{"id":1437,"date":"2022-10-31T15:44:42","date_gmt":"2022-10-31T14:44:42","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1437"},"modified":"2022-10-31T15:46:35","modified_gmt":"2022-10-31T14:46:35","slug":"der-mediale-graben-das-internet-vergroessert-die-kluft-zwischen-informierten-und-ignoranten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/der-mediale-graben-das-internet-vergroessert-die-kluft-zwischen-informierten-und-ignoranten\/","title":{"rendered":"Der mediale Graben: Das Internet vergr\u00f6\u00dfert die Kluft zwischen Informierten und weniger Gebildeten"},"content":{"rendered":"\n<p>Journalismus wird zunehmend eine Sache f\u00fcr Oldies, auch der digitale. Das wird in der Analyse des\u00a0<a href=\"https:\/\/www.digitalnewsreport.org\/\">Digital News Report 2022<\/a> (DNR) deutlich. Das liegt nicht daran, dass jungen Leuten das Nachrichtengeschehen egal ist. Nur konsumieren die allermeisten von ihnen eher solche Formate, die sich perspektivisch nicht zu Geld machen lassen. Gleichzeitig sind die Verlage auch angesichts der Inflation darauf angewiesen, vor allem ein weniger preissensibles Publikum zu bedienen, das durchaus bereit ist, das eine oder andere zus\u00e4tzliche Digital-Abo abzuschlie\u00dfen, wenn die Qualit\u00e4t stimmt.\u00a0Medienmanager und Redaktionsleiter m\u00f6gen sich wortreich zum Journalismus als vierte Gewalt bekennen; dennoch wird die Konzentration auf zahlungskr\u00e4ftige Zielgruppen zumindest bei den kommerziellen Anbietern Investitionen und Inhalte pr\u00e4gen.\u00a0<\/p>\n<p>Die neuen Daten zeigen: Der digitale Graben w\u00e4chst, und er ist auch ein medialer Graben. Dieser verl\u00e4uft nicht mehr wie fr\u00fcher nur zwischen mehr und weniger Gebildeten, sondern auch zwischen alt und jung. Nur mit einer gesellschaftlichen Kraftanstrengung wird es gelingen, alle Generationen weiterhin f\u00fcr die Demokratie fit zu machen.<\/p>\n<h2><strong>F\u00fcnf Beobachtungen, die auf mediale Gr\u00e4ben hinweisen<\/strong><\/h2>\n<p>Der Trend zur journalistischen Klassengesellschaft ist nicht neu, aber er l\u00e4sst sich anhand des im Juni 2022 erschienenen Zahlenwerks belegen. (Der Report ist die weltweit gr\u00f6\u00dfte fortlaufende Untersuchung des Medienkonsums, die in diesem Jahr auf einer Online-Befragung von 93 000 Menschen in 46 L\u00e4ndern beziehungsweise M\u00e4rkten basiert.) Folgende Erkenntnisse sprechen f\u00fcr die oben dargestellte Interpretation:<\/p>\n<h3>Erstens: Die Reichweite von digitalem Journalismus stagniert bestenfalls, der Konsum \u00fcber Fernsehen, Radio und Zeitung sinkt<\/h3>\n<p>Allein in Deutschland ist der Anteil derjenigen, die angaben, in der zur\u00fcckliegenden Woche eine Zeitung genutzt zu haben, in den vergangenen zehn Jahren von 63 auf 26 Prozent gefallen. Im Fernsehen schauten nur noch 65 Prozent die Nachrichten, 2013 waren es noch 82 Prozent (der <a href=\"https:\/\/leibniz-hbi.de\/uploads\/media\/Publikationen\/cms\/media\/k3u8e8z_AP63_RIDNR22_Deutschland.pdf\">deutsche Teil des Reports<\/a> stammt vom Hans-Bredow-Institut). Gleichzeitig steigt fast \u00fcberall der Anteil derjenigen, die zu Protokoll gaben, \u00fcberhaupt keine Nachrichten gelesen oder geh\u00f6rt zu haben. Das bedeutet, dass durch das Internet nicht mehr, sondern eher weniger Menschen mit Journalismus in Ber\u00fchrung kommen.\u00a0<\/p>\n<h3><strong>Zweitens: Junge Leute konsumieren Journalismus \u00fcberwiegend in den sozialen Netzwerken<\/strong><\/h3>\n<p>Das wirkt sich auf drei Weisen negativ aus: Erstens gehen Nachrichten und andere journalistische Leistungen im \u00dcberangebot an Information und Unterhaltung oft unter. \u201eDer \u00dcberfluss an Wahlm\u00f6glichkeiten online mag dazu f\u00fchren, dass sich einige sehr viel seltener mit Nachrichten besch\u00e4ftigen als in der Vergangenheit\u201c, schreibt Lead-Autor Nic Newman.