{"id":1099,"date":"2021-03-26T13:43:09","date_gmt":"2021-03-26T12:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1099"},"modified":"2021-03-26T13:43:09","modified_gmt":"2021-03-26T12:43:09","slug":"wer-hat-angst-bei-der-new-york-times-vielfalt-in-redaktionen-bringt-nichts-wenn-sie-nicht-gelebt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wer-hat-angst-bei-der-new-york-times-vielfalt-in-redaktionen-bringt-nichts-wenn-sie-nicht-gelebt-wird\/","title":{"rendered":"Wer hat Angst bei der New York Times? &#8211; Vielfalt in Redaktionen bringt nichts, wenn sie nicht gelebt wird"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn Journalist*innen kritisch \u00fcber den Zustand des Journalismus schreiben, holen sie sprachlich gerne mal die gro\u00dfe Keule raus. \u00dcber \u201eHaltungsjournalismus\u201c wird dann gewettert, und dass die Meinungsfreiheit in Gefahr sei, weil sich Kolleg*innen in vielen Redaktionen gar nicht mehr trauen w\u00fcrden zu sagen oder gar zu schreiben, was sie wirklich denken. \u201eCancel Culture\u201c sei \u00fcberall. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat seiner Zeitung k\u00fcrzlich mit einem <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2021\/09\/pressefreiheit-journalismus-gesellschaft-spaltung-politik\/komplettansicht\">viel beachteten Text<\/a> zum 75. Geburtstag gratuliert, der schon in der \u00dcberschrift von einer solchen Bedrohung sprach. Zwar ist das St\u00fcck in seinem Kern recht differenziert. In den sozialen Netzwerken applaudierten ihm allerdings besonders lautstark diejenigen, die sich in ihrer eigenen Position best\u00e4tigt sahen: Der Journalismus werde an \u201ePolitical Correctness\u201c zugrunde gehen. <br \/><br \/>Als Beispiel f\u00fcr seine These hatte Lorenzo die New York Times (NYT) herangezogen, in deren Redaktion viele Beobachter*innen von au\u00dfen ein Klima der Angst vermuten. Zum Beleg werden immer dieselben F\u00e4lle von Journalist*innen angef\u00fchrt, die aus inhaltlichen Gr\u00fcnden das Haus verlassen mussten oder zumindest sanktioniert wurden. Nun m\u00fcsste jede*r Chefredakteur*in wissen, dass es f\u00fcr Au\u00dfenstehende fast unm\u00f6glich ist, interne Personalentscheidungen fachkundig zu beurteilen. Bei unfreundlichen Trennungen spielen meist Dinge eine Rolle, die sich keiner Twitter-Gemeinde erschlie\u00dfen. Fakt ist aber, dass in der New York Times tats\u00e4chlich ein ungutes Klima herrscht. Die Zeitung selbst hat dies j\u00fcngst unter Beteiligung des Top-Managements in einer <a href=\"https:\/\/www.nytco.com\/company\/diversity-and-inclusion\/a-call-to-action\/\">gro\u00dfen Untersuchung<\/a> zum Thema \u201eDiversity and Inclusion\u201c zutage gef\u00f6rdert und ver\u00f6ffentlicht. <br \/><br \/>In einem Zeitraum von acht Monaten wurden 400 Kolleg*innen interviewt. Das Ergebnis ist ebenso niederschmetternd wie beachtlich. Niederschmetternd, weil es der Zeitung bislang offenbar nicht gelungen ist, ihren vielf\u00e4ltigen Journalist*innen eine Heimat zu sein, in der sie sich beachtet und wertgesch\u00e4tzt f\u00fchlen. Das gilt insbesondere f\u00fcr Schwarze, Latinos und f\u00fcr Frauen mit asiatischen Wurzeln, die zuweilen den Eindruck haben, sie seien unsichtbar \u2013 regelm\u00e4\u00dfig w\u00fcrden sie mit falschen Namen angesprochen. Beachtlich, weil das Team um Herausgeber A.G. Sulzberger, CEO Meredith Kopit Levien und Chefredakteur Dean Baquet der Transformation der Unternehmenskultur nun zumindest qua Bekenntnis eine ebensolche Bedeutung beimisst wie dem Umbau zu \u201edigital first\u201c und \u201esubscription first\u201c, der die NYT zu einem digitalen Medien-Weltstar gemacht hat. Ein entsprechender Aktionsplan h\u00e4ngt dran. Wer von dieser Seite des Atlantiks aus \u00fcber ein \u201eKlima der Angst\u201c bei der NYT philosophiert, sollte den Bericht zumindest lesen. Wer leidet, und wer ist nur beleidigt?<\/p>\n<p>Eine wichtige Lehre aus der Untersuchung: Vielfalt alleine gen\u00fcgt nicht, sie muss gelebt werden. Vielf\u00e4ltige Perspektiven k\u00f6nnen nur Wert schaffen, wenn sie auch beachtet und gesch\u00e4tzt werden, der Fachbegriff daf\u00fcr lautet \u201eInclusion\u201c. Und die Techniken daf\u00fcr m\u00fcssen entwickelt werden. Steht die herrschende Kultur dagegen nicht infrage, kann Diversit\u00e4t auch destruktiv wirken. Denn wenn Menschen sehr unterschiedlicher Perspektiven und Herkunft in einer Organisation zusammensperrt werden, produziert das automatisch Reibung, sprich: Konflikte. Diese Reibung f\u00fchrt idealerweise zu Kreativit\u00e4t und guten Ideen. Aber sie fordert immer die bisherigen Macht- und Einflussverh\u00e4ltnisse heraus, konfrontiert Nutznie\u00dfer*innen der geltenden Kultur mit ihren Privilegien und treibt sie deshalb h\u00e4ufig in Abwehrhaltung. Vielfalt bereichert eine Organisation also nur, wenn sie bewusst gemanagt wird. Das ist vielen zu anstrengend und einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr den Frauenanteil \u201eZielgr\u00f6\u00dfe null\u201c, wie sie viele deutsche Unternehmen nach dem regelm\u00e4\u00dfig erscheinenden <a href=\"https:\/\/www.allbright-stiftung.de\/allbright-berichte\">Allbright-Bericht<\/a> aufweisen.