{"id":146,"date":"2016-12-30T12:24:11","date_gmt":"2016-12-30T11:24:11","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=146\/"},"modified":"2017-08-24T17:06:25","modified_gmt":"2017-08-24T15:06:25","slug":"das-grundeinkommen-ist-nur-ein-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/das-grundeinkommen-ist-nur-ein-maerchen\/","title":{"rendered":"Das Grundeinkommen ist nur ein M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ob links oder rechts, ob Top-Manager oder auf Hartz IV: Alle lieben das Grundeinkommen. Dabei wird es die Ungleichheit weiter zementieren.<\/strong><\/p>\n<p class=\"resized\">W\u00e4re die Digitalisierung ein M\u00e4rchen, w\u00fcrde es h\u00f6chstwahrscheinlich mit diesem oder einem \u00e4hnlichen Satz schlie\u00dfen: &#8222;Dann erhielten alle Menschen ein\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Grundeinkommen\" data-pagetype=\"THEME\">Grundeinkommen<\/a>, und gemeinsam mit den Robotern lebten sie gl\u00fccklich und zufrieden bis an ihr Ende.&#8220; Dabei w\u00e4re die Autorenschaft fast egal, denn die Debatte \u00fcber die staatliche Einkommens-Flatrate geh\u00f6rt mittlerweile zu Diskussionen \u00fcber die Zukunft der Arbeit wie Butter auf den\u00a0Fr\u00fchst\u00fcckstisch.<\/p>\n<p>Ob politisch links oder rechts, ob im\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Silicon_Valley\" data-pagetype=\"THEME\">Silicon Valley<\/a>\u00a0oder in Berlin, bei Top-Managern wie Siemens-Chef Joe Kaeser, Unternehmern wie dm-Gr\u00fcnder G\u00f6tz Werner, Professoren wie dem ehemaligen US-Arbeitsminister Robert Reich oder Hartz-IV-Aktivisten: \u00fcberall und allen gilt das Konzept des bedingungslosen Geldgeschenks als denkbares, wenn nicht gar einzig denkbares Mittel, um Bismarcks Sozialstaat fit f\u00fcr die digitalisierte Zukunft zu\u00a0machen.<\/p>\n<p>Wer daran zweifelt, riskiert einen Shitstorm. Und genau das sollte stutzig machen. Denn Politik, die niemandem wehtut, gibt es &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur im M\u00e4rchen. Und noch mehr ist bedenklich: Was auf den ersten Blick nach einem Weg in eine gerechtere Gesellschaft aussieht, k\u00f6nnte im Gegenteil enden: in einer Gesellschaft des Oben und Unten, die geteilt ist wie in vergangenen Jahrhunderten, als es zwischen Adel und Besitzlosen nicht allzu viele Abstufungen gab und Aufstieg ein Ding der Unm\u00f6glichkeit\u00a0war.<\/p>\n<p>Aber warum klingt das Konzept f\u00fcr so unterschiedliche Gruppen so attraktiv? Ist es der Traum vom Leben ohne t\u00e4gliche Fron, Angst vor sozialen Unruhen, schlechtes Gewissen? Die Bef\u00fcrworter verfolgen ganz verschiedene\u00a0Interessen.<\/p>\n<article id=\"sitecontent\" class=\"article hentry \" role=\"main\" data-bind=\"{ &quot;articleFunctions&quot;: {} }\">\n<section id=\"article-body\" class=\"body\">\n<h3 class=\"resized\">Ein Wust an B\u00fcrokratie w\u00fcrde einfach wegfallen<\/h3>\n<p>Leicht ersichtlich ist, warum es sich diejenigen herbeisehnen, die heute schon Hartz IV oder \u00e4hnliche Formen der Sozialhilfe beziehen oder auf andere Weise mit menschenunw\u00fcrdigen Auspr\u00e4gungen dieses Systems zu tun haben. Denn w\u00e4hrend man heute f\u00fcr den Anspruch auf staatliche Hilfe die Bed\u00fcrftigkeit nachweisen muss, entfiele dieser Schritt und damit viel B\u00fcrokratie. Niemand m\u00fcsste sich mehr als Bittsteller f\u00fchlen, seine Lebensumst\u00e4nde vor Wildfremden offenbaren. Das pauschale Einkommen g\u00e4be es unabh\u00e4ngig von Leistung und Lebenssituation,\u00a0bedingungslos.