{"id":1380,"date":"2022-07-15T16:22:34","date_gmt":"2022-07-15T14:22:34","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1380"},"modified":"2022-07-15T16:23:26","modified_gmt":"2022-07-15T14:23:26","slug":"sieben-wege-fuer-konstruktiven-journalismus-im-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/sieben-wege-fuer-konstruktiven-journalismus-im-krieg\/","title":{"rendered":"Sieben Wege f\u00fcr konstruktiven Journalismus im Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 24. Februar 2022 befahl Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin seinen Truppen, die Ukraine anzugreifen. Zumindest f\u00fcr diejenigen, die freien Zugang zu Informationen haben, ist dieser Sachverhalt so klar wie ungeheuerlich. Quasi \u00fcber Nacht hatte sich damit die sonst so verwobene Welt wieder aufgeteilt: in Aggressoren und Verteidiger, T\u00e4ter und Opfer, Demokraten und ihre Feinde. Und allzu leicht \u2013 man ertappt sich selbst dabei \u2013 erliegt der Journalismus in so einem Krisenfall der Versuchung, dem zu folgen. Er feiert Helden, verdammt Verbrecher, h\u00e4lt den Scheinwerfer immer genau dorthin, wo es am lautesten knallt. \u00c4hnlich wie die Kriegsf\u00fchrung fallen viele Redaktionen zuverl\u00e4ssig in trainierte Muster des 20. Jahrhunderts zur\u00fcck. Noch entschiedener geht es in den sozialen Netzwerken zu. Strategen erkl\u00e4ren mit breiter Brust die Welt des Krieges und jeder, der den Schnipsel eines Bildes von den Schlachtfeldern erhaschen kann, spielt einem das Grauen zuverl\u00e4ssig \u00fcber das Smartphone in die H\u00e4nde.\u00a0<\/p>\n<h3><strong>Zwischen Ohnmacht und Traumata<\/strong><\/h3>\n<p>F\u00fcr den konstruktiven Journalismus, der f\u00fcr Nuancen und Perspektiven pl\u00e4diert und stetig mahnt, die Welt nicht in Schwarz und Wei\u00df abzubilden, scheinen harte Zeiten anzubrechen. Oder gibt es im Angesicht des Krieges noch Platz f\u00fcr eine Berichterstattung, die Menschen in der F\u00fclle ihrer Bed\u00fcrfnisse begreift, Raum f\u00fcr Zweifel l\u00e4sst, wom\u00f6glich sogar Hoffnung macht?<\/p>\n<p>Viele Redaktionen stellen zunehmend fest: Es muss ihn geben. Denn wer nicht gerade einen gro\u00dfen \u00fcberregionalen Titel herausgibt oder ein nationales Fernsehprogramm steuert, erlebt in diesen Tagen etwas anderes als in den Fr\u00fchzeiten der Pandemie. Menschen wenden sich ab. Aus allen Ecken h\u00f6rt man: Neue digitale Abos tr\u00f6pfelten nur noch herein, viele der Ukraine-Stoffe auf der Homepage blieben liegen. Waren die Wege, dem Virus zu begegnen, noch zutiefst lokale Themen, trauen viele Leser offenbar nur noch wenigen Medien zu, in Sachen Ukraine den Kopf \u00fcber Wasser zu haben. Die anderen schalten komplett ab. Zu gro\u00df sind offenbar die Gef\u00fchle von Ohnmacht und vergangen geglaubte Traumata. Quer durch die Generationen gilt: Bilder des Krieges machen Angst.<\/p>\n<h3><strong>Wie gehen Redaktionen konstruktiv damit um?\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Am besten, indem sie die Bed\u00fcrfnisse ihres Publikums ergr\u00fcnden.