{"id":1489,"date":"2023-01-04T17:42:51","date_gmt":"2023-01-04T16:42:51","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1489"},"modified":"2023-01-04T17:54:29","modified_gmt":"2023-01-04T16:54:29","slug":"management-mangelhaft-wo-fuehrungskraefte-in-den-medien-nacharbeiten-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/management-mangelhaft-wo-fuehrungskraefte-in-den-medien-nacharbeiten-muessen\/","title":{"rendered":"Management mangelhaft: Wo F\u00fchrungskr\u00e4fte in den Medien nacharbeiten m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"\n<p>Journalisten klagen \u00fcber Qualit\u00e4tsverlust im Journalismus \u2013 ach, bitte nicht. Noch nie waren die Formate und Ausspielwege so vielf\u00e4ltig, die Erkenntnisse \u00fcber Kundenbed\u00fcrfnisse so detailliert, die Technik so simpel zu nutzen. Und Reportern, Redakteuren und deren Chefs f\u00e4llt nichts weiter ein, als zu jammern. Auch so k\u00f6nnte man eine neue Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung interpretieren. Tenor: \u201eDie Digitalisierung macht alles schlimmer\u201c. F\u00fcr den knapp 100 Seiten umfassenden Report <a href=\"https:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/fileadmin\/user_data\/stiftung\/02_Wissenschaftsportal\/03_Publikationen\/AP55_Medienmacher_innen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eArbeitsdruck \u2013 Anpassung \u2013 Ausstieg: Wie Journalist:innen die Transformation der Medien erleben\u201c<\/a> haben die Autoren Burkhard Schmidt, Rainer N\u00fcbel, Simon Mack und Daniel R\u00f6lle 20 Journalisten verschiedener Medien ausf\u00fchrlich zu Themen wie Arbeitsbelastung, Qualit\u00e4t und Wertsch\u00e4tzung interviewt und zus\u00e4tzlich eine nicht repr\u00e4sentative Online-Befragung mit 161 Teilnehmern ausgewertet.\u00a0<\/p>\n<p>\u00dcberfliegt man den Report nur, kann einem um den deutschen Journalismus angst und bange werden: Die Arbeitsbelastung wachse, die Zeit f\u00fcr Recherchen schrumpfe und die \u00f6ffentlichen Anfeindungen n\u00e4hmen zu. Wer sich nicht demn\u00e4chst in die Rente retten k\u00f6nne, erw\u00e4ge regelm\u00e4\u00dfig den Ausstieg aus dem Beruf, hei\u00dft es dort. Die detaillierte Lekt\u00fcre lohnt sich trotzdem. Denn viele der Befragten zeichnen ein sehr reflektiertes und realistisches Bild der Situation in deutschen Medienh\u00e4usern und des Verh\u00e4ltnisses zwischen Journalisten und ihrem Publikum. Eigentlich berge der digitale Journalismus Chancen, man komme nur nicht dazu, sie zu nutzen, klingt dabei durch. Der Jammerlappen-Vorwurf greift also zu kurz.\u00a0<\/p>\n<p>Deshalb ist die Studie vor allem das: ein desastr\u00f6ses Zeugnis f\u00fcr das Management in deutschen Medienh\u00e4usern. Strapaziert man das Bild, k\u00f6nnte man sagen, das Aufr\u00fccken in das Zeitalter des digitalen Journalismus ist gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Die Note mangelhaft gibt es gleich in mehreren F\u00e4chern.<\/p>\n<h2>Fachgebiet Storytelling<\/h2>\n<p>F\u00fchrungskr\u00e4fte vers\u00e4umen es vielerorts, eine Erfolgsstory zu entwickeln und zu vermitteln. Der moderne Journalismus bietet unendlich viele M\u00f6glichkeiten, die Erz\u00e4hl- und Informationsqualit\u00e4t zu steigern und damit in der Theorie weitaus mehr Menschen zu erreichen als fr\u00fcher. Visualisierung, direkte Ansprache auf verschiedenen Plattformen, einfache M\u00f6glichkeiten zur Kooperation und Interaktion \u2013 die Liste der Chancen ist lang. Dennoch schaffen es viele F\u00fchrungskr\u00e4fte offensichtlich nicht, ihre Mitarbeitenden daf\u00fcr ausreichend zu begeistern. Stattdessen wird reflexhaft gespart.