{"id":1232,"date":"2021-11-30T12:42:35","date_gmt":"2021-11-30T11:42:35","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1232"},"modified":"2021-11-30T12:43:29","modified_gmt":"2021-11-30T11:43:29","slug":"warum-journalismus-ohne-haltung-undenkbar-ist-und-medien-trotzdem-in-einem-dilemma-stecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/warum-journalismus-ohne-haltung-undenkbar-ist-und-medien-trotzdem-in-einem-dilemma-stecken\/","title":{"rendered":"Journalismus ist ohne Haltung undenkbar \u2013 Medien stecken dennoch in einem Dilemma"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Neutralit\u00e4t, Haltung, Meinung: Auch wenn die eigentlich klar sind, sind die \u00dcberg\u00e4nge im Journalismus oft flie\u00dfend. Wie viel Haltung und Meinung braucht Journalismus, und wie neutral kann er sein? Die Fragen zu beantworten ist f\u00fcr keine Redaktion leicht \u2013 und die Nutzerschaft alles andere als eine Hilfe.<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte der laufenden Debatte \u00fcber Journalismus und Haltung einiges abgewinnen, w\u00fcrde sie sich nicht hinziehen wie ein Fu\u00dfballspiel in der Verl\u00e4ngerung. Unter Medienschaffenden haben sich die Teams positioniert: Die einen klagen, der gute alte Journalismus \u00e0 la Hanns Joachim Friedrichs (nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht einer guten) sei zum Haltungsjournalismus mutiert. Die anderen \u2013 \u00fcberwiegend J\u00fcngere \u2013 qu\u00e4len ihre Vorgesetzten mit Thesen, die sie auch gerne als Master-Thesis einreichen: \u201eWarum es Objektivit\u00e4t im Journalismus nicht gibt\u201c.\u00a0<\/p>\n<p>Die Adressaten der M\u00fchen hingegen sind schwer zu durchschauen. In Umfragen w\u00fcnscht sich das Publikum von Journalisten Neutralit\u00e4t, Ausgewogenheit und Fakten, als Leserinnen und Leser hingegen demonstrieren sie digital nachvollziehbar, dass sie Meinungsst\u00fccke durchaus sch\u00e4tzen. Wie lassen sich diese Widerspr\u00fcche entwirren? Und wichtiger: Was bedeutet dies f\u00fcr Redaktionen?<\/p>\n<p>Folgt man dem neuen <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/digital-news-report\/2021\/impartiality-unpacked-study-four-countries\">Digital News Report<\/a>, der vom Reuters Institute in Oxford erstellten weltweit gr\u00f6\u00dften fortlaufenden Befragung zum digitalen Nachrichtenkonsum, sieht die Sache zun\u00e4chst eindeutig aus:\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Ungef\u00e4hr drei Viertel der 92.000 Befragten in 46 L\u00e4ndern gaben zu Protokoll, die Medien sollten verschiedene Standpunkte abbilden und ihren Nutzern die Meinungsbildung selbst \u00fcberlassen, in Deutschland waren es \u00e4hnlich wie im Vorjahr 77 Prozent.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Nur 15 Prozent (Deutschland: neun) sagten, Journalisten sollten klar Position beziehen. Auch j\u00fcngere Befragte w\u00fcnschten sich in gro\u00dfer Mehrheit Neutralit\u00e4t. Dies sollte f\u00fcr alle Themen gelten, wenngleich einige Teilnehmende sich f\u00fcr rote Linien aussprachen:<\/p>\n<p>\u25ba Wo Menschen- oder Grundrechte tangiert seien \u2013 zum Beispiel beim Klimawandel, h\u00e4uslicher Gewalt oder Rassismus \u2013 mache Unparteilichkeit keinen Sinn.\u00a0<\/p>\n<p>So argumentierten vor allem j\u00fcngere Befragte und jene, die sich politisch eher links verorteten. Allerdings riefen auch sie nicht nach dem flammenden Leitartikel: Journalisten sollten in solchen F\u00e4llen eher Experten Raum lassen und nicht selbst argumentieren.\u00a0<\/p>\n<p>Die Idealvorstellung vom Journalismus als Schiedsrichter bei\u00dft sich mit den Nutzungsgewohnheiten des Publikums. In Fokusgruppen gaben die Teilnehmenden n\u00e4mlich auch eine heimliche Vorliebe f\u00fcr parteiliche Beitr\u00e4ge zu. Sie f\u00fchlten sich davon besser unterhalten und emotional angesprochen. Dies erkl\u00e4rt auch die Begeisterung f\u00fcr Podcasts, die von der Subjektivit\u00e4t und Pers\u00f6nlichkeit ihrer Gastgeber leben und f\u00fcr sehr pers\u00f6nliche Essays, die manch ein gestandener Reporter als Befindlichkeits-Journalismus abtut.