{"id":1033,"date":"2020-12-23T16:41:20","date_gmt":"2020-12-23T15:41:20","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1033"},"modified":"2020-12-23T16:42:14","modified_gmt":"2020-12-23T15:42:14","slug":"gar-nicht-mal-so-uncool-warum-die-oeffentlich-rechtlichen-sender-in-ihrer-innovationskraft-unterschaetzt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/gar-nicht-mal-so-uncool-warum-die-oeffentlich-rechtlichen-sender-in-ihrer-innovationskraft-unterschaetzt-werden\/","title":{"rendered":"Gar nicht mal so uncool &#8211; Warum die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender in ihrer Innovationskraft untersch\u00e4tzt werden"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk eins mitzugeben, geh\u00f6rt in manchen Kreisen zum guten Ton, selbst wenn sie nicht der AFD nahestehen. Das Publikum: \u00fcberaltert. Das Programm: nur Krimis und Volksmusik. Die Strukturen: beh\u00e4big. Die Kultur: Anzugtr\u00e4ger mit Direktorentitel. Die Politik: links-gr\u00fcn. Das Digitale: ach ja, die Tagesschau ist auf Tik Tok. Gleich <a href=\"https:\/\/www.thepioneer.de\/originals\/steingarts-morning-briefing\/briefings\/ard-zdf-geist-statt-geld\">sieben krankhafte Befunde<\/a> diagnostizierte k\u00fcrzlich Media-Pioneer Gabor Steingart in seinem Morning Briefing. Die Sender schmissen zu viel Geld f\u00fcr Fu\u00dfball raus, kommentierten zu einseitig und b\u00f6ten kaum etwas f\u00fcr junge Leute. Sein Fazit: Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk brauche nicht mehr Geld, sondern eine Reform. <br \/><br \/>Das Bundesverfassungsgericht wird den Teil mit dem Geld wohl anders sehen. Dorthin wendeten sich die Anstalten, nachdem Sachsen-Anhalt die f\u00fcr Januar geplante Erh\u00f6hung der Haushaltsabgabe um monatlich 86 Cent blockiert hatte (das klingt nach wenig, bel\u00e4uft sich aber auf rund 400 Millionen Euro im Jahr). Und wer w\u00fcrde sich schon gegen Reformen aussprechen? Schlie\u00dflich steckt in jedem der Vorw\u00fcrfe ein wenig Wahrheit. Aber es ist eben nicht die ganze. <br \/><br \/>Vor lauter Musikantenstadl, Tatort und Fu\u00dfball-Bundesliga l\u00e4sst sich leicht \u00fcbersehen, dass es in den gro\u00dfen Sendern durchaus Inseln der Innovationskraft gibt, von denen Mitarbeiter*innen anderer Medienh\u00e4user nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Man findet sie nur nicht im Hauptprogramm \u2013 also dort, wo auch die Kritiker*innen reflexhaft hinschauen, wenn sie sich mal wieder \u00fcber den Stand der Dinge bei den \u00d6Rs informieren wollen. Das mag \u00fcbrigens daran liegen, dass sie selbst oft zur von ihnen geschm\u00e4hten \u00e4lteren Zielgruppe geh\u00f6ren, die gar nicht mitbekommt, was sich auf anderen Plattformen so tut.<br \/><br \/>Fragt man die angeblich wegbleibenden jungen Leute selbst, sind viele n\u00e4mlich gar nicht so unzufrieden mit dem, was ARD und ZDF im Angebot haben, zum Beispiel auf Instagram, YouTube oder, ja, Tik Tok. Sie folgen der Tagesschau, die Nachrichten simpel erkl\u00e4rt, der \u201eNews WG\u201c des Bayerischen Rundfunks, wo politische Themen besprochen werden wie am K\u00fcchentisch. Sie schauen Videos auf <a href=\"https:\/\/www.funk.net\/\">Funk<\/a>, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, oder h\u00f6ren Podcasts wie \u201e<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/podcasts\/mal-angenommen-101.html\">Mal angenommen<\/a>\u201c oder \u201e<a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/podcast4576.html\">180 Grad: Geschichten gegen den Hass<\/a>\u201c, die im konstruktiven Journalismus zuhause sind, mit dem sich die j\u00fcngere Generation tendenziell wohler f\u00fchlt, als mit st\u00e4ndiger Alarmstimmung. Und Christian Drosten punktet auch bei den Jungen, die sich gerne mal die Welt erkl\u00e4ren lassen, wenn es sie nicht an Schule erinnert. <br \/><br \/>Hinzu kommen Abteilungen in den Sendern, die sich dem Datenjournalismus und der Anwendung von K\u00fcnstlicher Intelligenz verschrieben haben. Der Bayerische Rundfunk