{"id":1588,"date":"2023-07-03T10:25:52","date_gmt":"2023-07-03T08:25:52","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1588"},"modified":"2023-07-03T10:25:52","modified_gmt":"2023-07-03T08:25:52","slug":"darum-ist-der-journalismus-heute-objektiver-als-frueher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/darum-ist-der-journalismus-heute-objektiver-als-frueher\/","title":{"rendered":"Darum ist der Journalismus heute objektiver als fr\u00fcher"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr die einen hat die Debatte um Objektivit\u00e4t im Journalismus gerade erst begonnen, f\u00fcr die anderen ist sie l\u00e4ngst abgehakt. Allein das zeigt, wie dringend sie gef\u00fchrt werden muss. Denn es geht um nicht weniger als die Arbeitsgrundlage, aus der die Branche ihre Existenzberechtigung ableitet.\u00a0<\/p>\n<p>Anlass dieser Feststellung ist ein <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/opinions\/2023\/01\/30\/newsrooms-news-reporting-objectivity-diversity\/\">Gastbeitrag in der <em>Washington Post<\/em><\/a>vom Januar 2023 samt Reaktionen darauf. Der Titel lautete: \u201eRedaktionen, die Objektivit\u00e4t hinter sich lassen, k\u00f6nnen Vertrauen schaffen\u201c. Was den Text brisant macht, ist die Autorenschaft: Leonard Downie Jr. Er ist ehemaliger Chefredakteur des Blattes und als Redakteur in den Siebzigerjahren mit den Watergate-Recherchen befasst gewesen. Heute ist er Journalismus-Professor an der Walter Cronkite School of Journalism der Arizona State University. Gemeinsam mit einem ebenso dekorierten Kollegen, Andrew Heyward, ehemals Pr\u00e4sident von <em>CBS News<\/em>, hat er mehr als 75 (amerikanische) Nachrichtenmacher:innen f\u00fcr <a href=\"https:\/\/cronkitenewslab.com\/digital\/2023\/01\/26\/beyond-objectivity\/\">eine Studie zum Thema<\/a> befragt, deren wichtigste Erkenntnis viele in der Branche kaum verwundern d\u00fcrfte: dass die vermeintliche Objektivit\u00e4t des (US-)Journalismus vor allem die Sichtweise derjenigen reflektiert, die in Redaktionen lange Zeit und oft nach wie vor das Sagen hatten und haben.<\/p>\n<p>Die Reaktionen in der journalistischen Twitter-Blase waren gemischt. Als ein \u201eErdbeben\u201c f\u00fcr die Medienbranche bezeichnete ein ebenfalls langgedienter <em>Post<\/em>-Redakteur den Beitrag. Ein <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ShirishMM\/status\/1620407355518386178\">j\u00fcngerer Kollege aus Gro\u00dfbritannien<\/a> hingegen bemerkte, wohl wissend, mit seiner Wortwahl zu \u00fcberzeichnen: \u201eIch bin froh, dass zwei wei\u00dfe M\u00e4nner von einer Stiftung Geld daf\u00fcr bekommen haben, um herauszufinden, was viele von uns schon sehr lange wissen.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Ende der Geschichte? Eher nicht. Denn was die Debatte so wichtig macht, ist genau die Tatsache, dass sich die Frage nicht mit einem einfachen Daumen hoch oder Daumen runter beantworten l\u00e4sst. Man kann sie mit einem \u201ees gibt keine Objektivit\u00e4t\u201c genauso wenig beenden wie mit \u201ees geht um nichts als die Fakten\u201c. Dennoch stehen sich die Verfechter beider Positionen zumindest in der Au\u00dfenwirkung unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber. Dies reicht bis weit in den redaktionellen Alltag hinein.\u00a0<\/p>\n<p>Bei der Recherche f\u00fcr einen Report zum Thema Klimajournalismus* erz\u00e4hlten viele Redaktionsleiter:innen von einem Generationenkonflikt. Junge Leute wollten zwar gerne \u00fcber Klimathemen berichten, sie verst\u00fcnden sich aber als Aktivist:innen, klagten Interview-Partner:innen aus verschiedenen L\u00e4ndern und Mediengattungen. Wer so voreingenommen an die Sache herangehe, den k\u00f6nne man nicht mit so einer Aufgabe betrauen. \u201eWir m\u00fcssen die jungen Leute immer wieder daran erinnern, wer wir sind\u201c, so der Au\u00dfenpolitikchef einer Nachrichtenagentur. Viele Frauen, Kolleg:innen aus Einwandererfamilien und\/oder solche mit anderer Hautfarbe bem\u00e4ngeln hingegen auch hierzulande zurecht, dass die dominante Perspektive des Journalismus, die von der Ressortaufteilung und Bildauswahl bis hin zu Kommentaren praktisch alles pr\u00e4gt, der Vielfalt von Realit\u00e4t und Lebenserfahrungen der potenziell Angesprochenen nicht gerecht wird.