{"id":143,"date":"2016-10-13T12:18:20","date_gmt":"2016-10-13T10:18:20","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=143\/"},"modified":"2017-08-24T17:00:57","modified_gmt":"2017-08-24T15:00:57","slug":"warum-das-netz-voller-hass-ist-und-was-dagegen-hilft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/warum-das-netz-voller-hass-ist-und-was-dagegen-hilft\/","title":{"rendered":"Warum das Netz voller Hass ist &#8211; und was dagegen hilft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hasskommentare gibt es auch offline, aber soziale Medien versch\u00e4rfen das Problem. Forscher suchen nach L\u00f6sungen &#8211; doch die bergen Risiken.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sich selbst Amerikaner fragen, ob wirklich jede Art von freier Meinungs\u00e4u\u00dferung erlaubt sein muss, dann ist die Lage ernst. &#8222;Hassrede, die nur durch die Buchstabenzahl begrenzt ist&#8220;, \u00fcberschrieb der Medienkolumnist der New York Times \u200bk\u00fcrzlich eine Betrachtung zu Twitter und beklagte: Das Portal habe sich innerhalb von zehn Jahren zu einer Dreckschleuder entwickelt.<\/p>\n<p>Er hat recht. Von IS-Terroristen bis hin zu Kindern, die Mitsch\u00fcler mobben, tummeln sich viele auf solchen Plattformen im Netz, die man dort nicht erwartet hatte und schon gar nicht in dieser Zahl. Um gegen die Flut von Diffamierungen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen anzukommen, sehen schon heute viele Nutzer nur noch die M\u00f6glichkeit, ihre Konten zu l\u00f6schen &#8211; was die freie Rede tats\u00e4chlich einschr\u00e4nkt, allerdings jene der Opfer.<\/p>\n<p>&#8222;Die amerikanische Doktrin war immer: Je mehr Information, desto besser. Aber die unsichtbare Hand, die das regeln soll, funktioniert in der digitalen Welt nicht mehr&#8220;, sagt Urs Gasser, Direktor des Berkman Center for Internet and Society an der juristischen Fakult\u00e4t der Harvard Universit\u00e4t. Das Bild mit Adam Smiths Analogie zur freien Marktwirtschaft passt. Auf dem Marktplatz der Informationen gibt es derzeit ein \u00e4hnliches Marktversagen, wie es in der \u00d6konomie immer wieder auftritt, wenn sich irgendwo zu viel Macht ballt. Aber wer kann die oberste Instanz sein, die dem Hass bei Twitter, Facebook und Co. Grenzen setzt?<\/p>\n<h2>Die Institutionen der Demokratie sind mit der digitalen Welt \u00fcberfordert<\/h2>\n<p>Diese Frage besch\u00e4ftigt auch die Forschung. 600 Wissenschaftler aus 30 verschiedenen L\u00e4ndern hatten sich in der vergangenen Woche auf der Konferenz der Association of Internet Researchers AoIR in Berlin getroffen, wo das Humboldt Institut f\u00fcr Internet und Gesellschaft sein f\u00fcnfj\u00e4hriges Bestehen feierte.<\/p>\n<p>Die Versuche von Beh\u00f6rden und Politik, der Hassrede Herr zu werden, zeigen, dass die traditionellen und aus gutem Grund beh\u00e4bigen Institutionen der Demokratie mit der digitalen Welt \u00fcberfordert seien. Die Flut der Verst\u00f6\u00dfe gegen Recht und Menschenw\u00fcrde im Netz, l\u00e4sst sich von Polizei und Justiz kaum abarbeiten. Recht und Regulierung seien f\u00fcr die Industriegesellschaft gemacht, sagt Gasser, sie reichten nicht mehr\u00a0aus.<\/p>\n<div id=\"iq-artikelanker\"><\/div>\n<p>Nun w\u00e4re es sch\u00f6n, k\u00f6nnte man, um im Bild zu bleiben, in eine Art politischen Baumarkt gehen und jene fehlenden Werkzeuge kaufen. Nur ver\u00e4ndert sich die Netzwelt in solch nie da gewesener Geschwindigkeit, dass man derzeit nur durch Versuch und Irrtum lernen kann, was auf welche Weise wirkt. Ein Fortschritt ist: Es gibt jetzt wenigstens\u00a0Versuche.