{"id":1128,"date":"2021-05-10T12:10:47","date_gmt":"2021-05-10T10:10:47","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1128"},"modified":"2021-05-10T12:10:48","modified_gmt":"2021-05-10T10:10:48","slug":"zu-gut-gemeint-moderner-journalismus-braucht-mehr-recherche-und-weniger-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/zu-gut-gemeint-moderner-journalismus-braucht-mehr-recherche-und-weniger-kommentar\/","title":{"rendered":"Zu gut gemeint &#8211; Moderner Journalismus braucht mehr Recherche und weniger Kommentar"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Die Intendantin des schwedischen Senders Sveriges Radio, Cilla Benk\u00f6, ist in der internationalen Medienszene f\u00fcr ihre Meinungsfreude bekannt. Und genau zu dem Thema bezieht sie so klar Position, wie sonst kaum jemand in ihrer Liga: Kommentare h\u00e4tten in \u00f6ffentlich-rechtlichen Programmen nichts zu suchen, sagt Benk\u00f6, diese H\u00e4user seien f\u00fcr die Fakten da. Treffer versenkt. <br \/><br \/>In Deutschlands Gro\u00df-Sendern sieht man das bekanntlich anders, wenngleich es durchaus Diskussionen gibt. Immerhin hat ARD Aktuell <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/Meinung-Mehr-Debatte-in-Tagesthemen,tagesthemenkommentare100.html\">den Tagesthemen-\u201eKommentar\u201c im vergangenen Jahr in \u201eMeinung\u201c umbenannt<\/a>. Damit wollte man unterstreichen, dass es sich bei der abendlichen Gardinenpredigt um Meinungen einzelner Kolleg*innen handelt, nicht etwa um die des Hauses. Dem gr\u00f6\u00dften Teil des Publikums mag diese Nuance nicht aufgefallen sein, aber man ahnt, was der kleine Schritt intern bedeutet haben muss. Er h\u00e4tte als Auftakt einer Debatte getaugt, die in der Branche dringend ausf\u00fchrlicher gef\u00fchrt werden m\u00fcsste: Wie viel Meinung vertr\u00e4gt der Journalismus? <br \/><br \/>Klar ist, in den digitalen Kan\u00e4len ist Meinung ein Ding. Die sozialen Netzwerke leben davon und deshalb auch die Redaktionen, die auf ein paar schnelle Klicks angewiesen sind. Ein pointierter Kommentar bekommt Aufmerksamkeit, und das ist die W\u00e4hrung des Internets. Redaktionen schm\u00fccken sich gerne mit Autor*innen, die sich als meinungsstarke Personen-Marken etabliert haben. Sie binden Kund*innen und halten damit die Abonnent*innen bei Laune. Meinung ist billig, denn dazu braucht man nur einen Kopf und einen Computer. Recherche hingegen kostet: Zeit, Geld, Abstimmung, juristisches Risiko. Ohne Meinung also weniger Gesch\u00e4ft. <br \/><br \/>Und nat\u00fcrlich hat der Kommentar im Journalismus Tradition. In den gro\u00dfen Zeitungsredaktionen geh\u00f6rte das Verfassen von Meinungsst\u00fccken fr\u00fcher zu den vornehmsten Aufgaben von Journalist*innen, zumindest in Deutschland. Wer den Leitartikel schrieb, durfte nicht gest\u00f6rt werden und musste f\u00fcr den Rest des Tages nichts mehr tun. In angels\u00e4chsischen Medien gab (und gibt) es spezielle Kommentator*innen-Teams. Sie diskutieren die Position des Hauses, bevor sie jemand im Namen der Redaktion aufschreiben darf. Vor Wahlen legen sie sogar fest, welche Kandidat*innen sie ihren Leser*innen als die geeigneteren ans Herz legen.<br \/><br \/>Heute allerdings ist Meinung \u00fcberall \u2013 auch in dieser Kolumne. Jeder mit Internetzugang kann nicht nur eine haben, sondern sie auch posten, gerne l\u00e4nglich und regelm\u00e4\u00dfig, das hei\u00dft dann Blog. Privatleute f\u00fchren solche genauso wie Firmen oder Politiker*innen. Wer nicht meint, findet nicht statt. War im Journalismus fr\u00fcher das Streben nach Neutralit\u00e4t die Default-Einstellung, ist es heute die Meinung. <br \/><br \/>Unter Journalist*innen haben sich insbesondere die j\u00fcngeren die recht bequeme These zurecht gelegt, dass es so etwas wie Objektivit\u00e4t \u00fcberhaupt nicht g\u00e4be. Das Beharren darauf zementiere lediglich vorhandene