{"id":1061,"date":"2021-02-01T18:03:35","date_gmt":"2021-02-01T17:03:35","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1061"},"modified":"2021-02-01T18:07:20","modified_gmt":"2021-02-01T17:07:20","slug":"oldies-nicht-nur-fuers-weisse-haus-redaktionen-brauchen-den-generationen-mix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/oldies-nicht-nur-fuers-weisse-haus-redaktionen-brauchen-den-generationen-mix\/","title":{"rendered":"Oldies nicht nur f\u00fcrs Wei\u00dfe Haus &#8211; Redaktionen brauchen den Generationen-Mix"},"content":{"rendered":"\n<p>Okay, die Autorin dieses Textes ist voreingenommen. Geburtsjahr 1966 \u2013 von da an qualifiziert man sich bei DER SPIEGEL f\u00fcr ein Abfindungsangebot. Die Botschaft ist klar: Das Karriereende naht. Jetzt allerdings hat ein 78-j\u00e4hriger Pr\u00e4sident das Wei\u00dfe Haus bezogen, und seine Vize, Kamala Harris, ist auch schon 56. Letzteres gilt f\u00fcr M\u00e4nner noch als bestes Alter, f\u00fcr Frauen eher als eine Zeit, in der sie sich nach Ansicht mancher von der Bildfl\u00e4che verziehen sollten, es sei denn, sie benutzen Botox. Aber nun, da sich Biden\/Harris als dynamisches Aufr\u00e4umkommando nach der \u00c4ra Trump ans Werk machen, \u00e4ndert sich das hoffentlich. Man k\u00f6nnte sagen: Oldies sind wieder wer. <br \/><br \/>Das ist gut. Denn spricht man mit jungen und \u00e4lteren Medien-Manager*innen \u00fcber Ver\u00e4nderungsprojekte, wird einem ziemlich einhellig best\u00e4tigt, was man schon selbst erlebt hat: Affinit\u00e4t zum digitalen Wandel, Neugier, Lernbereitschaft und Begeisterung daf\u00fcr, was die Zukunft bereithalten k\u00f6nnte, sind keine Eigenschaften, die am Alter h\u00e4ngen. So manch eine gestandene Oldie-Reporterin bespielt l\u00e4ssig die sozialen Netzwerke, w\u00e4hrend der junge Journalistensch\u00fcler sich nichts anderes vorstellen kann, als lange Texte zu schreiben \u2013 f\u00fcr Print nat\u00fcrlich. Nicht jeder, der zu Beginn der Smartphone-\u00c4ra auf die Grundschule gekommen ist, qualifiziert sich allein deshalb als Digital Native mit Tech-Verst\u00e4ndnis (auch wenn er oder sie vermutlich m\u00fchelos coole Videos schneiden kann). Und nicht jeder des Jahrgangs 1966 oder \u00e4lter rechnet schon an seinem Budget f\u00fcr den Ruhestand herum. <br \/><br \/>Die Stipendiat*innen im Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School zum Beispiel sind zwischen 28 und 59 Jahre alt. Das funktioniert super, und warum auch nicht? Jetzt, wo Gr\u00fcnden einfacher ist als je zuvor, k\u00f6nnte 60 das neue 30 sein. Wer Gl\u00fcck hat, nutzt das Geld aus der Abfindung als Startkapital. <br \/><br \/>In den Redaktionen wird diese Botschaft allerdings nicht gelebt, im Gegenteil. Sie m\u00fcssen sparen. Und wen wird man da am liebsten los? Klar, diejenigen, die viel kosten, und denen man qua Geburtsjahr irgendwie nicht mehr so richtig zutraut, den Schritt in die digitale Welt mitzugehen. Umstrukturierungen beim Stern, wo man einfach mal das Wirtschafts- und Politik-Ressort von Hamburg nach Berlin verlagert und unter neuer Leitung fusioniert, ein Abfindungsprogramm bei der SZ, das zum Leidwesen mancher Leitender auch echte Leistungstr\u00e4ger*innen angenommen haben und K\u00fcrzungen in vielen anderen H\u00e4usern nehmen eine Sparwelle vorweg, die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter alle erfassen und vor allem viele \u00e4ltere Talente aus dem Job dr\u00e4ngen wird. <br \/><br \/>Das wird den Journalismus \u00e4rmer machen. Denn wer die Grenze beim Jahrgang zieht, dr\u00fcckt damit automatisch einen Haufen kluge und wissbegierige Kolleg*innen raus, die dem Unternehmen Erfahrung, Einblicke und historisches Verst\u00e4ndnis entziehen, manchmal beneidenswerte Energie, die notwendige Portion Gelassenheit und Coolness bei Attacken von au\u00dfen, oder die F\u00e4higkeit, Hype von Trend und Trend von Innovation zu unterscheiden. Ein guter Altersmix ist auch f\u00fcr den Gesch\u00e4ftserfolg wichtig. Gerade jetzt, wo es gilt, digitale Abos zu verkaufen, geht