<\/p>\n<h3>Facebook und Google wollen keine Verantwortung f\u00fcr Inhalte \u00fcbernehmen<\/h3>\n<p>Regierungen nehmen sich des Problems an, der deutsche Justizminister ist dabei, Gerichte zeigen Profil. Und auch die Privatwirtschaft bewegt sich. Viel zu lange hatten sich die Gro\u00dfen der Datenwelt, vor allem Facebook und\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Google\" data-pagetype=\"THEME\">Google<\/a>, geweigert, die Verantwortung f\u00fcr Inhalte zu \u00fcbernehmen, die \u00fcber ihre Plattformen verbreitet werden. Auch wenn sie sich bisher nur z\u00f6gerlich um das Problem\u00a0k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Das muss niemanden wundern, denn ihr Gesch\u00e4ftsmodell ist es, Masse zu machen. &#8222;Facebook beg\u00fcnstigt die Eskalation, denn was besonders viel geliked wird, stellt der Algorithmus nach oben&#8220;, sagt Cornelius Puschmann. Und mit &#8222;gef\u00e4llt mir&#8220; markiert wird eben h\u00e4ufig, was platt, plakativ oder ein Scherz auf Kosten Dritter ist. Puschmann leitet das Projekt &#8222;Networks of Outrage&#8220;, das untersucht, wie rechtspopulistische Bewegungen in\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Europa\" data-pagetype=\"THEME\">Europa<\/a>\u00a0im Netz kommunizieren. Die internationale Vernetzung der rechten Hass-Verbreiter sei st\u00e4rker als vermutet, sagt Puschmann. Wie also kann man dem\u00a0entgegentreten?<\/p>\n<p>Berkman-Direktor Gasser sieht vor allem drei wichtige Erg\u00e4nzungen. Zum ersten sind es technologische L\u00f6sungen, ohne die es ob der schieren Menge der Kommunikation gar nicht mehr geht. Zweitens gebe es &#8222;Nudging&#8220;, also die Beeinflussung von Verhalten zum Beispiel durch Design, in diesem Fall von Plattformen. Schafft ein Smiley gute Laune, mobilisiert ein erhobener Daumen, wie viel kann man wo kommentieren, und welche M\u00f6glichkeiten gibt es, sich zu wehren? Fragen, die sich jedes soziale Netzwerk stellen muss. Als dritten Punkt nennt Gasser\u00a0<i>internet literacy<\/i>, also Bildung. Schon Kinder m\u00fcssten lernen, gute von schlechten Quellen zu unterscheiden und wissen, was sich im Netz\u00a0geh\u00f6rt.<\/p>\n<h3>Wer kontrolliert die Algorithmen?<\/h3>\n<p>Alle drei Werkzeuge sollten tats\u00e4chlich zur Grundausstattung des Medienumgangs geh\u00f6ren. Auch wenn sie ihre T\u00fccken haben. Ja, Algorithmen k\u00f6nnen das Schlimmste aus den Netzwerken herausfiltern. Sie sind wie Siebe, in denen aber leider auch manches h\u00e4ngen bleibt, was h\u00e4tte durchflie\u00dfen sollen. K\u00fcrzlich zum Beispiel fischte der Facebook-Filter das ikonografische Foto des nackten, schreiend fl\u00fcchtenden M\u00e4dchens im Vietnam-Krieg heraus, die norwegische Zeitung\u00a0<i>Aftenposten<\/i>\u00a0hatte es bringen wollen. Deren Chefredakteur\u00a0<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/digital\/napalm-girl-beruehmtes-vietnam-foto-geloescht-aftenposten-greift-facebook-an-1.3154517\" data-pagetype=\"STANDARD_ARTICLE\" data-id=\"1.3154517\">schrieb daraufhin einen offenen Brief<\/a>\u00a0an Facebook-Chef\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Mark_Zuckerberg\" data-pagetype=\"EXTERNAL\" data-id=\"\">Mark Zuckerberg<\/a>\u00a0mit dem Vorwurf: &#8222;Sie missbrauchen Ihre\u00a0Macht!&#8220;<\/p>\n<p>Denn eine der gro\u00dfen Fragen in der digitalen Welt ist: Wer kontrolliert die Algorithmen? Wer kann sie ver\u00e4ndern, oder ver\u00e4ndern sie sich selbst &#8211; und wer versteht sie dann noch? Algorithmen sind nicht transparent. Sie basieren auf Daten, die \u00fcber Verhalten und Gewohnheiten erhoben werden, deshalb schreiben sie aber eher die Vergangenheit fort, bilden Stereotype und eben auch schlechte Gewohnheiten ab, statt positive Impulse zu setzen. Und die Besitzer der Daten sind \u00fcberwiegend Konzerne. Ist das alles noch\u00a0demokratisch?