{"id":1088,"date":"2021-02-27T14:18:18","date_gmt":"2021-02-27T13:18:18","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1088"},"modified":"2021-02-27T14:18:18","modified_gmt":"2021-02-27T13:18:18","slug":"foerdert-die-ausbildung-wie-der-staat-den-unabhaengigen-journalismus-wirklich-stuetzen-koennte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/foerdert-die-ausbildung-wie-der-staat-den-unabhaengigen-journalismus-wirklich-stuetzen-koennte\/","title":{"rendered":"F\u00f6rdert die Ausbildung! Wie der Staat den unabh\u00e4ngigen Journalismus wirklich st\u00fctzen k\u00f6nnte"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>\u00dcber so ein Geschenk kann sich nicht jede Branche freuen. 220 Millionen Euro hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr locker gemacht, um deutschen Medienunternehmen zu helfen, angeblich bei der \u201edigitalen Transformation\u201c. In Fach- und Verlagskreisen streitet man sich seitdem trefflich dar\u00fcber, was mit dem Geld passieren soll. Lobbyisten-Werk, schimpfen die einen, das Ganze werde versickern wie Kohle-Subventionen, nichts als lebensverl\u00e4ngernde Ma\u00dfnahmen f\u00fcr besonders br\u00e4sige Verlagsh\u00e4user. Innovative Gr\u00fcnder und andere, die sich f\u00fcr den Journalismus einsetzen, gingen dagegen leer aus. Experten wie der Medienwissenschaftler Christopher Buschow aus Weimar denken so oder \u00e4hnlich, zusammen mit Christian-Mathias Wellbrock hat er ein viel beachtetes <a href=\"https:\/\/www.medienanstalt-nrw.de\/zum-nachlesen\/forschung\/gutachten-zur-innovationsfoerderung-im-journalismus.html\">Gutachten zur Innovationsf\u00f6rderung im deutschen Journalismus<\/a> f\u00fcr die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen ver\u00f6ffentlicht und ist seitdem auf allen Kan\u00e4len zum Thema pr\u00e4sent. Die anderen sind nat\u00fcrlich die Verlage selbst. Nach deutlich zweistelligen Einbr\u00fcchen im Anzeigengesch\u00e4ft ringen viele um ihre Existenz. Sie argumentieren staatstragend mit ihrer Rolle als S\u00e4ule der Demokratie, damit untertreiben sie nicht. Kassenwart ist das Bundeswirtschaftsministerium, demn\u00e4chst soll es ein Konzept geben.<br \/><br \/>Die Erwartungen daran sind niedrig, denn bislang regiert das Prinzip Gie\u00dfkanne, und schon die Grundfrage ist ungekl\u00e4rt: Wie f\u00f6rdert man das eigentlich, die \u201edigitale Transformation\u201c? Geht es um neue Technik, um Organisation, oder doch nur um die Abfederung von H\u00e4rten in einer Verlagsbranche, die seit ungef\u00e4hr 15 Jahren mit sinkenden Druckauflagen und Anzeigenerl\u00f6sen k\u00e4mpft und bei der Begeisterung des Publikums f\u00fcr digitalen Journalismus viel zu langsam in die Puschen gekommen ist? Eine Antwort w\u00e4re: Man beginnt bei den Menschen, die in der Branche arbeiten. F\u00fcr die Zukunft der Medienbranche sind Investitionen in Aus- und Weiterbildung kritisch. Denn im Journalismus zeichnet sich ein gigantisches Personalproblem ab. <br \/><br \/>In der Welt drau\u00dfen ist das noch wenig bekannt. Die politische Diskussion wird schlie\u00dflich von den gro\u00dfen Medienmarken beherrscht, zu denen nach wie vor ausreichend qualifizierte Bewerber*innen dr\u00e4ngen. Redet man mit Vertreter*innen von Regionalverlagen, sieht die Sache anders aus. \u201eDas Gesch\u00e4ftsmodell Zeitungen wird nicht von der Auflage zuerst zusammenbrechen, sondern vom Personal\u201c, sagte k\u00fcrzlich ein im Digitalen recht umtriebiger Chefredakteur einer s\u00fcddeutschen Lokalzeitung. Die Zahl der Bewerbungen nehme rasant ab, die Qualit\u00e4t der Bewerber*innen ebenso. Das gilt f\u00fcr Journalist*innen, die sich in der leidenden Branche wenige Perspektiven ausrechnen und jene jungen Leute, die mit dem Beruf gar nichts mehr anfangen k\u00f6nnen. Noch viel mehr gilt es aber f\u00fcr junge Leute mit IT-Kompetenz. Die gehen lieber gleich zu Originalen wie Facebook, Google oder Spotify, wo die Geh\u00e4lter h\u00f6her, die Work-Life-Balance besser und die Kultur cooler sind. In der Studie \u201e<a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/our-research\/are-journalists-todays-coal-miners-struggle-talent-and-diversity-modern-newsrooms\">Are Journalists Today\u2019s Coal Miners?