{"id":1064,"date":"2021-02-01T18:12:44","date_gmt":"2021-02-01T17:12:44","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1064"},"modified":"2021-02-01T18:15:48","modified_gmt":"2021-02-01T17:15:48","slug":"optimismus-wird-unterschaetzt-was-von-marty-baron-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/optimismus-wird-unterschaetzt-was-von-marty-baron-bleibt\/","title":{"rendered":"Optimismus wird untersch\u00e4tzt &#8211; Was von Marty Baron bleibt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Auf dieser Seite des Atlantiks d\u00fcrfte Marty Baron einigen auch au\u00dferhalb des journalistischen Mikrokosmos ein Begriff sein, der Grund daf\u00fcr ist \u201eSpotlight\u201c. In dem 2015 mit einem Oscar gekr\u00f6nten Film treibt ein junger, neuer Chefredakteur ein Recherche-Team bei der Tageszeitung Boston Globe zu H\u00f6chstleistungen an. Den Reporter*innen gelingt es schlie\u00dflich, einen riesigen Missbrauchs-Skandal in der Katholischen Kirche aufzudecken. Der Chefredakteur hei\u00dft im wirklichen Leben Martin Baron, und der Schauspieler Liev Schreiber, der ihn spielte, sah ihm im Film tats\u00e4chlich ziemlich \u00e4hnlich. Zu der Zeit war Baron allerdings schon zur Washington Post (WaPo) abgeschwirrt, wo er 2013 Chefredakteur wurde, kurz bevor Amazon-Chef Jeff Bezos die Zeitung kaufte. Dort hat der @PostBaron, wie er sich auf Twitter nennt, nun genug. 66 Jahre alt ist er, in dieser Woche gab er bekannt, er werde Ende Februar seinen Posten aufgeben. <br \/><br \/>In mancher Redaktion d\u00fcrften sich Reporter*innen dar\u00fcber gerangelt haben, wer Baron zum Abschied w\u00fcrdigen darf. Klar, mit einem solchen gestandenen Journalisten, der in seiner Zeit als Chefredakteur die Redaktion von 500 auf 1.000 Leute vergr\u00f6\u00dferte, mit ihnen zehn Pulitzer-Preise hereinholte und das mit der Digitalisierung trotzdem erstklassig hinbekam, macht sich jeder gerne gemein. \u201eDemocracy dies in darkness\u201c \u2013 der Claim der WaPo wird in kaum einem Artikel fehlen. Und wer es lustiger mag, integriert den Ausdruck \u201eswashbuckling\u201c in seinen Englisch-Wortschatz. Den benutzte Jeff Bezos, um seinem Gesch\u00e4ftspartner zum Abschied zuzurufen: \u201eDu bist verwegen (swashbuckling) und vorsichtig, du bist diszipliniert und empathisch.\u201c Anstrengend sei es mit ihm allerdings auch oft gewesen, gab Bezos zu. <br \/><br \/>Man k\u00f6nnte also viel sagen \u00fcber diesen Marty, der sich seiner Bedeutung durchaus bewusst war. Allerdings nicht so bewusst, dass er nicht auch immer wieder im kleinen Kreis jungen und erfahrenen Journalist*innen von seiner Arbeit erz\u00e4hlt h\u00e4tte, wie er das regelm\u00e4\u00dfig am Reuters Institute for the Study of Journalism getan hat, wo er im Beirat sitzt. Er machte das gerne, auch in der Hoffnung, dass ein paar seiner Botschaften den Weg zur\u00fcck \u00fcber den Atlantik finden w\u00fcrden. Erst, wenn er etwas \u00f6ffentlich gesagt habe, nehme seine Redaktion ihm ab, dass ihm die Sache ernst sei, sagte er einmal. Eines war ihm offenbar ernst, denn er wiederholte das, und es ist h\u00e4ngengeblieben: \u201eIch stelle nur Optimisten ein.\u201c Ein Gesp\u00fcr f\u00fcr diejenigen Kolleg*innen, die mit Hartn\u00e4ckigkeit und Erfolgsglauben Dinge vorantreiben, ob investigative Recherchen oder Produktentwicklung, k\u00f6nnte ein Teil seines Erfolgsrezepts f\u00fcr die digitale Transformation gewesen sein (das andere trug den Vornamen Jeff).<br \/><br \/>Als pragmatisch-zuversichtliche Optimistin kann man dem nur folgen. Wie sch\u00f6n ist es doch auch als Chefin, Alltag und gerne B\u00fcrofluchten mit Kolleginnen und Kollegen zu teilen, die bei jeder kleinen und gr\u00f6\u00dferen Krise einmal tief durchatmen und einem dann mit verzweifelt-hoffnungsvollem L\u00e4cheln versichern: \u201eDas kriegen wir schon hin.\u201c Wie sch\u00e4tzt man sie, diejenigen, die immer wieder experimentieren, nachhaken, durchrechnen und letztlich mit der Botschaft um die Ecke biegen: \u201eDas klappt.