{"id":1546,"date":"2023-04-05T14:56:55","date_gmt":"2023-04-05T12:56:55","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1546"},"modified":"2023-04-11T15:06:05","modified_gmt":"2023-04-11T13:06:05","slug":"wenn-der-jury-liebling-beim-publikum-floppt-wir-muessen-ueber-wertschaetzung-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wenn-der-jury-liebling-beim-publikum-floppt-wir-muessen-ueber-wertschaetzung-reden\/","title":{"rendered":"Wenn der Jury-Liebling beim Publikum floppt: Wir m\u00fcssen \u00fcber Wertsch\u00e4tzung reden"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Die Versuchung, diesen Text mit Claas Relotius zu beginnen, ist gro\u00df. Der als Reporter getarnte Geschichtenerfinder hatte etliche Journalistenpreise abger\u00e4umt, bevor seine L\u00fcgen 2018 aufflogen. Dies hatte nicht nur seinen Arbeitgeber <em>Der Spiegel<\/em> einiges an Energie und Ansehen gekostet, sondern die Scheinwerfer direkt auf die Belohnungssysteme der Branche gelenkt. Ist sch\u00f6n auch immer gut, fragte man sich damals? Erfahrene Juror:innen hatten sich blenden lassen, weil sie auf starkes Erz\u00e4hlen schauten. Sie bewerteten Sprache und Dramaturgie h\u00f6her als Plausibilit\u00e4t. Das war peinlich, aber offenbar nicht peinlich genug. Schnell ging man zur Tagesordnung \u00fcber. Die Sache war ja aufgekl\u00e4rt.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Nun muss man wegen eines Skandals nicht alle Journalistenpreise in Frage stellen. Tausende Reporter:innen verdienen ihre Auszeichnungen, weil sie hartn\u00e4ckig und unter gro\u00dfem Einsatz recherchieren, akribisch an Text, Ton- oder Bildschnitt arbeiten, begeisternde und bewegende Geschichten abliefern. Man darf annehmen, dass sich nur sehr wenige mit L\u00fcgen durchs Berufsleben schummeln. Viele Journalistenjobs sind m\u00e4\u00dfig bezahlt, man g\u00f6nnt jedem und jeder Einzelnen ein paar Euro extra. Und doch kann man \u2013 ja, muss man \u2013 ab und an fragen, ob die in einer Branche herrschenden Anreizsysteme das bewirken, was sie erreichen sollten.\u00a0<\/p>\n<h2>Was guten Journalismus auszeichnet<\/h2>\n<p>Moderner Journalismus denkt vom Nutzer her, hei\u00dft es. Er h\u00f6rt Menschen zu, begegnet ihnen mit Respekt, spricht sie in ihrer Sprache an. So betrachtet, definiert sich erfolgreicher Journalismus also auch \u00fcber seine Wirkung beim Publikum. Und da f\u00e4ngt die Schwierigkeit an. Denn viele Preise \u2013 wenn sie nicht ohnehin kommerziellen Logiken folgen \u2013 reflektieren eher das, was Journalist:innen unter starkem Journalismus verstehen.<\/p>\n<p>Seitdem Datenanalysen Nutzungsgewohnheiten bis ins Detail offenlegen k\u00f6nnen, zweifeln einige Praktiker:innen jedoch zunehmend an dieser Definition von Qualit\u00e4t. Da ist zum Beispiel Ritu Kapur, Gr\u00fcnderin und Chefin des indischen Nachrichtenportals <em>The Quint<\/em>. In einem Gespr\u00e4ch zum Thema Klimajournalismus merkte sie k\u00fcrzlich an, dass diejenigen Formate, auf die ihre Redaktion besonders stolz sei, oft auf wenig Resonanz stie\u00dfen. Liebevoll gebaute, preisw\u00fcrdige Multimedia-Geschichten aus fernen Landesteilen floppten beim Publikum. Dagegen w\u00fcrden weniger aufw\u00e4ndige, daf\u00fcr aber alltagsnahe St\u00fccke reichlich geteilt und kommentiert.\u00a0<\/p>\n<p>\u00c4hnlich erlebt das Adrian Monck. Der ehemalige Journalist und Journalismus-Professor leitet die Kommunikation beim World Economic Forum und damit auch eine Redaktion, die auf verschiedenen Social-Media-Kan\u00e4len einen bemerkenswert konstruktiven Ansatz betreibt. In kurzen Kacheln oder Videos werden L\u00f6sungen pr\u00e4sentiert, mit denen Menschen und Organisationen aus aller Welt dr\u00e4ngende Umweltprobleme angehen. Mangels Etats w\u00fcrden die Beitr\u00e4ge hocheffizient produziert; nichts davon sei das, was Monck \u201eFaberge Egg Journalism\u201c nennt, also kunstvoll erstellte Einzelst\u00fccke. Und doch seien die Zugriffe enorm. Vor allem junge, bildungsaffine Menschen aus aller Welt begeisterten sich f\u00fcr die simplen Beispiele dessen, was m\u00f6glich sei. In einem normalen Medienhaus, wo Karrieren und Identit\u00e4ten entlang von preisw\u00fcrdigem Journalismus entst\u00fcnden, h\u00e4tte sich so ein Angebot nie etablieren k\u00f6nnen, sagt Monck. L\u00e4uft da also etwas Grundlegendes falsch?