{"id":1540,"date":"2023-02-01T14:37:00","date_gmt":"2023-02-01T13:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1540"},"modified":"2023-04-11T14:44:36","modified_gmt":"2023-04-11T12:44:36","slug":"wo-die-wirklichen-probleme-oeffentlich-rechtlicher-medien-liegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wo-die-wirklichen-probleme-oeffentlich-rechtlicher-medien-liegen\/","title":{"rendered":"Wo die wirklichen Probleme \u00f6ffentlich-rechtlicher Medien liegen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer deutschen Medien Beh\u00e4bigkeit vorwirft, t\u00e4te etlichen von ihnen Unrecht \u2013 au\u00dfer, es betr\u00e4fe die Reflexion \u00fcber die eigene Branche. Die Debatte um den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk ist ein Beleg daf\u00fcr. Man kann loben, dass Reporter der Sender daran arbeiten, Missst\u00e4nde in ihren eigenen H\u00e4usern aufzudecken. Damit belegen sie die redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit. Ungl\u00fccklich ist aber, dass dazu erst ein Skandal wie der Machtmissbrauch beim <em>RBB<\/em> gebraucht wurde. Ohne nachrichtlichen Aufh\u00e4nger fehlt vielen Journalisten offenbar der Anreiz, eine Debatte in Gang zu setzen. Die Tendenz, stets nur zu reagieren, statt Themen zu setzen, geh\u00f6rt zu den gro\u00dfen Problemen des gegenw\u00e4rtigen Journalismus. Nicht nur f\u00fchrt dies zu der latenten, oft gescholtenen Kurzatmigkeit der Berichterstattung. Es bedeutet auch, dass andere den Rahmen f\u00fcr die Diskussion definieren \u2013 gerne wird daf\u00fcr das Wort \u201eFraming\u201c genutzt.<\/p>\n<p>Die Debatte \u00fcber den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk wabert deshalb nun als Diskussion um \u00fcberzogene Geh\u00e4lter, falsch verstandene Privilegien und politische Einflussnahme durchs Land. Das ist angesichts der Einzelf\u00e4lle n\u00f6tig, verdr\u00e4ngt aber eine Auseinandersetzung, die viel wichtiger w\u00e4re: Jene dar\u00fcber, wie sich die Medien, die von den B\u00fcrgern finanziert werden und allen Menschen im Land dienen sollen, in der modernen Informations- und Unterhaltungslandschaft weiterhin unverzichtbar machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Angriffe auf die \u00d6ffentlich-Rechtlichen kommen n\u00e4mlich nicht nur von der politischen Rechten. Auch marktliberale Kr\u00e4fte und so manch kommerziell gef\u00fchrtes Medienhaus sprechen den gro\u00dfen Sendern gerne ihre Existenzberechtigung ab. Sie argumentieren, dass private Anbieter in der digitalen Welt ausreichend entsprechende Angebote bereitstellen. Aber dies stimmt eben nur teilweise. Privat finanzierte Medien haben schlie\u00dflich nur eine Metrik: kommerziellen Erfolg. Sie m\u00fcssen weder alle gesellschaftlichen Gruppen ansprechen noch in der Fl\u00e4che pr\u00e4sent sein. Auch k\u00f6nnen sie nicht dazu verpflichtet werden, heikle oder gar \u00fcberlebenswichtige Themen anzusprechen, wie den Umgang mit dem Klimawandel. All diese Aufgaben fallen den \u00d6ffentlich-Rechtlichen zu.\u00a0<\/p>\n<p>In der Regel honorieren die B\u00fcrger das. Wenn es um Medienvertrauen geht, attestieren Studien wie der <a href=\"http:\/\/digitalnewsreport.