{"id":1415,"date":"2022-09-22T19:24:36","date_gmt":"2022-09-22T17:24:36","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1415"},"modified":"2022-09-22T19:24:36","modified_gmt":"2022-09-22T17:24:36","slug":"kirche-und-staat-warum-wir-dringend-ueber-journalistische-werte-reden-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/kirche-und-staat-warum-wir-dringend-ueber-journalistische-werte-reden-muessen\/","title":{"rendered":"&#8222;Kirche und Staat&#8220;: Warum wir dringend \u00fcber journalistische Werte reden m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es klingt zun\u00e4chst wie ein Widerspruch, wenn sich ausgerechnet ein PR-Mann so eindeutig positioniert: Dass ein Chefredakteur gleichzeitig Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sei, das ginge gar nicht, hatte Karsten Krogmann im Mai 2022 auf dem Forum Lokaljournalismus in Bremerhaven auf einem Podium gesagt. Nun ist Krogmann noch recht neu dort, wo die Branche gemeinhin \u201edie andere Seite\u201c verortet. Er leitet die Pressearbeit f\u00fcr die Opferschutzorganisation Wei\u00dfer Ring, bis 2020 war er preisgekr\u00f6nter Chefreporter der <em>Nordwest-Zeitung<\/em>. Verlassen habe er den Verlag, weil der Journalismus zunehmend von wirtschaftlichen Zw\u00e4ngen gepr\u00e4gt werde. Das hatte er vor zwei Jahren bereits in einem <a href=\"https:\/\/kress.de\/news\/detail\/beitrag\/146070-nannen-preistraeger-karsten-krogmann-viele-journalisten-loesen-selbst-nicht-ein-was-sie-als-anspruch-formulieren.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Interview mit <em>Kress Pro<\/em><\/a> erl\u00e4utert.\u00a0<\/p>\n<p>Nun spielen beim Jobwechsel meist mehrere, auch sehr pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde eine Rolle. Wenn man es f\u00fcr h\u00f6chste Zeit h\u00e4lt, dass sich Journalisten Gedanken \u00fcber das Geldverdienen machen, h\u00f6rt sich eine solche Klage zudem recht larmoyant an. Ist die Zahlungsbereitschaft f\u00fcr Journalismus nicht der beste Qualit\u00e4tsausweis? Schlie\u00dflich beweist doch der Abschluss eines Abos am ehesten, dass das Produktversprechen stimmt. Wahr ist aber auch: \u00dcber journalistische Unabh\u00e4ngigkeit, also genau das, was Journalismus von PR unterscheidet, wird in der Branche selten diskutiert.<\/p>\n<p>Zwar gilt es bei den fortschrittlichen Vertretern des Fachs als ausgemacht, dass die strikte Trennung von Redaktion und Verlag in der digitalen Medienwelt nicht mehr funktionieren kann. Aber wo genau die neuen Grenzen verlaufen, was die roten Linien sind zwischen Marketing und inhaltlicher \u00dcberzeugungsarbeit, \u00fcber Angebot und Verkaufe, dar\u00fcber gibt es kaum Debatten.<\/p>\n<h2><strong>Das \u201eKirche und Staat\u201c-Prinzip st\u00f6\u00dft auf neue Herausforderungen<\/strong><\/h2>\n<p>Nun war auch die alte Welt von \u201eKirche und Staat\u201c keine, in der nur Heilige die Gesch\u00e4fte verwalteten. Grenz\u00fcberschreitungen gab und gibt es immer wieder. Die Konflikte um Dirk Ippen, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Dirk-Ippen-und-der-Springer-Verlag\/!5807209\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">der die Springer-Recherche seines Investigativ-Teams nicht ver\u00f6ffentlicht haben wollte<\/a> und <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kw-20-2022\/10933\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Zeit<\/em>-Herausgeber Josef Joffe<\/a>, der den befreundeten Banker<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/kritik-an-zeit-herausgeber-joffe-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> Max Warburg vor Recherchen warnte<\/a>, best\u00e4tigen das nur. Das alte Prinzip st\u00f6\u00dft aber auf neue Begebenheiten, die es herausfordern:<\/p>\n<p>\u25ba Neu ist, dass Teams aus Marketing, Redaktion und Tech-Abteilung gemeinsam Produkte f\u00fcr bestimmte Zielgruppen entwickeln.