{"id":1114,"date":"2021-04-16T12:01:25","date_gmt":"2021-04-16T10:01:25","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1114"},"modified":"2021-04-16T12:03:20","modified_gmt":"2021-04-16T10:03:20","slug":"corona-als-vertrauens-booster-was-redaktionen-jetzt-tun-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/corona-als-vertrauens-booster-was-redaktionen-jetzt-tun-koennen\/","title":{"rendered":"Corona als Vertrauens-Booster &#8211; Was Redaktionen jetzt tun k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Man h\u00f6rt das immer wieder, die Frage kommt von Politiker*innen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und anderen, die sich um den Fortbestand der Medienlandschaft in der Demokratie sorgen: Was sich denn tun lie\u00dfe, um das so dramatisch gesunkene Vertrauen in die Medien wieder aufzup\u00e4ppeln? Das Anliegen ist ehrenwert, es hat nur einen Haken: Es baut auf einer falschen Diagnose. In den meisten L\u00e4ndern ist das Medienvertrauen in den letzten Jahren gar nicht so stark eingebrochen, wie viele dies frei nach Bauchgef\u00fchl behaupten. F\u00fcr Deutschland hat die Universit\u00e4t Mainz jetzt sogar das Gegenteil belegt: Laut der in dieser Woche ver\u00f6ffentlichten vierten Ausgabe der <a href=\"https:\/\/medienvertrauen.uni-mainz.de\/\">Langzeitstudie Medienvertrauen<\/a> haben seit Beginn der Erhebung im Jahr 2015 noch nie so viele B\u00fcrger*innen dem Journalismus so viel Glaubw\u00fcrdigkeit zugebilligt wie im vergangenen Jahr. Die Erkl\u00e4rung liegt nahe. W\u00e4hrend der Pandemie suchen viele Menschen verl\u00e4ssliche Informationen, und sie trauen den traditionellen Redaktionen dabei offensichtlich am meisten zu.<\/p>\n<p>Der Mainzer Studie zufolge gaben 56 Prozent der Befragten an, den Medien in wichtigen Themen zu vertrauen, in den Vorjahren waren dies jeweils zwischen 41 und 44 Prozent. Der Anteil derjenigen, die dem L\u00fcgenpresse-Vorwurf folgen, ist dagegen auf einen Tiefstand gesunken. Zwei Drittel weisen ihn ausdr\u00fccklich zur\u00fcck. Die Forscher*innen r\u00e4umen zwar ein, dass sich diese Werte in den zur\u00fcckliegenden Monaten ge\u00e4ndert haben k\u00f6nnten \u2013 die Daten wurden im November und Dezember 2020 erhoben, als die Kritik am staatlichen Pandemie-Management noch deutlich verhaltener klang. Dennoch best\u00e4tigen die Ergebnisse eine in diversen Studien gewonnene Erkenntnis, die selbst zu vielen Medienschaffenden nicht durchdringt: Ein allgemeiner Vertrauensschwund in den Journalismus ist nicht oder meist nur in der Varianz weniger Prozentpunkte festzustellen. Aber was ist das Problem dann, und was bedeutet die immer wieder beschworene Dramatik? Mehrere Dinge spielen eine Rolle: <br \/><br \/>Erstens, das Vertrauen in Medien mag zwar allgemein einigerma\u00dfen stabil sein, aber die Lautst\u00e4rke der kritischen Minderheit nimmt zu. Und es bleibt nicht immer bei verbalen P\u00f6beleien online und offline: Journalist*innen auch in Deutschland werden zunehmend t\u00e4tlich angegriffen und bei der Arbeit behindert. In den <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/oct\/16\/dutch-state-broadcaster-nos-pulls-logo-vans-attacks\">Niederlanden<\/a> r\u00fcckte das \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehen nach Angriffen schon in neutralen Fahrzeugen aus, um sich nicht zu offensichtlich zur Zielscheibe zu machen. Hinzu kommen Influencer wie Rezo, die \u00f6ffentlichkeitswirksam mit etablierten Medien <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hkncijUZGKA\">abrechnen<\/a>. Wird das dann geteilt, gilt das schon als Zustimmung, auch wenn sich dahinter vor allem Voyeurismus verbirgt.<br \/><br \/>Zweitens, in vielen L\u00e4ndern schl\u00e4gt sich eine starke politische Polarisierung auch im Medienvertrauen nieder. Sehr deutlich zeigt sich dies in den USA, wo diejenigen, die sich politisch eher \u201elinks\u201c verorten, auch dem Journalismus gute Noten ausstellen, diejenigen aus dem republikanischen Lager dies aber eher nicht tun oder maximal f\u00fcr Rupert Murdochs Fox News ihre Hand ins Feuer legen w\u00fcrden. Ein Durchschnittswert \u00fcber beide Lager genommen, sagt dann relativ wenig \u00fcber die tats\u00e4chliche Lage aus. Der Digital News Report des Reuters Institutes hat dies in mehreren Jahren gut abgebildet. <br \/><br \/>Drittens, das Medienvertrauen geht Hand in Hand mit dem Vertrauen in die Politik und ihre Institutionen \u2013 und auf diesem Wege bei Gelegenheit auch mal steil bergab. Diverse Umfragen belegen, dass in politisch besonders konfliktreichen Jahren auch das Vertrauen in die Medien schwindet und manchmal eine Weile braucht, um sich wieder zu erholen. Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich sind ein Beispiel f\u00fcr einen besonders drastischen Vertrauenssturz. Hart umk\u00e4mpfte Wahlen versch\u00e4rfen die Polarisierung und resultieren oft in einer Vertrauensdelle, auch Einzelereignisse \u2013 siehe die K\u00f6lner Silvesternacht und ihre mediale Aufarbeitung \u2013 k\u00f6nnen dazu f\u00fchren.<br \/><br \/>Viertens hei\u00dft dies aber auch, dass Redaktionen das Vertrauen der Menschen in ihre Erzeugnisse nicht so nachhaltig beeinflussen k\u00f6nnen, wie sie sich dies erhoffen. Manch politische und gesellschaftliche Entwicklung wiegt schwerer als die Qualit\u00e4t des Journalismus. Man k\u00f6nnte sogar von einem Paradox sprechen: Je st\u00e4rker sich Journalismus mit politischen Zerw\u00fcrfnissen und Verwerfungen besch\u00e4ftigt, umso fragiler kann das Vertrauen werden. Wird die Leistungsf\u00e4higkeit von Institutionen insgesamt angezweifelt, schadet das der Institution Journalismus gleich mit. Reporter*innen, die sich nur auf Streit fixieren, s\u00e4gen also an dem Ast, auf dem sie sitzen. <br \/><br \/>F\u00fcnftens, die Medien m\u00fcssen nat\u00fcrlich trotzdem gegensteuern: Bessere Erkl\u00e4rungen, mehr Transparenz die eigene Arbeit betreffend, interaktive Formate, die B\u00fcrger*innen einbeziehen und nahbare Journalist*innen tragen dazu bei, dass sich die B\u00fcrger*innen von ihren Medien ernst genommen f\u00fchlen. Am besten gelingt dies in Deutschland laut der Mainzer Studie nach wie vor den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern, die f\u00fcr 70 Prozent der Nutzer*innen vertrauensw\u00fcrdig sind, gleich danach folgen Lokal- und Regionalzeitungen. \u00dcberregionale Marken bekommen von etwa jedem zweiten einen Vertrauensbonus. Pandemie hin oder her, an der Gewichtung hat sich \u00fcber die Jahre kaum etwas ge\u00e4ndert.<br \/><br \/>Sechstens, das eigentliche Problem f\u00fcr den Journalismus ist nicht der Vertrauensverlust. Es ist der Verlust an Relevanz f\u00fcr das t\u00e4gliche Leben \u2013 und den hat er sich auch selbst zuzuschreiben. Im globalen Durchschnitt gibt schon etwa jede*r Dritte an, auf Nachrichtenangebote h\u00e4ufig gut verzichten zu k\u00f6nnen. Als Grund wird selten mangelndes Vertrauen genannt. Die Berichterstattung sei zu negativ und biete zu viel des immer Gleichen, das sind die h\u00e4ufigsten Klagen der Medien-Vermeider*innen, besonders die junge Generation sieht das so. Auch in der Mainzer Studie gaben 40 Prozent der Befragten an, dass die Medien es mit der Corona-Berichterstattung \u00fcbertreiben. Statt die Nutzer*innen also mit Masse zuzusch\u00fctten, k\u00e4me es st\u00e4rker darauf an, sie ab und an mal zu \u00fcberraschen: mit besonderem Tiefgang, mit starken Daten, mit Vielfalt und Perspektive. Und es k\u00e4me darauf an, auf die Plattformen zu gehen, auf denen sich die Nutzer*innen aufhalten. Bei den Formaten mehr in die Breite und bei den Inhalten mehr in die Tiefe gehen, das w\u00e4re ein gutes Rezept. <br \/><br \/>Siebtens gibt es nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass sich die Erz\u00e4hlung vom Vertrauenskollaps so nachhaltig h\u00e4lt. Zun\u00e4chst einmal hat das mit dem allgemeinen Unwillen zu tun, sich mit Daten zu besch\u00e4ftigen, die den eigenen Annahmen widersprechen. Davon sind auch Medienschaffende und Politiker*innen nicht frei. Vor allem aber kommt das Bild so manch einem sehr gelegen. Denn wenn etwas kaputt ist, muss man es reparieren. Die Dringlichkeit, in starken Journalismus zu investieren, l\u00e4sst sich mit Vertrauens-Schwund besser begr\u00fcnden als mit \u00dcberdruss. Aber letzterer ist die gr\u00f6\u00dfere Gefahr.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Diese <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-corona-als-vertrauens-booster-was-redaktionen-jetzt-tun-koennen\">Kolumne<\/a> erschien im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School am 9. April 2021.\u00a0<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man h\u00f6rt das immer wieder, die Frage kommt von Politiker*innen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und anderen, die sich um den Fortbestand der Medienlandschaft in der Demokratie sorgen: Was sich denn tun lie\u00dfe, um das so dramatisch gesunkene Vertrauen in die Medien wieder aufzup\u00e4ppeln? 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