<\/a>\u201c hat eine Forscher*innen-Gruppe aus Oxford und Mainz das Thema 2019 ausf\u00fchrlich beleuchtet (die Autorin dieser Kolumne war Teil des Teams). <br \/><br \/>Aber nicht nur mit der Rekrutierung von Berufseinsteigern haben die Verlage ein Problem. In den Redaktionen und Verlagsabteilungen gibt es eine gro\u00dfe Unwucht zwischen dem, was die Mitarbeiter*innen k\u00f6nnen und dem, was sie k\u00f6nnen m\u00fcssten. Das zieht sich hinauf bis in Chefredaktionen und Verlagsleitungen. Die Redaktionen sind gut gef\u00fcllt mit Reporter*innen und Redakteur*innen, die zwar brillant oder zumindest versiert im Recherchieren, Schreiben und Redigieren sind, sich aber mit digitalen Erz\u00e4hlformaten, Produktentwicklung und Kundenn\u00e4he kaum auskennen, ganz zu schweigen von Ver\u00e4nderungsmanagement. Schlimmer, aus den Journalistenschulen kommen in gro\u00dfer Zahl junge Leute nach, die sich daf\u00fcr ebenso wenig interessieren und am liebsten nur gro\u00dfe Reportagen schreiben wollen. <br \/><br \/>Jetzt r\u00e4cht sich au\u00dferdem, dass man in der Branche jahrzehntelang Menschen wegen ihrer journalistischen Kompetenz in Leitungspositionen bef\u00f6rdert hat, nicht jedoch wegen ihrer Management-Qualit\u00e4ten \u2013 und dass sie damit oft heillos \u00fcberfordert sind. Gerade die talentierteren unter ihnen sp\u00fcren das. Gerne w\u00fcrden sie sich entsprechend weiterbilden, aber daf\u00fcr ist das Geld nicht da. Viele landen im Burnout oder verlassen die Branche f\u00fcr Jobs, in denen es auch mal Wachstum zu feiern, statt Krise zu verwalten gibt. Die anderen ducken sich weg und hoffen, dass das bis zur Rente oder zumindest dem n\u00e4chsten Abfindungsprogramm niemandem auff\u00e4llt. Energie und Kompetenzen verk\u00fcmmern, weil sie niemand abholt zur Reise in die digitale journalistische Zukunft. <br \/><br \/>Hinzu kommt ein erbitterter Konkurrenzkampf in der Branche, der zwar am Kiosk seine Berechtigung hatte aber l\u00e4ngst nach hinten losgeht, weil die wahren Wettbewerber im Silicon Valley sitzen oder dort, wo man dessen Rezepte kopiert. Die Verlage haben es vers\u00e4umt voneinander zu lernen, Kompetenzen zu b\u00fcndeln und Innovationen selbst zu entwickeln, von denen die Branche und damit auch der Journalismus profitieren k\u00f6nnte. Kooperationen entwickeln sich nur langsam, ein Beispiel ist Drive, das <a href=\"https:\/\/www.szv.de\/lernen-von-netflix-und-co\/\">gemeinsame Daten-Projekt verschiedener Regionalzeitungen und der dpa<\/a>. <br \/><br \/>Was k\u00f6nnte man alles erreichen, w\u00fcrde man nur einen Teil der 220 Millionen Euro in die Ausbildung junger Journalist*innen stecken, die verschiedenste Perspektiven und F\u00e4higkeiten in die Verlage tragen k\u00f6nnten? Welches Potenzial lie\u00dfe sich erschlie\u00dfen, w\u00fcrde man gestandene Redaktions- und Verlagskolleg*innen f\u00fcr die digitale Transformation fit machen? Fl\u00e4chendeckende Trainings in Ver\u00e4nderungsmanagement, Kundenorientierung und Leadership sind Investitionen, die der Branche langfristig mehr nutzen als das n\u00e4chste neue Redaktionssystem. Bevor man sich f\u00fcr Technik entscheidet, muss man schlie\u00dflich wissen, was man damit machen will. Strategien aber k\u00f6nnen nur Menschen entwickeln. <br \/><br \/>Tragisch besonders in Deutschland ist, dass man all diese Aufgaben weitgehend Google und Facebook \u00fcberl\u00e4sst, die gro\u00dfz\u00fcgig Bildungsprogramme f\u00fcr Verlage finanzieren (Transparenz: Das Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School, in dessen Rahmen diese Kolumne entsteht, wird von Facebook unterst\u00fctzt, die Autorin ist zudem in Programmen engagiert, die von der Google News Initiative gef\u00f6rdert werden). Damit machen sich die Medienh\u00e4user noch abh\u00e4ngiger von den Plattform-Konzernen, die ohnehin schon viel zu h\u00e4ufig definieren, was bitte Innovation zu sein hat. Die Ironie dabei: Gei\u00dfeln Kommentator*innen im Leitartikel gerne die \u00dcbermacht der Tech-Monopole, wird deren Geld intern nur zu gerne angenommen \u2013 weil es keine Alternative gibt. <br \/><br \/>Dabei w\u00e4re staatliches Geld f\u00fcr Journalismus in der Bildung am besten investiert. Hier bliebe die journalistische Unabh\u00e4ngigkeit gewahrt, gleichzeitig w\u00fcrde man nachhaltig in die Zukunft investieren. Als Vorbild k\u00f6nnte man die Diskussion in der Entwicklungshilfe nehmen, die heute aus gutem Grund Entwicklungszusammenarbeit hei\u00dft. Geld aussch\u00fctten per Gie\u00dfkanne ist das Rezept von gestern. Strukturen aufbauen und Hilfe zur Selbsthilfe ansto\u00dfen, darauf kommt es an.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Diese Kolumne erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/foerdert-die-ausbildung\">Hamburg Media School am 26. Februar 2021<\/a>.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber so ein Geschenk kann sich nicht jede Branche freuen. 220 Millionen Euro hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr locker gemacht, um deutschen Medienunternehmen zu helfen, angeblich bei der \u201edigitalen Transformation\u201c. In Fach- und Verlagskreisen streitet man sich seitdem trefflich dar\u00fcber, was mit dem Geld passieren soll. Lobbyisten-Werk, schimpfen die einen, das Ganze werde versickern &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/foerdert-die-ausbildung-wie-der-staat-den-unabhaengigen-journalismus-wirklich-stuetzen-koennte\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eF\u00f6rdert die Ausbildung! 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