{"id":1548,"date":"2023-04-11T15:11:10","date_gmt":"2023-04-11T13:11:10","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1548"},"modified":"2023-04-11T15:11:11","modified_gmt":"2023-04-11T13:11:11","slug":"die-ki-revolution-darauf-muessen-redaktionen-aufpassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-ki-revolution-darauf-muessen-redaktionen-aufpassen\/","title":{"rendered":"Die KI-Revolution: Darauf m\u00fcssen Redaktionen aufpassen"},"content":{"rendered":"\n<p>Man muss nicht von Technik besoffen sein, um sich all die Potenziale auszumalen, die in der Entwicklung von Bots wie <a href=\"https:\/\/openai.com\/blog\/chatgpt\/\">ChatGPT<\/a> stecken \u2013 auch f\u00fcr den Journalismus. Der in dieser Woche erschienene <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/trend-report-so-wird-laut-reuters-institute-das-medienjahr-2023\/14569\/\">Trend-Report des Reuters Institutes for the Study of Journalism<\/a> erwartet gar ein \u201eJahr des Durchbruchs\u201c f\u00fcr den Einsatz K\u00fcnstlicher Intelligenz in Redaktionen. Schon l\u00e4nger setzen viele von ihnen KI ein, vor allem f\u00fcr Leseempfehlungen, aber auch f\u00fcr automatisierte Textproduktion. Nun k\u00f6nnte der \u201eRoboterjournalismus\u201c aber ein neues Level erreichen.\u00a0<\/p>\n<p>Der im November gelaunchte Bot von Open AI beantwortet in Windeseile Fragen und hilft sogar bei der Erstellung von Interviewfragen. Er fasst Texte zusammen oder redigiert sie, er spuckt Literaturlisten aus und komponiert sogar Cartoons. Die M\u00f6glichkeiten sind grenzenlos. Der Bot von Open AI ist das, was man auf Englisch einen <em>Game Changer<\/em> nennt. Nimmt man dazu noch die M\u00f6glichkeiten, auf Basis von Recherchen animierte Filme zu produzieren, wie das zum Beispiel die Redaktion von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=01Um-e3I2vs\">Semafor<\/a> ausprobiert, dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf: Bald ist alles m\u00f6glich.\u00a0<\/p>\n<p>Und genau hier liegt eine riesige Herausforderung f\u00fcr den Journalismus. Denn schon heute fehlt es in den meisten Medienh\u00e4usern vor allem an Fokus und an Klasse, keinesfalls an Masse. Je mehr m\u00f6glich ist, umso wichtiger wird es zu entscheiden, was man tut, und was man lieber l\u00e4sst. Einer Branche, die ohnehin lieber mit Bauchgef\u00fchl arbeitet als mit Strategie, wird genau das besonders schwerfallen.\u00a0<\/p>\n<h2><strong>Die Chancen<\/strong><\/h2>\n<p>Unter dem Strich d\u00fcrfte KI dem Journalismus <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/21670811.2022.2149584?scroll=top&amp;needAccess=true&amp;role=tab\">deutlich mehr n\u00fctzen, als dass sie ihm schadet<\/a>. Das <a href=\"https:\/\/www.lse.ac.uk\/media-and-communications\/polis\/JournalismAI\">JournalismAI Project<\/a> an der London School of Economics ist ein Fundus entsprechender Innovationen, inklusive Trainingsprogramm. Gerade kleine Redaktionen profitieren von KI, weil sie kleineren Teams mehr leisten k\u00f6nnen. Software wird Routinearbeiten erledigen, w\u00e4hrend Reporter tiefer recherchieren \u2013 und auch das mit Hilfe von KI. Der Faktencheck wird einfacher, hyperlokale Berichterstattung m\u00f6glich, Personalisierung von Inhalten und Kundenbindung leichter zu automatisieren.<\/p>\n<p>Vielfalt und Inklusivit\u00e4t lassen sich besser erreichen, wenn Algorithmen dies kontrollieren oder gar steuern. Bei der kanadischen <em>Globe and Mail<\/em> zum Beispiel <a href=\"https:\/\/iabcanada.com\/the-wisdom-behind-sophi-io-and-the-globe-and-mail\/\">best\u00fcckt die Software Sophi die Homepage<\/a> und stellt unter anderem sicher, dass ethnische Minderheiten inhaltlich repr\u00e4sentiert sind. Anderswo machen automatisierte \u00dcbersetzungen auch in seltene Sprachen Beitr\u00e4ge neuen Zielgruppen zug\u00e4nglich. F\u00fcr diejenigen, die schlecht lesen k\u00f6nnen, gibt es Text-to-speech- Software, f\u00fcr solche mit Geh\u00f6rproblemen maschinelle Transkription. Avatare k\u00f6nnen dieselbe Nachricht je nach Zielgruppe im entsprechenden Look, Stil, und Komplexit\u00e4tsgrad vermitteln. Software wie <a href=\"https:\/\/openai.com\/blog\/dall-e\/\">Dall-E<\/a> hilft dabei, komplexe Inhalte in Bilder zu pressen. Das bedeutet auch, dass verschiedene Audiences pr\u00e4ziser bedient werden k\u00f6nnen. Die Hoffnung besteht, mit neuen Mitteln einen gr\u00f6\u00dferen Teil derjenigen zu erreichen, die das Nachrichtengeschehen bislang ignoriert haben \u2013 wom\u00f6glich, weil sie sich nicht angesprochen f\u00fchlten.