\u00a0<\/p>\n<p>Was die Branche macht, ist eine Sache. Das k\u00f6nnen Preise sein, bei denen man sich selbst feiert oder Listen, in denen Fachmagazine die Kolleg:innen des Jahres kr\u00f6nen \u2013 was beiden Seiten Aufmerksamkeit verschafft und sich auf diese Weise in Euro auszahlen kann. F\u00fcr die einen ist es ein Gesch\u00e4ftsmodell, f\u00fcr die anderen ein Marketingmittel. Wichtiger ist aber, wie Medienh\u00e4user intern Lob und Wertsch\u00e4tzung verteilen. Denn daraus entsteht die Zukunft des Journalismus. Und die wird man wohl eher in dem vom <em>BBC<\/em>-Journalisten <a href=\"https:\/\/jninstitute.org\/news\/ros-atkins-insights\/\">Ros Atkins entwickelten Explainer Format<\/a> finden als bei <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/projects\/2012\/snow-fall\/index.html#\/?part=tunnel-creek\"><em>Snowfal<\/em><\/a><em><a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/projects\/2012\/snow-fall\/index.html#\/?part=tunnel-creek\">l<\/a>,<\/em> dem einst in der Branche weithin bewunderten Multimedia-Projekt der <em>New York Times<\/em>, das nur einen Sch\u00f6nheitsfehler hatte: Die Nutzer lie\u00df es einigerma\u00dfen kalt.<\/p>\n<h2><strong>Eine Checkliste f\u00fcr Wertsch\u00e4tzung\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>Deshalb ist es wichtig, dass Verlage und Redaktionen ihre internen Anreizsysteme regelm\u00e4\u00dfig auf ihre Wirkung hin \u00fcberpr\u00fcfen. Dabei geht es um Bef\u00f6rderungen und Pr\u00e4mien ebenso wie um simples Lob in offener Runde, das bekannterma\u00dfen den Ton setzt und in die eine oder andere Richtung motivieren kann.\u00a0<\/p>\n<p>Das wichtigste Signal ist: Wer macht Karriere? Die Kolleg:innen werden genau beobachten, ob der recherchestarke Politikreporter, die Wissenschaftsjournalistin mit Spezialgebiet Klima, der kreative Produktmanager oder die versierte Strategin in die Chefetage aufsteigen. All das gibt Hinweise darauf: Habe ich mit meinem Produkt, meinen Talenten, meinem Spezialgebiet Chancen, gesehen und geh\u00f6rt zu werden?\u00a0<\/p>\n<p>Eine kleine Checkliste kann abklopfen, ob die Redaktion in Sachen Wertsch\u00e4tzung auf einem guten Weg ist:\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Wird Nutzungsintensit\u00e4t ausgewertet und anerkannt? Immerhin kann Journalismus noch so beeindruckend sein \u2013 er wird wenig Wirkung erzielen, wenn ihn niemand bemerkt.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba \u00a0Werden immer wieder dieselben Kolleg:innen oder Leistungen gelobt? Das sagt zuweilen mehr \u00fcber Vorlieben von Chefredakteur:innen aus als \u00fcber die Verteilung tats\u00e4chlicher Qualit\u00e4t.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Man kann auch \u00fcberlegen: Wer oder welche Gruppe wird nie gelobt? Gibt es nie einen Anlass, ein Team oder eine Leistung zu w\u00fcrdigen, besteht Handlungsbedarf. Wom\u00f6glich passen Mitarbeiter:innen und Aufgabe nicht zusammen oder die Aufgabe selbst hat sich \u00fcberlebt.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Wichtig ist auch: Werden Experimente gelobt, auch wenn sie nicht das erhoffte Ergebnis gebracht haben? Wer Kolleg:innen dazu ermutigt, Dinge auszuprobieren, wird schneller Erfolge ernten als diejenigen, die sich an Vertrautes klammern.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Und schlie\u00dflich: Ist Anerkennung inklusiv und schlie\u00dft alle an Projekten Beteiligten ein, oder reicht das Lob nur f\u00fcr ein paar Stars? So manch eine Geschichte wird erst durch die Verkaufe stark oder dadurch, dass sie jemand im richtigen Moment aus den Archiven zieht.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Mitdenken und Kundenorientierung verdienen ebenso Belohnung wie intensive Recherche und sprachliche Meisterschaft. Jeder, der sich um redaktionelle Qualit\u00e4t bem\u00fcht, wird diesen Fragenkatalog m\u00fchelos erg\u00e4nzen k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<p>Um kein Missverst\u00e4ndnis aufkommen zu lassen: Unternehmen m\u00fcssen nicht zu Lob-Maschinen werden, auch Redaktionen nicht. Die meisten Journalist:innen arbeiten aus eigenem Antrieb, weil sie etwas bewirken m\u00f6chten: informieren, erkl\u00e4ren, aufkl\u00e4ren, unterhalten. Die wenigsten erwarten daf\u00fcr Preise. Aber Lob ist ein Stoff, aus dem Unternehmenskultur gemacht wird. F\u00fchrungskr\u00e4fte, die dies ignorieren, geben ein kraftvolles Werkzeug aus der Hand. Wer sp\u00fcrt, dass seine Arbeit gesehen wird, wird sich auch k\u00fcnftig ins Zeug legen. Wenn dann noch ein Preis dazukommt, ist das umso sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>Diese Kolumne erschien unter anderem Titel bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-bestenlisten-und-preise-was-mehr-wert-ist-als-branchenauszeichnungen\/14111\/\">Medieninsider<\/a> am 6. Dezember 2022.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Versuchung, diesen Text mit Claas Relotius zu beginnen, ist gro\u00df. Der als Reporter getarnte Geschichtenerfinder hatte etliche Journalistenpreise abger\u00e4umt, bevor seine L\u00fcgen 2018 aufflogen. 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