{"id":1230,"date":"2021-11-30T12:36:00","date_gmt":"2021-11-30T11:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1230"},"modified":"2021-11-30T12:36:01","modified_gmt":"2021-11-30T11:36:01","slug":"warum-menschen-medien-meiden-fuenf-gruende-fuer-news-avoidance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/warum-menschen-medien-meiden-fuenf-gruende-fuer-news-avoidance\/","title":{"rendered":"Warum Menschen Medien meiden &#8211; F\u00fcnf Gr\u00fcnde f\u00fcr News Avoidance"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Medienverdrossenheit hat nicht immer etwas mit dem Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem der Medien zu tun. Es gibt eine Menge anderer Gr\u00fcnde, die beim Publikum zur <em>News Avoidance<\/em> f\u00fchren \u2013 hier sind f\u00fcnf davon. <\/strong><\/p>\n<p>Der Journalismus stecke in einer Vertrauenskrise. Diese Aussage darf in kaum einer Rede zur Lage der Medienbranche fehlen, und doch ist sie mittlerweile mehr Allgemeinplatz als empirisch belegt. Denn gerade w\u00e4hrend der Pandemie sind die Vertrauenswerte f\u00fcr journalistische Angebote zum Teil deutlich gestiegen, gerade in Deutschland. Etablierte Nachrichten-Marken schlagen dabei insbesondere das um L\u00e4ngen, was sonst auf digitalen Kan\u00e4len an Informationen verbreitet wird. Zwar radikalisiert sich eine kleine, medienfeindliche Minderheit erheblich, was das Leben f\u00fcr Reporterinnen und Reporter gef\u00e4hrlicher macht. Aber mit generellem Misstrauen hat das nichts zu tun.\u00a0<\/p>\n<p>Was Medienschaffende dagegen wirklich umtreiben sollte, ist die Aufmerksamkeitskrise: Etwa jeder Dritte ignoriert das Nachrichtengeschehen, bei jungen Leuten in Deutschland ist es fast jeder Zweite. F\u00fcr Redaktionen schlummern hier nicht nur erhebliche M\u00f6glichkeiten, zus\u00e4tzliche Kunden (wieder) zu erreichen, wom\u00f6glich mit einem ver\u00e4nderten Angebot. Medien m\u00fcssen sich auch fragen, ob sie ihrer Rolle in der Demokratie noch gerecht werden, wenn sie zu vielen Menschen gar nicht mehr durchdringen.<\/p>\n<h2>Geht der Journalismus am \u00dcberdruss seines Publikums zugrunde?\u00a0<\/h2>\n<p>Forscherinnen und Forscher besch\u00e4ftigen sich seit kurzem verst\u00e4rkt mit den Gr\u00fcnden der <em>News Avoidance<\/em>. Auf dem j\u00fcngsten Jahrestreffen der International Communication Association, der weltweit wichtigsten Tagung der Kommunikationswissenschaftler, war sie eines der wichtigsten Themen. Aus den Erkenntnissen verschiedener Arbeiten leiten sich wertvolle Hinweise ab, nicht nur f\u00fcr Redaktionen, sondern auch f\u00fcr die Politik. Denn die Ursachen daf\u00fcr, warum viele Menschen die Besch\u00e4ftigung mit dem Tagesgeschehen f\u00fcr Zeitverschwendung, ja sogar f\u00fcr kontraproduktiv halten, sind nicht nur inhaltlicher und psychologischer, sondern auch struktureller Art. Hier sind f\u00fcnf davon:<\/p>\n<h3>Erstens: Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Qualit\u00e4t des Mediensystems und dem Ph\u00e4nomen der News Avoidance<\/h3>\n<p>In L\u00e4ndern, in denen der Staat oder einflussreiche Personen st\u00e4rker in Medien hineinregieren, wenden sich mehr Menschen von Journalismus ab. Dies haben Antonis Kalogeropoulos und Bejamin Toff in ihrem Paper \u201e<a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/poq\/article\/84\/S1\/366\/5869633\">All the news that\u2019s fit to ignore<\/a>\u201c belegt und daf\u00fcr von der ICA den Preis f\u00fcr den besten Fachartikel des Jahres 2020 bekommen. Dieses Nutzer-Verhalten ist nur rational. Denn wer vermutet, dass der Journalismus nicht unabh\u00e4ngig, sondern irgendwie gesteuert ist, wird sich davon wenig Wert und Aufkl\u00e4rung versprechen.