{"id":1117,"date":"2021-04-16T12:09:55","date_gmt":"2021-04-16T10:09:55","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1117"},"modified":"2021-04-16T12:09:55","modified_gmt":"2021-04-16T10:09:55","slug":"print-hat-gewonnen-warum-die-zeitung-stirbt-und-trotzdem-ueberlebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/print-hat-gewonnen-warum-die-zeitung-stirbt-und-trotzdem-ueberlebt\/","title":{"rendered":"Print hat gewonnen &#8211; Warum die Zeitung stirbt und trotzdem \u00fcberlebt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Einige erinnern sich noch viel zu gut daran, andere spielen weiterhin t\u00e4glich in der einen oder der anderen Mannschaft: Das ideologische Kr\u00e4ftemessen zwischen Print und Online hat mindestens eine Generation von Journalist*innen und Verlagsmanager*innen verschlissen, w\u00e4hrend sich das Publikum l\u00e4ngst spannenderen Wettbewerben zugewandt hat. Man k\u00f6nnte jetzt dar\u00fcber sinnieren, was man in der Zeit h\u00e4tte gemeinsam anstellen k\u00f6nnen mit all der Energie. Aber nun, da in vielen H\u00e4usern die Zeichen auf Ann\u00e4herung stehen, sollte man besser an der gemeinsamen Perspektive arbeiten, allerdings nicht, ohne noch einmal die Schiedsrichter zu befragen. Und deren Bilanz d\u00fcrfte Stand jetzt einigerma\u00dfen eindeutig ausfallen: Print hat gewonnen. Bitte was?<\/p>\n<p>Bevor sich langgediente Zeitungsmenschen jetzt gegenseitig auf die Schulter klopfen, wohingegen Onliner der Kolumnistin einen Vogel zeigen und das Lesen hier abbrechen, empfiehlt sich ein Blick in das, was man vor Gericht die Urteilsbegr\u00fcndung nennen w\u00fcrde. Denn nat\u00fcrlich geht es nicht um einen Sieg des Papiers \u00fcber das Digitale. Im Gegenteil: Manager, die immer noch mit dem Verweis \u201ehier wird das Geld verdient\u201c auf die Vollabonnements ihrer Zeitung verweisen und jegliche Digitalstrategie nach m\u00f6glicher \u201eKannibalisierung\u201c durchleuchten, bringen ihre Verlage in Lebensgefahr. Auch wenn Anh\u00e4nger des Papiers das haptische Erlebnis beschw\u00f6ren, sinkt deren Zahl berechenbar. Die t\u00e4gliche gedruckte Zeitung d\u00fcrfte im n\u00e4chsten Jahrzehnt zum Nischenprodukt werden. <br \/><br \/>Gewonnen hat vielmehr das Prinzip Print. Dessen Kern war es, vertrauensvolle, loyale und direkte Beziehungen zu den Nutzern aufzubauen. Die Zeitung versprach Qualit\u00e4t, ein (t\u00e4gliches) Erlebnis, und schlich sich als liebgewonnene Gewohnheit in den Alltag ihrer Leser*innen ein. Auch die Anzeigenkunden sch\u00e4tzten das. Die Kontrolle \u00fcber die Plattform lag zu 100 Prozent beim Verlag \u2013 schwierige Wetterlagen mal ausgenommen. Der <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/technology-56168843\">Konflikt Facebook gegen Australien<\/a>, der die Medienbranche zu Jahresbeginn besch\u00e4ftigte, hatte drastisch wie selten beleuchtet, was es bedeutet, Dritten diese Kontrolle zu \u00fcberlassen.<br \/><br \/>Der naheliegende Rat an die Verlage w\u00e4re: Verkauft digitale Abos, bringt die Nutzer*innen auf eure Homepage oder in die App, dann habt ihr solche Probleme nicht. Hat ja fr\u00fcher mit Print auch geklappt. Tats\u00e4chlich sind diejenigen Medienh\u00e4user in der neuen Informationswelt am erfolgreichsten, die fr\u00fch auf digitale Abonnements nach dem Modell der Print-Loyalit\u00e4t gesetzt haben. Sie investieren mit investigativen Recherchen und starken Autor*innen in Qualit\u00e4tsjournalismus (Clickbait bringt keine Nutzer-Bindung) und k\u00fcmmern sich um die Bed\u00fcrfnisse ihrer Leser, allerdings mit Blick auf die neue Konkurrenz-Situation. Das Spotify- oder Netflix-Abo gilt preislich als die Benchmark, bei der Nutzerfreundlichkeit ebenso. <br \/><br \/>Dennoch