzt und wie hoch die Verweildauer einzelner Gruppen ist. Au\u00dferdem sollte nicht nur der Input angeschaut werden (wer tr\u00e4gt hier bei?), sondern auch der Output (produzieren die Beitragenden tats\u00e4chlich mehr Vielfalt?). Und das in der Mitte darf keine Black Box bleiben. Wer und wie wird im Unternehmen belohnt, wie werden Diskussionen gef\u00f6rdert und gelenkt und wie holt man die ins Boot, die in der alten Kultur gro\u00dfgeworden sind und ihre Privilegien nun verteidigen? Da gibt es viel zu tun.<br \/><br \/>F\u00fcr die <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/changing-newsrooms-2020-addressing-diversity-and-nurturing-talent-time-unprecedented-change\">Studie \u201eChanging Newsrooms 2020\u201c<\/a> hat das Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford k\u00fcrzlich leitende Medienschaffende aus aller Welt zum Thema Vielfalt und Talent-Management befragt. Immerhin mehr als jede*r Zweite gab an, dass in ihrer*seiner Organisation Daten \u00fcber die Diversit\u00e4t der Belegschaft und des Managements gesammelt w\u00fcrden, 46 Prozent sagten, bei ihnen sei jemand speziell f\u00fcr das Thema abgestellt, und immerhin ein Drittel gab zu Protokoll, es sei auch ein Budget daf\u00fcr eingeplant. Allerdings war die Studie nicht repr\u00e4sentativ, gibt also nur das Bild derjenigen wieder, die auch gerne geantwortet haben. Die wiederum waren erstaunlich selbstzufrieden. 40 beziehungsweise 43 Prozent stimmten der Aussage zu, sie seien gut darin, Mitarbeitende unterschiedlicher sozialer Herkunft und Ethnien in der Organisation zusammenzubringen. Erstaunliche vier von f\u00fcnf Befragten gaben an, in Sachen Geschlechtergerechtigkeit einen guten Job zu machen.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t sieht anders aus, wie <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/women-and-leadership-news-media-2020-evidence-ten-markets\">eine andere in diesem Jahr ver\u00f6ffentlichte Studie<\/a> des Instituts zeigt. Demnach steht der Anteil an Chefredakteurinnen weltweit in einem starken Missverh\u00e4ltnis zum Anteil der Journalistinnen in Redaktionen. Die regelm\u00e4\u00dfig von <a href=\"https:\/\/www.pro-quote.de\/leitmedienzaehlung-stern-vor-spiegel-und-zeit-proquote-medien-fasst-print-und-onlinezaehlungen-zusammen\/\">Pro Quote ver\u00f6ffentlichten Zahlen<\/a> f\u00fcr Deutschland zeigen, dass es auch hierzulande noch viel Luft nach oben gibt. Zudem kann Statistik \u00fcber wahre Macht- und Einflussverh\u00e4ltnisse hinwegt\u00e4uschen. Zweifelsohne gibt es einen \u2013 allerdings nicht statistisch gest\u00fctzten \u2013 Trend zur (j\u00fcngeren) Digitalchefin, die sich h\u00e4ufig auch Chefredakteurin nennen darf. Die F\u00e4den ziehen trotzdem fast \u00fcberall Chefredakteure und CEOs traditioneller Pr\u00e4gung. Man m\u00fcsse es ja nicht gleich \u00fcbertreiben mit dem Wandel, das mag die Denke der Gesellschafter sein. Oft allerdings f\u00e4ngt er deshalb gar nicht erst an. Die alte Kultur lebt weiter, der flammende Leitartikel zur Frauenquote verhallt. <br \/><br \/>Der Stern \u00fcbrigens ist laut der Statistik von Pro Quote ein Vorbild in Sachen Gleichstellung, zumindest den Zahlen nach. Das mag auch daran liegen, dass das Mutterhaus Gruner+Jahr von CEO Julia J\u00e4kel gef\u00fchrt wird. F\u00fcr das Cover hat sie sich allerdings nicht fotografieren lassen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Dieser <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/kultur-sticht-kommentar-warum-manch-leitartikel-zur-frauenquote-unglaubwuerdig-wirkt\">Text erschien zuerst am 27. November 2020<\/a> im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 6. Juni 1971 erregte das Hamburger Magazin Stern mit einem Cover weltweites Aufsehen. \u201eWir haben abgetrieben\u201c, lie\u00df es 374 bekannte und unbekannte Frauen im Heft bekennen, 28 davon auf dem Titelbild. Das war damals mehr als ein Tabu-Bruch, es verstie\u00df gegen das Gesetz. 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