{"id":1295,"date":"2022-02-18T15:42:50","date_gmt":"2022-02-18T14:42:50","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1295"},"modified":"2022-02-18T15:43:50","modified_gmt":"2022-02-18T14:43:50","slug":"was-medien-aus-der-corona-berichterstattung-fuer-den-klimajournalismus-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/was-medien-aus-der-corona-berichterstattung-fuer-den-klimajournalismus-lernen-koennen\/","title":{"rendered":"Was Medien aus der Corona-Berichterstattung f\u00fcr den Klimajournalismus lernen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Viele Redaktionen hatten es schon geahnt, denn der gro\u00dfe Zuspruch ihres Publikums muss etwas bedeutet haben: Die Medien-Nutzer haben der Corona-Berichterstattung im ersten Jahr der Pandemie ein \u00fcberwiegend gutes Zeugnis ausgestellt. Dies geht aus einer <a href=\"https:\/\/rudolf-augstein-stiftung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Studie-einseitig-unkritisch-regierungsnah-reinemann-rudolf-augstein-stiftung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">umfangreichen, gemeinsamen Studie<\/a> der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz und der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen hervor, die von der Rudolf-Augstein-Stiftung beauftragt und Ende 2021 vorgestellt wurde. <\/strong><\/p>\n<p>Verst\u00e4ndlich, vollst\u00e4ndig, glaubw\u00fcrdig, sachlich \u2013 zwischen 60 und 80 Prozent der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sch\u00e4tzten die Corona-Berichterstattung jeweils so ein, nur maximal 20 Prozent outeten sich in der einen oder anderen Kategorie als unzufrieden. Waren bislang vor allem Kritiker durchgedrungen, die den Medien zu viel Regierungsn\u00e4he und Einseitigkeit vorgeworfen hatten, kam die Berichterstattung sogar in Sachen Vielfalt der Perspektiven recht gut weg.<\/p>\n<p>Nach allerlei schlagzeilentr\u00e4chtigem Get\u00f6se (\u201eMedien haben in der Pandemie versagt!\u201c) kann man f\u00fcr eine so sachliche Ann\u00e4herung dankbar sein, die nicht nur auf Befragungen, sondern auch auf einer Inhaltsanalyse der tats\u00e4chlichen Berichterstattung basiert und auf 60 Seiten ausgewertet wird. Die Ergebnisse entsprechen auch den deutlich gestiegenen Vertrauenswerten, \u00fcber die sich Medien weltweit im Vergleich zum Vorjahr freuen konnten. Sowohl der Digital News Report aus Oxford als auch andere Untersuchungen wie das Edelman Trust Barometer hatten dies den Nachrichtenmachern attestiert \u2013 allen voran den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern und den Regionalmedien. Medienmacher sollten es sich dennoch nicht zu gem\u00fctlich machen, denn die Untersuchung legt auch einige Schw\u00e4chen des Journalismus offen. Gerade mit Blick auf die Berichterstattung zum Klimawandel und dem Ringen um L\u00f6sungen w\u00e4re es fahrl\u00e4ssig, daran nicht zu arbeiten.<\/p>\n<h3><strong>Hier sind f\u00fcnf Studienerkenntnisse, aus denen Journalisten lernen k\u00f6nnen<\/strong><\/h3>\n<p><strong><em>Erstens: Journalismus fokussiert sich zu eng auf bestimmte Funktionstr\u00e4ger<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dass Journalisten im \u00dcberma\u00df Politikern an den Lippen h\u00e4ngen, ist eine altbekannte Schw\u00e4che der Branche, die sich aus dem Einfluss der Politik-Redaktionen in der internen Hackordnung der meisten H\u00e4user erkl\u00e4rt. In der Pandemie war das nicht anders. Allerdings hatten sich die Scheinwerfer nun zus\u00e4tzlich auf Wissenschaftler gerichtet. Wie die Studie ermittelt hat, kamen allerdings vor allem Mediziner zu