\u00a0<\/p>\n<p>Die Krux ist: Nach Ansicht der Nutzerinnen und Nutzer sollten sich die klassischen Medien aus diesen Genres eher heraushalten. Pers\u00f6nlich gef\u00e4rbte Inhalte und Meinungen finden sie schlie\u00dflich ausreichend in den sozialen Netzwerken, Journalismus brauchen sie f\u00fcr die Fakten.<\/p>\n<h2><strong>Das besondere Dilemma der privaten Medien<\/strong><\/h2>\n<p>Vor allem privatwirtschaftlich operierende Medienh\u00e4user befinden sich mitten in einem Dilemma: Sie leben zunehmend vom Verkauf von Digital-Abos. Und jeder mit etwas Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Marketing und Konsumgewohnheiten wei\u00df: Menschen entscheiden sich eher emotional als rational f\u00fcr einen Kauf. Sie zahlen f\u00fcr ein Erlebnis, f\u00fcr ein Gef\u00fchl von Zugeh\u00f6rigkeit oder gutem Gewissen, f\u00fcr ein Produkt, das ihnen Mehrwert liefert. Die nackten, neutralen oft auch unbequemen Fakten verkaufen sich nicht. Laut Digital News Report liegt die Zahlungsbereitschaft f\u00fcr digitalen Journalismus weltweit bei etwa 15 Prozent, in Deutschland mag nicht einmal jeder Zehnte daf\u00fcr Geld ausgeben.<\/p>\n<p>Sehr oft abonnieren Menschen ein Medienprodukt, weil sie sich politisch damit identifizieren. Sie setzen eine gewissen Parteilichkeit voraus und nehmen \u201eihrem\u201c Medium Abweichungen nach der einen oder anderen Seite \u00fcbel. Redaktionen wissen das. Die Schweizer <em>NZZ<\/em> zum Beispiel wirbt bei ihrer Deutschland-Expansion zwar mit \u201en\u00fcchtern, sachlich, unabh\u00e4ngig\u201c. Aber man muss nicht lange lesen, um zu erkennen, dass sie den Nutzerinnen und Nutzern unter dem Mantel der Neutralit\u00e4t eine Alternative rechts der gef\u00fchlten journalistischen Mehrheitsmeinung bieten will. Ein ordentlicher Schuss Meinung geh\u00f6rt f\u00fcr viele Medienmarken zur \u00dcberlebens-, sogar zur Wachstums-Strategie.<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender k\u00f6nnen dem hehren Ideal der Neutralit\u00e4t zwar eher folgen. So bietet Schwedens <em>Sveriges Radio<\/em> schlicht keine Kommentare an, <a href=\"https:\/\/www.publicmediaalliance.org\/insight-impartial-media-is-necessary-to-avoid-parallel-realities\/\">Intendantin Cilla Benk\u00f6<\/a> steht f\u00fcr diese harte Linie. Die <em>BBC<\/em> hat ihre ohnehin seitenf\u00fcllenden <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/editorialguidelines\/guidelines\/impartiality\/\">Grunds\u00e4tze zur Neutralit\u00e4t<\/a> noch einmal versch\u00e4rft. Aber auch bei den Bastionen des \u00fcberparteilichen Journalismus st\u00f6\u00dft das Konzept an Grenzen, wenn es um das Binden junger Menschen an die alten Marken geht.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr viele junge Leute sind bestimmte Themen nicht verhandelbar. \u201eBoth sides journalism\u201c funktioniere nur dort, wo die andere Seite Positionen vertrete, die mit Grund- und Menschenrechten vereinbar seien, argumentieren sie. Und genau an dieser empfindlichen Stelle f\u00e4ngt die Schwierigkeit an. Wo liegt die Grenze zwischen einer Meinung, die zur Debatte stehen kann, und einer Haltung, die per Definition eine stabile Ausrichtung erfordert?\u00a0<\/p>\n<p>Konsens und kleinster gemeinsamer Nenner einer unverr\u00fcckbaren Haltung sollte das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung inklusive Meinungs- und Pressefreiheit sein. Journalisten, die dies zur Verhandlungsmasse machen und zum Beispiel erkl\u00e4rten Demokratie-Gegnern eine B\u00fchne bieten, s\u00e4gen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Journalismus braucht ein Mindestma\u00df an Haltung, wenn er sich so nennen m\u00f6chte.