macht zum Beispiel beim <a href=\"https:\/\/www.lse.ac.uk\/media-and-communications\/polis\/JournalismAI\">Journalism and AI Projekt<\/a> der London School of Economics mit, wo Journalist*innen aus aller Welt Anwendungen von KI f\u00fcr den Journalismus entwickeln. Der S\u00fcdwestfunk hat der S\u00fcddeutschen Zeitung Vanessa Wormer abgeworben, die Datenjournalistin, die aus den Panama Papers Sinn machte. <br \/><br \/>Au\u00dferdem stehen die \u00d6ffentlich-Rechtlichen auch in Sachen Vielfalt der Belegschaften gar nicht so schlecht da, wie das oft vermutet wird. Immerhin gibt es dort Frauenbeauftragte und eine Debatte \u00fcber Repr\u00e4sentation, die in der Privatwirtschaft gar nicht gef\u00fchrt wird. Da geht man einfach davon aus, dass die Netflix-Welt bunt und vielf\u00e4ltig ist \u2013 <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/diversitaet-bei-streamingplattformen-auch-nicht-anders-1.5124657\">belegt ist das nicht<\/a>. Und gemessen an der Zahl der verf\u00fcgbaren Chefposten gibt es deutlich mehr Intendantinnen als Chefredakteurinnen bei deutschen Regionalzeitungen. <br \/><br \/>Eine gewisse Einseitigkeit bei den politischen Kommentaren mag man beklagen \u2013 obwohl die Grundlage derartigen Gejammers empirisch zu belegen w\u00e4re. Allerdings sollte man dann auch anerkennen, dass Meinungsst\u00fccke bei den Sendern letztlich Minimalprogramm sind. Der weitaus gr\u00f6\u00dfere Teil besteht aus anderen journalistischen und Bildungs-Formaten und gar nicht zu vergessen: Kultur und Musik. Ohne die Rundfunkch\u00f6re und Symphonie-Orchester s\u00e4he die deutsche Konzertlandschaft um einiges \u00e4rmer aus. Wer ein feuriges Pl\u00e4doyer f\u00fcr den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk h\u00f6ren will, sollte sich die <a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/news\/2018\/04\/news-bjorn-ulvaeus-keynote-to-media-summit-2018\">Keynote anh\u00f6ren, die Bj\u00f6rn Ulvaeus<\/a> im April 2018 auf dem Mediengipfel der European Broadcasting Union gehalten hatte &#8211; ja, dem Bj\u00f6rn von ABBA. Besser kann man den Zusammenhang zwischen den Sendern und der Demokratie in Europa kaum erkl\u00e4ren, man schaut den European Song Contest danach mit anderen Augen.<br \/><br \/>Das hei\u00dft nicht, dass bei ARD und ZDF alles so bleiben sollte, wie es ist. Wie alle anderen Medienh\u00e4user m\u00fcssen die Sender heute nicht mehr Vollsortimenter sein. Auch das Kaufhaus von einst hat seine Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft, mancherorts sogar seine Daseinsberechtigung verloren. Manch ein Angebot ans Publikum k\u00f6nnen andere wom\u00f6glich besser und g\u00fcnstiger auflegen. Und journalistisch sollten die \u00d6ffentlichen dort hingehen, wo es sich f\u00fcr private Medien nicht mehr lohnt, zum Beispiel in die Fl\u00e4che. Unabh\u00e4ngiger Journalismus ist die Grundlage der Demokratie. Anders, als zum Beispiel in den USA, d\u00fcrfen keine Nachrichtenw\u00fcsten entstehen, in denen B\u00fcrger*innen sich dann zweifelhaften Portalen zuwenden (m\u00fcssen). Unabh\u00e4ngigkeit hei\u00dft aber auch, dass sich die Anstalten nicht von politischen Querelen in Geiselhaft nehmen lassen d\u00fcrfen, wie j\u00fcngst in Magdeburg geschehen. Die Sache ist zu gro\u00df f\u00fcr politisches Klein-Klein.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Dieser Text <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/gar-nicht-mal-so-uncool-warum-die-oeffentlich-rechtlichen-sender-in-ihrer-innovationskraft-unterschaetzt-werden\">erschien am 11. Dezember 2020<\/a> im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk eins mitzugeben, geh\u00f6rt in manchen Kreisen zum guten Ton, selbst wenn sie nicht der AFD nahestehen. Das Publikum: \u00fcberaltert. Das Programm: nur Krimis und Volksmusik. Die Strukturen: beh\u00e4big. Die Kultur: Anzugtr\u00e4ger mit Direktorentitel. Die Politik: links-gr\u00fcn. Das Digitale: ach ja, die Tagesschau ist auf Tik Tok. 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