{"id":148,"date":"2017-06-24T12:27:02","date_gmt":"2017-06-24T10:27:02","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=148\/"},"modified":"2017-08-24T17:32:54","modified_gmt":"2017-08-24T15:32:54","slug":"mit-technologie-zu-neuer-publizistischer-qualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/mit-technologie-zu-neuer-publizistischer-qualitaet\/","title":{"rendered":"Mit Technologie zu neuer publizistischer Qualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p class=\"article entry-summary resized\"><strong>Der Journalismus wurde schon totgesagt, dabei ist das Internet f\u00fcr ihn auch eine gro\u00dfe Chance. F\u00fcnf Anmerkungen zu Technologie und Journalismus.<\/strong><\/p>\n<section class=\"authors resized\">\n<div class=\"authorContainer\">\n<div class=\"authorProfileContainer\"><span style=\"font-size: 1rem;\">Mit Mondlandungen hat es Martin Baron, Chefredakteur der\u00a0<\/span><i style=\"font-size: 1rem;\">Washington Post<\/i><span style=\"font-size: 1rem;\">, nicht so, mit Rollkoffern umso mehr. Der Menschheit sei es eher gelungen, jemanden zum Mond zu schicken, als Gep\u00e4ck mit Rollen zu versehen, sagte er in der vergangenen Woche bei einem Vortrag in\u00a0<\/span><a class=\"themelink\" style=\"font-size: 1rem;\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Wien\" data-pagetype=\"THEME\">Wien<\/a><span style=\"font-size: 1rem;\">. Dabei sei das mit den Rollen viel wichtiger. &#8222;Das war zwar nicht so aufregend, aber es hat das Leben besser\u00a0gemacht.&#8220;<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n<p>Seine Botschaft auf dem Global Editors Network (GEN) Summit: Es geht nicht darum, den\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Journalismus\" data-pagetype=\"THEME\">Journalismus<\/a>\u00a0neu zu erfinden, denn es gibt sie ja schon, die gro\u00dfartigen Recherchen, Reportagen und welterkl\u00e4renden St\u00fccke. Aber all das so unter die Leute zu bringen, dass sie es gerne, jederzeit und auf allen Kan\u00e4len lesen, schauen oder h\u00f6ren k\u00f6nnen, ist die t\u00e4gliche\u00a0Herausforderung.<\/p>\n<h3>Skepsis gegen\u00fcber ungefilterten Informationen w\u00e4chst<\/h3>\n<p>Nun hat die\u00a0<i>Washington Post<\/i>\u00a0den Vorteil, mit Amazon-Gr\u00fcnder\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Jeff_Bezos\" data-pagetype=\"THEME\">Jeff Bezos<\/a>\u00a0als Eigent\u00fcmer einen Geldgeber zu haben, der ziemlich viele Koffer ins Rollen bringen kann und augenscheinlich auch noch Lust dazu\u00a0hat.<\/p>\n<p class=\"resized\">Ein gro\u00dfer Teil der Medienbranche, deren Gesch\u00e4ftsmodell durch sinkende Werbeerl\u00f6se unter Druck geraten ist, kann davon nur tr\u00e4umen. Aber Fakt ist: Neue Technologien er\u00f6ffnen dem Journalismus so viele M\u00f6glichkeiten wie nie zuvor. Und der wei\u00df es zunehmend zu\u00a0sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Die Skepsis gegen\u00fcber all der ungefilterten Information aus dem sozialen Netzwerken w\u00e4chst. Nur noch jeder vierte Online-Nutzer verl\u00e4sst sich darauf, dass dort zwischen wahr und falsch unterschieden wird, hat der in der vergangenen Woche ver\u00f6ffentlichte Digital News Report des Reuters Instituts for the Study of Journalism an der Universit\u00e4t Oxford ermittelt. Vor allem die unter 35-J\u00e4hrigen sind bereit, f\u00fcr journalistische Qualit\u00e4t zu\u00a0zahlen.