\u201c <br \/><br \/>In der Medienbranche allgemein ist der Optimismus als Konzept dagegen wenig beliebt. Das liegt einerseits an den Kennzahlen und den br\u00f6ckelnden Gesch\u00e4ftsmodellen. Andererseits steht dem aber auch das Selbstverst\u00e4ndnis eines Berufsstands entgegen, der oft dem Reflex erliegt, jeder Aufgabe das Wort Krise anzuh\u00e4ngen und sie damit noch ein wenig unl\u00f6sbarer erscheinen zu lassen, man denke an Corona-Krise, Fl\u00fcchtlings-Krise, Klima-Krise, Impfstoff-Krise und, ja, Medien-Krise. Optimismus wird in dieser Lesart oft als Sch\u00f6nf\u00e4rberei missverstanden. Journalisten sollen schlie\u00dflich kritisch sein und Schweinereien aufkl\u00e4ren. Die Welt in Zuversicht zu tauchen, das m\u00f6ge bitte die PR \u00fcbernehmen. Aus diesem Grund hat auch derjenige Journalismus zuweilen kommunikativ einen schweren Stand, der sich konstruktiv oder l\u00f6sungsorientiert nennt.<br \/><br \/>Das Publikum allerdings ist davon zunehmend genervt. Mehr als ein Drittel der Nutzer*innen finden Journalismus zu negativ und schalten deshalb immer wieder mal ab, wie im <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report<\/a> ein ums andere Jahr zu lesen ist. Nicht unbedingt, weil sie keine schlechten Nachrichten mehr h\u00f6ren m\u00f6gen, sondern weil viele die Welt um sie herum ganz anders wahrnehmen \u2013 zumindest, wenn nicht gerade Pandemie herrscht. Sie machen oft ziemlich positive Erfahrungen mit Kolleg*innen, Freund*innen, Nachbar*innen und wildfremden Menschen im Supermarkt oder am Bahnhof, und haben deshalb das Gef\u00fchl, selbst etwas erreichen zu k\u00f6nnen, wenn sie sich zusammentun und die Dinge anpacken. Herausforderungen m\u00fcssen bew\u00e4ltigt werden, hilft ja nichts. <br \/><br \/>Und das ist tats\u00e4chlich der Kern des Optimismus: nicht etwa ein rosarotes Weltbild, ein Verleugnen der Tatsachen, ein von Euphorie getr\u00e4nktes Aufspringen auf jeden noch so durchsichtigen Trend. Aber die Zuversicht, dass man mit ordentlichem Einsatz von Gehirnzellen, Flei\u00df und Kooperation schon irgendwie weiterkommt auf dem Weg zu einer besseren Zukunft, so weit das Ziel auch noch entfernt sein mag. Es geht nicht immer f\u00fcr alle gut aus, manch eine Generation tr\u00e4gt Lasten, die kaum zu schultern sind. Aber wer Max Rosers Langzeit-Datenreihen in <a href=\"http:\/\/ourworldindata.org\/\">Ourworldindata.org<\/a> folgt, wei\u00df, dass Fortschritt Realit\u00e4t und keine Fiktion ist. <br \/><br \/>Nun w\u00e4re es falsch zu behaupten, dass Fortschritt allein von Optimist*innen gebaut wird. In jedem Team muss es Zweifler*innen geben, die Details und Nuancen sehen, auf Risiken und Gefahren hinweisen und sich nicht von Chef*innen zum Schweigen bringen lassen, die die Welt in \u201eTrouble Shooter und Trouble Maker\u201c einteilen, auf Deutsch wird das Wort Bedenkentr\u00e4ger sehr abf\u00e4llig verwendet. So manch ein Ungl\u00fcck h\u00e4tte verhindert, manch eine Gefahr abgewendet werden k\u00f6nnen, h\u00e4tte man rechtzeitig Bedenkentr\u00e4ger*innen Geh\u00f6r geschenkt. Aber die Kraft steckt im Optimismus, dem Glauben, dass etwas Gutes entstehen kann, wenn man die Sorgen und Zweifel nur ernst genug nimmt. <br \/><br \/>Ganz sicher haben sie auch Martin Baron beschwert, den gro\u00dfen Investigativ-Journalisten, als er sich vor acht Jahren mit Jeff Bezos traf, um \u00fcber die Zukunft der WaPo zu sprechen. Werde die Redaktion unabh\u00e4ngig bleiben k\u00f6nnen unter den Augen eines Mannes, f\u00fcr den die WaPo eher Spielzeug als Berufung zu sein schien, und dessen Unternehmens-Imperium in der Abteilung Menschlichkeit deutlich weniger Sterne verdient als in der Kategorie \u201eCustomer Obsession\u201c? Der Chefredakteur war jedenfalls zufrieden mit dem Eigent\u00fcmer, das hat er eins ums andere Mal betont. Wom\u00f6glich h\u00e4tte sich Marty Baron sogar selbst eingestellt.<\/p>\n<p>Dieser Beitrag erschien f\u00fcr den Newsletter des Digital Journalism Fellowship am 28. Januar <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/optimismus-wird-unterschaetzt-was-von-marty-baron-bleibt-oder-warum-zuversicht-nichts-mit-blauaeugigkeit-zu-tun-hat\">im Blog der Hamburg Media School<\/a>.\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><a class=\"blog-next\" title=\"\u00a1Vamos a Espa\u00f1a! (w\u00e4hrend einer globalen Pandemie)\" href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/vamos-a-espana\">N\u00c4CHSTER BEITRAG &gt;&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dieser Seite des Atlantiks d\u00fcrfte Marty Baron einigen auch au\u00dferhalb des journalistischen Mikrokosmos ein Begriff sein, der Grund daf\u00fcr ist \u201eSpotlight\u201c. In dem 2015 mit einem Oscar gekr\u00f6nten Film treibt ein junger, neuer Chefredakteur ein Recherche-Team bei der Tageszeitung Boston Globe zu H\u00f6chstleistungen an. 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