{"id":1162,"date":"2021-05-11T14:07:36","date_gmt":"2021-05-11T12:07:36","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1162"},"modified":"2021-07-11T14:07:59","modified_gmt":"2021-07-11T12:07:59","slug":"eine-checkliste-fuer-starken-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/eine-checkliste-fuer-starken-journalismus\/","title":{"rendered":"Eine Checkliste f\u00fcr starken Journalismus"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Die Frage, wie Qualit\u00e4tsjournalismus definiert wird, ist keine einfache \u2013 schon gar nicht in Zeiten des digitalen Wandels. Genauso schwierig gestaltet sich dann die Kontrolle. Das sollte Redaktionen aber nicht davon abhalten, \u00fcber Kriterien und Kontrollstandards zu diskutieren. Zehn Impulse, mit denen das gelingen kann.<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Sicher, auch \u00fcber die Substanz von Autos, M\u00e4nteln oder M\u00f6belst\u00fccken kann man streiten: Ist das nun Qualit\u00e4t, oder doch eher nur gute Verpackung? Wer sich allerdings daran versucht, Qualit\u00e4tsjournalismus zu definieren, sollte Zeit und Lust auf eine erhitzte Debatte mitbringen. Denn was die einen als gro\u00dfe publizistische Leistung empfinden, ist f\u00fcr die anderen nichts als abgehobene Schwurbelei. Werden Inhalte mit einem Qualit\u00e4tssiegel versehen, sagt so ein Pr\u00e4dikat oft mehr \u00fcber die Bewertenden aus als \u00fcber das Produkt. Manche betrachten es gar als Einfallstor f\u00fcr Zensur: Gelobt wird das, was politisch erw\u00fcnscht ist.<\/p>\n<p>Alternativ kann man den Prozess unter die Lupe zu nehmen, mit dem Journalismus erstellt wird. Werden Fakten \u00fcberpr\u00fcft, mehrere Quellen konsultiert, wie wird redigiert, wie wird Unabh\u00e4ngigkeit gewahrt? All das l\u00e4sst sich leichter beurteilen als Faktoren wie Sprache, Themenwahl oder Ausgestaltung. Aber bei der Herangehensweise haben starke Medienmarken zwangsl\u00e4ufig die Nase vorn. Kurz: Es ist kompliziert.<\/p>\n<p>Die Debatte um Qualit\u00e4t ist dennoch zentral, schon gar in einer Medienwelt, in der Algorithmen Inhalte auf- und abwerten und damit vorselektieren, wie viel Aufmerksamkeit ein St\u00fcck bekommt. Redaktionen tun deshalb gut daran, immer wieder Inventur zu machen: Wie stark ist unser Journalismus? Eine Checkliste mit zehn Punkten d\u00fcrfte helfen:<\/p>\n<h2>1. Haben wir genug erkl\u00e4rt?<\/h2>\n<p>Wer sich informiert, will nicht nur Bescheid wissen. Er m\u00f6chte wissen, warum er Bescheid wissen sollte. Journalismus muss immer einordnen, und er muss das immer wieder tun. Laut <a href=\"https:\/\/www.digitalnewsreport.org\/survey\/2019\/what-do-people-think-about-the-news-media\/\">Digital News Report 2019<\/a> findet nur jeder zweite Nutzer, dass die Medien einen guten Job dabei machen, das aktuelle Geschehen zu erkl\u00e4ren. Da ist Luft nach oben.<\/p>\n<h2>2. Setzen wir die Agenda?<\/h2>\n<p>Im t\u00e4glichen Feuerwerk der Informationen und Zitate ist es allzu leicht, sich von anderen treiben zu lassen. Stimmt das, was dieser Politiker, jene CEO behauptet, oder ist das eine Falschinformation? Verifizieren ist wichtig, aber wer nur noch \u00fcberpr\u00fcft, was andere sagen, kann es leicht vers\u00e4umen, eigene Themen zu setzen. Da gilt das in der Branche gerne genutzte Wort: Journalismus ist, <a href=\"https:\/\/quoteinvestigator.com\/2013\/01\/20\/news-suppress\/\">\u00fcber etwas zu berichten, das andere gerne verbergen w\u00fcrden<\/a>.<\/p>\n<h2>3. Begeistern wir Nutzer mit Produkten, die ihnen helfen?<\/h2>\n<p>Die Erfolge von <em>Apple<\/em>, <em>Amazon<\/em>, <em>Netflix<\/em> und Co. sind nicht die Ergebnisse von klugem Marketing. Die Produkte und Plattformen \u00fcberzeugen, weil sie einen Mehrwert bieten. Sie helfen dabei, allt\u00e4gliche Probleme zu l\u00f6sen. Welche Produkte k\u00f6nnen Medienh\u00e4user entwickeln, die ihren Kundinnen und Kunden im Alltag helfen? Die Denke vom Nutzer her ist zentral, wenn man sich unverzichtbar machen will.\u00a0<\/p>\n<h2>4. Begeistern wir unsere Nutzer mit Themen, die sie ber\u00fchren?<\/h2>\n<p>In der Welt der \u00dcberinformation dringen diejenigen durch, die Emotionen wecken, Menschen in ihrem Alltag abholen, bei ihren Sorgen, Freuden, Hoffnungen. Es ist ein schwerer Fehler, das Feld der Emotionen den Populisten zu \u00fcberlassen, die bevorzugt in Schwarz oder Wei\u00df malen. Menschen sind komplex und sie begreifen Komplexit\u00e4t \u2013 wenn man sie denn l\u00e4sst.<\/p>\n<h2>5. Lassen wir andere zu Wort kommen?