<\/p>\n<h2>Fachgebiet Ressourcen schaffen<\/h2>\n<p>F\u00fchrungskr\u00e4fte helfen ihren Mitarbeitenden zu wenig dabei, sich freizuschwimmen. Jeder, der sich ernsthaft mit Nutzungsdaten besch\u00e4ftigt, kennt das massive Missverh\u00e4ltnis zwischen redaktionellem Angebot und Nachfrage. Redakteure und Reporter produzieren ein \u00dcberma\u00df an schlichter Nachrichtenkost, w\u00e4hrend die Kunden auf ganz andere, verschiedene Formen Appetit haben: Erkl\u00e4rst\u00fccke, Inspiration, Beratung, Unterhaltung und Trends \u2013 um nur einige zu nennen. Dies f\u00fchrt dazu, dass etliche Texte und Inhalte so gut wie gar keine Aufmerksamkeit bekommen, w\u00e4hrend es an den Stoffen mangelt, die Leser zu regelm\u00e4\u00dfigen, im Idealfall begeisterten Nutzern machen. Der unabh\u00e4ngige Berater und fr\u00fchere BBC Journalist <a href=\"https:\/\/smartocto.com\/blog\/guest-blog-user-needs-update\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dmitry Shishkin hat f\u00fcr den BBC World Service das \u201eUser Needs Modell\u201c<\/a> mitentwickelt, mit dem sich jeder auseinandersetzen sollte, der sein Publikum ernst nimmt.\u00a0<\/p>\n<p>Der Job der Chefetage ist es, den Arbeitseinsatz der Redaktion entsprechend zu kanalisieren. Die Leitenden m\u00fcssen Daten zur Verf\u00fcgung stellen, die jeder verstehen kann, und jeder muss wissen, was daraus folgt. Dazu geh\u00f6rt auch <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alexandra-borchardt-kolumne-13-loslassen\/6488\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">radikales Weglassen<\/a>. Dies gef\u00e4llt nicht jedem. So manch einer zieht seine Befriedigung aus Arbeiten, die bei ehrlicher Betrachtung niemandem nutzen. F\u00fchrungskr\u00e4fte neigen dazu, das stillschweigend zu dulden und die neuen Aufgaben oben drauf zu packen. Sie m\u00fcssen aber sicherstellen, dass Arbeitsenergie effektiv eingesetzt und nicht verplempert wird. Nur so lassen sich Belastungen begrenzen.<\/p>\n<h2>Fachgebiet F\u00fcrsorge<\/h2>\n<p>F\u00fchrungskr\u00e4fte stehen ihren Mitarbeitenden zu wenig bei, wenn sie angegriffen werden. In der Otto-Brenner-Studie gaben etliche der Interviewten an, unter dem wachsenden Misstrauen eines Teils des Publikums zu leiden. In diesem Fall d\u00fcrfte die Realit\u00e4t noch trauriger sein als in der Stichprobe erfasst. Anfeindungen online und zunehmend auch physische Angriffe geh\u00f6ren in wachsendem Ma\u00dfe zum Alltag von Reportern und Kommentatoren, vor allem den weiblichen und jenen, die ethnischen Minderheiten angeh\u00f6ren. Zu viele Chefredaktionen haben ihre Redaktionen bislang mit dieser Belastung allein gelassen, den Kollegen weder psychische noch juristische Unterst\u00fctzung angeboten. Das tr\u00e4gt in hohem Ma\u00dfe zur Burnout-Gefahr bei.