{"id":1466,"date":"2022-11-30T16:21:03","date_gmt":"2022-11-30T15:21:03","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1466"},"modified":"2022-11-30T16:24:29","modified_gmt":"2022-11-30T15:24:29","slug":"klimajournalismus-der-wirkt-was-redaktionen-tun-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/klimajournalismus-der-wirkt-was-redaktionen-tun-koennen\/","title":{"rendered":"Klimajournalismus, der wirkt &#8211; Was Redaktionen tun k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><em>In vielen Redaktionen gilt der Ausbau des Klimajournalismus als Pflicht, nicht aber als Chance. Dies d\u00fcrfte ein Grund daf\u00fcr sein, dass so wenige Medienh\u00e4user eine Klimastrategie haben. Auf dem <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/ndrinfo-Mitschnitt-CJD,ndrinfo39528.html\">Constructive Journalism Day 2022 von NDR Info und Hamburg Media School<\/a> habe ich dar\u00fcber gesprochen, warum der Klimajournalismus gro\u00dfe Potenziale birgt, den Journalismus insgesamt in die Zukunft zu bringen. \u00a0<\/em><\/p>\n<p>Viele Menschen haben gerade wieder eine gro\u00dfe Dosis Klimajournalismus zu sich genommen. F\u00fcr manch einen f\u00fchlte es sich wom\u00f6glich wie eine \u00dcberdosis an. Der Klimagipfel in Sharm-El-Sheik beherrschte tagelang die Schlagzeilen. Und wir lernten aus den Medien: Es war eine Katastrophe. Es sei \u201eweniger als nichts&#8220; erreicht worden, so der Titel eines Kommentars in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>. Hinzu kommen die Proteste junger Menschen, die sich in ihrer Wut an Stra\u00dfen festkleben oder Kunstwerke zerst\u00f6ren. Auch dar\u00fcber wurde in allen Facetten berichtet. Ist das gut?<\/p>\n<p>Es ist wichtig, ja. Aber die Debatten \u00fcber die Proteste oder auch der gro\u00dfe Aufschlag bei Events wie COP27 verschleiern, dass es viele Gr\u00fcnde gibt, beim Thema Klima auch zuversichtlich zu sein.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Forscher sagen, die Energiewende ist kein technisches Problem mehr und auch kein Preis-Problem. Es ist ein politisches Problem \u2013 immerhin.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Es werden praktisch t\u00e4glich neue L\u00f6sungen erfunden, eine lebendige Start-up-Szene ist rund um gr\u00fcne Technologien, Produkte und Dienstleistungen entstanden.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Die meisten Branchen besch\u00e4ftigen sich intensiv mit Klima-Innovationen, Fonds schichten ihre Portfolios um, Verschmutzer steigen auf klimaschonende Techniken um, selbst Flugzeugturbinen-Hersteller haben eine Klimastrategie.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nur der Journalismus nicht.\u00a0<span style=\"font-size: revert;\">F\u00fcr den EBU News Report der European Broadcasting Union \u2013 der weltweit gr\u00f6\u00dften Vereinigung \u00f6ffentlich-rechtlicher Medienh\u00e4user \u2013 recherchieren wir seit Monaten in Redaktionen, interviewen Chefredakteure, Forscher, anderen Experten. Unsere Erkenntnis ist: Gerade mal eine Handvoll Redaktionen hat sich strategisch mit dem Thema besch\u00e4ftigt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn man so argumentiert, h\u00f6rt man hier und dort: Was andere Branchen machen, das sei doch oft nur Greenwashing. Das mag in einigen F\u00e4llen<span style=\"font-size: revert;\">stimmen. Aber wer b\u00f6se sein will, k\u00f6nnte sagen: Journalismus bekommt oft nicht einmal Greenwashing hin.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Der Journalismus hinkt beim Thema Klima anderen Branchen hinterher. Warum ist das so?