{"id":1487,"date":"2023-01-04T17:34:07","date_gmt":"2023-01-04T16:34:07","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1487"},"modified":"2023-01-04T17:34:07","modified_gmt":"2023-01-04T16:34:07","slug":"achtung-chefredaktionen-jetzt-geht-es-um-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/achtung-chefredaktionen-jetzt-geht-es-um-wirtschaft\/","title":{"rendered":"Achtung, Chefredaktionen, jetzt geht es um Wirtschaft"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Frage ist offen, ob der Wirtschaftsjournalismus die Welt je vor Schlimmem bewahrt hat. Schlie\u00dflich konnte er weder die Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende verhindern noch die Immobilienblase vom Platzen abhalten, die 2008 zur gr\u00f6\u00dften Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren gef\u00fchrt hatte. Auch der deutschen Wirtschaftsjournalismus hat stets vor allem in der R\u00fcckschau brilliert. Man bekam im Nachhinein ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt, warum Subprime-Immobilienkredite Teufelszeug sind, warum das mit dem Investment in die T-Aktie nichts werden konnte und wie der Betr\u00fcgerkonzern Wirecard systematisch alle hinters Licht gef\u00fchrt und unz\u00e4hlige Menschen um Jobs und Ersparnisse gebracht hat. In diesem Fall war das besonders peinlich, weil sich die hiesige Zunft vor dessen Pleite mit breiter Brust vor den im Dax gelisteten Konzern und gegen einen einsamen Rechercheur der britischen <em>Financial Times<\/em> gestellt hatte. Sollte es so etwas wie Sternstunden des Journalismus geben, war dies eine besonders wolkenverhangene Nacht.\u00a0<\/p>\n<p>Aber all das ist Zeug von gestern und sollte Ansporn sein, es besser zu machen. Denn \u2013 Achtung Chefredaktionen \u2013 was w\u00e4hrend der Pandemie der Wissenschaftsjournalismus war, wird demn\u00e4chst der Wirtschaftsjournalismus sein. Der bedrohte Weltfrieden mit seinen Energie- und Verteilungskonflikten, die Inflation, der Klimawandel \u2013 all dies verlangt wirtschaftspolitischen und betriebswirtschaftlichen Sachverstand in Redaktionen. Anders gesagt: Eine neue Talente- und Investitionsl\u00fccke tut sich auf. Jedes Medienhaus sollte hier nachlegen, f\u00fcr Gr\u00fcnder ergeben sich neue Chancen.<\/p>\n<p>Aber was wird jetzt wichtig? In Deutschland hat der Wirtschaftsjournalismus mehrere Phasen durchlaufen.<\/p>\n<p>Servierten Wirtschaftsteile jahrzehntelang vor allem gepflegte Langeweile f\u00fcr Eingeweihte, l\u00e4uteten Zeitschriften wie das <em>Manager Magazin<\/em> in den 90ern die Zeit der Heldenverehrung ein (von Heldinnen erfuhr man lange nichts). Konzernchefs waren deren Rockstars, ihre Aufstiege und Niederlagen wurden gefeiert beziehungsweise gen\u00fcsslich zelebriert. Was sie sagten, bedeutete Wahrheit.<\/p>\n<p>Mit der New Economy traten um die Jahrtausendwende die jungen, ebenso m\u00e4nnlichen Wilden auf die B\u00fchnen, denen man ihre Stories nur zu gerne abkaufte. Auch Deutschland kann gr\u00fcnden, war die Botschaft \u2013 und viele Journalisten wurden gebraucht, um sie zu vermitteln. Wer damals als Reporter keinen Job fand, war selbst schuld. Allerdings stellte man fest, dass der frische Wind zwar viele Redaktionsb\u00fcros, noch nicht aber die Leser erreicht hatte.<\/p>\n<p>In der Folge machte sich der Nutzwert-Journalismus in den Wirtschaftsteilen und -sendungen breit. Mit dem Einzug der Millennials in Unternehmen, Organisationen und Redaktionen begann eine neue Phase, die sich mit \u201emeine Karriere und ich\u201c umschreiben lie\u00dfe. Der Wirtschaftsjournalismus verbreiterte sich noch einmal, es ging um \u201eNew Work\u201c, mobbende Chefs und allgemeine Lebensberatung, zunehmend kamen auch Frauen vor.