{"id":1103,"date":"2021-03-26T13:56:28","date_gmt":"2021-03-26T12:56:28","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1103"},"modified":"2021-03-26T13:56:29","modified_gmt":"2021-03-26T12:56:29","slug":"medienoasen-in-der-nachrichtenwueste-worauf-entrepreneure-im-journalismus-achten-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/medienoasen-in-der-nachrichtenwueste-worauf-entrepreneure-im-journalismus-achten-sollten\/","title":{"rendered":"Medienoasen in der Nachrichtenw\u00fcste &#8211; Worauf Entrepreneure im Journalismus achten sollten"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Deutschland aus auf die USA schauen, das ist h\u00e4ufig, als benutze man ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas. Nicht nur Getr\u00e4nkebecher, Jeans und \u00dcberland-Trucks gibt es dort im XXL-Format. Auch gesellschaftliche Entwicklungen kommen meist krasser daher als hierzulande, Achterbahn-artige Bewegungen eingeschlossen. Bei H\u00e4me ist deshalb Vorsicht geboten, siehe Pandemie: L\u00e4sterte man gerade noch \u00fcber amerikanisches Staatsversagen, sind dr\u00fcben pl\u00f6tzlich alle durchgeimpft, w\u00e4hrend hier weiter \u00fcber Reihenfolgen und Vakzine gestritten wird. \u00c4hnlich drastisch geht es in der Medienbranche zu. So z\u00e4hlte man dr\u00fcben schon Nachrichtenw\u00fcsten (news deserts) ohne lokaljournalistische Grundversorgung, als Regionalverlage hier noch ihre Print-Auflage feierten. Umgekehrt blicken amerikanische Medienschaffende nun auf ein ganzes \u00d6kosystem digitaler Neugr\u00fcndungen, w\u00e4hrend Redaktionen diesseits des Atlantiks noch lernen, \u201edigital first\u201c zu buchstabieren. Man kann das misslich finden, oder schleunigst das \u2013 in diesem Fall \u2013 Fernglas zur Hand nehmen. Ein Blick nach dr\u00fcben lohnt sich, wenn man nicht nur aus eigenen Fehlern lernen, sondern ein paar lieber von vornherein vermeiden m\u00f6chte.<br \/><br \/>Die amerikanische Lesart ist unmissverst\u00e4ndlich: Wo es Nachrichtenw\u00fcsten gibt, m\u00fcssen dringend Oasen her. <a href=\"https:\/\/medium.com\/lion-publishers\/introducing-project-oasis-a-guide-to-help-founders-launch-sustainable-local-news-businesses-982119c500dd\">Oasis<\/a> hei\u00dft deshalb ein Gemeinschafts-Projekt, das sich an Gr\u00fcnder*innen von Medienmarken in den USA und Kanada richtet und ihnen mit Statistiken, Fallstudien, Rat und Benchmarks zur Seite stehen m\u00f6chte. In dieser Woche nun hat Oasis den <a href=\"https:\/\/www.projectnewsoasis.com\/sites\/default\/files\/2021-03\/project-oasis-report-2021.pdf\">ersten Report<\/a>ver\u00f6ffentlicht, angeblich die gr\u00f6\u00dfte Studie \u00fcber \u201edigital native\u201c Medienh\u00e4user und -h\u00e4uschen in dieser Dekade. 255 von mehr als 700 rein digitalen Medien-Unternehmen haben sich daf\u00fcr an einer Umfrage beteiligt. Sie hat ein paar spannende Fakten zutage gef\u00f6rdert. <br \/><br \/>Die erfreulichen zuerst: Das Wachstum ist rasant, in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Medien-Gr\u00fcndungen mehr als versechsfacht. Immerhin gibt bereits jede f\u00fcnfte Firma an, finanziell \u00fcber den Berg zu sein, eine ganze Reihe weiterer sieht sich auf dem Weg dorthin. Zwei Drittel haben die wilde Startup-Phase hinter sich gelassen und bewegen sich in ruhigerem Fahrwasser, 22 Prozent (\u00fcber)leben schon l\u00e4nger als zehn Jahre. <br \/><br \/>Eine ganze Menge Fakten stimmen allerdings nachdenklich, vor allem diese: Viele Organisationen leben von der Selbstausbeutung ihrer Gr\u00fcnder*innen (Frauen sind, was die Jobs angeht, in der \u00dcberzahl). Sie verlassen sich stark auf ehrenamtliches Engagement und k\u00f6nnen