<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Im Journalismus hat man Angst, als parteiisch, aktivistisch wahrgenommen zu werden. Eine kleine, lautstarke Minderheit der Skeptiker gibt den Ton an. Man untersch\u00e4tzt sein Publikum. Die Mehrheit ist n\u00e4mlich l\u00e4ngst weiter, wie Umfragen belegen. Die meisten Menschen kennen das Problem &#8211; zumindest intuitiv &#8211; und wollen, dass etwas passiert.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Der Druck ist gering. Viele Verlage sind mittelst\u00e4ndisch, Sender sind \u00f6ffentlich-rechtlich strukturiert. Redaktionen sind nicht an der B\u00f6rse notiert, Pensionsfonds k\u00f6nnen keine Gelder abziehen, wenn beim Thema Nachhaltigkeit geschlafen wird. Anderes hat Priorit\u00e4t, der Kostendruck tut ein \u00fcbriges.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Klimajournalismus wird als ein Thema unter vielen missverstanden. Dabei muss der Schutz der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten eine Haltung sein, der sich Journalismus verpflichtet \u2013 so wie auch der Demokratie oder den Menschenrechten. Das Klima darf nicht nur Objekt sein, dass man beobachtet und beschreibt. Es muss die Kulisse sein, vor der das Leben spielt. Es sollte jedes Storytelling definieren.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das\u00a0Thema Klima ist eine Chance f\u00fcr den Journalismus, denn es deckt seine gro\u00dfen Defizite auf:<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Klima ist ein Zukunftsthema. Der Journalismus klebt am Jetzt. Der Fokus liegt auf der schnellen Nachricht, dem Tagesgesch\u00e4ft. Umfragen zeigen: Es wird zu viel gemeldet, zu wenig erkl\u00e4rt.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Klimaschutz braucht Hoffnung. Der Journalismus von heute legt den Fokus auf Drama, Vers\u00e4umnisse, Misserfolge. Das dr\u00fcckt sich auch in der Sprache aus. Journalismus warnt, droht, macht Angst.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Im Klimaschutz z\u00e4hlt, was getan wird. Der Journalismus von heute fokussiert auf das, was gesagt wird. Die \u00dcberproduktion beim \u201eEr hat gesagt, sie hat gesagt\u201c Journalismus l\u00e4sst die Menschen oft verwirrt, leer, gelangweilt zur\u00fcck.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<ul>\n<li>\n<p>Journalismus, der wirkt, n\u00e4hert sich den Menschen auf Augenh\u00f6he an in einer Sprache, die sie verstehen. Der Journalismus von heute erhebt sich oft besserwisserisch \u00fcber sie \u2013 vor allem, wenn er sich Qualit\u00e4tsjournalismus nennt.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Journalismus, der wirken m\u00f6chte, respektiert sein Gegen\u00fcber und setzt auf Vielfalt, auch in der Ansprache des Publikums. Der Journalismus von heute kommt oft aus dem Zeitalter der Massenmedien, wo ein Format alles erschlagen musste.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Journalismus, der wirken m\u00f6chte, reflektiert eigene Praktiken und macht sich Forschung zunutze. Heute sind viele Redaktionen fast noch stolz darauf, akademisches Wissen zu ignorieren. Dabei gibt es viel Wissen dar\u00fcber, wie Kommunikation auf Menschen wirkt.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aber kann\u00a0<span style=\"font-size: revert;\">Journalismus, der nicht wirkt, starker Journalismus sein?<\/span><\/p>\n<p>Um eine Wirkung zu erzielen, muss man sich mit seinem Publikum besch\u00e4ftigen. Spannend ist: Die Formate, die Journalistenpreise gewinnen, kommen nicht unbedingt beim Publikum an \u2013 und umgekehrt. Die wirkungsvollen Formate gewinnen keine Preise.<\/p>\n<p>Was nun ist\u00a0wirkungsvoller Klimajournalismus, was wissen wir aus der Forschung?