{"id":1275,"date":"2022-01-13T15:31:29","date_gmt":"2022-01-13T14:31:29","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1275"},"modified":"2022-01-13T15:31:30","modified_gmt":"2022-01-13T14:31:30","slug":"politik-journalismus-runter-vom-schlachtfeld-rein-ins-labor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/politik-journalismus-runter-vom-schlachtfeld-rein-ins-labor\/","title":{"rendered":"Politik-Journalismus: Runter vom Schlachtfeld, rein ins Labor"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der politische Journalismus in Deutschland hat seine Sache im Bundestagswahlkampf gut gemacht. Das hei\u00dft auch: Er h\u00e4tte einiges noch besser machen k\u00f6nnen. Es ist an der Zeit, rhetorisch ab- und inhaltlich umzur\u00fcsten. Denn es geht auch konstruktiv.<\/strong><\/p>\n<p>Die j\u00fcngste Bundestagswahl ist schon eine Weile her, die Medien sind lange weitergezogen. Was die Qualit\u00e4t der Berichterstattung dar\u00fcber angeht, daran kann sich vermutlich kaum noch jemand erinnern, nur das Wort &#8222;Triell&#8220; mag sich nachhaltig im deutschen Sprachgebrauch behaupten. Festhalten sollte man nur, dass der Journalismus insgesamt gut funktioniert hat. Denn trotz einer nach allgemeinem Bekunden wenig \u00fcberzeugenden Auswahl an Kanzlerkandidaten war die Wahlbeteiligung leicht auf knapp 77 Prozent gestiegen. Man darf vermuten, dass dies ohne eine vielf\u00e4ltige und umfangreiche Medienberichterstattung nicht geschehen w\u00e4re.<\/p>\n<h2>Wettkampf ist das Salz des politischen Journalismus<\/h2>\n<p>Trotzdem kann sich auch der politische Journalismus weiterentwickeln, auch wenn das die Routiniers in den Parlamentsb\u00fcros ungerne h\u00f6ren. Denn wieder und wieder werden die alten Rezepte aus dem journalistischen Standard-Kochbuch nachgekocht. Dessen popul\u00e4rstes besagt: Wettkampf ist das Salz des politischen Journalismus.\u00a0<\/p>\n<p>Wer liegt in den Umfragen vorn? Vor lauter Begeisterung f\u00fcr diese Frage, die nicht besser wird, je \u00f6fter man sie stellt, vergessen Journalistinnen und Journalisten gerne, dass die Antwort morgen schon wieder \u00fcberholt sein d\u00fcrfte. Sie untersch\u00e4tzen auch, dass sie genau damit Ergebnisse beeinflussen. Es ist ein psychologischer Effekt, dass sich viele Menschen gerne auf die Seite der Sieger stellen oder als Unentschlossene eher der gef\u00fchlten Mehrheit folgen. Sprich: Ein bisschen weniger Triell h\u00e4tte es auch getan.\u00a0<\/p>\n<h2>Der Personen-Themen-Kreisel<\/h2>\n<p>Das hei\u00dft nicht, jetzt einem anderen Ritual zu folgen: dem Personen-Themen-Kreisel, der sich vor allem in den sozialen Netzwerken oft schwindelerregend dreht. Geht es auf Twitter hart gegen eine Person zur Sache, muss man nur kurz warten, bis die erste fordert: Im Wahlkampf sollte es mal wieder um Themen gehen. Geht es um Themen, werden die nat\u00fcrlich mit Personen verkn\u00fcpft, was andere wieder nach Themen rufen l\u00e4sst. Fakt ist, dass Politik in den meisten Demokratien von Koalitionen verabschiedet wird, weshalb viele politische Programme nach der Regierungsbildung nur noch in Umrissen erkennbar sind. Das Wahlvolk hat also recht, wenn es sich im Vorhinein vor allem mit der Glaubw\u00fcrdigkeit, Integrit\u00e4t und Kompetenz der Personen besch\u00e4ftigt, denen es die Verantwortung f\u00fcr die Themen in die H\u00e4nde legt.<\/p>\n<p>Der beste Ausweis f\u00fcr Glaubw\u00fcrdigkeit sind Taten, weshalb es Kandidatinnen und Kandidaten ohne Regierungserfahrung schwerer haben. Aber selbst dort, wo jemand schon l\u00e4nger gestalten kann oder k\u00f6nnte, schauen Reporterinnen und Reporter viel zu selten hin. Nat\u00fcrlich ist Journalismus der Sorte \u201eder hat gesagt, die hat gesagt\u201c bequemer und deutlich billiger als Recherche. Gro\u00dfm\u00e4uler haben einen Vorteil, und wom\u00f6glich f\u00e4rbt es sogar auf den Glanz des Korrespondenten ab, wenn er eine Regierungschefin oder einen prominenten Herausforderer vors Mikrofon bekommt.