{"id":1126,"date":"2021-05-10T12:05:36","date_gmt":"2021-05-10T10:05:36","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1126"},"modified":"2021-05-10T12:05:36","modified_gmt":"2021-05-10T10:05:36","slug":"themen-teams-statt-ressorts-wie-journalismus-die-beduerfnisse-seiner-nutzerinnen-ins-zentrum-stellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/themen-teams-statt-ressorts-wie-journalismus-die-beduerfnisse-seiner-nutzerinnen-ins-zentrum-stellt\/","title":{"rendered":"Themen-Teams statt Ressorts &#8211; Wie Journalismus die Bed\u00fcrfnisse seiner Nutzer*innen ins Zentrum stellt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Bislang kennt man das Werkzeug eher als Hilfsmittel f\u00fcr den redaktionellen Kahlschlag: Allen wird gek\u00fcndigt, und jede*r muss sich in seinem*ihrem alten Unternehmen neu bewerben, nur dass dies dann unter anderem Namen firmiert. Verlagsmanager*innen greifen gerne zu diesem Kniff, um das K\u00fcndigungsschutzrecht zu umgehen. Sie hoffen, die Belegschaft damit so zu verunsichern, dass etliche Betroffene von selbst abspringen \u2013 idealerweise jene, die schon ahnen, dass man die Zukunft nur widerwillig mit ihnen plant. Es gibt allerdings auch Redaktionen, die mit einem solchen Werkzeug den digitalen Aufbruch stemmen. Wenn sich alle Mitarbeiter*innen neu auf ihre St\u00e4rken und W\u00fcnsche besinnen m\u00fcssen, entsteht jene produktive Unruhe, ohne die ein echter Wandel nicht m\u00f6glich ist, so das Kalk\u00fcl dahinter. <br \/><br \/>Ein Beispiel ist der schottische Medienkonzern DC Thomson Media: Dort hatte man schon vor einer Weile geahnt, dass die alten Ressort-Strukturen nicht mehr viel taugen f\u00fcr eine moderne Redaktion, die sich an den Bed\u00fcrfnissen und Interessen der Nutzer*innen orientiert. Und die folgen eben nicht stur dem klassischen Schema, nach dem Redaktionen seit mehr als 100 Jahren sortiert sind: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und so weiter. Deshalb initiierten die Schotten \u201e<a href=\"https:\/\/www.tablestakes-europe.org\/dc-thomson\">Mini Publisher Teams<\/a>\u201c rund um verschiedene Themen wie investigative Recherchen f\u00fcr Politik-Junkies, Essen und Trinken, Nostalgie\/Historie oder Mobilit\u00e4t. Das Konzept kam so gut an, dass sich nach einer gro\u00dfen Bewerbungsrunde nun fast die gesamte Redaktion auf solche Teams verteilt. Auch f\u00fcr die t\u00e4gliche Zeitungsproduktion ist eine Gruppe zust\u00e4ndig, die sich mit den Bed\u00fcrfnissen eben jener Menschen besch\u00e4ftigt, die jeden Morgen ein gut gemixtes Produkt an Nachrichten und Geschichten aus dem Briefkasten fischen wollen. Das \u201ePrint Audience\u201c ist allerdings nur eines von vielen, anders als im traditionellen Gesch\u00e4ft, wo die Zeitungsleser*innen mit der allgemeinen \u00d6ffentlichkeit gleichgesetzt werden. Und von wegen Kahlschlag: Zus\u00e4tzlich wurden <a href=\"https:\/\/www.dctmedia.co.uk\/2021\/01\/26\/dc-thomson-media-is-hiring-up-to-20-new-staff-as-part-of-their-digital-newsroom-transformation-programme\/\">20 Stellen geschaffen<\/a>. <br \/><br \/>So manch ein*e Ressortleiter*in mag jetzt nerv\u00f6s werden. Aber mal ehrlich: Haben diese endlosen Absprachen dar\u00fcber nicht schon immer genervt, ob das neue Mietengesetz jetzt im Politik-Ressort, in der Wirtschaft oder im Vermischten behandelt wird, wom\u00f6glich sogar in der Beilage Bauen und Wohnen? Mit einem \u201eMini-Publisher\u201c \u2013 andere nennen es Squad oder Audience-Team \u2013 rund um das Thema Wohnen und Leben w\u00e4re das kein Problem gewesen. <br \/><br \/>Katie Lloyd, Entwicklungschefin von BBC News, hat das in einem Gespr\u00e4ch einmal so erkl\u00e4rt: \u201eRessorts in den Medien strukturieren sich traditionell entlang der Ministerien in Regierungen, sie orientieren sich nicht an den Bed\u00fcrfnissen des Publikums. Das ist \u00fcberholt.\u201c Es gibt eben nur wenige Leser*innen, die sich f\u00fcr Innenpolitik oder Au\u00dfenpolitik als Ganzes interessieren. Die meisten schauen eher danach, was sie wissen m\u00f6chten oder m\u00fcssen, sie interessieren sich f\u00fcr einen klimavertr\u00e4glichen Lebensstil, ihre Situation als Migrant*in oder als Eltern von Schulkindern. Ebenso unhandlich sind Gemeindegrenzen, wenn es darum geht, Berichterstattung zu organisieren. Wer sich um die t\u00e4gliche Mobilit\u00e4t sorgt, m\u00f6chte die Situation entlang der gesamten Bundesstra\u00dfe kennen, nicht nur die an der Ausfahrt X. Und wem Gesundheit und Fitness ein Anliegen ist, der interessiert sich nicht nur f\u00fcr eine bestimmte Laufroute, sondern f\u00fcr alle damit verbundenen Angebote in der Region.