{"id":1121,"date":"2021-05-10T11:27:02","date_gmt":"2021-05-10T09:27:02","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1121"},"modified":"2021-05-10T11:27:02","modified_gmt":"2021-05-10T09:27:02","slug":"selten-so-gelacht-journalismus-muss-humor-ernst-nehmen-wenn-er-die-junge-generation-erreichen-moechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/selten-so-gelacht-journalismus-muss-humor-ernst-nehmen-wenn-er-die-junge-generation-erreichen-moechte\/","title":{"rendered":"Selten (so) gelacht &#8211; Journalismus muss Humor ernst nehmen, wenn er die junge Generation erreichen m\u00f6chte"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Journalismus ist eine ernste Sache. Gerade erst wurde ein griechischer Investigativ-Reporter vor seinem Haus in einem Vorort von Athen <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/journalist-murdered-in-greece-police-suspect-contract-killing\/a-57169040\">erschossen<\/a>. In Deutschland werden Journalist*innen immer h\u00e4ufiger physisch angegriffen, die Organisation Reporter ohne Grenzen stufte deshalb in ihrem neuen Lagebericht den <a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/pressemitteilungen\/meldung\/journalisten-kaempfen-in-der-pandemie-gegen-neue-und-alte-gefahren\">Zustand der Pressefreiheit von \u201egut\u201c auf \u201ezufriedenstellend\u201c<\/a> zur\u00fcck. Speziell in Mittel- und Osteuropa treiben Politik und Oligarchen unabh\u00e4ngige Medien in die Enge, ohne dass die EU ernsthaft einschreiten w\u00fcrde. \u201e<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/8fc87a4e-650c-44e5-a47e-9da3b9755cdf\">Europe\u2019s fourth estate needs more active support<\/a>\u201c, forderte das Editorial Board der Financial Times in dieser Woche. Und dann kommt Jan B\u00f6hmermann, und landet mit einem Satire-Magazin \u201eFreizeit Magazin Royale\u201c einen <a href=\"https:\/\/www.dwdl.de\/zahlenzentrale\/82375\/zdffreizeitmagazin_royale_beschert_boehmermann_hohe_werte\/?utm_source=&amp;utm_medium=&amp;utm_campaign=&amp;utm_term=\">Kiosk-, TV- und Social-Media-Hit<\/a>. Was regt junge Leute von diesen Dingen am meisten auf? Vermutung: dass B\u00f6hmermanns Magazin nach kurzer Zeit vergriffen war.<br \/><br \/>Wer dem jugendlichen Publikum deshalb den Sinn f\u00fcrs Ernsthafte abspricht, macht es sich aber zu leicht. Humor ist eine ernste Sache, um das zu verstehen, m\u00fcssen nicht erst Karikaturist*innen angegriffen werden. Und der Trend, dass junge Menschen sich den Nachrichten verst\u00e4rkt \u00fcber Comedy n\u00e4hern, ist nicht neu. <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/1464884907078655\">Eine Studie in der Fachzeitschrift \u201eJournalism\u201c<\/a> beleuchtete dies f\u00fcr die USA schon 2007, ein Jahrzehnt nach dem Launch von \u201eThe Daily Show\u201c auf Comedy Central. Seitdem wurden vielerorts entsprechende Formate entwickelt, ohne dass dies den Journalismus als solches vergn\u00fcglicher gemacht h\u00e4tte. Aber moderne Redaktionen ahnen: Wer die n\u00e4chste Generation f\u00fcr das Nachrichtengeschehen begeistern will, muss die leichte Form ernst nehmen. Doch das ist gar nicht so einfach. <br \/><br \/>Satire geh\u00f6rt zu den journalistischen Gattungen, die am h\u00e4ufigsten misslingen. Was ist Satire, was nur schlechter Geschmack und was sogar menschenverachtend? Dar\u00fcber stritt man sich in Deutschland trefflich vor knapp einem Jahr, als eine gar nicht mal so lustige <a href=\"https:\/\/taz.de\/Abschaffung-der-Polizei\/!5689584\/\">Kolumne<\/a> von Hengameh Yaghoobifarah in der taz die Polizei mit M\u00fcll gleichsetzte und deshalb viele Menschen besch\u00e4ftigte \u2013 bis hin zum Bundesinnenminister und dem Deutschen Presserat. Mehr noch als andere journalistische Formen, die sich mit Handwerk, Hartn\u00e4ckigkeit und viel \u00dcbung akzeptabel meistern lassen, geh\u00f6rt zur Satire oder Glosse ein gewisses Talent \u2013 also, Humor. Und der ist auch noch kulturell kodiert. <br \/><br \/>Nicht jede*r kann und sollte \u00fcber alles lachen. Humor \u00fcbt Macht aus, und funktioniert deshalb eher von unten nach oben. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man damit gegen etablierte Machtstrukturen rebelliert oder sie \u2013 witzelt man von oben herab \u2013 zementiert. Eine Sendung, in der sich privilegierte Moderator*innen \u00fcber politische Korrektheit am\u00fcsieren, kann aus diesem Grund <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/nachrichten\/kritik-die-letzte-instanz-100.html\">schon mal danebengehen<\/a>. Gleiches galt f\u00fcr die missgl\u00fcckte Kampagne #allesdichtmachen, in der namhafte Schauspieler vermeintlich ironisch f\u00fcr Meinungsfreiheit in der Corona-Krise streiten wollten, Teile der \u00d6ffentlichkeit dies aber im besseren Fall als weinerliche Klage aus der Designer-K\u00fcche wahrnahmen. \u00a0<\/p>\n<p>Die amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Danna