<\/p>\n<h2>Gro\u00dfm\u00e4uler gibt es schon bei YouTube und Instagram<\/h2>\n<p>Hingegen kann es sehr m\u00fchselig sein, in Team- und Kleinarbeit Fakten zusammenzutragen, und es f\u00e4llt schlimmstenfalls noch nicht einmal auf: Trotz starker Recherche-Leistung der beteiligten Kollegen war es vielen W\u00e4hlenden offenbar zu kompliziert, Olaf Scholz\u2019 Rolle im Cum-Ex-Skandal zu durchdringen. Die durch die Pegasus-Recherche zutage gef\u00f6rderten verdeckten Immobilien-Gesch\u00e4fte von Tschechiens Premier Andrej Babis waren da wohl leichter zu verstehen. Ihn hat die Arbeit von Journalisten seine Wiederwahl gekostet. Dabei sollte man das politische Personal an seinen Taten messen, was oft leichter ist, als es die Medien in sch\u00f6nster Herdenbewegung glauben machen. Gerade junge Menschen w\u00fcnschen sich vom Journalismus mehr Perspektiven, L\u00f6sungen und Substanz. Gro\u00dfm\u00e4uler finden sie bei YouTube und Instagram schon zuhauf.\u00a0<\/p>\n<p>Das Constructive Institute in Aarhus* hat k\u00fcrzlich demonstriert, wie Wahldebatten auch konstruktiv ablaufen k\u00f6nnten. In dem Projekt \u201eguter Kampf\u201c wurden zun\u00e4chst 120 Journalisten aus ganz D\u00e4nemark darin geschult, wie man Wahlen konstruktiv begleiten k\u00f6nnte. Kandidaten lernten in Bootcamps konstruktive Debatten-Techniken. Der Test kam mit einer Wahlveranstaltung, zu der mit folgendem Text eingeladen wurde:\u00a0<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6gen Sie Politik, aber haben sie das auch so satt, wenn sich Politiker anschreien und die Medien versuchen, immer die Konflikte zu betonen? Sie sind nicht allein. Vielleicht k\u00f6nnen wir gemeinsam testen, ob das anders gehen kann.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Ulrik Haagerup, Gr\u00fcnder des Instituts und fr\u00fcher Chefredakteur im d\u00e4nischen Fernsehen, war sp\u00fcrbar \u00fcberrascht von der Reaktion. Nach nur wenigen Stunden sei die Veranstaltung ausverkauft gewesen. 530 D\u00e4nen seien zu einem Abend erschienen, der angef\u00fcllt mit Argumenten, Ideen und Heiterkeit gewesen sei. \u201e92 Prozent der Besucher fanden es gro\u00dfartig. Die Kandiaten waren \u00fcberrascht, dass sie \u00fcber potenzielle L\u00f6sungen reden und Gedanken ihrer Gegner anerkennen konnten, ohne als Verlierer gebrandmarkt zu werden\u201c, sagt Haagerup. Nicht verwunderlich, dass er in solchen Formaten die Zukunft des Journalismus sieht.<\/p>\n<h2>Menschen sind mehr als k\u00fchle Rechner<\/h2>\n<p>Nahe an den Menschen zu sein, das hei\u00dft \u00fcbrigens vor allem, sie ernst zu nehmen und nicht zu untersch\u00e4tzen. Journalisten versuchen dies oft recht unbeholfen. Die im Wahlkampf ewig wiederholte Frage \u201eWas kostet das den B\u00fcrger?\u201c reduziert die W\u00e4hlenden auf Gewinn-Maximierer, das wird ihnen nicht gerecht. Menschen sind mehr als k\u00fchle Rechner, im Guten wie im Schlechten. Sp\u00e4testens das Brexit-Referendum hat gezeigt, dass Emotionen auf dem Soll und Haben ebenso viel wiegen k\u00f6nnen wie Geld auf dem Bankkonto.<\/p>\n<p>Medien k\u00f6nnten nicht nur im sprachlichen Umgang mit Politikern, \u00e4hm, abr\u00fcsten und dann und wann kontrollieren, wie oft sie in Wahlk\u00e4mpfen (sic!) Vokabular von Schlachtfeld und Sportplatz borgen statt zum Beispiel welches aus Werkstatt oder Labor. Auch die Kritik an der Konkurrenz f\u00e4llt oft eine Spur schriller aus als angebracht. Die jeweils anderen h\u00e4tten Annalena Baerbock ins Amt schreiben wollen, lautete ein h\u00e4ufiger Vorwurf im Bundestagswahlkampf, mit dem sich manch einer als gegen den Strom schwimmend gerieren wollte.\u00a0<\/p>\n<p>Nun, sp\u00e4testens die Wahl von Donald Trump zum US-Pr\u00e4sidenten 2016 d\u00fcrfte gezeigt haben, dass man Politiker nur sehr begrenzt hoch- oder runterschreiben kann. Wenn Menschen beginnen, Journalistinnen und Journalisten als Teil einer Elite zu betrachten, die den Kontakt zum Wahlvolk verloren hat, geht Parteinahme ziemlich sicher nach hinten los. F\u00fcr jeglichen Journalismus gilt deshalb: Vorher zuh\u00f6ren ist besser als nachher wundern.<\/p>\n<p><em>*Transparenz-Notiz: Alexandra Borchardt ist Board Mitglied der Constructive Foundation<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-politik-journalismus\/7289\/\">erschien am 12. Oktober bei Medieninsider<\/a>\u00a0und wurde hier leicht angepasst. Mit einem Abo lassen sich dort auch aktuelle Kolumnen lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der politische Journalismus in Deutschland hat seine Sache im Bundestagswahlkampf gut gemacht. Das hei\u00dft auch: Er h\u00e4tte einiges noch besser machen k\u00f6nnen. Es ist an der Zeit, rhetorisch ab- und inhaltlich umzur\u00fcsten. Denn es geht auch konstruktiv. Die j\u00fcngste Bundestagswahl ist schon eine Weile her, die Medien sind lange weitergezogen. 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