{"id":1105,"date":"2021-03-26T14:15:42","date_gmt":"2021-03-26T13:15:42","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1105"},"modified":"2021-03-26T14:15:43","modified_gmt":"2021-03-26T13:15:43","slug":"von-wegen-digital-natives-gerade-beim-jungen-publikum-klafft-die-medienkompetenz-weit-auseinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/von-wegen-digital-natives-gerade-beim-jungen-publikum-klafft-die-medienkompetenz-weit-auseinander\/","title":{"rendered":"Von wegen &#8222;Digital Natives&#8220; &#8211; Gerade beim jungen Publikum klafft die Medienkompetenz weit auseinander"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Es ist eine bequeme Annahme, dass sich manche Probleme mit dem Generationenwechsel von selbst l\u00f6sen werden. Leider f\u00e4llt sie immer wieder durch den Wirklichkeitstest. Dies trifft auch auf die F\u00e4higkeit zu, mit dem Digitalen im Allgemeinen und digitalen Medien im Besonderen kompetent umzugehen. Belegt wird das von einer <a href=\"https:\/\/www.stiftung-nv.de\/de\/publikation\/quelle-internet-digitale-nachrichten-und-informationskompetenzen-der-deutschen\">gro\u00dfen Studie<\/a> f\u00fcr Deutschland, die in dieser Woche von der Stiftung Neue Verantwortung ver\u00f6ffentlicht wurde und Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr alle sein sollte, die etwas mit Journalismus zu tun haben. Denn unter den vielen interessanten Einzelergebnissen f\u00e4llt eins besonders ins Auge: Gebildete junge Menschen erreichen in dem Test im Durchschnitt die besten Werte aller Altersgruppen, w\u00e4hrend ihre Altersgenossen mit niedriger Schulbildung schlechter abschneiden als \u00e4ltere Jahrg\u00e4nge mit \u00e4hnlichem Ausbildungsniveau. Kurz gesagt: Der Begriff \u201eDigital Natives\u201c beschreibt kaum mehr als eine Wunschvorstellung. Vielmehr wird der digitale Graben tiefer. <br \/><br \/>Es lohnt sich, die Studie genauer zu lesen, denn etliche Aussagen sollten Redaktionen schwer zu denken geben. Nicht nur ist das Niveau der Medienbildung insgesamt mau: Im Durchschnitt erreichten die Befragten nicht einmal die H\u00e4lfte der m\u00f6glichen Punktzahl, nur jede*r F\u00fcnfte qualifizierte sich in den Kategorien hohe oder sehr hohe Medienkompetenz. Aber einige Erkenntnisse rufen direkt nach Taten. <br \/><br \/>Da ist zum einen der Vorwurf einer \u201evon oben\u201c gesteuerten Presse. Etwa ein Viertel der Befragten nimmt nach eigenem Bekunden an, Politik und Journalist*innen arbeiten Hand in Hand und t\u00e4uschen die Bev\u00f6lkerung, \u201eL\u00fcgenpresse\u201c l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Woran die Menschen das festmachen, ergibt sich nicht. Aber eine Unterrichtseinheit in der Schule reicht vermutlich nicht, um das Gegenteil zu beweisen. Hier r\u00e4cht sich eine Politik-Berichterstattung, die sich nach wie vor zu sehr auf Statements von Funktionstr\u00e4ger*innen und zu wenig auf die Recherche von Themen fokussiert. Wer Politiker*innen und Journalist*innen st\u00e4ndig gemeinsam in Bild und Gespr\u00e4ch wahrnimmt, wird wom\u00f6glich auch bei kritischen Interviewfragen den Eindruck nicht los, hier werde \u00fcber die K\u00f6pfe der B\u00fcrger*innen hinweg verhandelt. Dazu passt, dass der Lokaljournalismus in den meisten Studien auch international die h\u00f6chsten Vertrauenswerte genie\u00dft. Er ist eben n\u00e4her dran. <br \/><br \/>Besonders schwer taten sich die Teilnehmer*innen der Untersuchung damit, Journalismus von Werbung zu unterscheiden oder Kommentare von Nachrichten. Wer seine Informationen \u00fcberwiegend aus den sozialen Netzwerken bezieht, verirrt sich der Studie zufolge besonders h\u00e4ufig im \u00dcberangebot und Nebeneinander von unabh\u00e4ngiger, \u00fcberpr\u00fcfter auf der einen und interessengeleiteter Information auf der anderen Seite. Nutzer*innen, die sich direkt in Nachrichten-Apps schlau machen, schneiden dagegen deutlich besser ab. Das ist bedenklich, da der weit \u00fcberwiegende Teil der Medienkonsument*innen \u00fcber die Plattformen Dritter auf Journalismus zugreift, Tendenz steigend. Bei den jungen Leuten nutzen laut aktuellem Digital News Report 84 Prozent den Seiteneinstieg, nur ein geringer Teil geht also direkt auf Website oder App. <br \/><br \/>In der Branche wird immer wieder die <a href=\"https:\/\/www.americanpressinstitute.org\/publications\/reports\/survey-research\/confusion-about-whats-news-and-whats-opinion-is-a-big-problem-but-journalists-can-help-solve-it\/\">Notwendigkeit diskutiert, Beitr\u00e4ge nach Kategorien zu kennzeichnen<\/a>. Aber ein schlichtes \u201eKommentar\u201c in der Dachzeile reicht m\u00f6glicherweise nicht aus. In der Studie konnte zum Beispiel kaum jemand ein Advertorial identifizieren, selbst wenn es als Anzeige gekennzeichnet war. Auch das Label \u201eKolumne\u201c wurde als wenig hilfreich empfunden. Die Wirkung von Kennzeichnungen ist offenbar auch bei Falschinformationen begrenzt. Selbst wenn soziale Netzwerke L\u00fcgen eindeutig als solche ausweisen, ist das offenbar nicht f\u00fcr alle ein Grund daf\u00fcr, sie als solche zu behandeln.