Wort, seltener \u2013 aber daf\u00fcr im Einzelfall prominent \u2013 Virologen. Forscherinnen und Forscher anderer Disziplinen wurden hingegen kaum zu Rate gezogen. Dabei haben sich die Ma\u00dfnahmen im Kampf gegen die Seuche \u2013 vom Ladenschlie\u00dfungen und Fernunterricht bis Ausgangssperren \u2013 auf weite Teile des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens ausgewirkt. Hierzu h\u00e4tte nach der Datenlage durchaus mehr Forschung und weniger Mutma\u00dfung geliefert werden k\u00f6nnen. Beim Thema Klimawandel l\u00e4uft die Branche in eine \u00e4hnliche Situation hinein. Werden allein Klimaexperten um Einsch\u00e4tzungen gebeten, werden der Bev\u00f6lkerung viele Fakten vorenthalten, die sich aus der Klimaschutzpolitik ergeben und ergeben werden. Wenn sich Menschen eine Meinung bilden sollen, brauchen sie viele fundierte Perspektiven. Und auch der Klimaschutz wird in praktisch jeden Lebensbereich eingreifen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong><em>Zweitens: Wenn es zu kompliziert wird, steigen viele Journalisten aus \u2013 vor allem bei naturwissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Berichterstattung hat sich nach den Erkenntnissen der Forscher relativ wenig darum bem\u00fcht zu erkl\u00e4ren, wie das Virus wirkt, sich verbreitet und was es im K\u00f6rper anrichtet, zum Beispiel auch im Vergleich mit dem Grippevirus. Der Auswertung zufolge ging es viel h\u00e4ufiger um Fallzahlen, Handlungsempfehlungen und politische Ma\u00dfnahmen. Das wundert kaum, denn die wenigsten Journalisten verf\u00fcgen \u00fcber ausreichendes naturwissenschaftliches Grundwissen. Sie k\u00f6nnen Entwicklungen h\u00e4ufig nicht einordnen oder vermeiden es \u2013 zumal sich das Wissen \u00fcber das Virus im Fall Covid auch erst entwickelt hat. Beim Klimaschutz gibt es ein \u00e4hnliches Problem. Der Journalist Wolfgang Blau, der j\u00fcngst das <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/oxford-climate-journalism-network\">Oxford Climate Journalism Network<\/a> mitgegr\u00fcndet hat, betont wieder und wieder, wie wichtig eine Grundbildung zum Thema Klima f\u00fcr Journalisten aller Disziplinen ist. Manch einem Reporter mag das zu kompliziert oder anstrengend sein, aber wer mehr machen m\u00f6chte als den klassischen \u201eder hat gesagt \u2026, die hat gesagt \u2026\u201c-Journalismus, kommt darum nicht herum.<\/p>\n<p><strong><em>Drittens, Statistiken werden oft phantasielos aufbereitet<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In vielen Redaktionen sind die Kenntnisse in diesem Fach unterentwickelt, und das wirkt sich auf die Aussagekraft und Vielfalt der Berichterstattung aus. Zwar kam kaum ein Medium in der Pandemie ohne die Kurve der Fallzahlen oder Inzidenzen aus, aber vergleichende Analysen gab es der Studie zufolge eher selten. Auch die Folgen zum Beispiel f\u00fcr das Wirtschaftsleben h\u00e4tte man gut mit Grafiken oder Statistiken aufbereiten k\u00f6nnen, zum Beispiel in Relation zu anderen Wirtschafts-Schocks wie der Lehman-Brothers-Pleite 2008. Auch beim Thema Klimawandel und den Auswirkungen entsprechender Politik m\u00fcssen Redaktionen Einordnung bieten, die \u00fcber das Erwartbare hinaus gehen. Menschen m\u00f6chten zum Beispiel wissen, welche pers\u00f6nliche Einschr\u00e4nkung wie viel zum Klimaschutz beitr\u00e4gt, ob der Verzicht auf Fleisch, Autofahrten oder Fl\u00fcge mehr bringt. Viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sind durchaus bereit, ihren Teil zu leisten. Nur dazu m\u00fcssen sie es verstehen. Journalisten sollten dazu nicht nur selbst Statistiken lesen, sondern es anderen auch vermitteln k\u00f6nnen. Hier ist vor allem die Journalisten Aus- und Weiterbildung gefragt.