{"id":1159,"date":"2021-07-11T13:54:55","date_gmt":"2021-07-11T11:54:55","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1159"},"modified":"2021-07-11T13:57:09","modified_gmt":"2021-07-11T11:57:09","slug":"kein-job-fuer-weicheier-medienmacher-sorgen-sich-viel-um-andere-und-wenig-um-die-eigenen-leute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/kein-job-fuer-weicheier-medienmacher-sorgen-sich-viel-um-andere-und-wenig-um-die-eigenen-leute\/","title":{"rendered":"&#8222;Kein Job f\u00fcr Weicheier&#8220; &#8211; Medienmacher sorgen sich viel um andere und wenig um die eigenen Leute"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"blog-content\">\n<p>Nicht \u00fcberall leiden Journalist*innen so wie in Indien. Um die 500 Reporter*innen waren dort Stand Juni 2021 w\u00e4hrend der Pandemie an einer Covid-19 Erkrankung gestorben, die sie sich bei der Recherche zugezogen hatten. Ihre Familien bek\u00e4men weder Unterst\u00fctzung von den Redaktionen noch von der Regierung, schreibt die indische Journalistin Rachel Chitra <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/risj-review\/indian-journalists-death-toll-reaches-474-more-voices-call-covid-19-protection\">in einem Artikel<\/a> f\u00fcr das Reuters Institute in Oxford. Die Pandemie ist eine vielschichtige Herausforderung f\u00fcr Journalist*innen, nicht nur wegen der Ansteckungsgefahr f\u00fcr sie und ihre Angeh\u00f6rigen, sondern auch wegen erschwerter Arbeitsbedingungen, dauerhaft hoher Belastung bei gleichzeitiger Furcht, in der angespannten wirtschaftlichen Lage den Job zu verlieren. Aber sie ist beileibe nicht die einzige B\u00fcrde, die diejenigen tragen, die dort nah herangehen m\u00fcssen, wo es unangenehm wird. Weltweit riskieren Reporter*innen ihre physische und psychische Gesundheit, manche sogar ihr Leben, weil sie ihren Job machen.<\/p>\n<p>Dabei geht es nicht nur um aufsehenerregende Angriffe auf einzelne Reporter*innen, die einflussreichen Wirtschaftsgr\u00f6\u00dfen oder autorit\u00e4ren Regierenden zu nahe auf die Pelle r\u00fccken, wie bei der spektakul\u00e4ren Entf\u00fchrung des belarussischen Bloggers Roman Protasewitsch aus einem Flugzeug auf innereurop\u00e4ischer Route. Solche F\u00e4lle l\u00f6sen zurecht international Emp\u00f6rung aus. Aber auch die allt\u00e4glichen, subtilen oder weniger subtilen Angriffe auf Redakteur*innen, Kommentator*innen und Reporter*innen zehren an den Kr\u00e4ften. Da geht es um Trolle und Hass in den sozialen Netzwerken, den einzelne oder politisch motivierte Gruppen durchaus systematisch und \u00fcberproportional gegen Frauen einsetzen. Es geht um eine toxische Redaktionskultur, die das Medium-Magazin k\u00fcrzlich in einer <a href=\"https:\/\/www.mediummagazin.de\/vorsicht-toxisch\/\">gro\u00dfen Recherche <\/a>dokumentierte. Es geht aber auch um das Tagesgesch\u00e4ft: dem Berichten vom Unfallort mit grauenhaft zugerichteten Opfern oder aus dem Gerichtssaal, wenn verst\u00f6rende Tatbest\u00e4nde detailgenau vorgetragen werden und sich als Bilder im Kopf festsetzen.<\/p>\n<p>Und all das nehmen viele Redaktionen einfach so hin. Rufen sie in Kommentaren nach Unterst\u00fctzung f\u00fcr Betroffene jeglichen Ungl\u00fccks und Unrechts, sieht es mit der F\u00fcrsorge f\u00fcr die eigenen Leute in der Regel eher mau aus. Die Auslandskorrespondentin schickt man vor dem Einsatz im Krisengebiet noch in ein spezielles Training. Der Lokalreporter allerdings kann sich nicht darauf vorbereiten, wie es ihm bei der Recherche \u00fcber das Zugungl\u00fcck mit Toten oder dem Eifersuchts-Mord in der Nachbarschaft gehen wird. Und f\u00fcr ein Debriefing nach anspruchsvollen Recherchen, gef\u00e4hrlichen Eins\u00e4tzen oder Attacken in den sozialen Netzwerken fehlt meist die Zeit, man ist schon beim n\u00e4chsten Thema. Auch um ihr Recht m\u00fcssen viele ohne Hilfe k\u00e4mpfen, selbst wenn sie online massiv bedroht werden. Das Berufsethos sorgt dann daf\u00fcr, dass die meisten Kolleg*innen das Leid alleine zu verarbeiten versuchen.