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Zun\u00e4chst einmal gibt es viele Menschen, die einfach helfen wollen, aus Empathie und um nicht in Ohnmacht zu verharren. Ihnen zu zeigen, was man wie tun kann, wie das anderen schon gelingt und was man besser lassen sollte \u2013 das machen viele Medienh\u00e4user gut. Noch besser ist es, wenn sie selbst vorangehen, Geld f\u00fcr Opfer spenden oder f\u00fcr den unabh\u00e4ngigen Journalismus, der im Krieg leicht unter die R\u00e4der kommt. Wer oft schnell und lautstark fordert, sollte seine eigenen Standards auch mindestens erf\u00fcllen. Manch ein Au\u00dfenstehender wird das als Marketing-Ma\u00dfnahme kritisieren. Geschenkt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Zweitens k\u00f6nnen Journalisten Menschen zum Sprechen bringen. Geteilte \u00c4ngste schwei\u00dfen Gemeinschaften in Krisenzeiten zusammen. Man zeigt sich verwundbar und kommt sich dadurch nahe. So erz\u00e4hlen Menschen, die man lange zu kennen glaubte, pl\u00f6tzlich Familiengeschichten von Flucht und Vertreibung. Sonst so souver\u00e4n wirkende Entscheider geben zu, dass ihnen die Antworten fehlen. Formate zu finden, die Menschen miteinander ins Gespr\u00e4ch bringen, ist eine Kernaufgabe von Journalismus. Was k\u00f6nnte konstruktiver sein? \u201e<a href=\"https:\/\/medium.com\/whither-news\/journalism-is-the-conversation-the-conversation-is-journalism-22a8c631e952\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Journalism is the conversation<\/a>\u201c, pflegt der Grandseigneur der Medienbeobachtung Jeff Jarvis zu sagen.<\/p>\n<p>\u25ba Drittens ist es wichtig, auf Sprache zu achten. Wer \u201edie Russen\u201c sagt und schreibt, nimmt all die tapferen Staatsb\u00fcrger in Sippenhaft, die f\u00fcr die Wahrheit und Meinungsfreiheit ihre pers\u00f6nliche Freiheit, wom\u00f6glich ihr Leben riskieren. Dabei sind insbesondere sie es, die Russland von Putin und seinen Gefolgsleuten befreien m\u00fcssen. Ukrainern stehen in der EU Grenzen und Herzen offen, wenngleich auch das wohl kaum reichen wird. Gefl\u00fcchtete Russen erfahren Ablehnung, sie scheitern bereits am Geldautomaten. Im Land selbst leiden Unschuldige unter den Sanktionen. Deshalb ist es wichtig, immer wieder pr\u00e4zise zu betonen: Der Aggressor ist Putin mit seinem Apparat.<\/p>\n<p>\u25ba Viertens, und das gilt immer f\u00fcr den Journalismus: Vorsicht bei der Heldenverehrung. Nat\u00fcrlich lieben Nutzer Geschichten von Mut und Widerstand. Solche Storys wecken Emotionen, das schafft Reichweite. Sie machen Hoffnung. Und wer bewundert sie nicht in diesen Tagen, den \u00fcberlebensgro\u00dfen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj, die Klitschko-Br\u00fcder, die Redaktion des <a href=\"https:\/\/kyivindependent.com\/\"><em>Kyiv Independent<\/em><\/a> und anderer ukrainischer Medien, die mitten aus den Kampfzonen zur Welt sprechen. Nat\u00fcrlich sind Journalisten in diesem Fall Partei, sie stehen auf der Seite der Demokratie. Aber dennoch d\u00fcrfen sie nicht zu Fans werden. Sie brauchen Distanz, um genau hinzuschauen, zu dokumentieren, was passiert, zu analysieren, was gesagt wir. Auch von denen, die nicht so laute Stimmen haben. Krieg findet nicht nur dort statt, wo es knallt und brennt, auch wenn das die besten Bilder gibt. Er gr\u00e4bt sich ein in die Menschen, die Gesellschaft, die Wirtschaft. Seine Spuren auch auf lange Sicht zu verfolgen, ist Journalistenpflicht.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>\u25ba F\u00fcnftens, Menschen leiden am Leid anderer, an ihrer Angst, an Bildern und Nachrichten im \u00dcberfluss. Nicht jeder, der informiert bleiben m\u00f6chte, kann die volle Dr\u00f6hnung ertragen. Redaktionen k\u00f6nnen entsprechende Produkte entwickeln. Das k\u00f6nnen Newsletter sein, die das Wichtigste zusammenfassen oder Angebote ganz ohne Bild und Ton. Ein Faktencheck, der popul\u00e4re Bilder aus den sozialen Netzwerken einsortiert, ist ein Service, f\u00fcr den viele dankbar sind. Auch diejenigen, die am Live-Ticker h\u00e4ngen, brauchen immer wieder Auswege in andere Geschichten. Und manch einer h\u00e4tte zum Abschalten wom\u00f6glich gerne ein g\u00e4nzlich kriegsfreies Produkt. Wer Journalismus vom Nutzer her denkt, muss \u00fcber passende Formate reflektieren.