{"id":1236,"date":"2021-11-30T12:48:46","date_gmt":"2021-11-30T11:48:46","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1236"},"modified":"2021-11-30T12:48:47","modified_gmt":"2021-11-30T11:48:47","slug":"loslassen-lernen-nicht-innovation-sondern-stop-doing-ist-in-den-meisten-redaktionen-die-haerteste-disziplin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/loslassen-lernen-nicht-innovation-sondern-stop-doing-ist-in-den-meisten-redaktionen-die-haerteste-disziplin\/","title":{"rendered":"Loslassen lernen &#8211; Nicht Innovation sondern &#8218;Stop doing&#8216; ist in den meisten Redaktionen die h\u00e4rteste Disziplin"},"content":{"rendered":"\n<p>So kann es gehen, wenn man einfach nur seine Gegner bes\u00e4nftigen will: Als sich das \u00f6ffentlich-rechtliche Schweizer Medienhaus SRG SSR im M\u00e4rz 2018 einer Volksabstimmung \u00fcber seine Existenz stellen musste, sicherte sich das Management 70 Prozent der Stimmen mit Reformversprechungen. Doch sollte die Intendanz mit Waffenstillstand oder gar Frieden kalkuliert haben, muss sie nun bitter entt\u00e4uscht sein: Denn Gegenwind bl\u00e4st pl\u00f6tzlich von beiden Seiten. W\u00e4hrend die Kritiker weiter \u00e4tzen und ein neues Referendum ins Spiel bringen, klagen die vormaligen Unterst\u00fctzer lautstark \u00fcber das Sparprogramm.\u00a0<\/p>\n<p>Dinge sein zu lassen, ist f\u00fcr Sender mit einem gesetzlichen Versorgungsauftrag besonders schwer. Davon kann auch die ARD erz\u00e4hlen, die mit der Ank\u00fcndigung, Sendungen wie den <em>Weltspiegel<\/em> im Programm nach hinten und ins Digitale zu verschieben, auf Twitter sogar von Nutzern eins \u00fcbergebraten bekommt (\u201eQualit\u00e4t geht verloren!\u201c), die sich eher selten mit den Eltern vor den Fernseher setzen. Dabei geh\u00f6rt es zu den wichtigsten Disziplinen des digitalen Wandels, Gewohntes in Frage zu stellen und in die Jahre Gekommenes auszumisten. Nur ist kaum eine Redaktion so richtig gut darin \u2013 ja, viele beherrschen sie ausgesprochen schlecht.\u00a0<\/p>\n<h2><strong>Wer hat den gr\u00f6\u00dften Trennungsschmerz?<\/strong><\/h2>\n<p>Anders als bei den genannten Beispielen liegt das meist nicht einmal an Protesten des Publikums. Ausgiebige Beobachtungen zeigen: Es sind die Kolleginnen und Kollegen selbst, die von Gewohnheiten, liebgewonnenen Projekten, Ideen oder Rubriken nicht lassen k\u00f6nnen. Da ist die Kolumne, die aus der Zeit gefallen ist, w\u00e4hrend die Kolumnisten hoffen, dass niemand im Haus das merkt. Da gibt es den Newsletter f\u00fcr Opern- und Theaterfreunde, den die Kultur-Redaktion eindeutig mehr sch\u00e4tzt als die Leserschaft. Und dann erscheinen da alle diese Texte, die gar nicht enden wollen \u2013 online ist schlie\u00dflich Platz.<\/p>\n<p>Wer wie Chris Moran, Nutzerdaten-Fuchs beim britischen <em>Guardian<\/em>, die Redaktion regelm\u00e4\u00dfig mit ihrer \u00dcberproduktion konfrontiert, braucht neben guten <em>people skills<\/em> auch schl\u00fcssige Statistiken, um nicht hochkant rauszufliegen. Leserinnen und Leser m\u00f6gen noch so oft schreiben, sie k\u00f6nnten die F\u00fclle der Angebote nicht mehr bew\u00e4ltigen (ein gar nicht so seltener Grund f\u00fcr Abo-K\u00fcndigungen): Die Produzenten lassen sich davon nicht beirren.