<br \/><br \/>Diversity und Inclusion geh\u00f6ren also zusammen wie Kaffee und Milch, wenn das Ziel ein Cappuccino ist. M\u00f6chte man im Bild bleiben, tut man sich in Deutschland allerdings schon mit dem Kaffee schwer. In hiesigen Regionalverlagen sind gerade einmal zehn Prozent der F\u00fchrungspositionen mit Frauen besetzt, von Kolleg*innen anderer Hautfarbe ganz zu schweigen. Etwa zeitgleich mit der New York Times hat die Organisation Pro Quote eine qualitative <a href=\"https:\/\/www.pro-quote.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Proquote_Online-Interviewstudie.pdf\">Untersuchung ver\u00f6ffentlicht<\/a>, die einen \u00e4hnlichen Frust offenbart. Sie besch\u00e4ftigt sich damit, wie Lokaljournalistinnen die Redaktionskulturen in ihren H\u00e4usern empfinden. Angenehm ist anders. Von einem \u201esich selbst stabilisierenden System\u201c leitender M\u00e4nner ist die Rede, einem Chefredakteurs-Karussell, das Frauen keinen Einstieg gew\u00e4hrt, von mangelndem Zutrauen, nicht vorhandenen Chancen und Sexismus. Die Branche braucht keine Studie, um all das zu wissen, ein Blick auf die Zusammensetzung entsprechender Verb\u00e4nde gen\u00fcgt. Tats\u00e4chlich ist \u201eCancel Culture\u201c schon lange Realit\u00e4t in Redaktionen, nur traf sie bislang eher jene, die lieber geschwiegen haben, statt Aufrufe zu verbreiten. Leidensdruck ist immer dann geringer, wenn es um das Leiden der anderen geht. <br \/><br \/>Dem Journalismus schadet das. Moderner, digitaler Journalismus sollte die Kundenbed\u00fcrfnisse so ins Zentrum stellen, wie Amazon oder Spotify das vormachen. Und Kund*innen sind nun einmal sehr unterschiedlich. In der Medienbranche geh\u00f6rt Vielfalt deshalb zum Kern der digitalen Transformation, und Vielfalt wirkt nur, wenn man ihr Potenzial aussch\u00f6pft. Bei der New York Times hat man das verstanden und sich auf eine anspruchsvolle, ganz sicher konfliktreiche Reise gemacht. Die Branche t\u00e4te gut daran, dem gro\u00dfen Vorbild auch in diesem Fall nachzueifern.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/wer-hat-angst-bei-der-new-york-times-vielfalt-in-redaktionen-bringt-nichts-wenn-sie-nicht-gelebt-wird\">erschien zuerst im Newsletter des Digital Journalism Fellowship<\/a> an der Hamburg Media School am 5. M\u00e4rz 2021.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Journalist*innen kritisch \u00fcber den Zustand des Journalismus schreiben, holen sie sprachlich gerne mal die gro\u00dfe Keule raus. \u00dcber \u201eHaltungsjournalismus\u201c wird dann gewettert, und dass die Meinungsfreiheit in Gefahr sei, weil sich Kolleg*innen in vielen Redaktionen gar nicht mehr trauen w\u00fcrden zu sagen oder gar zu schreiben, was sie wirklich denken. \u201eCancel Culture\u201c sei \u00fcberall. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wer-hat-angst-bei-der-new-york-times-vielfalt-in-redaktionen-bringt-nichts-wenn-sie-nicht-gelebt-wird\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWer hat Angst bei der New York Times? &#8211; Vielfalt in Redaktionen bringt nichts, wenn sie nicht gelebt wird\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[513,102,208,178,512,514,510,511,516,60,301,414,131,515,173],"class_list":["post-1099","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-cancel-culture","tag-digital","tag-digitale-transformation","tag-diversity-2","tag-giovanni-di-lorenzo","tag-haltungsjournalismus","tag-inclusion","tag-journaismus","tag-lokaljournalisten","tag-medien","tag-new-york-times","tag-pro-quote","tag-redaktion","tag-regionalverlage","tag-vielfalt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1099\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1099"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1099\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1100,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1099\/revisions\/1100\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1099"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1099"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1099"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}