\u00a0<\/p>\n<p>In den sozialen Netzwerken, in denen sich die Ressorts bekanntlich aufl\u00f6sen, lassen sich heute die Reste von all dem besichtigen (mit Ausnahme der Langeweile, da reagieren Algorithmen allergisch). Nutzwert schreibt Abos, gutes Storytelling erh\u00f6ht die Lesezeit, die Alpha-M\u00e4nner kommen immer noch zu Wort, aber jetzt d\u00fcrfen auch Expertinnen reden. Erg\u00e4nzt wird das Ganze durch investigativen Wirtschaftsjournalismus, der oft in der Parallelwelt der Investigativ-Ressorts entsteht, und den Erkl\u00e4r- und Einordnungsjournalismus a la <em>Brand Eins<\/em>, der interdisziplin\u00e4r und konzeptionell denkt. In der digitalen H\u00e4ppchen-Welt ist das eine Herausforderung. Aber wie kann der Wirtschaftsjournalismus sich zum unverzichtbaren Begleiter in Krisenzeiten mausern? Hier sind sieben Strategien:<\/p>\n<h2>Der Funktion\u00e4rsjournalismus geh\u00f6rt aufs Altenteil\u00a0<\/h2>\n<p>Schlagzeilen \u00e0 la \u201eSo eine Katastrophe hat Deutschland noch nie gesehen\u201c, die einen Verbands- oder Konzernchef wiedergeben, sollten kritisch \u00fcberpr\u00fcft werden. In Zeiten knapper Ressourcen ist schlie\u00dflich jeder, der Verantwortung tr\u00e4gt, ein Chef-Lobbyist, der das Beste f\u00fcr den eigenen Laden herausholen muss. Das weckt \u2013 wom\u00f6glich berechtigte \u2013 \u00c4ngste beim Publikum, l\u00e4sst es aber damit allein. Auch im Wirtschaftsjournalismus ist viel mehr konstruktiver Journalismus gefragt, der erkl\u00e4rt und in Szenarien denkt.\u00a0<\/p>\n<h2>Erkl\u00e4rung und historische Einordnung ist Pflicht\u00a0<\/h2>\n<p>Hier fehlt es Wirtschaftsredaktionen jedoch zunehmend an <a href=\"https:\/\/www.journalist.de\/startseite\/detail\/article\/wirtschaftsjournalisten-gesucht\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fachkr\u00e4ften<\/a>. In den Redaktionen sind die Volks- und Betriebswirtschaftler oder Wirtschaftshistoriker den Allroundern gewichen, die schnell ein ordentliches Nutzwert-St\u00fcck zusammenschreiben k\u00f6nnen, denen aber oft Hintergrundwissen und Erfahrung fehlen. In Krisenzeiten wird es kniffelig, da werden Spezialisten gebraucht, die Fachliches \u00fcbersetzen k\u00f6nnen. Das k\u00f6nnen entsprechend ausgebildete junge Talente sein aber auch Kollegen, die sich l\u00e4ngst in den Ruhestand verabschiedet haben. Es empfiehlt sich, f\u00fcr den Ernstfall ein paar Telefonnummern bereitzuhalten.<\/p>\n<h2>Service-Journalismus bleibt, Investigativ-Journalismus muss (wieder-)kommen<\/h2>\n<p>Journalisten beider Auspr\u00e4gungen betrachten sich h\u00e4ufig mit einer gewissen Distanz. W\u00e4hrend sich die auf Service spezialisierten Kollegen zuweilen verkannt f\u00fchlen, weil ihre Beitr\u00e4ge zwar erfolgreich sind, aber redaktionsintern wenig geliebt werden, f\u00fchlen sich die Investigativ-Kollegen missachtet, weil ihre St\u00fccke zwar Journalistenpreise, <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/insights\/paid-content\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">aber kaum Abos abr\u00e4umen<\/a>. Richtig ist, dass beide Dienstleister f\u00fcr B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sind. Beide kl\u00e4ren auf, in beide muss investiert werden. So manch eine Service-Geschichte \u00e4ndert sich nach einer investigativen Recherche (siehe Geldanlage), so manch eine investigative Recherche wird aus einer Service-Geschichte geboren (wer profitiert von der Masken-Pflicht?). Kommunikation und gegenseitige Wertsch\u00e4tzung hilft.\u00a0<\/p>\n<h2>Helden-Erz\u00e4hlungen aller Art sind mit Vorsicht zu transportieren<\/h2>\n<p>Eine empathisch erz\u00e4hlte Story \u00fcber einen coolen Typen mag inspirieren, aber der Held von heute kann die beleidigte Leberwurst von morgen sein \u2013 Fynn Kliemann l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Und selbstverst\u00e4ndlich ist es Pflicht, jedes noch so gehypte Start-up kritisch abzuklopfen: Braucht man das, oder kann das wegbleiben? Ist das Mehrwert oder nur Marketing, ethisch oder nur egomanisch? Distanz <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/posts\/larissa-holzki_rubarb-bis-zu-250000-euro-pro-monat-verbrannt-activity-6952272193460289537-LSoD\/?utm_source=linkedin_share&amp;utm_medium=ios_app\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">bleibt Journalisten-Gebot<\/a>, so sehr die Szene der Gr\u00fcnder auch jammern mag.