Young beschreibt in ihrem 2019 erschienenen Buch <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2019\/12\/why-liberal-satire-and-conservative-outrage-are-both-responses-to-mainstream-media-but-with-very-different-powers\/\">\u201eIrony and Outrage\u201c<\/a> zudem, dass zur Satire eine gewisse liberale Grundhaltung geh\u00f6rt, die gedankliche Freiheit sch\u00e4tzt und sich den ernsten Dingen des Lebens spielerisch n\u00e4hert. Das Pendant dazu im rechten politischen Spektrum sei der Aufstieg der Wut-Talkshows. <br \/><br \/>Zwischen diesen Polen bewegen sich die traditionellen Medien. Deren Journalist*innen arbeiten zumeist im Fakten-Gesch\u00e4ft und selten im Fach Humor. Fakten sind per Definition eindeutig und klar. Humor ist mehrdeutig und lebt durch Interpretation. Beim Mischen wird\u2019s gef\u00e4hrlich. Gerade in den sozialen Netzwerken l\u00e4sst sich Humor oft schwer identifizieren. Vielen Reporter*innen und Kommentator*innen ist au\u00dferdem selten zum Lachen zumute (siehe oben), Zynismus mal ausgenommen.<br \/><br \/>Aber es hilft nichts, die Richtung ist klar: Humor funktioniert beim jungen Publikum. Regel Nummer eins dabei: Er darf seine Adressat*innen nicht untersch\u00e4tzen. Das (print) Magazin Katapult ist deshalb so ein Knaller bei der Generation Abi plus, weil es Faktentiefe und Leichtigkeit l\u00e4ssig mischt. Untertitel: \u201eMagazin f\u00fcr Eis, Kartografik und Sozialwissenschaft\u201c, muss man mehr erkl\u00e4ren? Junge Nutzer*innen bevorzugen Journalismus, der erkl\u00e4rt, ihnen im t\u00e4glichen Leben nutzt und Spa\u00df macht, hatte eine vom Reuters Institut in Oxford ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/sites\/default\/files\/2021-02\/FlamingoxREUTERS-Report-Full-KG-V28.pdf\">Studie<\/a> ergeben.<br \/><br \/>Beim Konsum der meisten etablierten Medien ist der Spa\u00dffaktor noch immer begrenzt. Fr\u00fcher galt es als Nachweis von Bildungsb\u00fcrgerlichkeit, wenn man sich bei der Zeitungslekt\u00fcre ordentlich qu\u00e4len musste. Heute l\u00f6st Status-Gehabe nur noch Langeweile aus. Die leichter verdauliche Alternative wartet schlie\u00dflich schon \u2013 auf Youtube oder Tik Tok. Nun geht es nicht darum, Nachrichten und Analyse durch Satire zu ersetzen \u2013 wer es beim Humor nicht auf Premium-Qualit\u00e4t bringt, sollte ihn sich verkneifen. Woran aber jeder arbeiten kann, ist der Ton. Viele Podcasts funktionieren deshalb so gut, weil sie leicht und plaudernd daher kommen \u2013 die Fakten darin sind h\u00e4ufig ernst genug. <br \/><br \/>Zeitungslekt\u00fcre kann da noch aufholen. So manch einer Formulierung im deutschen Feuilleton merkt man an, wie sich die Redakteur*innen oder Essayist*innen selbst daran begeistert haben. Aufs Publikum wirken sie nur peinlich. Gerade junge Leute haben gute Antennen daf\u00fcr, wenn auf Kosten Schw\u00e4cherer gelacht wird. Sie empfinden das nicht als witzig, sondern als \u00fcbergriffig und diskriminierend. Belehren ist out, ernst nehmen ist in. Im Zweifel darf man ruhig mal \u00fcber sich selber spotten. Um das hinzukriegen, muss man nicht mal Comedian sein.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-selten-so-gelacht-journalismus-muss-humor-ernst-nehmen-wenn-er-die-junge-generation-erreichen-moechte\">am 23. April 2021<\/a> im Newsletter des Digital Journalism Fellowship an der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalismus ist eine ernste Sache. Gerade erst wurde ein griechischer Investigativ-Reporter vor seinem Haus in einem Vorort von Athen erschossen. In Deutschland werden Journalist*innen immer h\u00e4ufiger physisch angegriffen, die Organisation Reporter ohne Grenzen stufte deshalb in ihrem neuen Lagebericht den Zustand der Pressefreiheit von \u201egut\u201c auf \u201ezufriedenstellend\u201c zur\u00fcck. Speziell in Mittel- und Osteuropa treiben Politik &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/selten-so-gelacht-journalismus-muss-humor-ernst-nehmen-wenn-er-die-junge-generation-erreichen-moechte\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eSelten (so) gelacht &#8211; Journalismus muss Humor ernst nehmen, wenn er die junge Generation erreichen m\u00f6chte\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[540,539,538,542,537,52,430,60,329,332,543,541,544],"class_list":["post-1121","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-allesdichtmachen","tag-boehmermann","tag-comedy","tag-danna-young","tag-humor","tag-journalismus","tag-junge-leute","tag-medien","tag-publikum","tag-satire","tag-spass","tag-witz","tag-youtube"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1121\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1121"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1121\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1122,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1121\/revisions\/1122\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}