{"id":1031,"date":"2020-12-23T16:30:17","date_gmt":"2020-12-23T15:30:17","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1031"},"modified":"2020-12-23T16:30:18","modified_gmt":"2020-12-23T15:30:18","slug":"die-vertrauensfrage-ist-offen-ueber-das-verhaeltnis-zwischen-journalisten-und-ihrem-publikum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-vertrauensfrage-ist-offen-ueber-das-verhaeltnis-zwischen-journalisten-und-ihrem-publikum\/","title":{"rendered":"Die Vertrauensfrage ist offen &#8211; \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Journalisten und ihrem Publikum"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Den Hollywood-Film \u201eField of Dreams\u201c haben vermutlich nur diejenigen in Erinnerung, die 1989 entweder f\u00fcr Baseball oder f\u00fcr Kevin Costner geschw\u00e4rmt haben (was damals eine ganze Menge gewesen sein d\u00fcrften). Aus diesem Film wiederum blieb vielen nur eine einzige Zeile in Erinnerung, die allerdings so popul\u00e4r wurde, dass manche sie heute f\u00fcr einen Bibel-Spruch halten: \u201eIf you build it, he will come.\u201c Es geht um einen Mais-Farmer aus Iowa, seinem Traum von einem Baseball-Feld auf dem eigenen Acker und eine Versammlung von l\u00e4ngst verschiedenen Sportler-Legenden, die sich dort vergn\u00fcgen, nachdem der Bauer vom Traum zur Tat geschritten war. Mit der Medienbranche hat der Film nichts zu tun, aber tats\u00e4chlich denken viele Journalist*innen sehr \u00e4hnlich wie der Farmer Ray alias Kevin Costner: Wenn nur ihr Journalismus gut genug sei, dann k\u00e4men sie schon, die Leser*innen. Qualit\u00e4t schaffe Vertrauen. <br \/><br \/>Aber so einfach ist die Sache nicht. Das Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford hat gerade die <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/what-we-think-we-know-and-what-we-want-know-perspectives-trust-news-changing-world\">erste Studie eines Forschungsprojekts<\/a> ver\u00f6ffentlicht, das sich dem Thema &#8222;Vertrauen in den Journalismus&#8220; widmet. Und die Ergebnisse werfen mindestens ebenso viele Fragen auf, wie sie Antworten geben. Denn die Gr\u00fcnde, warum Menschen Medien vertrauen oder eben nicht, sind vielschichtig und ebenso vielf\u00e4ltig wie das Publikum selbst. Das macht es Redaktionen schwer. Sie wissen, dass sie nur eine Zukunft haben, wenn sie vertrauensvolle Beziehungen zu ihren Nutzer*innen aufbauen. Aber wie das geht, daf\u00fcr gibt es kein Rezept.<br \/><br \/>F\u00fcr die Studie haben die Wissenschaftler*innen \u00fcber 80 Interviews mit leitenden Journalist*innen und Medienmanager*innen in den USA, Gro\u00dfbritannien, Indien und Brasilien gef\u00fchrt. Sie machen immer wieder deutlich, dass es noch viel zu erforschen gibt, aber ein paar Dinge haben sich herauskristallisiert. Zun\u00e4chst einmal \u2013 siehe oben \u2013 h\u00e4ngt Vertrauen nicht nur von Faktentreue und journalistischer Pr\u00e4zision und Aufwand ab, sondern oft auch davon, ob das Publikum und das Medium \u00e4hnliche Werte vertreten. In politisch polarisierten Gesellschaften wird es deshalb keiner Publikation gelingen, fl\u00e4chendeckend Vertrauen zu gewinnen. Jeder glaubt und vertraut der Marke, die das eigene Weltbild am ehesten widerspiegelt. Auch wenn sich Leser*innen in Umfragen \u00fcberwiegend neutrale, faktenbasierte Berichterstattung w\u00fcnschen, glauben sie dann doch am ehesten denjenigen, die \u00fcberwiegend \u00fcber Fakten berichten, die ihnen zusagen. Starke Medien-Marken haben es dabei leichter, als vertrauensw\u00fcrdig durchzugehen. <br \/><br \/>F\u00fcr manche gesellschaftliche Gruppen ist Vertrauen eine Frage der Repr\u00e4sentation. Wenn