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr die Branche verkn\u00fcpft sich damit nicht nur ein Legitimit\u00e4ts-, sondern auch ein Wirtschaftlichkeitsproblem. Weite \u2013 und wachsende \u2013 Teile des Publikums werden Journalismus schlicht ignorieren, wenn sie sich von dessen Inhalten und Formaten nicht angesprochen f\u00fchlen. Verlagen fehlen dann die Einnahmen, den geb\u00fchrenfinanzierten \u00f6ffentlich-rechtlichen Anbietern ihre gesamte Daseinsberechtigung. Es gilt aber auch: Ein Journalismus, der sich den Nutzer:innen anbiedert, in dem er allein ihre Perspektive bedient, hat seinen Namen nicht verdient. Guter Journalismus \u00fcberrascht und macht neugierig, er sollte nicht erwartbar sein.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie sich Widerspr\u00fcche aufl\u00f6sen lassen<\/strong><\/h2>\n<p>Vermeintlich steckt da ein Widerspruch, wie lie\u00dfe er sich aufl\u00f6sen? Zun\u00e4chst einmal durch Begrifflichkeiten. Das Wort Objektivit\u00e4t geh\u00f6rt ins Museum journalistischer Selbstbeschreibungen. \u00dcber Themen und Fakten zu berichten hat schon immer bedeutet, Themen und Fakten auszuw\u00e4hlen und zu gewichten. Viel \u00f6fter noch als heute, wo Daten beim Priorisieren helfen, wurde dazu fr\u00fcher vor allem das Bauchgef\u00fchl bem\u00fcht \u2013 und dann das Gespr\u00e4ch mit Kolleg:innen und Vorgesetzten, die \u00e4hnlich tickten. Auch am Beginn einer jeden investigativen Recherche stand und steht die Entscheidung: ist das ein Thema, lohnt sich die Investition? Es ist kein Zufall, dass es bei gro\u00dfen Investigativ-Projekten bislang viel h\u00e4ufiger um Korruption und Steuerhinterziehung ging als um andere Arten von Machtmissbrauch \u2013 die Recherchen zum Fall Harvey Weinstein waren auch aus diesem Grund ein wichtiger Schritt zu mehr Vielfalt.\u00a0<\/p>\n<p>\u00c4hnlich angeschlagen ist der im britischen Englisch eher verwendete Begriff <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/alan-rusbridger-interview-journalismus-populismus\/6992\/\">\u201eimpartiality\u201c, die Unparteilichkeit<\/a>. Diese Vorgabe hatte zum Beispiel im Klimajournalismus viel zu lange dazu gef\u00fchrt, dass Leugner des Klimawandels Sendezeit bekamen, obwohl die Fakten sie l\u00e4ngst widerlegt hatten. Die f\u00fcr die BBC zust\u00e4ndige britische Regulierungsbeh\u00f6rde Ofcom hat deshalb den Begriff um \u201e<a href=\"https:\/\/www.ofcom.org.uk\/tv-radio-and-on-demand\/broadcast-codes\/broadcast-code\/section-five-due-impartiality-accuracy\">due impartiality<\/a>\u201c \u2013 angemessene Unparteilichkeit \u2013 erweitert und in ihre Statuten geschrieben. Darin verbirgt sich der Auftrag, das zu ignorieren oder zumindest richtigzustellen, was aus Sicht der Wissenschaft Bl\u00f6dsinn ist \u2013 was sich in manchen F\u00e4llen leider erst im Nachhinein beurteilen l\u00e4sst.\u00a0<\/p>\n<p>Dies alles bedeutet aber keinesfalls, dass Journalist:innen damit von der Pflicht entbunden sind, sich ein m\u00f6glichst objektives Bild zu verschaffen. Ihr Job ist es, eigene Befindlichkeiten zur\u00fcckzustellen, eine Position der Distanz einzunehmen und auf der Grundlage von Fakten Vorg\u00e4nge von m\u00f6glichst vielen Seiten zu beleuchten. Schon fr\u00fchere Generationen von Reporter:innen und Redakteur:innen h\u00e4tten dies tun sollen, dann w\u00e4re ihnen aufgefallen, dass in ihren Publikationen viele Themen und Perspektiven schlicht fehlten. So gesehen k\u00f6nnte man sagen, dass der Journalismus von heute objektiver ist als fr\u00fcher, weil er immer besser darin wird, Vielfalt zu sehen, zu sch\u00e4tzen, abzubilden und sich seiner blinden Flecken bewusst zu werden.