<\/p>\n<h2><strong>Die Risiken<\/strong><\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich bestehen auch Risiken. Die Gefahr w\u00e4chst, auf manipulierte Inhalte hereinzufallen, denn davon wird es reichlich geben. Journalisten werden ihre Rolle als Gatekeeper neu ausf\u00fcllen m\u00fcssen. Bislang sind die Bots darauf trainiert, plausible Inhalte abzuliefern, nicht 100 Prozent Faktentreue. Fachleute sagen, die Lernkurve der KI sei steil, die Fehlerquote sinke rasant. Aber derzeit kann vermutlich niemand mit Sicherheit sagen, ob die maschinellen M\u00f6glichkeiten zu mehr L\u00fcgengeschichten oder akkuraterer Qualit\u00e4tskontrolle f\u00fchren werden. Und nat\u00fcrlich fragen sich Journalisten, wie ihre Aufgaben und Arbeitsperspektiven sich entwickeln werden in einer Welt, in der Maschinen schneller und wom\u00f6glich verst\u00e4ndlicher schreiben und produzieren, als sie das je k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die Sorgen sind berechtigt. Vor allem jene Kolleg:innen, denen es an Lust, Zeit, Ressourcen und Energie zum Lernen fehlt, k\u00f6nnten am Ende leer ausgehen. Viele Jobs werden sich ver\u00e4ndern. Viele F\u00e4higkeiten, die fr\u00fcher nachgefragt waren, stellt die Technik \u00fcber Nacht in den Schatten. Aber der Einzug von KI in Redaktionen birgt auch Gutes f\u00fcr den Arbeitsmarkt. Gelten Verlagsh\u00e4user zum Beispiel heute f\u00fcr Tech-Talente noch als angestaubt, <a href=\"https:\/\/www.unitedrobots.ai\/resources\/blog\/ai-in-the-local-newsroom-and-how-it-will-attract-talent\">k\u00f6nnten sie zu verlockenden Arbeitgebern werden<\/a>, wenn KI-Versiertheit k\u00fcnftig zum Job-Profil geh\u00f6rt. Entsprechendes Know-how macht Journalisten auch f\u00fcr andere Branchen attraktiv und damit leichter vermittelbar. Redaktionsarbeit d\u00fcrfte interessanter werden, wenn Roboter die Routine-Jobs erledigen.\u00a0<\/p>\n<p>KI werde Medienunternehmen dabei helfen, \u201emehr mit weniger zu erreichen und M\u00f6glichkeiten in der Produktion und Verteilung besserer Inhalte zu er\u00f6ffnen\u201c, schreibt Nic Newman im Trend-Report des Reuters Institutes, der auf einer nicht-repr\u00e4sentativen Umfrage unter Top-F\u00fchrungskr\u00e4ften in Medienh\u00e4usern weltweit beruht. \u201eAber sie wird auch zu neuen Dilemmata f\u00fchren, wie diese machtvollen Technologien ethisch und transparent genutzt werden k\u00f6nnen\u201c, so Newman weiter.\u00a0<\/p>\n<h2><strong>Eine Frage der Ethik<\/strong><\/h2>\n<p>Wenn sich Journalisten k\u00fcnftig mehr mit Ethik besch\u00e4ftigen m\u00fcssen, um nicht von KI \u00fcberrumpelt zu werden, ist das zun\u00e4chst einmal eine gute Sache. Tats\u00e4chlich ist es zwingend \u00fcberall dort, wo lernende Software Menschen ersetzt, denn werden Fehler und Vorurteile maschinell skaliert, sind die Sch\u00e4den potenziell immens. Genauso wichtig wird es aber sein, dass Medienh\u00e4user und Redaktionen ihre Ziele und die dazu passende Strategie penibel entwickeln. Schon bei der digitalen Transformation haben das viele vers\u00e4umt. Etliches, was nach Innovation klang, wurde gemacht, ohne vorher zu \u00fcberlegen, auf welche Weise es zum Erfolg von Produkten, Marken oder Missionen beitragen k\u00f6nnte. Man pilgerte lieber zur <em>New York Times<\/em>, als sich mit den Bed\u00fcrfnissen der potenziellen Nutzer in der Nachbarschaft zu besch\u00e4ftigen. So wurde viel Geld und Energie verbrannt. Diese Fehler gilt es zu vermeiden.<\/p>\n<p>Die Versuchung, immer noch mehr zu produzieren, schlicht, weil es m\u00f6glich ist, k\u00f6nnte eines der gr\u00f6\u00dften Probleme des Journalismus noch versch\u00e4rfen. Laut dem Trend-Report macht die wachsende Nachrichtenm\u00fcdigkeit ihres Publikums schon jetzt 71 Prozent der befragten F\u00fchrungskr\u00e4fte Sorgen. Dieser kann man nicht mit mehr Masse begegnen, sondern mit Angeboten, die relevant und bed\u00fcrfnisgerecht sind. Ob sie mit oder ohne KI erstellt werden sollten, das m\u00fcssen Menschen entscheiden.\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/ki-revolution-im-journalismus-darauf-muessen-redaktionen-aufpassen\/14571\/\">Medieninsider<\/a> am 11. Januar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man muss nicht von Technik besoffen sein, um sich all die Potenziale auszumalen, die in der Entwicklung von Bots wie ChatGPT stecken \u2013 auch f\u00fcr den Journalismus. Der in dieser Woche erschienene Trend-Report des Reuters Institutes for the Study of Journalism erwartet gar ein \u201eJahr des Durchbruchs\u201c f\u00fcr den Einsatz K\u00fcnstlicher Intelligenz in Redaktionen. 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