ist auch das wahr: Mehr als zwei Drittel derjenigen, die digitalen Journalismus konsumieren, gehen eben nicht direkt oder \u00fcber eine Website zum Angebot, sondern nutzen die Plattformen Dritter, beim jungen Publikum w\u00e4hlten im vergangenen Jahr sogar 84 Prozent diesen Weg, wie der <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report 2020<\/a> protokolliert. Und nach wie vor ist zumindest in Deutschland nur etwa jede*r zehnte Nutzer*in dazu bereit, f\u00fcr Online- Journalismus zu zahlen \u2013 dieser Anteil liegt deutlich unter dem, den skandinavische Medienh\u00e4user erzielen, aber nicht sehr weit unter dem weltweiten Durchschnittswert. Man muss also sagen: \u201ePrint\u201c hat zwar gewonnen, kann sich daf\u00fcr aber noch nicht viel kaufen \u2013 selbst wenn sich die Branche in der <a href=\"https:\/\/www.bdzv.de\/fileadmin\/content\/6_Service\/6-1_Presse\/6-1-2_Pressemitteilungen\/2021\/PDFs\/BDZV_Schickler_Trendumfrage_2021_Praesentation_2021-02-09.pdf\">im Februar ver\u00f6ffentlichten Umfrage<\/a> des Bundesverbands der Newspublisher und Zeitungsverleger sehr breitbeinig gegeben hat. <br \/><br \/>Das fremdbestimmte Leben wird also zu gro\u00dfen Teilen weitergehen, und das ist nicht mal schlimm. Denn \u00fcber die sozialen Netzwerke k\u00f6nnen die Verlage in Bev\u00f6lkerungsschichten hereinreichen, die das Papier-Produkt ohnehin niemals f\u00fcr sich in Erw\u00e4gung gezogen h\u00e4tten. Sie erf\u00fcllen also damit ihren Informationsauftrag in der Demokratie. Gleichzeitig k\u00f6nnen sie mit etwas M\u00fche und Nachdenken jene Kund*innen \u00fcber eigene Plattformen an sich binden, die sich f\u00fcr journalistische Qualit\u00e4t und Nutzerfreundlichkeit begeistern. Nur m\u00fcssen sie denen einen Mehrwert bieten. Mit dem Gie\u00dfkannen-Journalismus fr\u00fcherer Zeiten (\u201ealles f\u00fcr alle\u201c) werden sie dabei nicht weiterkommen, zumal der in der Produktion deutlich zu teuer ist. W\u00e4hrend man in Redaktionen viel dar\u00fcber nachdenkt, was man f\u00fcr seine Leser*innen tun k\u00f6nnte, wird viel zu selten analysiert, was man weglassen sollte, weil es keinen der genannten Zwecke erf\u00fcllt.<br \/><br \/>Ganz schleunig aber m\u00fcssen die alten Gr\u00e4ben \u00fcberwunden werden, die sich weiterhin durch viele Redaktionen und Verlage ziehen. Die Online-Mannschaft muss sich das \u201ePrinzip Print\u201c zu eigen machen und in stabilen Kundenbeziehungen statt in Content denken. Menschen zahlen f\u00fcr Erlebnisse und Erfahrungen aber selten f\u00fcr einzelne Inhalte, es sei denn, sie kaufen ein Buch (was \u00fcbrigens immer ein Versprechen auf ein Erlebnis ist). Die Print-Mannschaft muss lernen, in Plattformen zu denken, von denen die Zeitung nur eine ist. Wer die Plattform kontrolliert, gewinnt. Das war bei Print so, und das wird auch k\u00fcnftig so sein.<br \/><br \/><em>Diese Kolumne erschien zuerst bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.movact.dev\/alexandra-borchardt-kolumne-7\/4062\/\">Medieninsider am 24. Februar 2021<\/a> und wurde f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-print-hat-gewonnen-warum-die-zeitung-stirbt-und-trotzdem-ueberlebt\">DJF-Newsletter<\/a> aktualisiert.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\">\u00a0<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige erinnern sich noch viel zu gut daran, andere spielen weiterhin t\u00e4glich in der einen oder der anderen Mannschaft: Das ideologische Kr\u00e4ftemessen zwischen Print und Online hat mindestens eine Generation von Journalist*innen und Verlagsmanager*innen verschlissen, w\u00e4hrend sich das Publikum l\u00e4ngst spannenderen Wettbewerben zugewandt hat. 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