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Digital News Report<\/a> des Reuters Instituts in Oxford den gro\u00dfen Sendern international Jahr um Jahr die h\u00f6chsten Werte aller Anbieter, zumindest dort, wo sie vom Publikum als unabh\u00e4ngig wahrgenommen werden. In der Pandemie informierten sie sich besonders h\u00e4ufig bei den <em>public service media<\/em> \u2013 so der englische Begriff \u2013 , das Vertrauen stieg vielerorts deutlich. Und selbst junge Menschen, die sich \u00fcberwiegend \u00fcber die sozialen Netzwerke auf dem Laufenden halten, tun dies in Deutschland h\u00e4ufig beim Instagram- oder TikTok-Kanal der <em>Tagesschau<\/em>, weil sie dort Verl\u00e4sslichkeit vermuten. Bislang zahlen die B\u00fcrger auch weit \u00fcberwiegend ohne Murren die entsprechenden Geb\u00fchren oder Steuern, mit denen sich die Sender finanzieren. In der Schweiz sprachen sich <a href=\"https:\/\/www.uvek.admin.ch\/uvek\/de\/home\/uvek\/abstimmungen\/no-billag-initiative.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">2018 in einem Referendum<\/a> mehr als 70 Prozent der Abstimmenden f\u00fcr eine Beibehaltung des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks aus \u2013 die Sender hatten davor einige Reformen versprochen und nach eigenem Bekunden auch umgesetzt.\u00a0<\/p>\n<h2>Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk braucht eine Vision<\/h2>\n<p>Mit so einem Vertrauensvorschuss l\u00e4sst es sich leben. Wenn deutsche Journalisten wegen der <em>RBB<\/em>-Aff\u00e4re nun st\u00e4ndig von der Krise des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks sprechen, ist das verfr\u00fcht und eine Art Selbstgei\u00dfelung, die sich bei aller berechtigten Kritik nicht dazu eignet, den Tatendrang in Richtung Reformen auf Dauer anzuheizen. Dazu wird eine deutlich konkretere und engagierte Debatte gebraucht, die selbstbewusst thematisiert, welche Rolle der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk in Demokratien einnehmen und welche Aufgaben dazu dringend angepackt werden sollten. Gefragt ist eine Vision f\u00fcr ein \u00f6ffentliches Medienangebot in der modernen, fragmentierten und zum Teil \u00fcberversorgten Informationslandschaft.\u00a0<\/p>\n<p>Am dr\u00e4ngendsten werden Strategien daf\u00fcr gebraucht, wie sich die \u00d6ffentlich-Rechtlichen auch f\u00fcr junge Generationen unverzichtbar machen. Sonst verlieren sie ihre Daseinsberechtigung und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch die gesellschaftliche Unterst\u00fctzung. Daf\u00fcr m\u00fcssen sie, es hilft nichts, in den sozialen Netzwerken sichtbar und attraktiv sein. Das \u00e4rgert die Verlage. Allerdings geben die meisten zu, dass junge Menschen unter 25 f\u00fcr sie einigerma\u00dfen uninteressant sind, weil sie eher selten Digital-Abos abschlie\u00dfen. Aber sie sind die Mediennutzer der Zukunft. Gew\u00f6hnt man sie nicht an guten Journalismus, werden sie die traditionellen Publikationen auch sp\u00e4ter links liegen lassen.<\/p>\n<h2>Ran an Mediennutzer von morgen<\/h2>\n<p>Au\u00dferdem m\u00fcssen die Sender in jeglicher Beziehung mehr Vielfalt bieten. Deutschland ist bunter geworden in den vergangenen Jahrzehnten, aber es gibt immer noch gen\u00fcgend gesellschaftliche Gruppen, die sich in den Angeboten der Medien nicht wiederfinden. Dazu m\u00fcssen die \u00d6ffentlich-Rechtlichen Vielfalt nicht nur aus der Beobachterperspektive abbilden, sie m\u00fcssen sie auch leben \u2013 und zwar bis hinauf in die Chefetagen. Diversit\u00e4t ist dabei vielschichtig zu verstehen. Sie reicht von Geschlechtergerechtigkeit und der Repr\u00e4sentation verschiedener Gruppen bis zur politischen Vielfalt. Die Sender m\u00fcssen vor allem auch dort pr\u00e4sent sein, wo es sich f\u00fcr private Anbieter nicht lohnt. Das trifft auch auf Regionen zu, die von Lokalzeitungen vernachl\u00e4ssigt werden. Deutschland hat zwar eine deutlich ges\u00fcndere Regionalpresse als so manch anderes Land. Das k\u00f6nnte sich aber bei fehlender Innovationsfreude und unter wachsendem Kostendruck schnell \u00e4ndern.