<\/p>\n<h2>Menschen werden nicht \u00fcberzeugt, sondern manipuliert<\/h2>\n<p class=\"resized\">Heute werde nicht mehr nur in Parlamenten \u00fcber die Gestaltung der Gesellschaft entschieden, sondern auch in den Gesch\u00e4ftsbedingungen und Algorithmen der Plattform-Konzerne, sagt Jeanette Hofmann, Direktorin des HIIG. &#8222;Manche sagen, das ist eine neue Form der Repr\u00e4sentation der Gesellschaft, die sich nicht auf Meinungen bezieht, sondern auf Verhalten. Aber die Daten werden hinter unserem R\u00fccken\u00a0ermittelt.&#8220;<\/p>\n<p class=\"resized\">Ein \u00e4hnliches Problem sieht sie beim Thema &#8222;Nudging&#8220;. Positives Verhalten folgt nicht mehr auf Aufkl\u00e4rung und Debatte, sondern wird nur noch von Design provoziert, oder wie es Hofmann sieht: &#8222;Menschen werden nicht \u00fcberzeugt, sondern manipuliert.&#8220; Zwar gab es diese Anreize schon immer, sie sind auch sehr wirkungsvoll. Manchmal konterkarieren sie erkl\u00e4rte Politik. So beobachtet man seit Jahrzehnten, dass zus\u00e4tzliche Spuren auf der Autobahn mehr Verkehr anziehen, auch wenn B\u00fcrger schon ebenso lange zum Umstieg auf die Bahn motiviert werden\u00a0sollen.<\/p>\n<p>Technologische L\u00f6sungen allein werden allerdings ohnehin nicht ausreichen, um Hassrede und den Missbrauch von Freiheit einzud\u00e4mmen. Deshalb sind fr\u00fche Bildung, eine st\u00e4ndige Diskussion \u00fcber Werte und die demokratische Debatte zentral, wenn es darum geht, das digitale Leben zu gestalten. Denn durch diese Debatten entstehen erst jene Experimente, mit denen man sich langsam vorantasten kann auf dem Weg in eine faire vernetzte\u00a0Welt.<\/p>\n<h3>In jedem Land gelten andere Standards f\u00fcr Hatespeech<\/h3>\n<div class=\"ad\" role=\"banner\"><\/div>\n<p class=\"resized\">Wird es die globalisierte Welt der grenzenlosen Kommunikation sein, wie man sich das in den fr\u00fchen Tagen des Internets ertr\u00e4umt hatte? Gasser beobachtet einen &#8222;R\u00fcckeroberungsversuch&#8220; der Nationalstaaten.\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/China\" data-pagetype=\"THEME\">China<\/a>\u00a0arbeite an einem eigenen Internet, selbst aus Brasilien und Deutschland komme immer wieder der Wunsch, das Netz national zu pr\u00e4gen. Die Gefahr eines fragmentierten Internets sei real. Ein allein amerikanisch dominiertes Netz kann aber keine L\u00f6sung sein &#8211; zumindest nicht f\u00fcr alle B\u00fcrger au\u00dferhalb\u00a0Amerikas.<\/p>\n<p>Hofmann findet, die R\u00fcckbesinnung auf eigene Werte habe auch etwas Gutes: &#8222;Was ist Hassrede und was nicht &#8211; das geh\u00f6rt zu den Themen, die national kulturell gepr\u00e4gt werden.&#8220; Damit hat sie einen Punkt. Steht in Deutschland die Verwendung von Nazi-Symbolen unter Strafe, sind in den USA nackte Br\u00fcste verp\u00f6nt, in\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Thailand\" data-pagetype=\"THEME\">Thailand<\/a>\u00a0ist die Kritik am K\u00f6nig ein Tabu &#8211; eine Vielfalt, die bleiben\u00a0wird.<\/p>\n<div id=\"iq-artikelanker\"><\/div>\n<p>Auch bleiben wird jene Erkenntnis: Demokratie ist national verankert, sie muss vor Ort erk\u00e4mpft, erhalten und entwickelt werden. Und den einen gemeinsamen Mindeststandard, den gibt es l\u00e4ngst: die Menschenrechte. W\u00fcrde jeder sie achten, w\u00e4re Hassrede ein geringeres\u00a0Problem.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/digital\/internetdebatte-wenn-der-hass-postet-1.3201917\"><em>Dieser Beitrag erschien zuerst in der S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hasskommentare gibt es auch offline, aber soziale Medien versch\u00e4rfen das Problem. Forscher suchen nach L\u00f6sungen &#8211; doch die bergen Risiken. 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