<\/p>\n<p>Niemand m\u00fcsste mehr schlecht entlohnte Drecksarbeit annehmen, um seine Familie durchzubringen. Firmen, die Arbeitskr\u00e4fte brauchen, m\u00fcssten sich das etwas kosten lassen. Paradiesisch m\u00f6gen das diejenigen finden, die schon jetzt stumpfsinnige oder gesundheitsgef\u00e4hrdende Jobs haben, erf\u00fcllenden aber miserabel entlohnten T\u00e4tigkeiten nachgehen oder ohne Bezahlung arbeiten, weil sie Kinder gro\u00dfziehen, Angeh\u00f6rige pflegen oder sich ehrenamtlich\u00a0engagieren.<\/p>\n<p>Dieses Paradies k\u00f6nnte allerdings eine Falle sein. Denn ein Einkommen zementiert die soziale Schichtung. Ein Anreiz entf\u00e4llt, sich aus eigener Kraft von den Fesseln der Staatsst\u00fctze zu befreien, etwas zu wagen, zu gr\u00fcnden, sich zu bilden, seinen Kindern eine bessere Zukunft zu erk\u00e4mpfen. Warum daf\u00fcr ins Zeug legen, wenn es sich doch auch so bescheiden leben\u00a0l\u00e4sst?<\/p>\n<h3>Mehr als eine Minimalversorgung ist das Grundeinkommen nicht<\/h3>\n<p>Im rechts-libert\u00e4ren politischen Spektrum spielt das Konzept vor allem denjenigen in die H\u00e4nde, die den Wohlfahrtsstaat schon immer loswerden wollten. W\u00fcrde man allen B\u00fcrgern einen Pauschalbetrag zahlen, ohne den Einzelfall zu pr\u00fcfen, k\u00f6nnte man die zur Sozialhilfe geh\u00f6rende Verteilungs-B\u00fcrokratie abschaffen, so die Begr\u00fcndung. Der Staat und dessen Gestaltungsmacht w\u00fcrde auf ein Minimum schrumpfen. Allerdings ist der dann auch im Notfall weg. Wird jemand zum Beispiel schwer krank, hat er Pech gehabt. Ein Grundeinkommen sichert die Minimalversorgung, bei gr\u00f6\u00dferen Lebenskatastrophen fehlt das sch\u00fctzende\u00a0Netz.<\/p>\n<p>F\u00fcr Manager und Unternehmer wiederum w\u00e4re das Grundeinkommen eine willkommene Hilfe dabei, sich der Verantwortung f\u00fcr ihre Mitarbeiter zu entledigen, und das in einer Zeit, in der sie mehr Aufgaben \u00fcbernehmen sollten. In der alten Welt funktionierte die Arbeitsteilung so: Der Staat finanziert Schulen und Universit\u00e4ten und liefert leidlich ausgebildete Erwachsene bei den Unternehmen ab. In der neuen Arbeitswelt, in der technologischer Wandel Alltag und schnelle Anpassung n\u00f6tig ist, haben die Betriebe aber eine wichtigere Rolle. Sie m\u00fcssen ihre Mitarbeiter st\u00e4ndig weiterbilden, das lebenslange Lernen findet im Betrieb statt, nicht in Institutionen. Das ist aufwendig und teuer, und das Geld k\u00f6nnte man in Maschinen und k\u00fcnstliche Intelligenz stecken, die Menschen \u00fcberfl\u00fcssig\u00a0machen.