{"id":1411,"date":"2022-09-22T19:12:29","date_gmt":"2022-09-22T17:12:29","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1411"},"modified":"2022-09-22T19:14:47","modified_gmt":"2022-09-22T17:14:47","slug":"gruenden-statt-grummeln-die-zeit-fuer-journalistische-wagnisse-ist-gekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/gruenden-statt-grummeln-die-zeit-fuer-journalistische-wagnisse-ist-gekommen\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcnden statt grummeln: Die Zeit f\u00fcr journalistische Wagnisse ist gekommen"},"content":{"rendered":"\n<p>Als die beiden preisgekr\u00f6nten Investigativ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung im April 2022<\/em>\u00a0Richtung <em>Spiegel<\/em> verlie\u00dfen, klang das zun\u00e4chst wie die alte Geschichte vom Edelfedern-Karussell. Da hatte man sich mal wieder ein paar Top-Talente weggekauft \u2013 was zwischen den gro\u00dfen deutschen Medienmarken eine gewisse Tradition hat. In diesem Fall lief es jedoch anders.\u00a0<\/p>\n<p>Der <em>Spiegel<\/em> holte nicht Obermayer und Obermaier an Bord, sondern anders herum. Das Nachrichtenmagazin wurde Partner eigenen, journalistischen Start-ups. <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/suddeutsche-zeitung\/10088\/\">Papertrail Media hei\u00dft die neue Firma<\/a>, mit der sich Obermayer und Obermaier darauf spezialisieren, was sie am besten k\u00f6nnen: investigativen Journalismus von Weltklasse.<\/p>\n<p>Die Nachricht hatte einen gewissen Wow-Effekt, nicht nur wegen der prominenten Namen. Denn hier zeichnet sich ein Zukunftsmodell f\u00fcr engagierte Journalistinnen und Journalisten ab, die noch einmal etwas wagen wollen \u2013 und zwar nicht als Einzelk\u00e4mpfer auf Plattformen wie Substack, sondern im Team mit starken Medienpartnern.\u00a0<\/p>\n<p>In der Fernseh-Branche ist schon lange gang und g\u00e4be, dass Moderatoren und Talkshow-Hosts ihre eigenen Firmen gr\u00fcnden, nicht zuletzt wegen der eingeschr\u00e4nkten Gehaltsm\u00f6glichkeiten in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Strukturen. Im digitalen Journalismus dagegen ist noch kein wirkliches Gr\u00fcndungsfieber ausgebrochen. Abgesehen von Gabor Steingarts Media Pioneer, das mit Axel Springer einen finanzstarken Anteilseigner hat, und dem gemeinn\u00fctzigen Newsroom Correctiv machen junge journalistische Portale made in Germany eher selten gr\u00f6\u00dfere Schlagzeilen. Viele bedienen Nischen oder ein Fachpublikum. Etliche stehen finanziell auf allzu weichem Grund.\u00a0<\/p>\n<p>Das liegt nicht allein am fehlenden Entrepreneur-Geist der Journalisten, die sich h\u00e4ufig lieber allein als Autoren profilieren, anstatt sich mit kompetenten Business-Partnern zu verb\u00fcnden. Auch die Rahmenbedingungen sind schlechter als anderswo. Es gibt keine systematische F\u00f6rderung von <a href=\"https:\/\/wirtschaftsagentur.at\/foerderungen\/aktuelle-programme\/wiener-medieninitiative-medienstart-123\/\">Mediengr\u00fcndern wie zum Beispiel in \u00d6sterreich<\/a>. Der gemeinn\u00fctzige Journalismus wurde bislang nur punktuell unterst\u00fctzt. Und, auch das spielt eine Rolle, der Leidensdruck ist geringer als an manch anderem Ort. Deutschland