{"id":1199,"date":"2021-09-14T15:34:38","date_gmt":"2021-09-14T13:34:38","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1199"},"modified":"2021-09-14T15:49:36","modified_gmt":"2021-09-14T13:49:36","slug":"junge-nutzer-verzweifelt-gesucht-sieben-erkenntnisse-ueber-eine-anspruchsvolle-zielgruppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/junge-nutzer-verzweifelt-gesucht-sieben-erkenntnisse-ueber-eine-anspruchsvolle-zielgruppe\/","title":{"rendered":"Junge Nutzer verzweifelt gesucht \u2013 sieben Erkenntnisse \u00fcber eine anspruchsvolle Zielgruppe"},"content":{"rendered":"\n<p>Man kennt diesen Satz aus der Redaktionskonferenz. Themenplanung ist dran, und irgendein Chef wirft ihn in die Runde: \u201eWir m\u00fcssen mal wieder was f\u00fcr die Jungen machen.\u201c Ratlosigkeit entweicht den Blicken der \u00c4lteren. Vielleicht was \u00fcber Tik Tok? \u00dcber angesagte Musik oder das nahende Abitur? Alle unter 30 gehen vorsichtshalber in Deckung. Besteht doch ihr wichtigster Job darin, ihre \u00dc40-Vorgesetzten mit klugen Vorschl\u00e4gen zu beeindrucken, die dann vor allem bei der \u00dc60-Kundschaft gut ankommen. Sie wollen ja ernst genommen werden.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Etablierte Medienh\u00e4user und das junge Publikum haben es schwer miteinander. W\u00e4hrend die einen nicht ohne die anderen k\u00f6nnen, weil dies ihren wirtschaftlichen Hungertod zur Folge haben w\u00fcrde, k\u00f6nnen die anderen sehr wohl ohne vieles, was den Verlagen und Sendern ihr Auskommen sichert: Abos, Apps und Abendprogramm im Fernsehen zum Beispiel. Selbst mit dem Digitalen ist das so eine Sache. Laut <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report 2020<\/a> gehen 84 Prozent der unter 25-J\u00e4hrigen nicht direkt auf die Website einer Medienmarke, sondern informieren sich \u00fcber das, was Soziale Netzwerke, Suchmaschinen oder Nachrichten-Aggregatoren in ihre Timelines oder per Push-Nachricht auf ihre Bildschirme sp\u00fclen. In den Strategie-Sitzungen etablierter Medienmarken steht deshalb auf Wiedervorlage: Junge Nutzer verzweifelt gesucht.<\/p>\n<p>Aber wie steht es um den Medienkonsum junger Menschen, was m\u00f6gen sie, was ignorieren sie, wann schalten sie ein und wann wieder ab? Gemessen daran, wie stark und wie lange das Thema Redaktionen schon besch\u00e4ftigt, ist die Forschung dazu einigerma\u00dfen d\u00fcnn. F\u00fcr den deutschen Markt gibt es wichtige neue Erkenntnisse.\u00a0<\/p>\n<p>Nachzulesen sind sie <a href=\"https:\/\/leibniz-hbi.de\/de\/publikationen\/usethenews-studie-zur-nachrichtenkompetenz-jugendlicher-und-junger-erwachsener-in-der-digitalen-medienwelt\">in der im April 2021 ver\u00f6ffentlichten Studie \u201e#usethenews\u201c<\/a> des Leibniz-Instituts f\u00fcr Medienforschung Hans-Bredow Institut und der <a href=\"https:\/\/www.stiftung-nv.de\/de\/publikation\/quelle-internet-digitale-nachrichten-und-informationskompetenzen-der-deutschen\">Studie zur Medienkompetenz in Deutschland, die im M\u00e4rz bei der Stiftung Neue Verantwortung<\/a> erschienen ist. Daraus und aus zahllosen Gespr\u00e4chen mit Studierenden verschiedener Fachrichtungen leiten sich ein paar Dinge ab, die Redaktionsstrategen wissen sollten.<\/p>\n<p><strong>Erstens:<\/strong> Tats\u00e4chlich brennt bei diesem Thema die H\u00fctte, nicht nur, was die Zukunft der Verlage angeht, sondern auch mit Blick auf b\u00fcrgerliches Engagement in der Demokratie. Etwa jeder zweite Jugendliche h\u00e4lt es nicht f\u00fcr wichtig, sich \u00fcber aktuelle Ereignisse zu informieren, so das Forscherteam des Hans-Bredow-Instituts. Die Erkl\u00e4rung liefern es gleich mit: \u201eBei journalistischen Nachrichten fehlt ihnen oft der Bezug zu ihrem Alltag.