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-embed alignright is-type-wp-embed is-provider-medieninsider wp-block-embed-medieninsider\">\n<div class=\"wp-block-embed__wrapper\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" title=\"\u201eDie Frage nach guter F\u00fchrung\u201c \u2014 Medieninsider\" src=\"https:\/\/medieninsider.com\/herausforderung-generationenwechsel-lucy-kueng\/3757\/embed\/#?secret=AmF1VLe15q\" width=\"600\" height=\"434\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\" sandbox=\"allow-scripts\" data-secret=\"AmF1VLe15q\" data-mce-fragment=\"1\"><\/iframe><\/div>\n<\/figure>\n<p>Dabei hat niemand Zeit zu verschenken in Medienh\u00e4usern, in denen die Umstellung auf digitale Arbeitsweisen ein Projekt nach dem anderen erfordert und gef\u00fchlt alle paar Wochen eine neue Plattform bedient werden muss. \u201eNicht noch mehr Aufgaben!\u201c, pflegen dann die Kolleginnen und Kollegen zu st\u00f6hnen. Burnout in Redaktionen ist nicht nur eine Gefahr sondern sehr real, wie die Medienforscherin Lucy K\u00fcng in ihrem Buch \u201e<a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/sites\/default\/files\/2020-11\/Kueng%20-%20Hearts%20and%20Minds%20FINAL.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hearts and Minds<\/a>\u201c dokumentiert. Und trotzdem geh\u00f6rt das Ausmisten von weniger effektiven Prozessen, Praktiken und Inhalten zu den besonders unbeliebten T\u00e4tigkeiten im Change Management.\u00a0<\/p>\n<h2><strong>Weglassen hat nichts mit Misstrauen zu tun\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>F\u00fcr Branchenfremde ist das schwer verst\u00e4ndlich, selbst f\u00fcr manch eine Medien-F\u00fchrungskraft. So wollte die Leiterin einer Online-Redaktion ihrem Team etwas Gutes tun, nachdem sie in jedem einzelnen Mitarbeiter-Gespr\u00e4ch vernahm, das Arbeitsvolumen sei kaum zu bew\u00e4ltigen. Ihr ging es um Vorsorge und nachhaltige Arbeitsprozesse, als sie den Output auf \u201eweniger und besser\u201c trimmen wollte. Doch die Anerkennung der Kolleginnen und Kollegen blieb aus. Offenbar hatten diese den Eindruck, die Chefin traue ihnen das stramme Programm nicht l\u00e4nger zu. Mit der Schlagzahl sank auch die Stimmung.\u00a0<\/p>\n<p>Psychologisch l\u00e4sst sich das einigerma\u00dfen erkl\u00e4ren. Gerade Journalistinnen und Journalisten ziehen ihr Selbstvertrauen h\u00e4ufig aus sch\u00f6pferischer Arbeit, aus den Dingen, die ihnen Freude machen \u2013 oder Status verleihen. Die sind nicht unbedingt das, was die Nutzerinnen und Nutzer goutieren. Also versuchen viele den Spagat: Das Hobby-Thema bleibt, das notwendige kommt obendrauf. Zudem halten die Belohnungsstrukturen in Redaktionen selten mit neuen Anforderungen schritt. Die wichtigste Zielgruppe f\u00fcr die meisten Journalisten ist nach wie vor die Chefredaktion und kein inhaltlich definiertes \u201eAudience\u201c. Die Innovationsabteilung wiederum berauscht sich so oft an neuen Projekten, dass sie vor Eifer die Erfolgskontrolle vergisst. So manche einst m\u00fchsam gezogene Pflanze wird dann weiter bew\u00e4ssert, auch wenn sie l\u00e4ngst keine frischen Triebe mehr zeigt.