<\/p>\n<p>Zweitens verstehen die Nutzer die Nachrichten oft nicht, weil sie in der Online-Umgebung aus dem Zusammenhang gerissen sind. Dies ist besonders f\u00fcr diejenigen ein Problem, denen es an Medienbildung mangelt. Aber zus\u00e4tzlich belegen die Daten eine deutliche Verst\u00e4ndnisl\u00fccke zwischen j\u00fcngeren und \u00e4lteren Nutzern, die sich 2021 auch schon in der deutschen <a href=\"https:\/\/leibniz-hbi.de\/uploads\/media\/default\/cms\/media\/dso9kqs_AP55UseTheNews.pdf\">#usethenews Studie<\/a> abgezeichnet hatte. Der Journalismus verliert also viele, die ihn besonders n\u00f6tig brauchen.<\/p>\n<p>Drittens, die Medienh\u00e4user sind auf den Plattformen von Meta, Google oder TikTok auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, wieviel Journalismus diese ihren Nutzern in dem algorithmisch getriebenen Angebot \u00fcberhaupt zumuten wollen. So <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2022\/06\/facebook-looks-ready-to-divorce-the-news-industry-and-i-doubt-couples-counseling-will-help\/\">begr\u00fcndete Joshua Benton<\/a> vom Nieman Lab der Harvard University k\u00fcrzlich, warum Facebook das Nachrichtenangebot im Newsfeed wom\u00f6glich einstellen werde: Die Nutzer sch\u00e4tzen es nicht, und es schafft Probleme.\u00a0<\/p>\n<h3>Drittens, immer mehr Menschen vermeiden Journalismus bewusst, besonders junge Leute<\/h3>\n<p>Redaktionen reden zwar mittlerweile viel \u00fcber Nutzerorientierung, sie ziehen daraus aber offenbar keine Konsequenzen. Fast jeder zweite Befragte gab als Grund f\u00fcr die Zur\u00fcckhaltung an, dass die Medien zu viel \u00fcber Politik und zu viel \u00fcber die Pandemie berichteten. 36 Prozent best\u00e4tigten, Journalismus mache ihnen schlechte Laune, 29 Prozent beklagten das \u00dcberangebot oder fanden die Nachrichten voreingenommen. Die Generationen, die nicht mit regelm\u00e4\u00dfigem Medienkonsum aufgewachsen sind und viele M\u00f6glichkeiten zur Ablenkung haben, wenden sich besonders schnell ab.<\/p>\n<h3>Viertens: <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/die-maer-von-der-zahlungsbereitschaft-im-journalismus\/9097\/\">Zahlungsbereitschaft<\/a> steigt \u2013 vor allem geben aber \u00c4ltere das Geld aus<\/h3>\n<p>Das Durchschnittsalter derjenigen, die ein digitales Abo oder eine Mitgliedschaft bei einer Medienmarke abgeschlossen haben, liegt bei 47 Jahren. F\u00fcr Verlagsh\u00e4user oder \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehsender mag dies eine gute Nachricht sein: Haben sie es doch im Durchschnitt mit Print-Abonnenten oder TV-Zuschauern zu tun, die das Renteneintrittsalter schon deutlich \u00fcberschritten haben. Allerdings zerschlagen sich so auch Hoffnungen aus fr\u00fcheren Reports, dass die Spotify- und Netflix-Generation die Branche retten k\u00f6nnte. Eine gute Nachricht gerade f\u00fcr die hiesigen Regionen ist, dass viele Befragte vor allem in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz die Bereitschaft dokumentiert haben, zus\u00e4tzliche Abos auch unabh\u00e4ngig der Inflationssorgen abzuschlie\u00dfen. Dies ging auch aus Gespr\u00e4chen in Fokus-Gruppen hervor, die die Oxford-Forscher in ihre Analysen einflie\u00dfen lassen. Gerade in diesen Zeiten von besonderen Krisen und Belastungen sei es notwendig, gut informiert zu sein, so einige Stimmen.\u00a0<\/p>\n<h3>F\u00fcnftens: Jene Formate, die Loyalit\u00e4t schaffen, wie zum Beispiel E-Mail-Newsletter, werden vor allem von \u00e4lteren, finanzkr\u00e4ftigen und gebildeten Lesern genutzt, die ohnehin schon ein hohes Interesse an Journalismus haben<\/h3>\n<p><span style=\"font-size: revert;\">W\u00e4hrend zum Beispiel in den USA 15 \u00a0Prozent der \u00fcber 55-J\u00e4hrigen angeben, Newsletter seien ihre wichtigste Nachrichtenquelle \u2013 allein die <\/span><em style=\"font-size: revert;\">New York Times<\/em><span style=\"font-size: revert;\"> produziert 50 verschiedene, die w\u00f6chentlich von 15 Millionen Menschen gelesen werden \u2013, sind es nur drei Prozent der 18- bis 24-J\u00e4hrigen. Newsletter sind so etwas wie das neue Print statt das erhoffte Wundermittel. \u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<h2><strong>Die Schlussfolgerung<\/strong><\/h2>\n<p>Ob man das mag oder nicht: Aus all diesen Daten folgt, dass sich die Verlage auf \u00e4ltere und finanziell besser gestellte Gruppen konzentrieren m\u00fcssen, wenn sie ihr eigenes \u00dcberleben sichern wollen. Von diesen sind die h\u00f6chste Zahlungsbereitschaft und Loyalit\u00e4t zu erwarten. Fragt man in Medienh\u00e4usern nach, wen sie genau meinen, wenn sie von j\u00fcngeren Nutzern sprechen, best\u00e4tigt sich dieses Bild. Verlage verstehen unter \u201ejung\u201c eher die Altersgruppe ab 35 Jahren aufw\u00e4rts. Von noch J\u00fcngeren sei nicht viel zu erwarten, hei\u00dft es dann.