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlich-rechtliche Medien m\u00fcssen zudem ihre Erfolgskontrolle deutlich ausbauen. W\u00e4hrend die meisten Verlage sich mittlerweile daran gew\u00f6hnt haben, den Gewohnheiten ihrer Nutzer nachzusp\u00fcren, messen die Sender viel seltener, ob sie ihre Ziele erreichen \u2013 wenn sie sich \u00fcberhaupt welche setzen. Was der \u00d6ffentlich-Rechtliche gerne mit seinem journalistischen Auftrag begr\u00fcndet, ist oft nur Nachl\u00e4ssigkeit. In der Privatwirtschaft hat man eines viel fr\u00fcher verstanden (wenngleich nicht \u00fcberall): Ver\u00e4nderungen geschehen nicht von selbst, man muss sie managen.\u00a0<\/p>\n<h2>Mehr Erfolgskontrolle<\/h2>\n<p>Solch eine Erfolgskontrolle ist vor allem dann wichtig, wenn es um die Frage geht, welche Angebote man getrost einstellen k\u00f6nnte. Beim \u201eStop doing\u201c gibt es allerdings immer drei M\u00f6glichkeiten: Dinge gar nicht mehr machen, Dinge anders machen, Dinge mit anderen gemeinsam machen. Vor allem letzteres geschieht bei den \u00d6ffentlich-Rechtlichen noch viel zu selten. Es lie\u00dfe sich viel erreichen, wenn man Kr\u00e4fte nicht nur national, sondern auch international b\u00fcndeln w\u00fcrde. Es ist zum Beispiel unsinnig, wenn jeder kleine Sender jedes Format g\u00e4nzlich neu entwickelt. Oft gen\u00fcgt es, Ideen anderer dem kulturellen Kontext anzupassen.<\/p>\n<p>Gerade in Deutschland sollten die Sender und ihre Aufsichtsgremien Strukturreformen in Angriff nehmen statt im ewigen \u201eWeiter so\u201c zu verharren. Sonst besteht die Gefahr, dass andere definieren, wie solche Reformen auszusehen haben. Dort, wo Macht und Einfluss verteilt werden, wird es individuelles Fehlverhalten immer geben. Die perfekte Aufsichtsstruktur, die jeden Fehltritt beleuchtet, kann es nicht geben. Aber je komplexer Hierarchien und Gremien sind, umso mehr Schlupfl\u00f6cher gibt es und umso schwerer lassen sie sich kontrollieren. Schlanke Strukturen erleichtern Transparenz.<\/p>\n<p>Die Sender werden aber nur dann stark bleiben, wenn sie auf Erfolge verweisen k\u00f6nnen. Dazu m\u00fcssen sie Verb\u00fcndete ihres Publikums bleiben und werden. Ob es um die Zukunft der Demokratie, die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten, die \u00f6ffentliche Gesundheit oder Krieg und Frieden geht: Es gibt ausreichend Themen, bei denen nur diejenigen Medien punkten k\u00f6nnen, die \u00fcber Ressourcen, Werte und den festen Willen verf\u00fcgen, im Dienst der Gesellschaft zu erkl\u00e4ren, aufzukl\u00e4ren und zu debattieren \u2013 und dies nicht nur mit Wissen und Information, sondern auch mit Herz und Humor.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-offentlich-rechtlicher-rundfunk\/12533\/\">Medieninsider<\/a> am 14. September 2022.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer deutschen Medien Beh\u00e4bigkeit vorwirft, t\u00e4te etlichen von ihnen Unrecht \u2013 au\u00dfer, es betr\u00e4fe die Reflexion \u00fcber die eigene Branche. Die Debatte um den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk ist ein Beleg daf\u00fcr. Man kann loben, dass Reporter der Sender daran arbeiten, Missst\u00e4nde in ihren eigenen H\u00e4usern aufzudecken. Damit belegen sie die redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit. 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