{"id":1164,"date":"2021-07-11T14:16:07","date_gmt":"2021-07-11T12:16:07","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1164"},"modified":"2021-07-11T14:17:15","modified_gmt":"2021-07-11T12:17:15","slug":"die-individualisierung-des-journalismus-und-ihre-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-individualisierung-des-journalismus-und-ihre-folgen\/","title":{"rendered":"Die Individualisierung des Journalismus und ihre Folgen"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Die \u201eCreator Economy\u201c lockt auch Journalisten an. Alte Arbeitsbedingungen und neue Tools bringen sie auf die Idee, auf eigene Faust loszuziehen. Kann das funktionieren? \u00dcber Chancen und Risiken sowie mit einer Forderung: Creators aller L\u00e4nder \u2013 vereinigt euch!<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Journalist \u2013 das klang mal nach Egon Erwin Kisch, Woodward und Bernstein, Hajo Friedrichs oder Antonia Rados. Unbestechlichkeit, Courage, literarische Rafinesse, alles schwang mit. Kurz: Es klang nach Traumberuf. Heute sind sich da viele nicht mehr so sicher. \u201eAltbacken\u201c, so h\u00f6rt man es von Hochschulen, die den Begriff weiten wollen, um mehr zahlende Studierende anzulocken. \u201eBastion alter wei\u00dfer M\u00e4nner\u201c, klagen die J\u00fcngeren, die sich in hierarchischen Redaktionen nicht repr\u00e4sentiert und schon gar nicht angeh\u00f6rt f\u00fchlen. \u201eZu eng gedacht\u201c, befindet man im Silicon Valley, wo man zwar immer noch ein Taschengeld f\u00fcr den Journalismus \u00fcbrig hat, aber zunehmend an Einheiten Gefallen findet, die kleiner und weniger anstrengend als Redaktionen sind. Wir treffen: den oder die \u201eCreator\u201c.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u201eCreator\u201c, das klingt unternehmungslustig und auf jeden Fall ehrbarer als Influencer. In dessen R\u00fccken vermutet man ausgebuffte Konsumg\u00fcterkonzerne, denen es nur um drei Dinge geht: verkaufen, verkaufen, verkaufen. Ein Creator hingegen ist schon per Zuschreibung sch\u00f6pferisch, bringt also gute Voraussetzungen mit, das alte Schlachtschiff Journalismus als wendiges Schnellboot neu zu erfinden. Und jeder, der schon mal in entsprechenden Schlachtschiff-Organisationen gearbeitet hat, bekommt dieses Leuchten in den Augen, wenn er oder sie sich selbst als Kapit\u00e4n eines solchen Schnellboots visualisiert. W\u00e4re das nicht gro\u00dfartig, modernen, ganz anderen Journalismus zu machen mit Leuten, die daf\u00fcr brennen, statt den n\u00e4chsten Outlook-Termin mit irgendeiner C-Person zu akzeptieren, nur um mal wieder eine tolle Idee zu Schnipseln filetiert zu bekommen?<\/p>\n<h2>Auf die Romantik folgt der Realismus<\/h2>\n<p>Nun sieht die Realit\u00e4t vieler Gr\u00fcnder im Journalismus weniger romantisch aus als die Vorstellung. Man kann zwar selbst entscheiden, welche Geschichten man bringt, daf\u00fcr muss man sich mit einem Haufen Dingen besch\u00e4ftigen, die fr\u00fcher andere f\u00fcr einen \u00fcbernommen haben: Marketing, Technik, Bilanzen, solche Sachen \u2013 und das ohne Feierabend, Ausgleichstage und Wochenendzuschlag. Trotzdem: Der Kapit\u00e4ns-Karriere wohnt ein Zauber inne, den der klassische Journalismus so nicht mehr zu entfachen scheint. \u201e<a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/our-research\/are-journalists-todays-coal-miners-struggle-talent-and-diversity-modern-newsrooms\">Are Journalists Today\u2019s Coal Miners<\/a>?\u201c betitelte unser Forschungsteam aus Oxford und Mainz 2019 eine Studie. Aus der Branche kommt mehr und mehr Best\u00e4tigung f\u00fcr diese damals als Frage formulierte These.<\/p>\n<p>Nehmen wir also an, der Journalismus der Zukunft entst\u00fcnde in zigtausenden Schnellbooten statt in Schlachtschiffen mit angeschlossenen Druckereien; w\u00e4re das schlimm? Ja, w\u00e4re es nicht sogar \u2013 gro\u00dfartig? So viel Innovation wie heute war tats\u00e4chlich selten im Journalismus. Vom Ein-Personen-Newsletter-Creator, der \u00fcber Portale wie Substack zahlende Kunden gewinnt bis hin zum auf bestimmte Fachgebiete, Gruppen, Genres oder Geographien spezialisierten Team etablieren sich derzeit weltweit deutlich mehr Neugr\u00fcndungen als in die Jahre gekommene Medienbetriebe sterben. Zugriffe auf Technik, Daten, Netzwerke aber auch auf nicht unerhebliche pers\u00f6nliche Reserven (sprich: Selbstausbeutung) machen es m\u00f6glich. Und eine frische Injektion an Kampfgeist und Ethik tut dem Journalismus ausgesprochen gut.