<\/p>\n<p>Pressefreiheit und ein gesundes, pluralistisches Mediensystem sind also die beste Voraussetzung daf\u00fcr, dass sich B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit dem Geschehen in ihrem Land und der Welt besch\u00e4ftigen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<h3>Zweitens: Frauen und die j\u00fcngeren Generationen vermeiden die Nachrichten \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig<\/h3>\n<p>Das kann daran liegen, dass sie die Inhalte als nicht sonderlich relevant f\u00fcr ihr Leben betrachten oder sich vom vorherrschenden Ton nicht angesprochen f\u00fchlen. Beides ist nach wie vor von m\u00e4nnlich-traditionell dominierten Redaktionen gepr\u00e4gt. Der <a href=\"https:\/\/www.digitalnewsreport.org\/survey\/2019\/what-do-people-think-about-the-news-media\/\">Digital News Report 2019<\/a> hat diese beiden M\u00e4ngel als gr\u00f6\u00dfte inhaltliche Herausforderungen f\u00fcr den Journalismus identifiziert, auch unabh\u00e4ngig von Geschlecht oder Alter. Hinzu kommt noch die Masse an Informationen: Mehr ist nicht immer mehr wert. Gerade bei Frauen d\u00fcrfte aber auch die h\u00f6here Arbeitsbelastung in Haus und Familie eine Rolle spielen. <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/women-and-news-overview-audience-behaviour-11-countries\">Meera Selva und Simge Andi<\/a> haben dies f\u00fcr das Reuters Institute thematisiert. F\u00fcr diese These spricht, dass das Geschlechterverh\u00e4ltnis bei der Podcast-Nutzung sehr ausgewogen ist. H\u00f6ren kann man schlie\u00dflich auch, w\u00e4hrend man kocht oder die Waschmaschine leert. Redaktionen sind deshalb gut beraten, sich mit den Lebensgewohnheiten und -verh\u00e4ltnissen verschiedener Zielgruppen auseinanderzusetzen, bevor sie entsprechende Inhalte und deren Ausspielwege und -zeiten planen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h3>Drittens: Vielen Menschen macht Journalismus schlechte Laune.<\/h3>\n<p>Das gibt jeder Zweite an, der Nachrichten routinem\u00e4\u00dfig aus dem Weg geht. Die st\u00e4ndige Beschallung mit negativen Meldungen und Geschichten bedr\u00fcckt viele derma\u00dfen, dass sie sich ausgeliefert und ohnm\u00e4chtig f\u00fchlen, sie wenden sich ab. Gerade in der Pandemie sollten sich Redaktionen deshalb \u00fcberlegen, wieviel Raum sie den Details des politischen Streits einr\u00e4umen. Konstruktiver und l\u00f6sungsorientierter Journalismus <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/abs\/10.1080\/1461670X.2018.1545599?journalCode=rjos20\">scheinen dazu beizutragen<\/a>, dass sich Menschen ihrer M\u00f6glichkeiten st\u00e4rker bewusst werden, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Diese Spielarten des Journalismus sind besonders in der j\u00fcngeren Generation beliebt, auch bei den Produzenten. Beim von der EU finanzierten Innovationswettbewerb Stars4Media \u2013 die Kolumnistin ist Jury-Mitglied \u2013 hatte ein gro\u00dfer Teil der eingereichten Projekte einen solchen Ansatz als Kern.