es wieder verst\u00e4rkt um Qualit\u00e4t. Originelle Themenwahl und intensive Recherchen, gute Einordnung und Erkl\u00e4rung, darauf kommt es an. Das best\u00e4tigt einem jedes Zeitungshaus, das den digitalen Wandel erfolgreich stemmt. Schlie\u00dflich m\u00f6chte kaum ein*e Nutzer*in f\u00fcr etwas zahlen, das er anderswo umsonst bekommt. Eine ganze Generation von Online-Journalist*innen ist allerdings auf Schnelligkeit und Optimierung trainiert. Sie hat ihre Zeit allein vor Bildschirmen verbracht, zum Rausgehen und Quellen pflegen war gar keine Zeit. Verb\u00fcnden sie sich mit gestandenen Reporter*innen, k\u00f6nnen beide Seiten voneinander lernen. Meistens macht es allen Beteiligten Freude.<br \/><br \/>Ironisch ist, dass Redaktionen das alles wissen. In Leitartikeln und Kommentaren fordern sie Konzepte f\u00fcr lebenslanges Lernen. In Wirtschaftsressorts werden Firmen verurteilt, die sich ihrer Alten entledigen, Menschen portr\u00e4tiert, die mit 50 noch eine Ausbildung beginnen, volkswirtschaftliche Modellrechnungen vorgelegt, nach denen alle viel l\u00e4nger arbeiten m\u00fcssten. Nur in den eigenen Verlagsh\u00e4usern l\u00e4sst man sie nicht. Alt = unbeweglich und hoffnungslos analog \u2013 interessanterweise machen oft gerade jene Manager diese Gleichung auf, die sich selbst schon f\u00fcr digital halten, weil sie mit ihren Tennis-Kumpels in der WhatsApp-Gruppe kommunizieren. <br \/><br \/>Schwer werden es insbesondere viele von denjenigen haben, die gut \u00fcber 40 aber noch deutlich zu jung f\u00fcr allerlei Ausstiegsprogramme sind. Mit ihnen planen die wenigsten Verleger die Zukunft, es sei denn, sie sind schon Chef*in. Das gilt ganz besonders f\u00fcr Frauen. Generationen von Kolleg*innen, die sich f\u00fcr mehr Frauen in F\u00fchrung eingesetzt haben, k\u00f6nnen sich nun \u00fcber Erfolge freuen \u2013 allerdings profitieren sie nicht selbst davon. So manch ein Chef mit wenig Trittsicherheit auf digitalem Terrain sch\u00e4tzt es n\u00e4mlich, wenn eine junge Co-Chefin ihren Glanz mit ihm teilt und ihm so dabei hilft, seinen Status zu bewahren. Junge, digitalaffine Frauen sind die Gewinnerinnen der Redaktions-Rochaden \u2013 junge M\u00e4nner sowieso (anders, als sie das selbst oft behaupten).<br \/><br \/>Aber nat\u00fcrlich ist es Unsinn, vom Alter auf die Innovationsfreude zu schlie\u00dfen. Die h\u00e4ngt viel st\u00e4rker von der Pers\u00f6nlichkeit, von guten und schlechten Erfahrungen, von allgemeiner Intelligenz, Lebensvorstellungen, Vorlieben und nat\u00fcrlich von dem Status ab, den man im bisherigen Gef\u00fcge hat und wom\u00f6glich zu verlieren f\u00fcrchtet. So manch ein Oldie hat sich schon begeistert auf Neues gest\u00fcrzt, weil endlich mal jemand bemerkt hat, was er oder sie auf dem Kasten hat. So manch eine Mutter strotzt vor Energie, wenn die Kinder durch die Schule sind und ihr nun all die Familien-Zeit f\u00fcr eigene Projekte bleibt. <br \/><br \/>Kein Zweifel, jede Redaktion, jede Verlagsabteilung braucht junge Leute, auch solche, die Verantwortung \u00fcbernehmen. Und manch ein Platzhirsch sollte endlich Platz machen. Aber nachhaltige Innovation kann erst im richtigen Generationenmix entstehen. Bei allem Bestreben, mehr Vielfalt in den Journalismus zu bringen, geh\u00f6ren die Oldies auf jeden Fall dazu.<\/p>\n<p><em>Dieser Text f\u00fcr den Newsletter des Digital Journalism Fellowship erschien am 21. Januar 2021 im <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/oldies-nicht-nur-fuers-weisse-haus-redaktionen-brauchen-den-generationen-mix\">Blog der Hamburg Media School<\/a>.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okay, die Autorin dieses Textes ist voreingenommen. Geburtsjahr 1966 \u2013 von da an qualifiziert man sich bei DER SPIEGEL f\u00fcr ein Abfindungsangebot. Die Botschaft ist klar: Das Karriereende naht. Jetzt allerdings hat ein 78-j\u00e4hriger Pr\u00e4sident das Wei\u00dfe Haus bezogen, und seine Vize, Kamala Harris, ist auch schon 56. 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