wenige Vollzeit-Arbeitspl\u00e4tze sichern. Nur zehn Prozent fahren Jahresums\u00e4tze von \u00fcber einer Million Dollar ein. Die Abh\u00e4ngigkeit vom lokalen Anzeigenmarkt ist gro\u00df und f\u00fcr die meisten die wichtigste Einnahmequelle, andere h\u00e4ngen g\u00e4nzlich am Tropf von wohlt\u00e4tigen Geldgeber*innen. Abo- oder Mitgliedermodelle trauen sich die wenigsten zu. <br \/><br \/>Eine der Hauptursachen f\u00fcr diese zum Teil prek\u00e4ren Zust\u00e4nde ist, dass Medien-Startups \u00fcberwiegend von Journalist*innen gegr\u00fcndet werden. Hier r\u00e4cht sich die einst so wichtige strikte Trennung von Redaktion und Verlag. Sie hat Redakteur*innen und Reporter*innen jahrzehntelang davor \u201ebewahrt\u201c, sich damit auseinandersetzen zu m\u00fcssen, wie ihr Medienhaus eigentlich Geld verdient. Bei der Entwicklung ihrer jungen Unternehmen beginnen die Gr\u00fcnder*innen deshalb in der Regel mit einer Mission, nicht mit einem Gesch\u00e4ftsmodell. Dagegen ist zun\u00e4chst nichts einzuwenden, wenn sie denn ihre Teams um entsprechendes Knowhow bereichern w\u00fcrden. Dies aber ist zu selten der Fall. <br \/><br \/>Gr\u00fcnder*innen in anderen Branchen arbeiten sehr h\u00e4ufig andersherum. Viele berichten, dass nicht die ber\u00fchmte Idee oder das coole Produkt an erster Stelle standen, sondern man zun\u00e4chst mit einem engagierten Team und eher vagen Vorstellungen vom Inhalt an den Start gegangen sei. Sobald man Geldgeber*innen und erste Kund*innen gefunden hatte, entwickelte sich die Idee von dort aus weiter. Auch bei Journalismus-Start-ups ist Offenheit und Anpassungsf\u00e4higkeit wichtig, wollen sie nicht nur irgendwie \u00fcberleben, sondern mittelfristig gut davon leben und eine stabile Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr ihr Publikum werden. Was ist das Gesch\u00e4ftsmodell, welche Zielgruppen (Audiences) kann man wie gut bedienen und wie bindet man sie, wie diversifiziert man Einnahmequellen, welche Partner*innen k\u00f6nnte man begeistern \u2013 und, ganz wichtig, was sollte man auf jeden Fall sein lassen? All diese Fragen m\u00fcssen sich Gr\u00fcnder*innen immer wieder stellen und entsprechend nachjustieren.<br \/><br \/>All das w\u00fcrde deutlich besser funktionieren, g\u00e4be es eine gute Infrastruktur, bei der sich Medien-Start-ups Rat und Unterst\u00fctzung holen k\u00f6nnen. Das finden auch die Oasis-Autor*innen. Ob es um Training, Ausbildung und Personalf\u00fchrung geht, Beratung zu Gesch\u00e4ftsmodellen oder technische Infrastruktur gefragt ist: Junge Unternehmen sind mit vielem \u00fcberfordert. Dazu ist es weder sinnvoll noch effizient, wenn jede Neugr\u00fcndung auf diesen skalierbaren Gebieten bei null anf\u00e4ngt. F\u00fcr die USA k\u00f6nnen sich ambitionierte Medien-Unternehmer*innen k\u00fcnftig an das Oasis-Projekt wenden. In Deutschland warten potenzielle Geldgeber*innen hoffentlich nicht darauf, dass es erst einmal Nachrichtenw\u00fcsten gibt.<\/p>\n<p>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-medien-oasen-in-der-nachrichtenwueste-worauf-entrepreneure-im-journalismus-achten-sollten\">erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship<\/a> an der Hamburg Media School am 19. M\u00e4rz 2021.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Deutschland aus auf die USA schauen, das ist h\u00e4ufig, als benutze man ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas. Nicht nur Getr\u00e4nkebecher, Jeans und \u00dcberland-Trucks gibt es dort im XXL-Format. Auch gesellschaftliche Entwicklungen kommen meist krasser daher als hierzulande, Achterbahn-artige Bewegungen eingeschlossen. 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