{"id":1273,"date":"2022-01-13T15:12:59","date_gmt":"2022-01-13T14:12:59","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1273"},"modified":"2022-01-13T15:13:00","modified_gmt":"2022-01-13T14:13:00","slug":"was-der-journalismus-vom-joghurt-lernen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/was-der-journalismus-vom-joghurt-lernen-kann\/","title":{"rendered":"Was der Journalismus vom Joghurt lernen kann"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Glaubw\u00fcrdigkeit des Journalismus ist ein Dauerthema innerhalb der Branche. Ein Rezept f\u00fcr mehr Vertrauen: Transparenz. Doch wie viel davon ist uns wirklich recht? Vor allem im Umgang mit Quellen? Die Angabe von Inhaltsstoffen ist auf jedem Joghurt genauer als in den Medien. <\/strong><\/p>\n<p>Es wirkte fast so, als wollte sich Rezo noch im Nachhinein f\u00fcr den Nannen-Preis bedanken. \u00dcber 140 Quellen steckten in seinem j\u00fcngsten Aufschlag, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/rezomusik\/status\/1429111337683144706\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">twitterte er nach der Ver\u00f6ffentlichung<\/a> im August. Das klang wie: Seht her, Leute, ich bin nicht der selbstverliebte Laberkopf, f\u00fcr den ihr mich haltet, meine St\u00fccke sind gut recherchiert. Man erinnert sich: 2020 hatte es in der Branche <a href=\"https:\/\/meedia.de\/2020\/05\/05\/die-kritik-an-rezo-und-dem-nannen-preis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">l\u00e4ngliche Diskussionen<\/a> dar\u00fcber gegeben, ob der Influencer die begehrte Journalisten-Auszeichnung tats\u00e4chlich verdient habe, wo er doch h\u00f6chstwahrscheinlich noch nicht einmal die <a href=\"https:\/\/www.presserat.de\/pressekodex.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">16 Ziffern des Pressekodexes<\/a> aufz\u00e4hlen k\u00f6nne. Und nun: 140 Quellen.\u00a0<\/p>\n<p>Die Anerkennung der Kollegen h\u00e4tte allerdings gro\u00dfz\u00fcgiger ausfallen k\u00f6nnen. Jeder Journalist verwende immer ganz viele Quellen, twitterte einer zur\u00fcck. Nur stelle man das halt nicht so heraus. Wirklich?<\/p>\n<p>Reporter und Reporterinnen haben im Allgemeinen ein \u00e4hnliches Verh\u00e4ltnis zu ihren Quellen wie Annalena Baerbock es zur Verteidigung ihres Bestsellers \u201eJetzt\u201c beschrieben hat: Ist ja nur so ein Sachbuch und keine wissenschaftliche Arbeit.<\/p>\n<h2>Der Joghurt-Moment<\/h2>\n<p>Oft setzt sich auch die Bequemlichkeit gegen\u00fcber der m\u00fchseligen Recherche durch: Da fragt man f\u00fcr ein schwieriges Thema fix ein paar Leute aus dem Bekanntenkreis, musste halt schnell gehen. Und f\u00fcr die Fach-Auskunft wird der ewig gleiche Kumpel aus Studientagen angerufen. Der nimmt den Call zuverl\u00e4ssig an und ist zudem eloquent, warum also nicht?\u00a0<\/p>\n<p>Darum nicht, fanden die Kolleginnen und Kollegen von <em>France Televisions<\/em>, als sie im Mai dieses Jahres das Projekt <a href=\"https:\/\/www.francetvinfo.fr\/economie\/medias\/nossources-nouvel-outil-de-transparence-de-l-information-de-france-televisions_4641281.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>nosSources<\/em><\/a> launchten. Chefredakteur Pascal Doucet-Bon hatte es vorangetrieben nach einem Erlebnis, das man einen Joghurt-Moment nennen k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>In Frankreich sei vor zwei Jahren diese gro\u00dfe \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber Vertrauen und die Medien gef\u00fchrt worden \u2013 die Zustimmungswerte waren im Zuge der Gelbwesten-Proteste drastisch eingebrochen. Eines Tages habe sich dieser Mann gemeldet und angemerkt, man solle sich nicht wundern, wenn Menschen dem Journalismus weniger vertrauten. Beim Einkauf im Supermarkt f\u00e4nde er auf jedem Produkt penibel genau Inhaltsstoffe und N\u00e4hrwerte aufgelistet. Bei Nachrichten hingegen m\u00fcsse er sich allein auf die Marke verlassen. \u201eEr sagte mir: Leute, so l\u00e4uft das nicht mehr\u201c, erinnert sich Doucet-Bon. Wie sollten Leser den Journalisten trauen ohne die M\u00f6glichkeit, die Quellen zu \u00fcberpr\u00fcfen? \u201eEs war mir etwas peinlich zuzugeben, dass er recht hatte. Jeder Joghurt kommt transparenter daher. Aber damals wusste ich nicht so recht, was wir tun k\u00f6nnten.