<br \/><br \/>Wenn es nur noch gut ausgebildete Menschen schaffen, sich einigerma\u00dfen sicher in der digitalen Medienwelt zu bewegen, sind das schlechte Nachrichten f\u00fcr die Demokratie. Die Gefahr steigt, falsch oder gar nicht informiert zu sein und deshalb schlechte Entscheidungen zu treffen. Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, was die Forschung schon l\u00e4nger nahelegt: dass das Internet den Zugang zu Information und Wissen nicht etwa egalit\u00e4rer, sondern ungleicher gemacht hat. Antonis Kalogeropoulos hatte dies 2018 <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/our-research\/social-inequalities-news-consumption\">in einer Studie<\/a> f\u00fcr Gro\u00dfbritannien belegt. Demnach kamen in der alten Welt von Print und linearem Fernsehen Menschen mit niedrigem Bildungsgrad h\u00e4ufiger mit Journalismus in Kontakt als heute, wo jeder zwar st\u00e4ndig an seinem Smartphone herumfingert, darauf aber eher chattet und spielt, statt nach Information zu fahnden. In der Zeit vor Netflix und Spotify griffen auch weniger Bildungsbeflissene schon mal aus Langeweile zur herumliegenden Zeitung oder lie\u00dfen die Nachrichten an sich vorbeirauschen, schnappten dabei das eine oder andere auf. Exzellent ausgebildete Nutzer*innen sind dagegen heute in der Lage, sich deutlich besser und vielf\u00e4ltiger zu informieren als je zuvor. <br \/><br \/>Was also tun, damit Journalismus nicht zum Klassen-Privileg wird? Medienbildung erreicht Menschen kaum noch, sobald sie die Schule verlassen haben. Gerade die \u00e4ltere Generation ist besonders anf\u00e4llig f\u00fcr \u201eFake News\u201c, ebenso die J\u00fcngeren, die sich Informationen bewusst oder unbewusst entziehen. Schon jede*r Dritte gilt laut Digital News Report als Nachrichten-Verweiger*in. <br \/><br \/>Redaktionen stehen in besonderer Verantwortung. Medientrainings in Schulen sollten Standard werden, aber nicht als \u201ewir erkl\u00e4ren euch mal was\u201c von oben herab. Junge Leute k\u00f6nnen fantastische Reporter*innen sein, man muss sie nur ermutigen. Journalismus und die Aufkl\u00e4rung geh\u00f6ren zudem auf die Plattformen, auf denen sich die Nutzer*innen bewegen. Die Tagesschau mit ihren vielf\u00e4ltigen digitalen Angeboten macht vor, wie so etwas gehen kann \u2013 in der Studie der Stiftung Neue Verantwortung schneidet sie vergleichsweise gut ab. Idealerweise begeistern Medien das Publikum so, dass es den direkten Weg auf die Nachrichten-App findet und keine Verwechselungsgefahr besteht. Aber dazu muss auch der Journalismus besser werden: weniger fixiert auf Institutionen, daf\u00fcr mehr auf Menschen und Themen, st\u00e4rker im Austausch mit den Nutzer*innen, transparenter, was die eigene Arbeitsweise angeht. <br \/><br \/>Die Medien k\u00f6nnen die Aufgabe allerdings nicht alleine stemmen. \u00d6ffentliche Institutionen und Privatwirtschaft m\u00fcssen nicht nur besser aufkl\u00e4ren. Aus jedem Plattform-Design muss klar hervorgehen, was die Konsument*innen von Inhalten erwarten k\u00f6nnen: Ist das nur Werbung oder Bla Bla, oder ist da echter Journalismus drin? Was Zeitungen einigerma\u00dfen gelungen ist, muss auch im Digitalen m\u00f6glich sein.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-von-wegen-digital-natives-gerade-beim-jungen-publikum-klafft-die-medienkompetenz-weit-auseinander\">erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship<\/a> an der Hamburg Media School am 26. M\u00e4rz 2021.<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine bequeme Annahme, dass sich manche Probleme mit dem Generationenwechsel von selbst l\u00f6sen werden. Leider f\u00e4llt sie immer wieder durch den Wirklichkeitstest. Dies trifft auch auf die F\u00e4higkeit zu, mit dem Digitalen im Allgemeinen und digitalen Medien im Besonderen kompetent umzugehen. 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