\u00a0<\/p>\n<h3>Viertens: Bei den Inhalten existiert ein Missverh\u00e4ltnis zwischen Bed\u00fcrfnissen und Interessen des Publikums und dem journalistischen Output<\/h3>\n<p>Journalismus definiert sich in erster Linie \u00fcber den Politik-Journalismus, er ist die K\u00f6nigsklasse. Dies pr\u00e4gt die klassischen Nachrichtensendungen, die Qualit\u00e4tsmedien und selbst den Boulevard. Wer im Journalismus Karriere machen will, orientiert sich daran. Politik ist \u201ehard news\u201c. Fragt man Nachrichtenmuffel danach, was sie trotzdem manchmal m\u00f6gen, stehen andere Themen oben in der Pr\u00e4ferenzen-Liste: Gesundheit, Lokales und Wissenschaft zum Beispiel. Stephanie Edgerly von der Northwestern University hat dies in ihrem k\u00fcrzlich erschienenen Fachartikel \u201e<a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/14648849211012922?journalCode=joua\">The head and heart of news avoidance<\/a>\u201d dargelegt. Sie hat au\u00dferdem herausgefunden, das Journalismus-Verweigerer oft weniger politisch interessiert aber auch weniger kompetent darin sind, journalistische Angebote zu nutzen. Redaktionen sollten also nicht nur ihre inhaltlichen Schwerpunkte \u00fcberdenken, sondern auch die Nutzerfreundlichkeit erh\u00f6hen. Die Unterscheidung zwischen \u201ehard news\u201c und \u201esoft news\u201c sagt wom\u00f6glich mehr \u00fcber diejenigen aus, die sie gepr\u00e4gt haben als \u00fcber journalistische Qualit\u00e4t. Oder m\u00f6chte jemand ernsthaft behaupten, die x-te Politiker-Aussage im Streit um FFP2-Masken sei wichtiger als die Unwetter-Warnung f\u00fcr das Wochenende? Letztere hat vermutlich nicht nur eine h\u00f6here Einschaltquote, sondern auch konkreten Einfluss auf Verhalten und damit die Gefahrenlage.\u00a0\u00a0<\/p>\n<h3>F\u00fcnftens: Menschen vermeiden Journalismus aus ganz unterschiedlichen Gr\u00fcnden, manche lassen sich beeinflussen, andere nicht<\/h3>\n<p>Kiki de Bruin und Kollegen von der Universit\u00e4t Amsterdam haben eine <a href=\"https:\/\/www.communicatingcommunication.com\/single-post\/from-sensitives-to-hedonists-a-nuanced-framework-of-news-avoidance\">Typologie der Nachrichten-Muffel<\/a> entwickelt. Sie kamen auf acht Charaktere: die Sensiblen, die unter schlechten Nachrichten leiden; die Misstrauischen, die Medien skeptisch gegen\u00fcber stehen; die Uninteressierten, die das Tagesgeschehen kalt l\u00e4sst; die Spezialisten, die sich au\u00dferhalb ihres Hobbys f\u00fcr nichts interessieren; die Achtsamkeits-Anh\u00e4nger, denen es vor allem um mentale Balance geht; die Eingespannten, die mit Job, Kindern und Haushalt genug anderes zu tun haben; die Hedonisten, die vor allem eigenen Genuss und Wohlbefinden im Sinn haben; und diejenigen, die Mediennutzung weder zuhause noch in der Schule gelernt haben.<\/p>\n<p>Manche dieser Typen lassen sich mit bestimmten Angeboten locken, andere nicht, oder zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Allen darf man unterstellen, gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Ablehnung zu haben. F\u00fcr Redaktionen empfiehlt es sich, erst einmal in ihrem eigenen Angebot nach den Ursachen zu suchen, statt \u00fcber diejenigen zu urteilen, die dem Journalismus partout nichts abgewinnen k\u00f6nnen. Davon k\u00f6nnten tats\u00e4chlich beide Seiten profitieren.\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alexandra-borchardt-kolumne-news-avoidance\/5478\/\">Medieninsider am 14. Juni 2021<\/a>. Ich schreibe dort jeden Monat. Aktuelle Kolumnen und spannende News aus der Branche gibt es f\u00fcr Abonnenten.\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medienverdrossenheit hat nicht immer etwas mit dem Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem der Medien zu tun. Es gibt eine Menge anderer Gr\u00fcnde, die beim Publikum zur News Avoidance f\u00fchren \u2013 hier sind f\u00fcnf davon. Der Journalismus stecke in einer Vertrauenskrise. 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