\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2>Gr\u00fcnder sind die bequemeren Partner f\u00fcr GAFA-Konzerne<\/h2>\n<p>Auch Google und Facebook finden das prima. Sie richten ihre Journalismus-F\u00f6rderung langsam aber sp\u00fcrbar in Richtung Creator Economy. Das ist gut f\u00fcr die Gr\u00fcnder und f\u00fcr die Plattform-Konzerne nur rational. Immerhin stabilisiert das Geld, das in Richtung Schlachtschiffe flie\u00dft, immer noch so manch \u2013 wenngleich arg geschrumpfte \u2013 Rendite von Verlagsh\u00e4usern, die ihre Mitarbeiter lieber auspressen, statt ihnen Weiterbildung auf Kosten des Hauses zu finanzieren. Sollen das doch Google und Facebook \u00fcbernehmen, denkt so manch ein CEO. Gleichzeitig wird in Br\u00fcssel kr\u00e4ftig Stimmung gemacht gegen die Geldgeber aus Kalifornien \u2013 mit f\u00fcr diese unangenehmen Folgen. Diese Art Doppelz\u00fcngigkeit haben die Tech-Monopolisten von den Schnellboot-Sch\u00f6pfern nicht zu erwarten. Die haben weder Zeit f\u00fcr noch Interesse an politischem Lobbying, noch k\u00f6nnen sie es sich leisten, Hilfe abzulehnen. Gr\u00fcnder sind also die viel bequemeren Partner.<\/p>\n<p>Und bei allem Hype und Bravo f\u00fcr die jungen Medien-Unternehmer liegt hier das Problem: Die Individualisierung macht den Journalismus nicht nur bunt, sondern auch schwach. Dabei geht es nicht nur um den Verlust an politischer Schlagkraft. Vieles, was moderner Journalismus leisten muss und soll, verlangt nach geb\u00fcndelten Kr\u00e4ften und Ressourcen. Aufw\u00e4ndige Investigativ-Projekte brauchen nicht nur ausdauernde Teams, sondern auch eine starke Rechtsabteilung im R\u00fccken. Gro\u00dfe Daten-Recherchen sind nichts f\u00fcr Einzelk\u00e4mpfer, professionelle Faktenchecks kosten Zeit und Ressourcen, ohne dass daf\u00fcr jemand zahlt. Und Politiker und Institutionen gew\u00e4hren Zugang zu Informationen oft nur denen, die sich mit einer starken Marke ger\u00fcstet haben, andere kann man schon mal gefahrlos ignorieren.\u00a0<\/p>\n<h2>Die Schw\u00e4chen des Creator-Journalismus \u2013 und eine L\u00f6sung<\/h2>\n<p>Zwar mag der eine oder die andere, die nur in ihre pers\u00f6nliche \u201eBrand\u201c investiert, auch mal einen Treffer a la Rezo landen und damit etwas bewegen. Aber den meisten wird das nicht gelingen. Sicher werden in der Creator-Economy ein paar inhaltliche Diamanten entstehen, die den Ton vieler Gruppen viel besser treffen, als dies der traditionelle Journalismus je geschafft hat und schaffen k\u00f6nnte. Aber Hammer-Recherchen wie die Panama Papers oder der Fall Weinstein, bei denen m\u00e4chtige Individuen und Institutionen viel zu f\u00fcrchten und zu verlieren haben, sind eher nicht zu erwarten. Anders gesagt: Es k\u00f6nnte also ziemlich vielen Leuten ziemlich recht sein, wenn Journalisten bei den Nachrichten-Maschinen von Bord gehen und ihr eigenes Dinglein drehen. F\u00fcr die Demokratie w\u00e4re das gef\u00e4hrlich.\u00a0<\/p>\n<p><br \/>Ideal w\u00e4re es nat\u00fcrlich, der Journalismus k\u00f6nnte vom Besten beider Welten profitieren, wie dies in <a href=\"https:\/\/www.rjionline.org\/stories\/what-newsrooms-can-learn-from-creator-culture-and-monetization-strategies\">einem St\u00fcck der Missouri School of Journalism<\/a> k\u00fcrzlich beschrieben wurde. Aber dazu br\u00e4uchte es neue Strukturen. Die Creator m\u00fcssten sich Netzwerken anschlie\u00dfen k\u00f6nnen, um von technischer Infrastruktur, Beratung, Rechtsschutz und Fakten-Checks zu profitieren und dabei trotzdem unternehmerisch handeln k\u00f6nnen. Das klingt nach dem alten Journalistenb\u00fcro, k\u00f6nnte aber deutlich schlagkr\u00e4ftiger aufgestellt werden. Hier w\u00e4ren F\u00f6rdermittel gut eingesetzt, die nicht immer nur von Google oder Facebook kommen m\u00fcssen. Traditionelle Redaktionen k\u00f6nnten sich starke Einzelmarken zunutze machen und die Verantwortung f\u00fcr bestimmte Produkte an die Creator abtreten \u2013 vorausgesetzt, es passt f\u00fcr beide Seiten zum Markenkern. Und die Gewerkschaften sollten sich schleunigst auf die neuen Realit\u00e4ten in der Branche einstellen. Sie m\u00fcssen Entrepreneur-Organisationen werden. Noch arbeiten die meisten Einzelk\u00e4mpfer im Journalismus unter prek\u00e4ren Bedingungen. Ein Qualit\u00e4tsversprechen sieht anders aus. M\u00e4chtige Institutionen brauchen starke Gegen\u00fcber, die Druck aushalten und auch mal dagegenhalten k\u00f6nnen. Bleiben die neuen Sch\u00f6pfer auf sich gestellt, d\u00fcrften viele von ihnen nur allzu schnell ersch\u00f6pft sein.\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alexandra-borchardt-kolumne-individualisierung-des-journalismus\/4700\/\">Medieninsider am 19. April 2021<\/a>. Aktuelle Kolumnen kann man dort f\u00fcr ein Abo lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201eCreator Economy\u201c lockt auch Journalisten an. Alte Arbeitsbedingungen und neue Tools bringen sie auf die Idee, auf eigene Faust loszuziehen. Kann das funktionieren? \u00dcber Chancen und Risiken sowie mit einer Forderung: Creators aller L\u00e4nder \u2013 vereinigt euch! 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