\u201c Es reicht also nicht, schulterzuckend auf den allgemein steigenden Anteil der Nachrichten-Vermeider zu verweisen, der laut Digital News Report international bei etwa einem Drittel liegt. In der jungen Generation ist die News-Abstinenz deutlich ausgepr\u00e4gter. Wer es ernst meint mit dem Journalismus als S\u00e4ule der Demokratie, sollte also dringend t\u00e4tig werden.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Zweitens:<\/strong> Die Schere zwischen denjenigen, die top informiert und kompetent sind und denjenigen, die sich kaum in der neuen Informationslandschaft zurechtfinden, geht weit auseinander. Waren diejenigen mit niedrigem Schulabschluss fr\u00fcher noch einigerma\u00dfen informiert, weil vielleicht hier und da mal eine Zeitung herumlag, man aus Langeweile die Fernseh-Nachrichten schaute oder beim Autofahren st\u00fcndlich mit Radio-News zwangsgef\u00fcttert wurde, l\u00e4sst sich all das im Zeitalter der maximalen Ablenkungsm\u00f6glichkeiten komplett vermeiden. Die Informationsl\u00fccke, die das Internet eigentlich schlie\u00dfen sollte, tut sich als digitaler Graben zwischen den Gesellschaftsschichten immer weiter auf \u2013 wenn nichts geschieht. Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender mit ihrem Auftrag, Journalismus f\u00fcr alle anzubieten, haben hier eine besondere Verpflichtung.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Drittens:<\/strong> Zum Gl\u00fcck interessieren sich viele junge Leute doch f\u00fcr die Welt um sie herum \u2013 nur nicht immer f\u00fcr das, was gereifte Politik- und Feuilleton-Redakteure und -Redakteurinnen spannend finden. Diejenigen, die Journalismus m\u00f6gen, schauen gerne mal bei den Lokalnachrichten rein. Alles, was mit Umweltschutz und Wissenschaft zu tun hat, ist zumindest f\u00fcr die Gebildeteren ein Hingucker. In einer neuen amerikanischen <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/full\/10.1177\/14648849211012922\">Studie zum Thema Journalismus-Vermeider (\u201eThe head and heart of news avoidance\u201c)<\/a> waren es \u00fcbrigens auch die Themen Gesundheit, Wissenschaft, Umwelt und Lokales, die Nachrichtenmuffel aller Generationen am ehesten interessierten. Redaktionen, in deren informeller Hackordnung nach Innen- und Au\u00dfenpolitik erst einmal lange gar nichts kommt, werden sich umstellen m\u00fcssen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong>Viertens:<\/strong> Was alle Nutzer der j\u00fcngeren Generationen vereint, ist die Vorliebe f\u00fcrs leichte Fach. \u201eLustiges und Sonderbares\u201c kommt laut der Leibniz-Studie durchweg gut an. Ohnehin ist <a href=\"https:\/\/www.hamburgmediaschool.com\/blog\/djf-kolumne-selten-so-gelacht-journalismus-muss-humor-ernst-nehmen-wenn-er-die-junge-generation-erreichen-moechte\">Humor ein ziemlich sicherer Weg<\/a>, um bei den Generationen Y und Z Geh\u00f6r zu finden, das belegen nicht nur B\u00f6hmermann und Co.. Aber Achtung, es ist nicht unbedingt die Art von Humor, den eben jene gereiften F\u00fchrungskr\u00e4fte m\u00f6gen. Witzeln auf Kosten von Schw\u00e4cheren geht gar nicht. Wer austeilt, muss sich zumindest selbst auch mal einen mitgeben. In der Abteilung Humor im Journalismus gilt deshalb das Gleiche wie bei unsicherer Quellenlage: Im Zweifel lieber lassen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnftens:<\/strong> An Influencern f\u00fchrt kein Weg vorbei, aber es m\u00fcssen keine Instagram-Vertriebshelden sein. Als die schwedische Tageszeitung <em>Dagens Nyheter<\/em> im vergangenen Jahr Greta Thunberg f\u00fcr einen Tag das Blatt machen lie\u00df, rauschten die Digital-Abos nur so rein, mehrere Tausend waren es an einem Tag. Prominenz erh\u00f6ht die Reichweite und hilft dabei, Botschaften zu vermitteln. Faustregel: Promis sollten als Menschen r\u00fcberkommen, nicht als Funktion\u00e4re. Den Filmstar \u00fcber Politik reden lassen und die Politikerin \u00fcber Filme kann beide glaubw\u00fcrdiger machen, wenn sie es denn ehrlich meinen. Junge Leute sind ge\u00fcbt darin, zwischen echter Authentizit\u00e4t und inszenierter Nahbarkeit zu unterscheiden.