Medien nie jemanden zitieren oder abbilden, der ihre Lebenswirklichkeit teilt, f\u00fchlen sie sich missachtet. Je weiter sich Redaktionen ihrem Publikum \u00f6ffnen, desto offensichtlicher wird, dass deren Belegschaften und vor allem deren F\u00fchrungsteams meist sehr homogene Gruppen sind. Die (\u00fcberf\u00e4llige) Debatte um Vielfalt in den Verlagsh\u00e4usern ist eine Folge davon. Medien leiden unter der Vertrauenskrise wie alle Institutionen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielschichtig und haben nicht zuletzt mit der Aufmerksamkeits-\u00d6konomie der sozialen Netzwerke zu tun. Kaum jemand hat das so gut beschrieben wie Rachel Botsman in ihrem 2017 erschienenen Buch \u201eWho can you trust: How technology brought us together and why it might drive us apart\u201c. Die Forschung des Reuters Institutes zeigt, dass man dabei Politik und Medien als Schicksalsgemeinschaft verstehen muss. Der <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report von 2020<\/a> belegt einen eindeutigen Zusammenhang: Dort, wo in der Politik mit harten Bandagen gek\u00e4mpft und gestritten wird, sinkt auch das Vertrauen in die Medien.<br \/><br \/>Eine Vertrauensl\u00fccke gibt es auch, weil viele Menschen zu wenig dar\u00fcber wissen, wie Journalismus entsteht, welchen Prinzipien, Standards und Regeln Journalist*innen folgen. Es hilft oft, das zu erkl\u00e4ren. Aber wird zu viel offenbart und erkl\u00e4rt, kann das auch das Gegenteil bewirken. Journalismus sei letztlich wie Wurst herstellen, sagte einer der f\u00fcr die neue Studie Interviewten: Niemand wolle ganz genau wissen, wie Wurst hergestellt werde. Sprich, zu viel Transparenz zeigt auch, wie viel im medialen Tagesgesch\u00e4ft letztlich improvisiert werden muss und wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Manch ein Erzeugnis verliert dann die Aura des Besonderen, mit dem man Vertrauen erwirbt. <br \/><br \/>Welche Erkenntnisse also sollten Journalist*innen in ihren Alltag mitnehmen, was m\u00fcssen sie \u00fcber Medienvertrauen wissen? Erstens und zur Beruhigung: So dramatisch, wie dies oft dargestellt wird, ist der Vertrauensverlust in die Medien nicht. In Deutschland zum Beispiel zeigt die <a href=\"https:\/\/medienvertrauen.uni-mainz.de\/\">Langzeitstudie Medienvertrauen<\/a> der Universit\u00e4t Mainz erstaunlich stabile Werte, vor allem f\u00fcr den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk und f\u00fcr Lokalzeitungen. Und auch in anderen L\u00e4ndern, wo zum Beispiel polarisierende Wahlk\u00e4mpfe am Vertrauen gekratzt haben, entspannt sich die Lage meist wieder, wenn es politisch ruhiger wird. Zweitens: Journalistische Qualit\u00e4t mag nicht jeden \u00fcberzeugen, aber schlechter Journalismus schreckt auf jeden Fall ab. Schon vermeintliche Kleinigkeiten wie Rechtschreibfehler k\u00f6nnen Vertrauen aush\u00f6hlen, auch \u00dcberschriften, die nicht zum Text passen, kratzen an der Glaubw\u00fcrdigkeit. Drittens: Journalismus sollte seinem Publikum respektvoll und auf Augenh\u00f6he begegnen, ebenso sollten es die Journalist*innen in der Kommunikation mit ihren Gegen\u00fcbern halten. Gerade j\u00fcngere Generationen k\u00f6nnen mit dem zuweilen leicht herablassenden Habitus des traditionellen Journalismus nichts anfangen. Wer sich als Oberlehrer*in statt als Verb\u00fcndete*r geriert, muss sich \u00fcber Misstrauen nicht wundern. Viertens: Repr\u00e4sentation schafft Vertrauen. Redaktionen sollten Vielfalt in der Belegschaft und im Inhalt pflegen. F\u00fcnftens: Autor*innen und Marken sollte transparenter mit den Bedingungen umgehen, unter denen ihr Journalismus entsteht. Welche ethischen Regeln gelten, wie werden Fakten \u00fcberpr\u00fcft, wo wird Automatisierung eingesetzt, wem geh\u00f6rt der Verlag, wieviel Diversit\u00e4t gibt es in der Redaktion, was tut man f\u00fcr den Datenschutz? Solche Angaben erkl\u00e4ren nicht immer alles aber manchmal manches.