<\/h2>\n<p>Der Trend geht zum Kommentar, denn er ist billig. Recherche hingegen kostet Geld. Aber Kommentare gibt es \u00fcberall. Beobachtung, Beschreibung, Einordnung, Gespr\u00e4ch, echte Analyse f\u00fchren weiter. Zuh\u00f6ren ist der Schl\u00fcssel, oder genau hinschauen. Wenig \u00fcberzeugt so schnell wie eine gute Datenreihe \u2013 und wenig macht so viel M\u00fche.\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2>6. Suchen wir Vielfalt und lassen sie zu?<\/h2>\n<p>Es ist ein Reflex, der nicht nur beim Besetzen von Talk-Shows funktioniert: Journalisten greifen bei der Recherche wieder und wieder auf dieselben Experten zur\u00fcck. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass es funktioniert. Ein Christian Drosten schafft Vertrauen, die Medienmarke profitiert. Aber die Welt ist weit, die Perspektiven vielf\u00e4ltig. Das <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/5050\">50:50 Projekt der BBC<\/a> hat gezeigt, wie ein bewussterer Umgang mit Quellen nicht nur Geschlechtergerechtigkeit vorantreiben, sondern auch das Publikum begeistern kann.<\/p>\n<h2>7. Bieten wir Perspektiven an?<\/h2>\n<p>Etwa ein Drittel aller B\u00fcrgeren vermeidet den Kontakt mit Nachrichten mittlerweile bewusst, die Tendenz ist steigend. Der Hauptgrund: Journalismus sei zu negativ, mache schlechte Laune, wecke Ohnmachtsgef\u00fchle. Die Alternative ist keine Weichzeichner-PR. Aber Menschen brauchen Perspektiven und L\u00f6sungen, das St\u00fcckchen Inspiration. Wie sind andere aus einem Dilemma gekommen, was funktioniert? Die Ans\u00e4tze des Konstruktiven Journalismus k\u00f6nnen helfen. Wer seine Nutzeren in dunkle Szenarien hineinf\u00fchrt, muss sie auch wieder hinausbegleiten.\u00a0<\/p>\n<h2>8. Gehen wir transparent mit Wissen, Quellen und Meinung um?<\/h2>\n<p>Manchmal wei\u00df man, dass man (noch) nicht viel wei\u00df \u2013 die Pandemie erinnert einen t\u00e4glich daran. Aber wei\u00df unser Publikum auch, wo unsere Erkenntnisse enden und das informierte Raten beginnt? Je mehr wir die Menschen mitnehmen auf die Forschungsreise, umso weniger peinlich wird es, wenn wir uns korrigieren m\u00fcssen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Umgang mit Quellen und deren Interessen. Journalismus w\u00e4re unm\u00f6glich in kompletter Transparenz, es gelten F\u00fcrsorgepflicht und Quellenschutz. Aber unsere Nutzeren haben Klarheit dar\u00fcber verdient, wie wir arbeiten und warum.\u00a0<\/p>\n<h2>9. Erheben wir Daten und lernen daraus?<\/h2>\n<p>Oft ist es die bequemere L\u00f6sung, den Journalismus in die N\u00e4he von Kunst zu r\u00fccken, die vor allem im Auge des Betrachters wirkt. Oder man argumentiert mit der Mission, dem \u00f6ffentlichen Interesse, der W\u00e4chterfunktion, wenn man ein St\u00fcck verteidigen m\u00f6chte, das beim Publikum \u201enicht funktioniert\u201c. Man kann aber auch nach Gr\u00fcnden forschen. Dabei helfen Daten. Daten k\u00f6nnen niemals alles belegen und schon gar nicht erkl\u00e4ren. Aber es w\u00e4re fahrl\u00e4ssig, sie nicht zu nutzen, um die Bed\u00fcrfnisse des Publikums zu ergr\u00fcnden. Der A\/B-Test sollte eine gel\u00e4ufige Vokabel in jeder Redaktion sein.<\/p>\n<h2>10. Begegnen wir den Menschen auf Augenh\u00f6he?<\/h2>\n<p>Noch nicht einmal ein F\u00fcnftel aller Nutzer findet, dass die Medien den richtigen Ton treffen. 39 Prozent gaben im Digital News Report 2019 sogar explizit zu Protokoll, dass sie dieser Aussage \u00fcberhaupt nicht zustimmen. Zu negativ, zu belehrend, zu stark politisch eingef\u00e4rbt \u2013 Beschwerden gibt es viele. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Journalisten und ihrem Publikum ist komplex, auch weil das Bild auf beiden Seiten h\u00e4ufig von denjenigen dominiert wird, die sich selbst besonders wichtig nehmen. Mehr Gespr\u00e4ch und mehr Begegnungen bilden Vertrauen und st\u00e4rken den Journalismus. Zugegeben, in Pandemie-Zeiten ist das noch leichter gesagt als getan. Aber auch ohne physischen Kontakt kann man Fragen stellen \u2013 und das in Frage stellen, was man schon immer unter Qualit\u00e4t verstanden hat. Es m\u00f6gen sich daraus sogar ein paar neue Antworten ergeben.\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/eine-checkliste-fur-starken-journalismus\/4442\/\">Medieninsider am 22. M\u00e4rz 2021<\/a>. Aktuelle Kolumnen und Neues aus der Branche sind mit einem Abo zu lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, wie Qualit\u00e4tsjournalismus definiert wird, ist keine einfache \u2013 schon gar nicht in Zeiten des digitalen Wandels. Genauso schwierig gestaltet sich dann die Kontrolle. Das sollte Redaktionen aber nicht davon abhalten, \u00fcber Kriterien und Kontrollstandards zu diskutieren. Zehn Impulse, mit denen das gelingen kann. 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