<\/p>\n<p>Nun darf man sich nicht blenden lassen. Konferenzen wie der GEN Summit sind Treffen der Erfolgreichen. Jeder pr\u00e4sentiert seine neusten Entwicklungen und sich selbst im besten Licht, der Redaktionsalltag sieht oft anders aus. Ganz zu schweigen davon, dass Repressionen gegen Journalisten weltweit zunehmen. Aber dennoch gibt es Grund zum Optimismus f\u00fcr eine Branche, die manch einer schon totgesagt hatte &#8211; auch weil doch dank Internet heute angeblich jeder ein Journalist sein k\u00f6nne. Hier ein paar Gedanken zur Zukunft der\u00a0Zunft.<\/p>\n<h3>In der Ausbildung m\u00fcssen neue und traditionelle F\u00e4higkeiten gleicherma\u00dfen trainiert werden<\/h3>\n<p>Erstens: Der Journalismus muss Technologie nach Kr\u00e4ften nutzen, sie darf aber kein Selbstzweck sein. Medienh\u00e4user entwickeln sich zu Technologiefirmen, und das ist gut. Dabei werden drei Entwicklungen den Journalismus besonders pr\u00e4gen: der Einsatz von k\u00fcnstlicher Intelligenz, Datenjournalismus und die Analyse von\u00a0Leserverhalten.<\/p>\n<p>Roboter, die zum Beispiel Sport- oder B\u00f6rsenmeldungen schreiben, k\u00f6nnen Journalisten von Routineaufgaben befreien. Damit werden Kr\u00e4fte freigesetzt, die viel besser bei investigativen Recherchen, Reportagen und komplexen Gedankenspielen aufgehoben\u00a0sind.<\/p>\n<p>Seitdem zum Beispiel die Nachrichtenagentur AP Meldungen \u00fcber Quartalsberichte von Firmen automatisch erstellen l\u00e4sst, hat sie\u00a0<span class=\"nowrap\">4000<\/span>\u00a0statt\u00a0<span class=\"nowrap\">400<\/span>Firmen auf dem Schirm und\u00a0<span class=\"nowrap\">20<\/span>\u00a0Prozent an Arbeitszeit gewonnen. K\u00fcnstliche Intelligenz, hei\u00dft es in dem AP-Report\u00a0<i>A guide for newsrooms in the age of smart machines,<\/i>\u00a0k\u00f6nne k\u00fcnftig auch bei gro\u00dfen Recherchen wie jener zu den &#8222;<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Panama\" data-pagetype=\"THEME\">Panama<\/a>Papers&#8220; dabei helfen, aus gro\u00dfen Datenmengen Sinn\u00a0abzuleiten.<\/p>\n<p>Neue Technologien erm\u00f6glichen auch andere Erz\u00e4hlformen, zum Beispiel Datenjournalismus oder bieten einen Perspektivwechsel mit Hilfe virtueller Realit\u00e4t. Und sie helfen dabei, die gleichen Themen unterschiedlich aufzubereiten, um damit Lesern aller Altersklassen so zu begegnen, wie sie das gerne h\u00e4tten: in Text, Bild, Grafik, Ton oder Film, rund um die Uhr oder geb\u00fcndelt in gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden, am Wohnzimmertisch, im Auto oder im\u00a0Bett.<\/p>\n<h2>Es ist falsch, nur auf die zu h\u00f6ren, die Krawall machen. Das tun schon die sozialen Netzwerke<\/h2>\n<p>Voraussetzung ist, dass Journalisten in der Ausbildung neue und traditionelle F\u00e4higkeiten gleicherma\u00dfen trainieren. Eine Freude an Technik und Daten ist ebenso wichtig wie das, was schon immer gefragt war: genau hinschauen, gut zuh\u00f6ren und selber denken. &#8222;Bei uns sind die Ingenieure B\u00fcrger erster Klasse&#8220;, sagt\u00a0<i>Post<\/i>-Chefredakteur Baron, und damit meint er: Sie sind keine Zuarbeiter f\u00fcr Journalisten, sondern erfahren im Redaktionsalltag die gleiche\u00a0Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Zweitens: Journalisten m\u00fcssen ihrem Publikum zuh\u00f6ren, aber Haltung zeigen. Die Methoden, um Leser- und Nutzerverhalten zu verstehen, werden immer ausgefeilter. Hinweise darauf, wann jemand aus einem St\u00fcck aussteigt und zu welchen Zeiten auf welchen Ger\u00e4ten bestimmte Stoffe besonders gut angenommen werden, sind\u00a0wertvoll.