<br \/><br \/>Das Wort Mini-Publisher impliziert dabei, dass Verantwortung von oben nach unten und in die Breite delegiert wird. Ein Team oder Squad ist zust\u00e4ndig daf\u00fcr, mit welchen Produkten und Angeboten man ein bestimmtes Publikum am meisten begeistert, welche Formate und welcher \u201eTon\u201c sich daf\u00fcr eignen, wie man das Thema unter die Leute bekommt und welche Werbekunden sich m\u00f6glicherweise daf\u00fcr interessieren k\u00f6nnten. Und nat\u00fcrlich steht so ein Team auch f\u00fcr die Ergebnisse gerade. Manchmal muss es sogar sich selbst abschaffen, wenn die Zielgruppe doch nicht so will wie gedacht. Man ahnt es: Die strikte Trennung zwischen Redaktion und Verlag ist aufgehoben, Reporter*innen m\u00fcssen mit Software-Entwickler*innen und Marketing-Strateg*innen zusammenarbeiten. Guter Journalismus steht trotzdem im Kern.<\/p>\n<p>Ganz geheuer ist das Konzept vielen Journalist*innen nicht, Inhalte von den Bed\u00fcrfnissen und Interessen verschiedener Nutzer*innen her zu denken. Habe man nicht den Auftrag, die \u00d6ffentlichkeit als Ganzes zu bedienen mit den Themen, die wichtig f\u00fcr die B\u00fcrger*innen sind? Journalismus an den W\u00fcnschen des Publikums auszurichten, das kommt vielen wie Anbiederung und jenes Clickbaiting vor, das man doch gerade \u00fcberwinden will. Der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Jakob Nelson hat diese Debatte in seinem Buch \u201eImagined Audiences\u201c von verschiedenen Perspektiven beleuchtet.<br \/><br \/>Nur sollte man sich nichts vormachen, Journalismus hat noch nie mit einem Angebot alle potenziellen Adressat*innen erreicht. Die Nutzer*innen entscheiden ohnehin, welche St\u00fccke sie lesen, welche Grafiken sie studieren, welche Sendungen sie h\u00f6ren oder schauen und wo sie gelangweilt weiterbl\u00e4ttern oder -klicken. Nur haben die Medien, die das Pr\u00e4dikat Qualit\u00e4tsjournalismus so stolz vor sich hertragen, bislang oft herzlich wenig dazu beigetragen, diese Qualit\u00e4t auch an alle zu liefern. Vielmehr hat man versucht, dem gesamten Publikum einen einheitlichen Qualit\u00e4tsbegriff aufzudr\u00fccken, ohne sich darum zu k\u00fcmmern, wer sich vielleicht wie und mit welchem Produkt besser angesprochen f\u00fchlen w\u00fcrde. Frauen, Migrant*innen, junge Leser*innen konnten mit vielen Angeboten nichts anfangen. Der mangelnde Erfolg westdeutscher Zeitungen in Ostdeutschland ist nur ein Beispiel daf\u00fcr, dass das Konzept &#8222;alles f\u00fcr alle&#8220; nicht funktioniert. <br \/><br \/>Was daraus folgt, ist ein gewaltiges Problem: Viel zu viel Journalismus wird an den Bed\u00fcrfnissen der Konsument*innen vorbei produziert. Jede*r, der*die sich in Redaktionen mit Daten besch\u00e4ftigt, hat auf Anhieb ein paar gute Beispiele an Stoffen parat, die zwar aufw\u00e4ndig erarbeitet aber von wenigen oder nur sehr unvollst\u00e4ndig gelesen werden. In Zeiten schrumpfender Ressourcen und steigender Anforderungen kann sich das keine Redaktion mehr leisten. Klar, ganz genau wird sich die Nachfrage nie prognostizieren lassen. Aber wer sich vor der Produktion mit den Abnehmer*innen der Produkte besch\u00e4ftigt, macht schon mal einiges richtig. <br \/><br \/>Nicht jede Redaktion muss dabei so weit gehen wie DC Thomson. Der frische Blick auf die Themen tut vielen Kolleg*innen dort gut, so manch eine*r hat sich neu orientiert. Nur ein Team hatte M\u00fche, ausreichend interne Bewerber*innen zu begeistern: Breaking News. Offenbar ist das, was Redaktionen heute noch am meisten umtreibt, vielen ihrer Mitglieder selbst schon zu viel.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-themen-teams-statt-ressorts-wie-journalismus-die-beduerfnisse-seiner-nutzer-ins-zentrum-stellt\">erschien am 29. April 2021<\/a> im Newsletter des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bislang kennt man das Werkzeug eher als Hilfsmittel f\u00fcr den redaktionellen Kahlschlag: Allen wird gek\u00fcndigt, und jede*r muss sich in seinem*ihrem alten Unternehmen neu bewerben, nur dass dies dann unter anderem Namen firmiert. 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