\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2>Vielfalt der Formate wird zentral, vor allem Visualisierungen\u00a0<\/h2>\n<p>Zwar hat der j\u00fcngste <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/digital-news-report-2022-so-konsumieren-deutschlands-online-nutzer-nachrichten\/11344\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Digital News Report<\/a> ergeben, dass Text immer noch die beliebteste Vermittlungsform f\u00fcr Journalismus ist. Es gibt aber etliche Zielgruppen, die sich durch Videos, Grafiken, Datenjournalismus oder andere Visualisierungen st\u00e4rker angesprochen f\u00fchlen und komplexe Zusammenh\u00e4nge so leichter verstehen. Eine Generation, die mit YouTube-Tutorials lernt, qu\u00e4lt sich nicht gerne durch Wortw\u00fcsten. Andere brauchen einen entspannten Podcast mit einer Expertin, der sie vertrauen oder wom\u00f6glich ein Comedy-Format. Die Pandemie hat gezeigt, was im Wissenschaftsjournalismus m\u00f6glich ist, das kann auch der Wirtschaftsjournalismus schaffen. Preisfrage: Wer wird der Christian Drosten der Inflation?<\/p>\n<h2>Wirtschaftsjournalismus braucht noch sehr viel mehr Vielfalt\u00a0<\/h2>\n<p>Fr\u00fcher haben die meisten Wirtschaftspublikationen nicht viel dabei gefunden, dass 90 Prozent ihrer Leser M\u00e4nner waren. Das war, als die Einnahmeseite noch stimmte. Aus dem Blickwinkel von Demokratie und Aufkl\u00e4rung war diese Strategie schon immer zweifelhaft. Heute kann es sich kein Haus mehr leisten, auf potenzielle Nutzergruppen zu verzichten, schon gar nicht auf Nutzerinnen. Und angesichts der Bedrohung von Wohlstand, Ern\u00e4hrung und Frieden sollte es im Interesse aller Medien liegen, auch Menschen zu erreichen, die sich durch die gegenw\u00e4rtige Informationslandschaft nicht repr\u00e4sentiert f\u00fchlen oder Ehrfurcht vor komplexen Themen haben. Das wird sich nicht f\u00fcr alle H\u00e4user lohnen, aber wer den Titel der vierten Gewalt f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, darf sich schon mal etwas reinh\u00e4ngen.\u00a0<\/p>\n<h2>Jeder Journalismus muss Klimajournalismus werden \u2013 der Wirtschaftsjournalismus ganz besonders<\/h2>\n<p>Welche Prozesse und Produkte k\u00f6nnen wir uns in Zukunft noch leisten, wer macht mit Blick auf den Klimawandel seine Hausaufgaben, wer duckt sich weg, und was kostet das alles? Diese Fragen sollten alle Journalisten stellen, ganz gleich, um welches Ressort es geht. Jetzt, wo die wissenschaftlichen Grundlagen einigerma\u00dfen etabliert sind, kommt dem Wirtschaftsjournalismus eine besondere Rolle zu. Es geht um <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alan-rusbridger-interview-journalismus-populismus\/6992\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wirksame Strategien gegen den Klimawandel<\/a>, um effektive und gerechte Politik, darum, wie sich Unternehmen und Verbraucher verhalten k\u00f6nnen. Es w\u00e4chst eine Generation von Nutzern heran, die ahnt, dass sie morgen ausbaden muss, was heute vers\u00e4umt wird. Diese Generation braucht Unterst\u00fctzung. Guter Wirtschaftsjournalismus kann Klimapolitik auf ihre wirtschaftlichen <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/koliumne-alexandra-borchardt-klimajournalismus\/9337\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Folgen und Wirtschaftspolitik auf ihre Folgen f\u00fcrs Klima abklopfen<\/a>. In der Pandemie galt und gilt: Ein krankes Volk schafft keine gesunde Wirtschaft. Beim Klimaschutz ist das \u00e4hnlich. Ohne funktionierende Lebensgrundlagen ist alles Wachstum nichts. Guter Wirtschaftsjournalismus muss deshalb nachhaltiger Wirtschaftsjournalismus werden.\u00a0<\/p>\n<p><i>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-wirtschaftsjournalismus\/11868\/\">erschien am 18. Juli 2022 bei Medieninsider<\/a>. Zum Lesen neuer Kolumnen ist ein Abo\u00a0n\u00f6tig. \u00a0\u00a0<\/i><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage ist offen, ob der Wirtschaftsjournalismus die Welt je vor Schlimmem bewahrt hat. Schlie\u00dflich konnte er weder die Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende verhindern noch die Immobilienblase vom Platzen abhalten, die 2008 zur gr\u00f6\u00dften Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren gef\u00fchrt hatte. Auch der deutschen Wirtschaftsjournalismus hat stets vor allem in der R\u00fcckschau brilliert. 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