Machtstrukturen, weshalb das Meinen die ehrlichere L\u00f6sung sei. Im vermeintlich modernen Journalismus ist deshalb das Ich \u00fcberall, die eigene Erfahrung gilt als Ma\u00df der Dinge. Sollen die anderen doch widersprechen. <br \/><br \/>Nur das Publikum ist sich da nicht so sicher. Laut <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report 2020<\/a> w\u00fcnscht sich der weit \u00fcberwiegende Teil der Leser*innen, dass sich Medien um Neutralit\u00e4t wenigstens bem\u00fchen, in Deutschland lag der Wert bei 80 Prozent und damit an der Spitze der untersuchten L\u00e4nder. Zumindest laut der Umfrage m\u00f6gen die Nutzer*innen beides nicht: Meinungen, die ihrer eigenen Position entsprechen und solche, die ihr widersprechen. Sie m\u00f6chten sich lieber die Fakten anschauen und sich dann selbst eine bilden. Dieses Bed\u00fcrfnis ist \u00fcbrigens in jenen L\u00e4ndern besonders ausgepr\u00e4gt, die starke \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten haben, denen Unparteilichkeit zumindest immer einen Versuch wert ist. Der diesj\u00e4hrige Digital News Report, der am 23. Juni ver\u00f6ffentlicht wird, wird sich dieses Themas in einem Schwerpunkt widmen.<br \/><br \/>Redaktionen stellt dies vor Herausforderungen. Der Wunsch der Leser*innen ist schlie\u00dflich nachvollziehbar. Wenn Meinung \u00fcberall ist, sind Fakten kostbare Ware. Nur mit gut recherchierten Geschichten kann man sich abheben vom allgemeinen Befindlichkeits-Gebrumm. Kommentare m\u00f6gen zwar gut sein f\u00fcr Klicks, aber Abos generieren dann doch eher jene Geschichten mit hohem Informationsgehalt \u2013 von denen der starken Personenmarken (siehe oben) mal abgesehen. Anders als in der Zeitung ist im Newsfeed der sozialen Netzwerke zudem kaum ersichtlich, hinter welcher \u00dcberschrift sich eine Nachricht und hinter welcher sich eine Meinung verbirgt. Zumal ein Kommentar ohne Fakten recht nackt dasteht, weshalb im Netz ohnehin nur eine Mischform funktioniert. Also lieber ganz weg mit der Meinung?<br \/><br \/>Evan Smith, Gr\u00fcnder und CEO der vielfach preisgekr\u00f6nten, auf Politikberichterstattung spezialisierten amerikanischen Regionalzeitung The Texas Tribune, kommentiert dies mit einem eindeutigen Ja. In seiner Redaktion d\u00fcrfen Politikredakteur*innen keiner Partei angeh\u00f6ren, keine Wahlplakate in ihre Vorg\u00e4rten stellen, ja nicht einmal zur Wahl gehen. \u201eWir sind unparteiisch wie ein Herzinfarkt\u201c, sagte er einmal auf einer Konferenz in Oxford, dies sei die Tribune ihrem Publikum schuldig.<br \/><br \/>Ganz so weit werden wohl die wenigsten Redaktionen gehen. Aber wirklich moderner Journalismus t\u00e4te gut daran, die Recherche rauf- und die Meinung runterzufahren, wenn er sich unverzichtbar machen will. Dies w\u00e4re ein Dienst an einem Publikum, das der haltenden Hand der Meinungsjournalist*innen l\u00e4ngst entwachsen ist. Nur haben einige von ihnen dies noch nicht gemerkt. <br \/><br \/>Sie k\u00f6nnten sich bei Hillary Clinton erkundigen. Kaum eine amerikanische Redaktion hatte die Kandidatin der Demokraten 2016 nicht empfohlen, gew\u00e4hlt wurde bekanntlich ein anderer. Das hatte Clinton viel Kummer, der Welt viel Stress und den Medien viel Arbeit gebracht. Geblieben ist hoffentlich eine Erkenntnis, die jede Redaktion an jedem Tag leiten sollte: nie das Publikum untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\"><em>Diese Kolumne<a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-gut-gemeint-moderner-journalismus-braucht-mehr-recherche-und-weniger-kommentar\"> erschien am 6. Mai 2021<\/a> im Newsletter des Digital Journalism Fellowships der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Intendantin des schwedischen Senders Sveriges Radio, Cilla Benk\u00f6, ist in der internationalen Medienszene f\u00fcr ihre Meinungsfreude bekannt. 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