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Neu ist, dass Redaktionen, die ihre Leser in Leitartikeln vor der Macht der Daten-Konzerne warnen, selbst eifrig Daten \u00fcber ihre Kunden erheben um, deren Gewohnheiten und Vorlieben besser zu verstehen.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Neu ist, dass sich Medienh\u00e4user nicht nur Innovationsprojekte und Weiterbildung von Google und Meta bezahlen lassen, sondern ihre Strukturen zunehmend so ausrichten, dass sie zu den Produkten der Tech-Konzerne passen. Felix Simon vom Oxford Internet Institute hat dies f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/21670811.2022.2063150\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten wissenschaftlichen Artikel<\/a> f\u00fcr das Feld K\u00fcnstliche Intelligenz untersucht (Transparenz-Hinweis: Alexandra hat mit Felix mehrfach publiziert).\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Neu ist auch, dass eine Generation von Nutzerinnen und Nutzern heranw\u00e4chst, f\u00fcr die Journalismus nur noch eine Spielart der Informationsvermittlung ist, weil Blogger, Influencer und auch die meisten Organisationen das Gesch\u00e4ft selbst recht professionell betreiben. Bezeichnend ist, dass zum Beispiel auch Karsten Krogmann f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, beim Wei\u00dfen Ring weiterhin Journalismus abzuliefern.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Was also darf der Journalismus und was muss er sogar, um sich von allerlei Ver\u00f6ffentlichungskan\u00e4len abzugrenzen und seine Existenz zu legitimieren?<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>\u201eDie journalistische Reinheitsrhetorik hat ausgedient.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aufkl\u00e4rung k\u00f6nnte man sich vom <a href=\"https:\/\/www.presserat.de\/pressekodex.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pressekodex<\/a> erhoffen, aber auch der ist in die Jahre gekommen. Zwar haben seine 16 Ziffern weiterhin G\u00fcltigkeit, aber der Alltag in modernen Redaktionen, der von all den genannten Konflikten gepr\u00e4gt ist, findet dort nur in Ans\u00e4tzen Erw\u00e4hnung. Au\u00dferdem war er schon immer ein selten erreichtes Ideal in einer Welt, in der sich Journalisten ihr Handwerk eher von ihren Vorgesetzten oder Kollegen abgeguckt haben, statt es von einer Regelsammlung abzuleiten.<\/p>\n<p>Wichtig f\u00fcr die neue Welt ist: Die journalistische Reinheitsrhetorik hat ausgedient, in der auch immer der Anspruch auf Unfehlbarkeit mitgeschwungen hat. Man recherchiere, weil das Thema wichtig sei und ver\u00f6ffentliche, weil es die Allgemeinheit interessieren m\u00fcsse \u2013 nicht etwa, weil man ein Interview angeboten bekommen oder eine Pressemitteilung gesichtet hatte, von einer Idee begeistert war, Lust auf eine spezielle Recherche oder Pressereise hatte oder einfach nur dem Chefredakteur gefallen wollte. Dass man die Unabh\u00e4ngigkeit der Redaktion von Verlagsinteressen fr\u00fcher mit Stolz vor sich hertragen konnte, hat auch dabei geholfen, so manch einen Beweggrund zu verschleiern. Wer behauptet, dass Clickbait eine Erfindung des Online-Journalismus ist, war nie beim Titeln dabei.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2><strong>Anstelle der Unabh\u00e4ngigkeit sollte Transparenz r\u00fccken<\/strong><\/h2>\n<p>An die Stelle des mit breiter Brust verk\u00fcndeten Ideals sollte deshalb gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Transparenz treten. Was wei\u00df man, was wei\u00df man nicht, welche Interessenkonflikte k\u00f6nnte es geben, wer zahlt f\u00fcr bestimmte Reisen oder Produkte, aber auch welche Nutzerdaten werden erhoben und wof\u00fcr werden sie verwendet? Wohl kaum ein Leser wird all diese Informationen im Detail studieren, aber sie k\u00f6nnten geeignet sein, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Hier gibt jemand zu, dass er befangen ist und gewissen Zw\u00e4ngen unterliegt, aha. Die meisten Nutzer k\u00f6nnen Abh\u00e4ngigkeiten durchaus verstehen, wenn man sie ihnen erkl\u00e4rt, so wie sie dann auch verstehen werden, dass man bestimmte Quellen nicht offenlegen kann.