<\/p>\n<p>Der kl\u00fcgste Text hat keinen Wert, wenn nach drei S\u00e4tzen niemand weiterliest.\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Journalismus\" data-pagetype=\"THEME\">Journalismus<\/a>\u00a0sollte unterhaltsam sein, aber das immer als Mittel zum Zweck. Was die relevanten Stoffe sind, muss die Redaktion entscheiden. Ein Fehler w\u00e4re, nur auf diejenigen zu h\u00f6ren, die den meisten Krawall machen &#8211; das tun schon die Algorithmen der sozialen\u00a0Netzwerke.<\/p>\n<p>Drittens: Der Journalismus muss an seiner Glaubw\u00fcrdigkeit arbeiten. Leser trauen den etablierten Medien mehr als den sozialen Netzwerken, aber sie trauen ihnen nicht\u00a0genug.<\/p>\n<p>Laut Digital News Report, der auf den Angaben von\u00a0<span class=\"nowrap\">70 000<\/span>\u00a0Befragten aus\u00a0<span class=\"nowrap\">35<\/span>L\u00e4ndern beruht, gesteht im Durchschnitt nicht einmal jeder Zweite den Medien zu, zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden zu k\u00f6nnen. Was Journalisten tun k\u00f6nnen: Ihr Handwerk erkl\u00e4ren, Fehler zugeben und korrigieren. Und ganz wichtig: in ihren Redaktionen und Produkten die Vielfalt der Gesellschaft\u00a0abbilden.<\/p>\n<h3>Hilfe der Gro\u00dfen annehmen<\/h3>\n<p>Viertens: Journalisten m\u00fcssen rausgehen, recherchieren und erkl\u00e4ren. Das klingt banal, ist es aber nicht. Zeitdruck und Sparprogramme in Redaktionen lassen oft keine andere M\u00f6glichkeit: Es wird gegoogelt statt recherchiert. Aber wenn alle nur noch googeln, berichten alle das gleiche &#8211; und machen sich austauschbar. Irgendwann werden das ohnehin Roboter\u00a0\u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Echte Gespr\u00e4che &#8211; nicht zu verwechseln mit Chats &#8211; bringen Zwischent\u00f6ne und Perspektiven in Geschichten, die Algorithmen nicht liefern\u00a0k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens: Medienh\u00e4user k\u00f6nnen Hilfe der Gro\u00dfen annehmen, ohne vor ihnen einzuknicken. Es geht um Unabh\u00e4ngigkeit und manchmal schlicht ums \u00dcberleben. Schon jetzt gehen weltweit etwa\u00a0<span class=\"nowrap\">80<\/span>\u00a0Prozent der Anzeigenerl\u00f6se an\u00a0<a class=\"themelink\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Google\" data-pagetype=\"THEME\">Google<\/a>\u00a0oder Facebook, die Medienh\u00e4user haben das Nachsehen. Auf dem GEN Summit wurde eines deutlich: Ohne die finanzielle Hilfe der gro\u00dfen Konzerne f\u00e4nden viele ambitionierte Tech-Projekte im Journalismus nicht\u00a0statt.<\/p>\n<p>Bezahlmodelle f\u00fcr Inhalte sind wichtig, d\u00fcrften aber vielerorts nicht reichen. Partnerschaften werden deshalb wichtiger. Aber die Medienh\u00e4user d\u00fcrfen ruhig selbstbewusst sein: Sie sind zwar auf die Portale angewiesen, die Portale aber auch auf gro\u00dfartigen\u00a0Journalismus.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/zukunft-des-journalismus-mit-technologie-zu-neuer-publizistischer-qualitaet-1.3559683\"><em>Dieser Beitrag erschien zuerst in der S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalismus wurde schon totgesagt, dabei ist das Internet f\u00fcr ihn auch eine gro\u00dfe Chance. F\u00fcnf Anmerkungen zu Technologie und Journalismus. Mit Mondlandungen hat es Martin Baron, Chefredakteur der\u00a0Washington Post, nicht so, mit Rollkoffern umso mehr. 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