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Die Idee lie\u00df ihn nicht mehr los. \u201eWir arbeiten mit dem Geld der Steuerzahler, sie haben ein Recht darauf, unsere Quellen zu kennen und zu beurteilen\u201c, so Doucet-Bon. Aber wie l\u00e4sst sich ein Joghurt-Label auf das Nachrichtengeschehen \u00fcbertragen? Es brauchte einen Chefwechsel, viele Diskussionen und einiges an Vorbereitung, bis <em>nosSources<\/em> starten konnte.<\/p>\n<p>Das Konzept ist simpel: In jedem von <em>France Televisions<\/em> digital publizierten St\u00fcck werden die Leserinnen und Leser nun eingeladen, die Quellen am Ende des Textes zu studieren. Sie finden Hinweise auf Infografiken, Studien und Informationen zu den Experten, die zitiert werden. \u201eDas hat sich vor allem in der Impf-Debatte als wichtig erwiesen\u201c, so Doucet-Bon. Denn gerade Impfgegner w\u00fcrden die Quellen systematisch durchforsten mit dem Hintergedanken, die Kompetenz und Unabh\u00e4ngigkeit von Wissenschaftlern und \u00c4rzten in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Eine klare Einordnung helfe beispielsweise dabei, nachzuvollziehen, wer welche Verbindungen zur Pharmaindustrie habe. \u201eNat\u00fcrlich geben wir keine vertraulichen Quellen preis. Und bei manchen Reportagen gibt es schlicht keine Quellen, wenn zum Beispiel jemand eine Nacht bei Obdachlosen verbringt\u201c, sagt der Chefredakteur. Aber meistens geht es eben doch.\u00a0<\/p>\n<p>Ob die Quellen-Transparenz das Vertrauen der Leserschaft in den franz\u00f6sischen Marktf\u00fchrer bei digitalen Nachrichten erh\u00f6ht, l\u00e4sst sich noch nicht beurteilen. Tatsache ist: Die wenigsten Nutzerinnen und Nutzer klicken darauf. F\u00fcr Doucet-Bon geht es aber nicht nur darum, Offenheit nach au\u00dfen demonstrieren, sagt er: \u201eWir wollten auch, dass unsere Kollegen und Kolleginnen ihre Quellen bewusster w\u00e4hlen.\u201c Wie oft h\u00e4tten Reporter zuvor einfach Umfragen anderer kopiert oder immer dieselben Experten befragt. Der Sender hoffe, seinen Journalismus mit dem Projekt zu verbessern. Selbst die Gewerkschaften schweigen ob des Mehraufwands \u2013 in Frankreich ein Zeichen stiller Zustimmung.<\/p>\n<p>Allerdings haben sich noch nicht alle Redakteure, Reporterinnen und Kommentatoren mit den neuen Standards angefreundet. Einer von vier Journalisten mache nicht mit bei <em>nosSources<\/em>, so Doucet-Bon, \u201emanche hoffen sicher, dass das wieder verschwinden wird\u201c. Es d\u00fcrften aber eher die sich verweigernden Kolleginnen und Kollegen sein, deren journalistische Sterne irgendwann verblassen werden. Denn in einer datengetriebenen Welt steigt der Anspruch der Konsumentinnen und Konsumenten, eben diesen Daten bei Bedarf auf den Grund gehen zu k\u00f6nnen. Der Aufschwung des Wissenschaftsjournalismus in der Pandemie hat gezeigt, dass die Nachfrage nach Belegen w\u00e4chst. Ein betr\u00e4chtlicher Teil des Publikums nimmt es nicht mehr kommentarlos hin, wenn faktenloses Geschwurbel damit begr\u00fcndet wird, dies sei nun einmal Feuilleton oder ein politischer Kommentar.\u00a0<\/p>\n<p>Journalismus darf allerdings auch nicht ins Gegenteil abdriften, wie dies heute manch eine wissenschaftliche Arbeit tut. Aus Angst, eines Plagiats bezichtigt zu werden, belegen Studierende h\u00e4ufig jede noch so simple Aussage. Das Ergebnis wirkt h\u00e4ufig zaghaft und unentschieden.<\/p>\n<p>Starker Journalismus bewahrt den Mut zum eigenen Gedanken. Statt des Joghurts funktioniert als Analogie wom\u00f6glich eher das Curry: Das kann feurig und gehaltvoll schmecken und dennoch auf einem Rezept basieren, das sich nachkochen lie\u00dfe \u2013 w\u00fcrde man es denn wollen. Vertrauen steigt nicht automatisch mit mehr Transparenz. Dies geschieht nur, wenn die Zutaten stimmen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alexandra-borchardt-kolumne-14\/6818\/\">bei Medieninsider am 17. September 2021<\/a>. Mit einem Abo kann man dort auch aktuelle Kolumnen lesen. \u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Glaubw\u00fcrdigkeit des Journalismus ist ein Dauerthema innerhalb der Branche. Ein Rezept f\u00fcr mehr Vertrauen: Transparenz. Doch wie viel davon ist uns wirklich recht? Vor allem im Umgang mit Quellen? Die Angabe von Inhaltsstoffen ist auf jedem Joghurt genauer als in den Medien. 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