\u00a0<\/p>\n<p>Eine solche Offenheit w\u00fcrde Medienmarken vor allem von denjenigen abheben, die sie nicht bieten. Das sind zum Beispiel Influencer, die selten dar\u00fcber Auskunft geben, wo die Produkte herstammen, die sie empfehlen und wie ihre Gesch\u00e4ftsmodelle funktionieren. Sie arbeiten nicht mit erarbeitetem Vertrauen, sondern mit Gefolgschaft. Die <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/comedy\/zdf-magazin-royale\/zdf-magazin-royale-vom-6-mai-2022-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Investigativ-Recherche des Teams um\u00a0 Jan B\u00f6hmermann<\/a> zum Gesch\u00e4ftsgebaren des Influencers Fynn Kliemann d\u00fcrfte einiges daf\u00fcr getan haben, jungen Leuten das Prinzip Qualit\u00e4tsjournalismus n\u00e4herzubringen.\u00a0<\/p>\n<p>Initiativen wie die <a href=\"https:\/\/www.journalismtrustinitiative.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Journalism Trust Initiative<\/a> zertifizieren Redaktionen danach, wie sie Qualit\u00e4tsstandards einhalten. Wer nachweist, das Vier-Augen-Prinzip anzuwenden, Fakten zu checken oder Videos zu verifizieren, macht sich glaubw\u00fcrdig. Solche unabh\u00e4ngigen Audits sind auch f\u00fcr Medienh\u00e4user empfehlenswert, die \u00f6ffentlich-rechtlich strukturiert sind. Statt zu viel kommerzieller N\u00e4he wird ihnen oft Staatsn\u00e4he vorgeworfen. Vertrauensw\u00fcrdig ist, wer mit Beweisen dagegenhalten kann.<\/p>\n<p>Aber darf ein Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer oder Eigent\u00fcmer gleichzeitig Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sein? Auch hier ist die Antwort: Es kommt darauf an. So wie es manch einem Chefredakteur an journalistischem R\u00fcckgrat mangelt, wirkt manch ein CEO als leidenschaftlicher Verleger. Wichtig ist, dass ethische Standards und die Kontrolle stimmen. Die Debatte \u00fcber beides ist ausbauf\u00e4hig.\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-unabhangigkeit-journalismus\/10970\/\">bei Medieninsider am 25. Mai 2022<\/a>. Alexandra schreibt dort monatlich zu aktuellen Themen der Branche.<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es klingt zun\u00e4chst wie ein Widerspruch, wenn sich ausgerechnet ein PR-Mann so eindeutig positioniert: Dass ein Chefredakteur gleichzeitig Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sei, das ginge gar nicht, hatte Karsten Krogmann im Mai 2022 auf dem Forum Lokaljournalismus in Bremerhaven auf einem Podium gesagt. Nun ist Krogmann noch recht neu dort, wo die Branche gemeinhin \u201edie andere Seite\u201c verortet. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/kirche-und-staat-warum-wir-dringend-ueber-journalistische-werte-reden-muessen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e&#8222;Kirche und Staat&#8220;: Warum wir dringend \u00fcber journalistische Werte reden m\u00fcssen\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[196,102,171,261,52,60,697,517,335,312,131,421,485,111],"class_list":["post-1415","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-daten","tag-digital","tag-google","tag-investigativ","tag-journalismus","tag-medien","tag-meta","tag-nutzer","tag-pressekodex","tag-produkte","tag-redaktion","tag-transparenz","tag-verlag","tag-vertrauen"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1415\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1415"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1415\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1416,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1415\/revisions\/1416\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1415"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1415"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1415"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}