{"id":1086,"date":"2021-02-27T14:09:29","date_gmt":"2021-02-27T13:09:29","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1086"},"modified":"2021-02-27T14:09:29","modified_gmt":"2021-02-27T13:09:29","slug":"news-als-maennersache-warum-sich-viele-medienmarken-mit-leserinnen-so-schwer-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/news-als-maennersache-warum-sich-viele-medienmarken-mit-leserinnen-so-schwer-tun\/","title":{"rendered":"News als M\u00e4nnersache? Warum sich viele Medienmarken mit Leserinnen so schwer tun"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Der Journalismus hat ein Frauenproblem, und man muss nicht die Financial Times (FT) sein, um das als Chance zu begreifen. Die britische Finanz- und Wirtschaftszeitung hatte vor ein paar Jahren festgestellt, dass ein immenses Leserinnen-Potenzial in der Welt da drau\u00dfen schlummern d\u00fcrfte. Von 100 Leser*innen des Zentralorgans der Londoner City waren damals ungef\u00e4hr 90 m\u00e4nnlichen Geschlechts. Jeder auch nur halbwegs mit Marketing-Strategien vertraute Mensch begreift bei so einem Missverh\u00e4ltnis: Hey, da geht noch was! Und so machte sich die FT ans Werk, dachte \u00fcber Leserinnen-Bed\u00fcrfnisse nach, stellte mehr Frauen ein, setzte Themen anders, analysierte und ver\u00e4nderte die Bildsprache und entwickelte den Newsletter \u201eLong Story Short\u201c, der von Kolleginnen komponiert, aber auch von vielen M\u00e4nnern abonniert wurde. Und es ging was: Der Anteil der Leserinnen kletterte deutlich.<br \/><br \/>Viele Redaktionen tagesaktueller Medienmarken r\u00e4tseln dar\u00fcber, wie man Frauen st\u00e4rker begeistern k\u00f6nnte, selbst wenn sie in der Beziehung besser dastehen als die FT oder andere Wirtschaftstitel. Forschung gibt es dazu kaum. Wer sich wenig M\u00fche gibt, tr\u00f6stet sich deshalb mit Stereotypen. Frauen m\u00f6gen halt weichere Themen, hei\u00dft es dann, Themen rund um Familie und Partnerschaft, Promi-Storys, Ratgeber- und Lokaljournalismus. Politik und Wirtschaft? Eher nicht. Komplett abwegig sind diese Annahmen nicht. Forscher*innen des Reuters Institutes in Oxford haben im vergangenen Jahr Daten aus dem Digital News Report daraufhin ausgewertet, <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/women-and-news-overview-audience-behaviour-11-countries\">wie M\u00e4nner und Frauen in elf L\u00e4ndern Nachrichten nutzen<\/a>. Dabei zeigten sich Leser deutlich st\u00e4rker an aktuellem Journalismus interessiert als Leserinnen, die L\u00fccke lag durchg\u00e4ngig bei etwa zehn Prozentpunkten. Die Frage ist aber: Liegt es an den Themen selbst, oder k\u00f6nnen sich Frauen nur nicht mit deren Aufbereitung identifizieren? <br \/><br \/>In Erinnerung dazu bleibt ein Gespr\u00e4ch mit der irakisch-amerikanischen Journalistin und Frauenrechtlerin Zainab Salbi, die ihre Kindheit im Irak verbrachte und heute in den USA lebt. Salbi erz\u00e4hlte damals, sie sei mit Krieg aufgewachsen, habe aber als M\u00e4dchen Krieg ganz anders erlebt, als er in den Nachrichten dargestellt wurde. Dort sei es nur um Gewinne und Verluste gegangen, um Sieg und Niederlage, gezeigt worden seien Soldaten, Offiziere, Politiker \u2013 mehr Mann ging kaum. Sie aber sei von Frauen umgeben gewesen: Lehrerinnen, \u00c4rztinnen, Verk\u00e4uferinnen, M\u00fcttern und Gro\u00dfm\u00fcttern \u2013 klar, die M\u00e4nner seien ja meist abwesend gewesen. Hier k\u00f6nnte ein Indiz liegen: Politischer Journalismus, so wie er oft erz\u00e4hlt wird, hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Frauen zu selten zu tun. <br \/><br \/>Das Portal Newsmavens, das f\u00fcr ein paar Jahre mit allein von Journalistinnen ausgew\u00e4hlten Inhalten experimentierte, bevor es 2019 eingestellt wurde, war in einer Bilanz <a href=\"https:\/\/www.thedrum.com\/opinion\/2019\/06\/20\/newsmavens-shows-how-different-the-world-looks-when-women-choose-the-news\">zu \u00e4hnlichen Erkenntnissen gekommen<\/a>. Frauen interessieren sich durchaus f\u00fcr Politik und Wirtschaft, aber eher f\u00fcr den Alltagsblick darauf, so die damalige Chefredakteurin Zuzana Ziomecka. Und auch die Reaktionen auf Plan W \u2013 das Wirtschaftsmagazin der S\u00fcddeutschen Zeitung \u2013 das sich vorwiegend an Frauen richtete, zeigten: Konstruktiver Journalismus kommt bei ihnen besser an als das ewige Kr\u00e4ftemessen und die Machtk\u00e4mpfe, die der traditionelle politische Journalismus ins Zentrum r\u00fcckt. Helden-Geschichten, wie sie im Wirtschaftsjournalismus oft erz\u00e4hlt werden, begeistern sie daf\u00fcr weniger \u2013 das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Heldinnen-Geschichten. Etwas mehr Forschung dazu w\u00e4re jedoch interessant und k\u00f6nnte den Journalismus bereichern.