<br \/><br \/>Die wichtigste Erkenntnis ist aber: Vertrauen ist kein statischer Zustand, sondern entsteht in Beziehungen, die stets gepflegt werden m\u00fcssen. Nachl\u00e4ssigkeit und Fehler k\u00f6nnen es aush\u00f6hlen oder mit einem Schlag zunichte machen. In einer Welt des \u00dcberangebots an Quellen und Informationen kann sich deshalb niemand mehr hinter einer starken Marke verstecken. Redaktionen und ihre Journalist*innen m\u00fcssen aus der Deckung kommen und sich Vertrauen immer wieder neu erarbeiten. Es hilft den Nutzer*innen, wenn sie diejenigen besser einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, die hinter den Nachrichten stecken, wenn sie sp\u00fcren: Da ist jemand auf meiner Seite. Der Siegeszug der Podcasts hat auch etwas damit zu tun, dass Menschen \u2013 und eben auch Reporter*innen \u2013 in Gespr\u00e4chsformaten glaubw\u00fcrdiger wirken. Sie versprechen sich mal, z\u00f6gern, lachen, sind verbl\u00fcfft und das alles ohne Schminke und Sch\u00f6nheits-OP. <br \/><br \/>Es ist wichtig, sich \u00fcber sinkende Vertrauenswerte den Kopf zu zerbrechen. Aber es gibt einen Trost: Gesunde Skepsis ist nicht nur ein Ausweis von Medienkompetenz, es ist die Grundhaltung aufgekl\u00e4rter B\u00fcrger*innen in der Demokratie. Manchmal wird man heute die Geister nicht mehr los, die man gestern noch herbeigeschrieben hat.<\/p>\n<p><em>Dieser Text <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/die-vertrauensfrage-ist-offen-ueber-das-fragile-verhaeltnis-zwischen-journalisten-und-ihrem-publikum\">erschien am 4. Dezember<\/a> im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\">\u00a0<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Hollywood-Film \u201eField of Dreams\u201c haben vermutlich nur diejenigen in Erinnerung, die 1989 entweder f\u00fcr Baseball oder f\u00fcr Kevin Costner geschw\u00e4rmt haben (was damals eine ganze Menge gewesen sein d\u00fcrften). Aus diesem Film wiederum blieb vielen nur eine einzige Zeile in Erinnerung, die allerdings so popul\u00e4r wurde, dass manche sie heute f\u00fcr einen Bibel-Spruch halten: &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-vertrauensfrage-ist-offen-ueber-das-verhaeltnis-zwischen-journalisten-und-ihrem-publikum\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Vertrauensfrage ist offen &#8211; \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Journalisten und ihrem Publikum\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[423,419,45,52,113,422,60,424,420,329,417,418,153,421,111,63],"class_list":["post-1031","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-beziehungen","tag-botsman","tag-demokratie","tag-journalismus","tag-journalisten","tag-mainz","tag-medien","tag-medienkompetenz","tag-politik","tag-publikum","tag-qualitaet","tag-repraesentation","tag-reuters-institute","tag-transparenz","tag-vertrauen","tag-werte"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1031\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1031"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1031\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1032,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1031\/revisions\/1032\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1031"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1031"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1031"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}