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong>Sechstens:<\/strong> Vielfalt z\u00e4hlt \u2013 und zwar nicht nur als Ankreuz-\u00dcbung. Junge Leute erwarten, dass ein Programm oder eine Marke die Welt so abbildet, wie sie sie erleben. Sie m\u00f6gen sich mit Protagonisten identifizieren k\u00f6nnen und vielleicht sogar selbst etwas beitragen. Dazu geh\u00f6ren eine Sprache, die ebenso locker wie respektvoll ist und Inhalte, die \u2013 siehe oben \u2013 etwas mit ihrem Alltag zu tun haben. Nachrichten sollten n\u00fctzlich sein und Spa\u00df machen, lautete das Fazit einer Studie \u00fcber junge Journalismus-Nutzer, die der Marktforscher <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/sites\/default\/files\/2021-02\/FlamingoxREUTERS-Report-Full-KG-V28.pdf\">Flamingo gemeinsam mit dem Reuters Institute<\/a> 2019 ver\u00f6ffentlicht hatte. Konstruktiver Journalismus, der die Welt mit Perspektiven weit \u00f6ffnet, kommt bei der jungen Generation deshalb besonders gut an. Faustregel: Man darf dem Publikum ruhig etwas zutrauen. Der Erfolg von wissenschaftsgetriebenen Formaten wie <a href=\"https:\/\/www.rte.ie\/brainstorm\/\">Brainstorm<\/a> des irischen \u00f6ffentlich-rechtlichen Senders RTE oder des Magazins Katapult sind Belege daf\u00fcr. Dumm f\u00fcr Kostenkiller, dass hintergr\u00fcndiges Berichten meist aufw\u00e4ndiger ist als das fixe Wegmelden nach Methode Copy and Paste. Aber die schnelle Nachricht gibt\u2019s eben heute \u00fcberall. Man k\u00f6nnte sagen: Junge Leute sind Journalismus-Gourmets.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong>Siebtens:<\/strong> Journalismus muss leicht zug\u00e4nglich und gut aufbereitet sein. Die Digitalisierung trainiert alle Generationen auf Bequemlichkeit, Amazon, PayPal, <em>Spotify<\/em> und Co. haben den Gold-Standard f\u00fcr Nutzerfreundlichkeit gesetzt. Die alte Welt, in der man noch Gebrauchsanleitungen las, sich Telefonnummern notierte und zum Kiosk an der Ecke ging, verschwindet. F\u00fcr den Journalismus hei\u00dft das: Er muss dahin, wo die Nutzer sind und es ihnen leicht machen. Die oben erw\u00e4hnte amerikanische Studie sagt: Verst\u00e4ndnish\u00fcrden und mangelndes Selbstbewusstsein im Umgang mit Medien seien die Hauptgr\u00fcnde, warum Menschen um Nachrichten einen Bogen machen. Im Zweifel schl\u00e4gt die interaktive Infografik mit drei Bullet-Points den 200-Zeilen-Leitartikel. Das ist bitter f\u00fcr manche Autorinnen und Autoren. War Komplexit\u00e4t fr\u00fcher ein Ausweis von Qualit\u00e4t, muss sie heute gut begr\u00fcndet sein. Leider kaschiert sie allzu oft nur D\u00fcnkel oder schiere Bequemlichkeit.<\/p>\n<p><em>Diese <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/junge-nutzer-verzweifelt-gesucht-sieben-erkenntnisse-fuer-die-alten-medien\/5007\/\">Kolumne<\/a> erschien am 17. Mai 2021 bei Medieninsider, wo ich monatlich zu Medienthemen schreibe. \u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kennt diesen Satz aus der Redaktionskonferenz. Themenplanung ist dran, und irgendein Chef wirft ihn in die Runde: \u201eWir m\u00fcssen mal wieder was f\u00fcr die Jungen machen.\u201c Ratlosigkeit entweicht den Blicken der \u00c4lteren. Vielleicht was \u00fcber Tik Tok? \u00dcber angesagte Musik oder das nahende Abitur? Alle unter 30 gehen vorsichtshalber in Deckung. 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