<br \/><br \/>Was die Studie des Reuters Institutes noch ergibt, f\u00fchrt auf eine weitere Spur. Frauen konsumieren Journalismus deutlich seltener lesend als M\u00e4nner, sie h\u00f6ren lieber oder lassen den Fernseher laufen. Bei der Podcast-Nutzung ist das Geschlechterverh\u00e4ltnis deshalb sogar einigerma\u00dfen ausgewogen, wie Daten des Marktforschers Nielsen ergeben. Das h\u00e4ngt h\u00f6chstwahrscheinlich damit zusammen, dass sich Frauen seltener als M\u00e4nner ausschlie\u00dflich mit der Weltlage besch\u00e4ftigen, zum Beispiel am Fr\u00fchst\u00fcckstisch oder auf dem Weg zur Arbeit. Podcasts oder Radio kann man auch beim Kochen oder W\u00e4schelegen h\u00f6ren oder w\u00e4hrend man das Kind zum Kindergarten f\u00e4hrt. Auch der Fernseher l\u00e4sst sich als Nebenbei-Medium nutzen, wenn der Staubsauger nicht zu laut ist. Es sollte eigentlich niemanden wundern: Je mehr Care-Arbeit jemand leistet, desto weniger Zeit bleibt ihr oder ihm f\u00fcr den Journalismus.<br \/><br \/>Und dann haben die Oxford-Forscher*innen noch etwas belegt: Frauen verhalten sich in den sozialen Netzwerken anders als M\u00e4nner. Sie kommunizieren viel mit Freund*innen und Familie, schalten sich aber seltener in politische Debatten ein. Ein Grund d\u00fcrfte die deutlich h\u00f6here Wahrscheinlichkeit sein, mit der Frauen im Netz angegriffen, gemobbt und bel\u00e4stigt werden. Das m\u00f6gen sich viele nicht antun. <br \/><br \/>Als Medienmacher*in kann man diese Dinge nun hinnehmen, oder man kann etwas tun. Am leichtesten ist es, mehr Frauen in der Berichterstattung sichtbar zu machen, die BBC hat in ihrem <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/5050\">50:50 Projekt<\/a> gezeigt, wie und vor allem dass das geht. Einige Redaktionen \u2013 eher au\u00dferhalb Deutschlands \u2013 setzen bereits Bots als Mittel der Selbstkontrolle ein: Wie viele Frauen bilden wir ab, wie viele zitieren wir? Seitdem Covid-19 das Expertentum befl\u00fcgelt, <a href=\"https:\/\/malisastiftung.org\/studie-geschlechterverteilung-corona-berichterstattung\/\">wurden es vielerorts weniger<\/a>. Gebraucht werden mehr Journalistinnen an entscheidenden Stellen: in den meinungsbildenden und in den Investigativ-Ressorts. Die Zusammensetzung der Redaktion beeinflusst durchaus, ob die investigative Recherche in Steueroasen f\u00fchrt oder in die Nagelstudios um die Ecke, wo es reichlich Ausbeutung gibt (siehe: New York Times, \u201e<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2015\/05\/10\/nyregion\/at-nail-salons-in-nyc-manicurists-are-underpaid-and-unprotected.html\">The Price of Nice Nails<\/a>\u201c). Nur w\u00e4re es naiv anzunehmen, dass allein das mehr Frauen an die Nachrichten bringt. Der Journalismus kann immer nur so gut sein wie die Gesellschaft, in der er wirkt. Diesen Ehrgeiz allerdings sollte er haben.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Diese Kolumne erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/news-als-maennersache-warum-sich-viele-medienmarken-mit-leserinnen-so-schwertun\">Hamburg Media School am 18. Februar 2021<\/a>.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalismus hat ein Frauenproblem, und man muss nicht die Financial Times (FT) sein, um das als Chance zu begreifen. Die britische Finanz- und Wirtschaftszeitung hatte vor ein paar Jahren festgestellt, dass ein immenses Leserinnen-Potenzial in der Welt da drau\u00dfen schlummern d\u00fcrfte. Von 100 Leser*innen des Zentralorgans der Londoner City waren damals ungef\u00e4hr 90 m\u00e4nnlichen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/news-als-maennersache-warum-sich-viele-medienmarken-mit-leserinnen-so-schwer-tun\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eNews als M\u00e4nnersache? 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