<\/p>\n<p>G\u00e4be es ein Grundeinkommen, lie\u00dfen sich solche Investitionen ger\u00e4uschloser durchziehen. Tausende m\u00fcssen entlassen werden? Kein Problem, sie fallen ja weich. Unter dem Strich k\u00f6nnte ein Staats-Lohn deshalb dazu f\u00fchren, dass viel mehr Jobs viel schneller abgebaut werden. Aber h\u00e4lt man nicht ohnehin schon viel zu lange an \u00fcberkommenen Wirtschaftsstrukturen fest, weil man nicht wagt, ausreichend Arbeitspl\u00e4tze zu kappen? Diese Argumentation verkennt, dass Menschen, die innerhalb ihrer Betriebe gef\u00f6rdert werden, mehr lernen, gr\u00f6\u00dfere Chancen haben und auf bessere Ideen kommen, als wenn man sie mit einer Lohn-Flatrate ihrer Aufgabe beraubt auf die Stra\u00dfe\u00a0setzt.<\/p>\n<h2>Auch die Bosse aus dem Silicon Valley wollen das Grundeinkommen &#8211; aus Angst<\/h2>\n<p>Im Silicon Valley wiederum werden die Diskussionen um das\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Grundeinkommen\" data-pagetype=\"THEME\">Grundeinkommen<\/a>aus mindestens zwei Gr\u00fcnden vorangetrieben. Nat\u00fcrlich will man dort, wo die Welt angeblich zu einem besseren Ort umgestaltet werden soll, nicht gerne f\u00fcr jene Massenarbeitslosigkeit verantwortlich sein, die etwa jede zweite Studie zur Digitalisierung prognostiziert. Schon jetzt erleben Milliard\u00e4re und Million\u00e4re an der Westk\u00fcste vor ihrer eigenen Haust\u00fcr, wie bittere Armut aussehen kann. In Amerika gibt es schlie\u00dflich noch nicht einmal so etwas wie Hartz IV, das nichts anderes ist als ein Grundeinkommen mit\u00a0Bedingungen.<\/p>\n<p>Die Protagonisten des Valley f\u00fcrchten sich aber nicht nur vor sozialen Unruhen sondern auch davor, dass ihr Wirtschaftsmodell an der Realit\u00e4t zerschellt. Denn was nutzen die vielen Apps zum Shoppen, Reisen und Essengehen, deren Gesch\u00e4ftsmodell im Generieren von Daten f\u00fcr Werbekunden besteht, wenn sich die potenzielle Nutzer nichts mehr leisten k\u00f6nnen. Eine Gesellschaft, die auf dem Konsum aufbaut, braucht\u00a0Konsumenten.<\/p>\n<h3>Ein Gewinn f\u00fcr alle &#8211; geht das \u00fcberhaupt?<\/h3>\n<p>F\u00fcr Politiker wiederum ist die Debatte \u00fcber ein Grundeinkommen attraktiv, solange sie nicht an der konkreten Finanzierung feilen m\u00fcssen. Diese Gefahr besteht noch lange nicht. Derzeit noch sieht das Konzept nach einem Gewinn f\u00fcr alle aus. Doch irgendwann muss jemand daf\u00fcr zahlen. Der politische Schaden entsteht dann bei denjenigen, die am st\u00e4rksten bluten m\u00fcssen. Je komfortabler man seine B\u00fcrger ausstatten m\u00f6chte, desto teurer wird&#8217;s, und die Vorstellungen dar\u00fcber, was als angemessener Betrag gilt variieren deutlich. In der Schweiz hatten die B\u00fcrger im Juni \u00fcber ein monatliches Entgelt von\u00a0<span class=\"nowrap\">2500<\/span>\u00a0Schweizer Franken abgestimmt (und es abgelehnt), in\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Finnland\" data-pagetype=\"THEME\">Finnland<\/a>\u00a0wird in einem Experiment ein Pauschalbetrag von\u00a0<span class=\"nowrap\">560<\/span>\u00a0Euro\u00a0getestet.