verf\u00fcgt \u00fcber eine noch recht gesunde Branche mit vielf\u00e4ltigen, unabh\u00e4ngigen Medien. In repressiv regierten L\u00e4ndern, in denen die meisten traditionellen Marken mindestens staatsnah sind, finden Neugr\u00fcndungen dagegen eher Unterst\u00fctzer mit Informationshunger als in ges\u00e4ttigten M\u00e4rkten mit guten \u00f6ffentlich-rechtlichen Angeboten. Die Medienwissenschaftler Christopher Buschow und Christian-Mathias Wellbrock hatten 2020 in einem <a href=\"https:\/\/www.medienanstalt-nrw.de\/fileadmin\/user_upload\/NeueWebsite_0120\/Zum_Nachlesen\/Gutachten_Innovationslandschaft_Journalismus.pdf\">Gutachten f\u00fcr die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen<\/a> ausf\u00fchrlich und klug dargelegt, woran es der Innovationslandschaft in Deutschland besonders mangelt.\u00a0<\/p>\n<h2>Deshalb ist die Zeit f\u00fcr Gr\u00fcnderfieber gekommen<\/h2>\n<p>Dennoch gibt es Gr\u00fcnde daf\u00fcr, warum sich einige gerade jetzt an das eigene Start-up heranwagen \u2013 und warum das ein guter Zeitpunkt ist.<\/p>\n<p>\u25ba Zun\u00e4chst einmal hat sich gesellschaftlich etwas bewegt. Die Anspr\u00fcche an Freiheit und Gestaltungsmacht sind in dem Ma\u00dfe gr\u00f6\u00dfer geworden, wie die Spielr\u00e4ume der Verlage schrumpfen. Nicht zuletzt die Pandemie hat viele dar\u00fcber nachdenken lassen, wie viel Energie sie noch bereit sind, in traditionelle Arbeitsstrukturen zu investieren \u2013 Pr\u00e4senz-Vorgaben, Status-Gerangel, Dienstplan-Korsett und zeitfressende Pendelei inbegriffen.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Vielen in etablierten Organisationen geht der digitale Wandel zudem nicht schnell genug. Sie sehen, wo sich die Branche hin bewegt, und sie wollen dabei sein. Andere pflegen ein gefragtes Fachgebiet, bekommen daf\u00fcr aber nicht ausreichend Wertsch\u00e4tzung oder Unterst\u00fctzung in ihren Redaktionen. Und wieder andere sind in ihren Mittvierzigern oder \u00e4lter und wollen noch einmal etwas Neues wagen, bevor sie auf die Liste derer geraten, denen man mit Abfindungsangeboten nahelegt, doch nun endlich Platz f\u00fcr die \u201ejungen Digitalen\u201c zu machen. Was die Verlage aufr\u00fctteln sollte: Die meisten derjenigen, die aus all diesen Gr\u00fcnden vor dem Absprung aus der sicheren Festanstellung stehen, sind \u00fcberdurchschnittlich motiviert, talentiert und vernetzt.<\/p>\n<p>\u25ba Diese Talente treffen auf eine sich st\u00e4ndig erweiternde F\u00f6rderlandschaft. Staatliche oder auch aus der freien Wirtschaft (oft von den Tech-Plattformen) organisierte Initiativen und Fonds unterst\u00fctzen Start-ups oder Gr\u00fcndungswillige auf dem Weg dorthin. Wer sich bislang wegen Ber\u00fchrungs\u00e4ngsten mit Business-Pl\u00e4nen, Nutzerforschung und Marketing-Strategien nicht gewagt hat, das Gr\u00fcnden anzugehen, kann seine Idee in solchen Programmen testen und verfeinern, sich schnell n\u00f6tige Kenntnisse aneignen und sich mit hochkar\u00e4tigen Experten vernetzen. <a href=\"https:\/\/correctiv.org\/in-eigener-sache\/2021\/12\/11\/gemeinnuetziger-journalismus-wird-bundesweit-kommen\/\">Laut erkl\u00e4rter Absicht der Regierungskoalition soll zudem das Gr\u00fcnden im gemeinn\u00fctzigen Journalismus einfacher werden.