\u00a0<\/p>\n<p>Die Datenjournalistin Julia Angwien schrieb in ihrem Essay \u201e<a href=\"https:\/\/themarkup.org\/hello-world\/2023\/02\/04\/journalistic-lessons-for-the-algorithmic-age\">Journalistic Lessons for the Algorithmic Age<\/a>\u201c in der vergangenen Woche, statt von Objektivit\u00e4t oder Fairness zu sprechen, betrachte sie es als Aufgabe von Journalisten, eine Hypothese zu erstellen und dann Beweise daf\u00fcr zu sammeln. Die Betonung liegt auf dem Wort Beweis, und das hat etwas mit Fakten zu tun. Denn auch das ist Realit\u00e4t in der Branche: Manch einer, der sich auf Subjektivit\u00e4t beruft, war nur zu bequem zum Recherchieren.\u00a0<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben auch sehr subjektive Beitr\u00e4ge einen Platz im Journalismus. Erfahrungsberichte, die frische Einblicke bringen, geh\u00f6ren zu den stark nachgefragten und wirkungsstarken St\u00fccken, sei es im Text-, Video- oder Podcast-Format. Nur muss dann \u2013 wie auch beim Kommentar \u2013 die Perspektive deutlich gemacht werden. Die Ich-Geschichte funktioniert nur, wenn sie handwerklich exzellent und wohl dosiert daherkommt.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es ohnehin keine L\u00f6sung, die f\u00fcr alle passt, so auch das Fazit des oben zitierten Gastbeitrags der <em>Washington Post<\/em>. Jedes Medienhaus muss seine eigenen Regeln entwickeln, auch dazu, wie sich Redakteur:innen in den sozialen Netzwerken verhalten sollten. Was nicht geht: Wolkig von Objektivit\u00e4t reden \u2013 und dann schweigen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was der Journalismus nicht in Frage stellen darf<\/strong><\/h2>\n<p>Journalist:innen sollten sich aber sehr klar dar\u00fcber sein, was ihre Aufgabe und spezielle Rolle in der Gesellschaft ist. Subjektivit\u00e4t l\u00e4sst sich in der weiten Welt der digitalen Plattformen \u00fcberall besichtigen. Die Suche nach der \u201ebestm\u00f6glichen Version der Wahrheit\u201c hingegen, wie es die Watergate-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein einst formuliert hatten, ist ein Alleinstellungsmerkmal des Journalismus. Stellte er dieses Prinzip in Frage, w\u00fcrde er an seinem eigenen Untergang arbeiten.\u00a0<\/p>\n<p>Dass die Ergebnisse dieser Suche oft unbefriedigend, unausgewogen, so gut wie immer unvollst\u00e4ndig sind, liegt in der Natur der Sache. Auch Wissenschaftler:innen tasten sich nur m\u00fchsam von Erkenntnis zu Erkenntnis voran. Gerichte m\u00fcssen urteilen, wenn noch nicht alle Fakten vorliegen. Trotz aller Datenf\u00fclle ist selbst K\u00fcnstliche Intelligenz fehlbar, weil sie nur Wahrscheinlichkeiten aber nicht die Wahrheit berechnen kann. Alle k\u00f6nnen falsch liegen. Aber Journalist:in sein hei\u00dft zuh\u00f6ren, hinschauen, nachbohren, fragen \u2013 und die Scheinwerfer auf andere richten, nicht auf sich selbst. Dass dazu Journalist:innen unterschiedlichster Perspektiven gebraucht werden, versteht sich. Nur manch eine Redaktion muss das noch begreifen. \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-darum-ist-der-journalismus-heute-objektiver-als-frueher\/15045\/\">Kolumne erschien bei Medieninsider am 8. Februar 2023<\/a>. Alexandra schreibt dort jeden Monat, zum Lesen aktueller Kolumnen braucht man ein Medieninsider-Abo.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die einen hat die Debatte um Objektivit\u00e4t im Journalismus gerade erst begonnen, f\u00fcr die anderen ist sie l\u00e4ngst abgehakt. Allein das zeigt, wie dringend sie gef\u00fchrt werden muss. 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