<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Wirkungsvoller Klimajournalismus konzentriert sich aufs Jetzt und Hier konzentriert statt auf die ferne Zukunft, wenn er das Problem beschreibt. Er verankert das Thema da, wo die Menschen leben.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Wirkungsvoller Klimajournalismus malt auch die M\u00f6glichkeiten einer guten Zukunft aus, zeigt: Was wird gewonnen, statt immer nur zu betonen, was verloren wird, was zu opfern ist. Es geht um die Entwicklung eines nachhaltigen Wirtschaftssystems. Der Klimajournalismus-Experte Wolfgang Blau nennt es den gr\u00f6\u00dften Umbau seit dem Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Klimajournalismus wirkt, wenn er konstruktiv und l\u00f6sungsorientiert ist, statt immer nur die Apokalypse an die Wand zu malen. Wenn man\u00a0<span style=\"font-size: revert;\">Menschen ins Gespr\u00e4ch bringen und nicht in die Flucht schlagen will, funktioniert sogar Humor besser als st\u00e4ndiger Alarm. Wissenschaftler besch\u00e4ftigen sich bereits mit der Wirkung von Comedy in der Klimakommunikation.<\/span><\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 4\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<ul>\n<li>\n<p>Klimajournalismus kann wirken, wenn er Menschen Wirkmacht verleiht, statt sie zu Opfern oder zumindest Betroffenen zu machen, wie das fast durchweg in den Nachrichten geschieht. \u201eAgency\u201c ist das englische Wort daf\u00fcr.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Wirkungsvoller Klimajournalismus bedient verschiedene Zielgruppen so, dass sie zuh\u00f6ren. Er nimmt zur Kenntnis, dass der Botschafter oft wichtiger ist als die Botschaft selbst. Der Botschafter ist im besten Fall eine Person mit hohen Vertrauens- und Glaubw\u00fcrdigkeitswerten. Er ber\u00fccksichtigt auch, dass Faktenf\u00fclle die Empathie nicht ersetzt.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Wirkungsvoller Klimajournalismus ist starker Journalismus. Redaktionen sollten sich dabei nicht zu sehr mit nebens\u00e4chlichen Details besch\u00e4ftigen. Ein Sprachkorsett wird nicht gebraucht. Was wichtig ist: Tiefe, Recherche, Faktentreue, starke Bilder \u2013 vor allem auch starke Bilder von L\u00f6sungen. Was nie wirkt: Bilder von \u201eM\u00e4nnern in Anz\u00fcgen\u201c, wie eine norwegische Chefredakteurin sagte.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Wirkungsvoller Klimajournalismus braucht eine glaubw\u00fcrdige Basis. Medienh\u00e4user sollten ihre Hausaufgaben machen, an ihrer CO2 Neutralit\u00e4t arbeiten. Und das ist wom\u00f6glich die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung. Aber wer flammende Kommentare verfasst aber Klimaschutz nicht erkennbar lebt, wird schnell als Heuchler enttarnt.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<p>Mark\u00a0<span style=\"font-size: revert;\">Hertsgaard, Mit-Gr\u00fcnder der Plattform \u201eCovering Climate Now\u201c an der New Yorker Columbia University, sagte: \u201eWenn wir die Medienbranche nicht transformieren, wird keine andere Branche transformiert werden.\u201c Man mag da eine gewisse Hybris heraush\u00f6ren. Aber wahr ist, dass nur stetiger \u00f6ffentlicher Druck alle Beteiligten anspornt, das Thema endlich anzupacken.<\/span><\/p>\n<div class=\"column\">\n<p>Klimajournalismus hat das Zeug dazu, den Journalismus in die Zukunft zu bringen. Es ist allerh\u00f6chste Zeit daf\u00fcr, diese Chance zu nutzen \u2013 f\u00fcr das Klima und den Journalismus.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vielen Redaktionen gilt der Ausbau des Klimajournalismus als Pflicht, nicht aber als Chance. 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