<\/p>\n<p>\u25ba Sechstens, Menschen brauchen Erkl\u00e4rung. Gerade die Generationen, die nach Ende des Kalten Krieges erwachsen geworden sind, haben sich wenig befasst mit Sicherheitsarchitektur, Atomwaffensperrvertrag und Zweitschlag-Szenarien \u2013 andere haben es allzu gerne vergessen. Manch einem mag es peinlich sein zu fragen, was eigentlich die Nato ist. Andere wollen wissen, wie sie f\u00fcr denkbare Notf\u00e4lle vorsorgen, sich und ihre Familien sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Nicht jede Redaktion kann zu all dem einen Grundkurs liefern, aber fast \u00fcberall sitzt irgendein Experte, der Auskunft geben kann. Leser einladen, alles zu fragen, auch das ist konstruktiv. Zu all dem geh\u00f6rt, offen zu sagen oder zu schreiben, was man nicht wei\u00df und transparent mit seinen Recherche-Methoden umzugehen, wie das in der Wissenschaft Standard ist. Das Publikum wird hoffentlich mit Vertrauen danken. \u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Siebtens, Krieg traumatisiert und das hat Folgen bis in die Redaktionen hinein. Diejenigen, die aus der Ukraine berichten, riskieren ihr Leben f\u00fcr ihre Mission. Das pr\u00e4gt, selbst wenn sie es k\u00f6rperlich unversehrt \u00fcberleben. Aber auch andere k\u00f6nnen leiden, wenn sie tagein tagaus Live-Ticker bef\u00fcllen, <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/how-war-videos-on-social-media-can-trigger-secondary-trauma\/a-61049292\">Bilder und Filme sichten<\/a>, Schreckens-Szenarien lesen und bewerten m\u00fcssen. Journalisten sind gut darin, unter Druck zu funktionieren. Aber auch sie brauchen Hilfe. Zum Gl\u00fcck haben einige Organisation das Thema psychische Belastung von Recherchen aus der Tabu-Ecke geholt, geben <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/news\/six-tips-take-care-your-mental-health-while-covering-war-ukraine-afar\">Tipps, wie man sich und seine Mitarbeitenden sch\u00fctzen kann<\/a>. Wenn der Krieg beendet ist, f\u00e4ngt auf diesem Feld so manche Arbeit erst an.<\/p>\n<p>Dem konstruktiven Journalismus wird oft vorgeworfen, die Welt in Pastellfarben tauchen zu wollen. Darum geht es nicht, und im Krieg ist das ohnehin keine Option. Konstruktiver Journalismus bem\u00fcht sich, die Welt so abzubilden, wie sie ist \u2013 mit all den Schattierungen und Dimensionen, die in Krisen h\u00e4ufig vergessen werden.<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-sieben-wege-fur-konstruktiven-kriegsjournalismus\/9812\/\">erschien bei Medieninsider am 14. M\u00e4rz 2022<\/a>. Aktuelle Kolumnen gibt es dort bei Abschluss eines Abos. #<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. Februar 2022 befahl Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin seinen Truppen, die Ukraine anzugreifen. Zumindest f\u00fcr diejenigen, die freien Zugang zu Informationen haben, ist dieser Sachverhalt so klar wie ungeheuerlich. Quasi \u00fcber Nacht hatte sich damit die sonst so verwobene Welt wieder aufgeteilt: in Aggressoren und Verteidiger, T\u00e4ter und Opfer, Demokraten und ihre Feinde. 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