{"id":1080,"date":"2021-02-27T13:50:10","date_gmt":"2021-02-27T12:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1080"},"modified":"2021-02-27T13:53:02","modified_gmt":"2021-02-27T12:53:02","slug":"die-sprache-der-anderen-automatisierte-uebersetzungen-koennten-den-journalismus-revolutionieren-aber-wie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-sprache-der-anderen-automatisierte-uebersetzungen-koennten-den-journalismus-revolutionieren-aber-wie\/","title":{"rendered":"Die Sprache der anderen: Automatisierte \u00dcbersetzungen k\u00f6nnten den Journalismus revolutionieren, aber wie?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Man kann \u201eFake News\u201c bek\u00e4mpfen, indem man sie identifiziert, mit einem Warnhinweis versieht und richtigstellt. Man kann aber auch mit so viel vertrauensw\u00fcrdigem, faktentreuem und anschaulichem Journalismus dagegen antreten, dass er den L\u00fcgen die Luft zum Atmen nimmt. F\u00fcr Redaktionen ist das nat\u00fcrlich keine Entweder\/Oder-Entscheidung, sie versuchen beides. Die European Broadcasting Union hat nun k\u00fcrzlich <a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/news\/2021\/01\/ten-public-service-broadcasters-join-an-ebu-initiative-to-give-audiences-access-to-trusted-news-from-across-europe\">ein Projekt<\/a> aus der Abteilung \u201eOder\u201c vorgestellt: Sie will Klasse in Massen liefern und wird dazu Inhalte mit Hilfe von automatischen \u00dcbersetzungen \u00fcber L\u00e4nder- und Sprachgrenzen hinweg skalieren. <br \/><br \/>Das Projekt verspricht viel: Zehn \u00f6ffentlich-rechtliche Sender aus Europa werden ab Juli besonders gute St\u00fccke zu global wichtigen Themen wie Covid-19, Klimawandel und Migration einspeisen, die dann per K\u00fcnstliche Intelligenz \u00fcbersetzt und europaweit zur Verf\u00fcgung gestellt werden sollen. In einer achtmonatigen Pilotphase hatten 14 Anstalten mehr als 120 000 Artikel auf diese Weise geteilt. Das hatte so gut geklappt, dass die EU nun mit einer Finanzspritze hilft. Die B\u00fcrger*innen k\u00f6nnten also k\u00fcnftig nicht nur von mehr verl\u00e4sslichen Informationen profitieren, sondern auch von mehr Vielfalt, wenn die Sache gut l\u00e4uft.<br \/><br \/>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnten automatisierte \u00dcbersetzungen den Journalismus revolutionieren. Wer sich schon lange nicht mehr mit Texten abgem\u00fcht hat, die von Software in andere Sprachen \u00fcbertragenen wurden, weil er die Ergebnisse eher unbefriedigend fand, m\u00f6ge das ruhig einmal wieder probieren. K\u00fcnstliche Intelligenz, die nach dem Prinzip deep learning funktioniert, \u00fcbersetzt mittlerweile Texte wie diesen hier binnen Sekunden ins Englische. Mit ein wenig Redigieren lesen sie sich dann \u2013 das muss hier leider gesagt werden \u2013 sehr viel besser als das, was man fr\u00fcher zuweilen von \u00dcbersetzer*innen zur\u00fcckbekommen hat, die zwar einer Fremdsprache aber nicht unbedingt der journalistischen Form m\u00e4chtig waren. Die KI-Produkte sind im wahrsten Sinne des Wortes erschreckend gut. <br \/><br \/>Noch bewegen sich die Roboter nur in wenigen Sprachr\u00e4umen sicher, aber sie lernen. Und das Ergebnis wird den Journalismus pr\u00e4gen \u2013 allerdings in verschiedene Richtungen. Einerseits er\u00f6ffnen die Tools den Verlagen neue M\u00f6glichkeiten. Waren bislang nur Redaktionen aus dem englischsprachigen Raum in der Lage, ihren Journalismus weltweit anzubieten, k\u00f6nnen dies k\u00fcnftig theoretisch alle tun, f\u00fcr die das kommerziell oder qua Mission sinnvoll ist. Nicht jedes Medienhaus wird sich so zu einer New York Times oder einem Guardian mausern k\u00f6nnen, aber die Optionen gerade f\u00fcr europaweite News-Portale wachsen rasant. Bei der Neugr\u00fcndung <a href=\"https:\/\/forum.eu\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Forum.eu<\/a> zum Beispiel \u00fcbernimmt KI nach Sch\u00e4tzung von Mit-Gr\u00fcnder Paul Ostwald mittlerweile 60 Prozent der gesamten \u00dcbersetzungsleistung. Redaktionen k\u00f6nnten im eigenen Land Menschen mit anderen Muttersprachen leichter erreichen. Und die internationale Recherche d\u00fcrfte deutlich leichter werden, wenn Reporter*innen auf diese Weise besseren Zugang zu Original-Dokumenten bek\u00e4men. Das Ganze funktioniert ja nicht nur f\u00fcr das geschriebene, sondern auch f\u00fcr das gesprochene Wort (was im Fernsehen derzeit noch zuweilen f\u00fcr lustige Untertitel sorgt). <br \/><br \/>Redaktionen haben allerdings schon begriffen, dass hier nicht nur ein gewaltiges Expansions-, sondern auch ein Sparpotenzial schlummert. Die Nachrichtenagentur Reuters schichtet schon l\u00e4nger Ressourcen um, zum Beispiel aus dem deutschsprachigen Dienst in Teile der Welt, die das wache Auge des internationalen Journalismus n\u00f6tiger haben. Und nat\u00fcrlich ist das sinnvoll: Statt in Berlin einen deutsch- und einen englischsprachigen Kollegen auf dieselbe Pressekonferenz zu schicken, kann eine zus\u00e4tzliche Kollegin beispielsweise auf den Philippinen echten Mehrwert schaffen. Schlie\u00dflich l\u00e4sst sich das Werk vom deutschen Termin auch schnell mal in die eine oder andere Richtung \u00fcbersetzen. <br \/><br \/>Allerdings wird es genau an dieser Stelle kritisch. Sprache ist schlie\u00dflich immer nur eine Verpackung f\u00fcr Inhalte, die im Kontext einer Kultur entstehen. Der exakt gleiche Sachverhalt kann sich komplett anders lesen je nachdem, wer ihn beschreibt. Als zum Beispiel Star-Dirigent Simon Rattle k\u00fcrzlich bekannt gab, er werde 2023 als Chefdirigent zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wechseln, begeisterte das die deutschen Feuilletonist*innen. Las man am selben Tag den britischen Guardian, erfuhr man, dass Rattle seinen Vertrag beim London Symphonie Orchestra bis 2022 verl\u00e4ngert habe, ach so, und irgendwann werde er nach M\u00fcnchen gehen. Ein Ereignis, zwei Reporter*innen, zwei Welten, eine \u00dcbersetzung h\u00e4tte in diesem Fall nicht geholfen. <br \/><br \/>Eine*n Auslandskorrespondent*in wird ein \u00dcbersetzungstool nicht ersetzen k\u00f6nnen \u2013 ihr oder ihm die Arbeit erleichtern allerdings schon. Das ist schlecht f\u00fcr all jene Stringer, Fixer und Lokaljournalist*innen, die rund um den Globus daf\u00fcr sorgen, dass Journalist*innen die richtigen Informationen, Kontakte und Zug\u00e4nge bekommen, ohne die sie auf fremdem Terrain oft aufgeschmissen w\u00e4ren. Es k\u00f6nnte ja jemand auf die Idee kommen, dass man sie erst als \u00dcbersetzer*innen und schlie\u00dflich \u00fcberhaupt nicht mehr braucht. Schon jetzt leisten sich nur noch wenige Redaktionen ein Netz an Reporter*innen fern der Heimat. Ein leichterer Zugang zu allen Sprachen der Welt d\u00fcrfte diese Entwicklung beschleunigen \u2013 verursacht hat er sie nicht.\u00a0<br \/><br \/>Wie bei vielem, was neue Technologien bieten, gilt es, im Besonderen einer Versuchung zu widerstehen: Dass man machen muss, was man machen kann. Inhalte per KI zu \u00fcbersetzen, nur weil es funktioniert, ist noch keine Strategie. Welches Publikum will man mit welchen Inhalten erreichen, und was soll das bewirken? Hat man eine Mission, ein Gesch\u00e4ftsmodell oder einfach nur Spa\u00df daran? Schon sind sie wieder da, diese Fragen, die keine KI beantworten kann.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/die-sprache-der-anderen-dass-sich-texte-automatisch-uebersetzen-lassen-koennte-den-journalismus-revolutionieren-aber-auf-welche-weise\">Hamburg Media School am 5. Februar 2021<\/a>.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann \u201eFake News\u201c bek\u00e4mpfen, indem man sie identifiziert, mit einem Warnhinweis versieht und richtigstellt. Man kann aber auch mit so viel vertrauensw\u00fcrdigem, faktentreuem und anschaulichem Journalismus dagegen antreten, dass er den L\u00fcgen die Luft zum Atmen nimmt. F\u00fcr Redaktionen ist das nat\u00fcrlich keine Entweder\/Oder-Entscheidung, sie versuchen beides. 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