\u00a0<\/p>\n<p>Anders sieht das in den \u00f6ffentlich-rechtlichen H\u00e4usern aus. Ihr Fortbestand ist davon abh\u00e4ngig, dass sie von allen wahlberechtigten Altersgruppen als wichtig und unterst\u00fctzenswert empfunden werden. Deshalb ist ihre Sorge besonders gro\u00df, wenn sie bei den unter 25-J\u00e4hrigen nicht punkten.<\/p>\n<p>Die Sender haben zwar den Vorteil, dass sie unbeschwerter als die kommerziellen Anbieter digitale Formate f\u00fcr soziale Netzwerke entwickeln k\u00f6nnen, weil sich nicht jedes ihrer Angebot auf TikTok oder Instagram umgehend in Abos auszahlen muss. Allerdings sp\u00fcren sie den Reichweiten-Verlust besonders drastisch. Es ist deutlich herausfordernder, auf den von Smartphone-Nutzung dominierten digitalen Plattformen Gewohnheitsonsumenten heranzuziehen, als dies in der alten Welt von Fernsehen und Radio der Fall war. \u201eDie j\u00fcngsten Kohorten sind eher gelegentliche und weniger loyale Nachrichtenkonsumenten. Es f\u00e4llt Medienh\u00e4usern sehr schwer, sie zu gewinnen, weil sich die Jungen auf soziale Netzwerke verlassen und nur schwach an Marken gebunden sind\u201c, schreibt die Oxford-Forscherin Kirsten Eddy.\u00a0<\/p>\n<p>Was hei\u00dft all das f\u00fcr die Demokratie, die aufgekl\u00e4rte, informierte und engagierte B\u00fcrger braucht? Soll der mediale Graben zumindest teilweise \u00fcberbr\u00fcckt werden, haben die \u00f6ffentlich-rechtlichen und alle anderen nicht-kommerziellen Anbieter eine herausragende Verantwortung vor allem jungen Generationen gegen\u00fcber. Aber auch diejenigen Redaktionen, die von Abo-Einnahmen abh\u00e4ngig sind, k\u00f6nnen etwas tun. Sie sollten sich mehr mit den Bed\u00fcrfnissen potenzieller Nutzer besch\u00e4ftigen, und zwar auch mit denen jener, die sie fr\u00fcher nur zu gerne ignoriert haben. Das sind zum Beispiel Frauen oder Menschen aus Einwanderer-Familien, die sich in der Standard-Nachrichtenwelt nicht repr\u00e4sentiert gef\u00fchlt haben. Sie sollten die seit vielen Jahren vorliegenden Erkenntnisse zu den Journalismus-Vermeidern endlich ernst nehmen und die traditionelle, Zitate-getriebene Politik-Berichterstattung zugunsten anderer Inhalte produzieren \u2013 am besten konstruktiv und investigativ. Und sie sollten ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten und leicht verst\u00e4ndliche Erkl\u00e4r-Formate entwickeln, die kostenfrei zug\u00e4nglich und auf den Konsum in sozialen Netzwerken ausgerichtet sind.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens ahnen die Nutzer, dass dem Journalismus eine weitere Kommerzialisierung bevorsteht. Laut DNR traut nur etwa jeder F\u00fcnfte (19 Prozent) den Redaktionen zu, als allererstes im Interesse der Gesellschaft zu arbeiten. 42 Prozent beziehungsweise 40 Prozent gaben dagegen an, die Verlage stellten ihre finanziellen oder politischen Interessen in den Mittelpunkt ihrer Strategie. Es ist an den Medienh\u00e4usern, diese Skeptiker vom Gegenteil zu \u00fcberzeugen.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-journalismus-verliert-diejenigen-die-ihn-am-meisten-brauchen\/11446\/\">am 21. Juni 2022 bei Medieninsider<\/a>. Dort schreibt Alexandra regelm\u00e4\u00dfig zu aktuellen Branchen-Themen. \u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalismus wird zunehmend eine Sache f\u00fcr Oldies, auch der digitale. Das wird in der Analyse des\u00a0Digital News Report 2022 (DNR) deutlich. Das liegt nicht daran, dass jungen Leuten das Nachrichtengeschehen egal ist. Nur konsumieren die allermeisten von ihnen eher solche Formate, die sich perspektivisch nicht zu Geld machen lassen. 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