\u00a0<\/p>\n<h2>Fachgebiet Konfliktmanagement<\/h2>\n<p>Die meisten F\u00fchrungskr\u00e4fte in den Medien vers\u00e4umen es, den Generationenkonflikt zu managen. W\u00e4hrend die \u00c4lteren in den Redaktionen h\u00e4ufig klagen, die Jungen h\u00e4tten von Qualit\u00e4tsjournalismus im Allgemeinen und von Recherche im Besonderen keine Ahnung, bem\u00e4ngeln viele der Jungen das fehlende Verst\u00e4ndnis der Vorg\u00e4ngergenerationen f\u00fcr digitale Formate und eine gewisse Bequemlichkeit nach dem Motto, \u201ebis ich in Rente gehe, komme ich auch so durch\u201c. Dabei existiert auf beiden Seiten Knowhow, von dem die jeweils anderen stark profitieren k\u00f6nnten \u2013 w\u00fcrden die F\u00fchrenden denn eine Kultur der Offenheit und des Lernens etablieren. Abfindungsprogramme, die teure Platzhirsche zum Gehen animieren sollen, damit junge (billigere), \u201edigitale\u201c Fachkr\u00e4fte nachr\u00fccken k\u00f6nnen, sind eher kontraproduktiv \u2013 als erstes gehen zudem h\u00e4ufig diejenigen, die man eigentlich gerne gehalten h\u00e4tte.\u00a0<\/p>\n<h2>Fachgebiet Werkzeugkunde<\/h2>\n<p>Viele F\u00fchrungskr\u00e4fte verstehen zu wenig von Change Management. Deshalb vermitteln sie auch keine entsprechenden Strategien. Vor allem auf Redaktions- aber auch auf Verlagsseite sind viele Chefs in ihre Rolle hineingestolpert, ohne das F\u00fchren jemals gelernt zu haben. Wie man Ver\u00e4nderungsprozesse systematisch aufsetzt und vorantreibt haben sie bestenfalls gelesen, meistens agieren sie nach Bauchgef\u00fchl. Das verunsichert die Mitarbeitenden. Man schw\u00f6rt sie zwar auf Konzepte wie \u201edigital first\u201c oder \u201eaudiences first\u201c ein, man enth\u00e4lt ihnen aber das Knowhow vor, wie sie beides in stark von Routinen und Hierarchien beherrschten Redaktionen umsetzen k\u00f6nnen. Das ist, als w\u00fcrde man jemandem einen Ikea-Karton ohne Aufbauanleitung hinstellen. Dabei ist Ver\u00e4nderungsmanagement Handwerk, und je \u00f6fter alle die Werkzeuge benutzen, umso sicherer werden sie in deren Gebrauch. Allgemein gilt: mit den Willigen beginnen, die Aufgeschlossenen mitnehmen und die Gegner so lange wie m\u00f6glich ignorieren. Viele von denen folgen n\u00e4mlich dann ganz gerne, wenn sich erste Erfolge abzeichnen. Den anderen hilft tats\u00e4chlich nur noch das Abfindungsprogramm.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fchrungskr\u00e4fte, die in all diesen Disziplinen nicht an sich arbeiten, schaden der gesamten Branche. Denn in einem Beruf, in dem es an Perspektive, Wertsch\u00e4tzung und Entlohnung mangelt, m\u00f6chte irgendwann niemand mehr arbeiten \u2013 schon gar nicht die Top-Talente, auf die alle so scharf sind. Es liegt an den Leitenden, eine Story des Wandels zu erz\u00e4hlen und m\u00f6glich zu machen. Viele in Redaktionen und Verlagen sehnen sich danach. Denn, wie die Brenner-Studie einen der Befragten zitiert: Journalismus sei immer noch \u201eder geilste Job, den es gibt\u201c.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-eine-branche-vor-dem-burnout-der-journalismus-braucht-eine-erfolgsstory\/12136\/\">erschien am 16. August 2022 bei Medieninsider<\/a>. Alexandra schreibt dort jeden Monat zu aktuellen Themen, Medieninsider ist ein Paid Content Angebot.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalisten klagen \u00fcber Qualit\u00e4tsverlust im Journalismus \u2013 ach, bitte nicht. 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