\u00a0<\/p>\n<h2>Es braucht innerhalb von Redaktionen eine neue Haltungsdebatte<\/h2>\n<p>Aber selbst an diesem Punkt f\u00e4ngt das Gezerre an. Wie viel Meinung darf wer wo verbreiten, und hat jeder das Recht auf ein Megafon f\u00fcr jeden Bl\u00f6dsinn? Wie sieht es bei anderen gro\u00dfen Themen wie Klimaschutz oder Rassismus aus? Wo kollidieren Meinungsfreiheit und das unver\u00e4u\u00dferliche Recht auf Menschenw\u00fcrde? Die Antworten variieren je nachdem, wen man fragt. Geht es um den Erhalt der Lebensgrundlagen auf dem Planeten, ist das Ob in den meisten Redaktionen erst k\u00fcrzlich zur unverr\u00fcckbaren Haltung geworden, das Wie hingegen bleibt verhandelbar. Es hilft nichts, \u00fcber all das m\u00fcssen Redaktionen diskutieren.<\/p>\n<p>Jede Journalistin, jeder Journalist braucht eine Haltung: ein Bekenntnis zur Suche nach Fakten, zu Unabh\u00e4ngigkeit, zu Grundrechten, zur Demokratie. Das hat etwas mit Werten zu tun, nicht mit Aktivismus. Wie sollten sie auch sonst einen guten Job machen in einem Umfeld, in dem es vielen Meinungen und Interessen zu widerstehen gilt, sei es aus der Wirtschaft, der Politik oder der eigenen Chefetage. Kolleginnen und Kollegen in Osteuropa h\u00e4tten derzeit besonders viel zu dieser Debatte beizutragen.<\/p>\n<p>Ganz anders sieht es mit Meinungen aus. Nat\u00fcrlich darf jeder Medienschaffende eine haben. Aber wer sie \u00e4u\u00dfert, sollte das deutlich kennzeichnen. So viel Dienstleistung muss sein. Diejenigen, die Subjektivit\u00e4t zum allgemeinen Credo erheben, sollten bedenken: Journalisten, die den Wunsch des Publikums nach Neutralit\u00e4t missachten, arbeiten kr\u00e4ftig daran, ihren Berufsstand \u00fcberfl\u00fcssig zu machen. Menschen brauchen gepr\u00fcfte Fakten, unabh\u00e4ngige und verst\u00e4ndlich aufbereitete Informationen, um gute Entscheidungen zu treffen. Sie suchen danach in den Medien, denn Gef\u00fchliges und Meinung finden sie in der gro\u00dfen digitalen Quatschbude \u00fcberall. Den anderen, die den Untergang des Journalismus wie sie ihn kennen beobachten, sei gesagt, f\u00fcr Panik ist es zu fr\u00fch. Das <a href=\"http:\/\/dgitialnewsreport.org\/\">Vertrauen in Medien<\/a> ist w\u00e4hrend der Pandemie in etlichen L\u00e4ndern deutlich gestiegen. Der Journalismus hat in diesem langen Jahr gezeigt, was er kann.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alexandra-borchardt-kolumne-haltung-journalismus\/5937\/\">Medieninsider am 12. Juli 2021<\/a>. Aktuelle Kolumnen und spannende News aus der Branche gibt es f\u00fcr Abonnenten.\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neutralit\u00e4t, Haltung, Meinung: Auch wenn die eigentlich klar sind, sind die \u00dcberg\u00e4nge im Journalismus oft flie\u00dfend. Wie viel Haltung und Meinung braucht Journalismus, und wie neutral kann er sein? Die Fragen zu beantworten ist f\u00fcr keine Redaktion leicht \u2013 und die Nutzerschaft alles andere als eine Hilfe. Man k\u00f6nnte der laufenden Debatte \u00fcber Journalismus und &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/warum-journalismus-ohne-haltung-undenkbar-ist-und-medien-trotzdem-in-einem-dilemma-stecken\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eJournalismus ist ohne Haltung undenkbar \u2013 Medien stecken dennoch in einem Dilemma\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[45,102,364,62,52,598,60,299,240,275,599,153,502,597,111],"class_list":["post-1232","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-demokratie","tag-digital","tag-digital-news-report","tag-haltung","tag-journalismus","tag-klimajournalismus","tag-medien","tag-meinung","tag-neutralitaet","tag-objektivitaet","tag-rassismus","tag-reuters-institute","tag-unabhaengigkeit","tag-unvoreingenommenheit","tag-vertrauen"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1232\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1232"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1232\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1235,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1232\/revisions\/1235\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1232"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}