<\/p>\n<p>Viele F\u00fchrungskr\u00e4fte finden das immer noch in Ordnung so. Ein gewisses Ma\u00df an Kaltschn\u00e4uzigkeit und innerer Distanz geh\u00f6re eben zur Berufsbeschreibung, hei\u00dft es dann lapidar. Journalist, das sei eben \u201ekein Job f\u00fcr Weicheier\u201c \u2013 so sagte es einmal ein BBC-Kollege in einem Leadership-Seminar. Wer die Hitze nicht m\u00f6ge, solle eben die K\u00fcche meiden. Die Tatsache, dass Redaktionen eher von Journalist*innen gef\u00fchrt werden, von denen die meisten nicht in Management-Techniken geschult sind, macht es nicht leichter.<\/p>\n<p>Noch gibt es <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/risj-review\/ive-studied-journalists-under-pressure-20-years-heres-what-ive-learned-so-far\">wenig Forschung<\/a> zu Belastung und Trauma in Redaktionen, vor allem mit Blick auf <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/0739532919835612?journalCode=nrja\">das vermeintlich so routinierte Tagesgesch\u00e4ft<\/a>. Aber eine zunehmende Zahl von Redaktionsleiter*innen nimmt sich des Themas an, ebenso Wissenschaftler*innen und Verb\u00e4nde. Organisationen wie die <a href=\"https:\/\/en.unesco.org\/themes\/safety-journalists\">Unesco besch\u00e4ftigen sich<\/a>mit der Sicherheit von Medienschaffenden. Die Bild-Zeitung hat ihre Mitarbeiter j\u00fcngst in einer gro\u00dfen Umfrage nach ihrem Befinden gefragt. Gerade die Pandemie hat viele F\u00fchrungskr\u00e4fte erkennen lassen, wie fragil das Ger\u00fcst ist, auf dem das t\u00e4gliche Gesch\u00e4ft ruht. Pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che mit Kolleg*innen, denen man nicht mehr wie sonst im Flur begegnet, h\u00e4tten ihn w\u00e4hrend des Lockdowns viel besch\u00e4ftigt, erz\u00e4hlt der CEO eines regionalen Medienhauses.<\/p>\n<p>Neben menschlichen Motiven treiben auch wirtschaftliche die Leitenden an. Es wird immer schwerer, junge Menschen f\u00fcr den Journalistenberuf zu begeistern. Die Aussicht, dass sie bei vergleichsweise m\u00e4\u00dfigem Einkommen, hohem zeitlichen und emotionalen Einsatz und unsicheren Perspektiven in Kauf nehmen m\u00fcssen, angegriffen oder mit Belastungen alleingelassen zu werden, macht ihnen die Entscheidung f\u00fcr den Job nicht leichter. Psychologische und juristische Hilfe ist das Mindeste, was Redaktionen ihren Mitarbeiter*innen bieten m\u00fcssen.<br \/><br \/>Manchmal allerdings sind gerade die das Problem, die an der Spitze stehen, Stichwort toxische Redaktionskultur. Da allerdings kann man rangehen. So erz\u00e4hlte die Kollegin einer gro\u00dfen Zeitung an der amerikanischen Westk\u00fcste im Fr\u00fchjahr in einem Webinar vom R\u00fccktritt eines Star-Reporters, den sie so erkl\u00e4rte: Man habe jetzt eine \u201eno asshole policy\u201c, da passe nicht mehr jeder rein. Verlage, die gegen solche Klima-Vergifter konsequent vorgehen, sparen dabei manchmal weit mehr als nur ein Gehalt. \u00a0<\/p>\n<\/div>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-kein-job-fuer-weicheier\">am 3. Juni 2021<\/a> im Newsletter des Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School.\u00a0<\/em><\/p>\n<div class=\"blog-content\">\n<div class=\"blog-bottom\">\u00a0<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht \u00fcberall leiden Journalist*innen so wie in Indien. Um die 500 Reporter*innen waren dort Stand Juni 2021 w\u00e4hrend der Pandemie an einer Covid-19 Erkrankung gestorben, die sie sich bei der Recherche zugezogen hatten. 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