<\/p>\n<p><strong><em>Viertens, das Volumen der Berichterstattung hat oft wenig mit der Bedrohungslage zu tun<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es ist eine St\u00e4rke und Schw\u00e4che des Journalismus, dass er sich stets auf das Neue fokussiert. Dies hat den Daten zufolge in der Corona-Pandemie dazu gef\u00fchrt, dass in der ersten Welle mehr berichtet wurde als in der zweiten, obwohl die Zahlen der Erkrankten und Toten sp\u00e4ter weit h\u00f6her lagen. Offenbar hatten Vorw\u00fcrfe, die Berichterstattung sei hysterisch (in der ersten Welle erhoben von 30 Prozent der Befragten) ihre Spuren hinterlassen. In der zweiten Welle kam nur noch ein F\u00fcnftel mit diesem Vorwurf. Die hohe Schlagzahl im April 2020 war allerdings auch davon gepr\u00e4gt, dass in der ersten Welle das gesellschaftliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen war. Fast jeder Journalist wurde damals zum Corona-Reporter, wollte er nicht unt\u00e4tig daheim sitzen. F\u00fcr das Thema Klimaschutz sind Abnutzungseffekte ein noch gr\u00f6\u00dferes Problem. Denn weder das Ph\u00e4nomen selbst noch viele der L\u00f6sungen haben gro\u00dfen Neuigkeitswert, wenn nicht gerade Br\u00e4nde, \u00dcberschwemmungen oder spektakul\u00e4r schmelzende Gletscher Aufmerksamkeit schaffen. Es wird eine Kunst sein, das Thema dem Ernst der Lage angemessen mit immer neuen, interessanten und lehrreichen Facetten abzudecken. Au\u00dferdem gilt, was Kommunikationsstrategen schon immer empfohlen haben: \u201eSag es, sag es wieder, und sag es dann noch einmal.\u201c Wiederholungen m\u00f6gen Journalisten langweilen, das Publikum braucht sie, um Dringlichkeit zu verstehen.<\/p>\n<p><strong><em>F\u00fcnftens, sachlich ist gut, emotional auch<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nahe an den Menschen zu sein, das hei\u00dft \u00fcbrigens vor allem, sie ernst zu Die Studie hat dem Journalismus in der Pandemie eine gro\u00dfe Sachlichkeit attestiert. Mit dem Fortschreiten der Seuche habe die Berichterstattung immer st\u00e4rker auf Statistiken zur\u00fcckgegriffen als auf Einzelf\u00e4lle, schreiben die Autoren: \u201eZu keinem Zeitpunkt \u00fcberwogen emotionale Beitr\u00e4ge auch nur ann\u00e4hernd die sachlichen.\u201c Grunds\u00e4tzlich sind die Medien damit ihrem Auftrag gerecht geworden, vor allem Fakten zu pr\u00e4sentieren. Allerdings brauchen Menschen Emotionen, um Empathie zu bilden. Eine einzige Geschichte \u00fcber einen besonders geplagten Covid-Patienten bewegt wom\u00f6glich mehr Menschen dazu, sich impfen zu lassen, als die bestgemachte Grafik zu Risiken und Nebenwirkungen. Redaktionen sollten dies beherzigen, auch f\u00fcr die Berichterstattung \u00fcber den Zustand von Natur und Umwelt. Die klug aufbereitete Statistik appelliert an den Verstand, die packende Geschichte ans Gef\u00fchl. Um t\u00e4tig zu werden, brauchen Menschen beides.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-agustein-studie-corona-medien\/7825\/\">am 10. November 2021 in Medieninsider<\/a>. Dort publiziere ich regelm\u00e4\u00dfig, aktuelle St\u00fccke lassen sich mit Abo lesen. \u00a0 \u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Redaktionen hatten es schon geahnt, denn der gro\u00dfe Zuspruch ihres Publikums muss etwas bedeutet haben: Die Medien-Nutzer haben der Corona-Berichterstattung im ersten Jahr der Pandemie ein \u00fcberwiegend gutes Zeugnis ausgestellt. 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