\u00a0<\/p>\n<p>In Redaktionen mangelt es sehr h\u00e4ufig nicht an guten Ideen, sondern an Fokus. Ihn zu sch\u00e4rfen, ist F\u00fchrungsaufgabe.<\/p>\n<p>Dazu werden zun\u00e4chst einmal Daten ben\u00f6tigt, beispielsweise:<\/p>\n<p>\u25ba Wie ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Aufwand und Ertrag?<\/p>\n<p>\u25ba Welche Aktivit\u00e4ten honorieren die Kundinnen und Kunden mit Aufmerksamkeit und Loyalit\u00e4t?<\/p>\n<p>\u25ba Welche nehmen sie h\u00f6chstens geschenkt mit, welche ignorieren sie?<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt es im digitalen Journalismus wenig, was man nicht messen kann. Das bedeutet nicht, dass nur Volumen entscheidet. Ein Newsletter zum Beispiel, der eine kleine aber hoch loyale Zielgruppe begeistert, darf durchaus weiterlaufen \u2013 aber vielleicht besser als Bezahlprodukt. Wer von seinem Lieblingsthema partout nicht lassen will, kann daraus vielleicht eine Einnahmequelle kreieren.\u00a0<\/p>\n<p>Eine andere Strategie ist das Minimum-Budget. Jeder \u00fcberlegt, was er oder sie unbedingt br\u00e4uchte, w\u00fcrde man ein Angebot von Grund auf und ohne Altlasten neu aufbauen k\u00f6nnen. Was nicht auf der Positivliste steht, wird in Frage gestellt. Jedes neue Projekt braucht klare Ziele. Verfehlt es sie, war die Zeit meist trotzdem nicht vertan. H\u00f6chstwahrscheinlich hat man Dinge gelernt, aus denen sich neue Strategien ableiten lassen.\u00a0<\/p>\n<p>Amerikanische Redaktionen haben das \u201estop doing\u201c bereits h\u00e4ufiger systematisiert \u2013 aus Not. Drastischer Stellenabbau hatte vielen Medienmarken so wenige Kapazit\u00e4ten gelassen, dass sie zum Umdenken gezwungen waren. \u201e<a href=\"https:\/\/www.americanpressinstitute.org\/publications\/articles\/how-newsrooms-can-do-less-work-but-have-more-impact\/single-page\/\">How Newsrooms can do less work but have more impact<\/a>\u201c ist nicht nur ein lesenswertes Strategie-Papier, sondern m\u00fcndete sogar in einem Programm. Mitte August haben <a href=\"https:\/\/www.americanpressinstitute.org\/publications\/articles\/how-to-stop-doing-work-that-underperforms-advice-from-4-newsrooms\/\">vier teilnehmende Redaktionen Bilanz gezogen<\/a>. Ergebnis: Fast alle begeisterten mit weniger, aber zum Teil anders gestrickten, Inhalten mehr Nutzer. Wichtig in allen F\u00e4llen ist, nicht nur gemeinsam auszusieben, sondern neue Erfolgskriterien zu entwickeln. Die ideale L\u00f6sung ist gefunden, wenn jeder sein Gesicht wahren kann.\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alexandra-borchardt-kolumne-13-loslassen\/6488\/\">Medieninsider am 17. August 2021<\/a>. Aktuelle Kolumnen und spannende News aus der Medienbranche gibt es f\u00fcr Abonnenten.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So kann es gehen, wenn man einfach nur seine Gegner bes\u00e4nftigen will: Als sich das \u00f6ffentlich-rechtliche Schweizer Medienhaus SRG SSR im M\u00e4rz 2018 einer Volksabstimmung \u00fcber seine Existenz stellen musste, sicherte sich das Management 70 Prozent der Stimmen mit Reformversprechungen. 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