<\/p>\n<p>Doch das sind Rechenspiele. Viel wichtiger ist es, grunds\u00e4tzlich \u00fcber Arbeit zu reden. Denn f\u00fcr die meisten Menschen ist der Job mehr als der Garant des monatlichen Auskommens. Arbeit bietet Struktur im Alltag, das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden, etwas Sinnvolles zu tun. Bei der Arbeit trifft man vertraute Menschen, tauscht Ideen aus, schafft sich ein Netzwerk. Gesund zu sein und einen guten Job zu haben seien die wichtigsten Faktoren f\u00fcr Lebenszufriedenheit, hat die OECD f\u00fcr ihren Better Life Index ermittelt. So schnell wird sich das nicht \u00e4ndern, auch wenn die Digitalisierung vieles auf den Kopf stellen\u00a0mag.<\/p>\n<p>Im Kern des Sozialstaats liegt auch der Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe. Der Staat soll ein Mindestma\u00df an Schutz und Absicherung f\u00fcr Notf\u00e4lle oder das Alter bieten und f\u00fcr Bildung und Infrastruktur sorgen. B\u00fcrgerliches Selbstbewusstsein entsteht aus der M\u00f6glichkeit, den Aufstieg aus eigener Kraft zu\u00a0schaffen.<\/p>\n<h3>Der Mensch will gebraucht werden<\/h3>\n<p>Die wenigen Experimente mit dem Grundeinkommen zeigen, dass viele Empf\u00e4nger nicht aufh\u00f6ren zu arbeiten, sich aber h\u00e4ufiger eine Arbeit suchen, die sie zufriedener macht. Vor allem \u00fcberheblich klang jener Wissenschaftler, der auf einer Tagung sagte, er selbst liebe ja seinen Job, aber die meisten Menschen arbeiteten nun mal nicht gerne. Niemand kann bemessen, was einem anderen dessen Arbeit bedeutet. F\u00fcr viele, die dar\u00fcber diskutieren, ist das Grundeinkommen letztlich das Ding f\u00fcr die anderen, f\u00fcr die da unten, \u00fcber die man wom\u00f6glich wenig\u00a0wei\u00df.<\/p>\n<p>Insofern sollten sich all jene, die das Instrument als ausreichenden Ersatz f\u00fcr potenziell entfallende Arbeitspl\u00e4tze betrachten, nichts vormachen: Menschen m\u00f6chten nicht nur konsumieren, sie w\u00fcnschen sich einen guten Arbeitsplatz und wollen gebraucht\u00a0werden.<\/p>\n<p>Es gibt viele spannende Themen in der Debatte zur Zukunft der Arbeit, viele Aufgaben, die zu l\u00f6sen sind: Wie k\u00f6nnen Menschen und Maschinen sinnvoll zusammenarbeiten, mithilfe von k\u00fcnstlicher Intelligenz mehr leisten, im Job zufriedener werden? Wie lassen sich Familienaufgaben und Erwerbsarbeit \u00fcber die gesamte Lebensspanne hinweg klug verbinden? Wie l\u00e4sst sich in einer Welt der digitalen Vernetzung die pers\u00f6nliche Freiheit erhalten? Welcher Ethik sollten Roboter folgen? Und ja, wie sieht ein guter Sozialstaat\u00a0aus?<\/p>\n<p>Diese Themen erfordern Fantasie, das M\u00e4rchen der Digitalisierung muss noch geschrieben werden. In der Debatte um das Grundeinkommen wirkt es manchmal so, als h\u00e4tten gerade jene vor der Zukunft kapituliert, die sie gestalten\u00a0k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/ungleichheit-das-grundeinkommen-ist-nur-ein-maerchen-1.3315254+\"><em>Dieser Beitrag erschien zuerst in der S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a><\/p>\n<\/section>\n<section class=\"article-info\"><\/section>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob links oder rechts, ob Top-Manager oder auf Hartz IV: Alle lieben das Grundeinkommen. 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