<\/a>\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Zugute kommt der j\u00fcngeren Generation, dass in vielen H\u00e4usern notgedrungen die einst eherne Grenze zwischen Redaktion und Verlag gefallen ist. Waren Journalisten fr\u00fcher fast stolz darauf, keine Ahnung davon zu haben, wie das Geld verdient wurde, kommen heute nur noch wenige mit dieser Mentalit\u00e4t durch. Man arbeitet nicht nur notgedrungen mit den Leuten aus Marketing und IT zusammen,, sondern hat sogar Spa\u00df daran, gemeinsam attraktive Produkte zu entwickeln. Das macht so manch einem Mut, gemeinsam mit kompetenten Gleichgesinnten den Sprung zu wagen.\u00a0<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder bewegen sich also. Aber was ist mit den Verlagen?<\/p>\n<p>Da werden Gr\u00fcnder bislang selten als potenzielle Partner wahrgenommen, Intrapreneurship \u2013 also das Gr\u00fcnden innerhalb der eigenen Reihen \u2013 wird kaum gef\u00f6rdert. Dabei lie\u00dfe sich so leicht testen, wie effektiv kleine cross-funktionale Teams \u2013 mancherorts hei\u00dfen sie Squads, anderswo Mini-Publisher \u2013 eine Art verlegerische Verantwortung f\u00fcr Nutzergruppen oder Produkte \u00fcbernehmen. Engagierte Kolleginnen und Kollegen k\u00f6nnen hier unter dem sch\u00fctzenden Dach der gro\u00dfen Marke agil ausprobieren, was am Markt funktioniert und m\u00f6glich ist. So manch eine Neugr\u00fcndung mag daraus entstehen.<\/p>\n<p>Schwindende Ressourcen zwingen vermutlich auch die gro\u00dfen H\u00e4user irgendwann zum Umdenken. Kann man sich wirklich noch eine Vollredaktion leisten, die jegliches Publikumsinteresse bedient? Oder ist es bei bestimmten Themen, die viel Expertise verlangen, nicht sinnvoller, kleine, schnelle und engagierte Einheiten partnerschaftlich zu f\u00f6rdern? Der Investigativ-Journalismus k\u00f6nnte ein solches Gebiet sein, aber auch f\u00fcr den Klimajournalismus oder eine publikumsnahe Lokalkompetenz w\u00e4ren solche Modelle denkbar. Die Zukunft des Journalismus wird kollaborativ sein.\u00a0<\/p>\n<p>So manch ein Gr\u00fcnder, der mit dem Schritt in die Freiheit auch redaktionellen Zw\u00e4ngen und Hierarchien entkommen wollte, wird feststellen, dass er oder sie unter dem Strich noch mehr arbeitet als zuvor. Kunden und Geldgeber haben Anspr\u00fcche und das rund um die Uhr. Erstaunlicherweise h\u00f6rt man kaum jemanden dar\u00fcber klagen. Auf ein selbstgew\u00e4hltes Ziel hinarbeiten zu d\u00fcrfen, f\u00fchlt sich f\u00fcr viele nach mehr Freiheit an, als sechs Wochen bezahlter Urlaub im Jahr.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alexandra-borchardt-kolumne-gruenden-statt-grummeln-die-zeit-fuer-journalistische-wagnisse-ist-gekommen\/10420\/\">am 20. April 2022 bei Medieninsider<\/a>. Alexandra schreibt dort jeden Monat zu aktuellen Themen der Branche. \u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die beiden preisgekr\u00f6nten Investigativ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier die S\u00fcddeutsche Zeitung im April 2022\u00a0Richtung Spiegel verlie\u00dfen, klang das zun\u00e4chst wie die alte Geschichte vom Edelfedern-Karussell. 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