{"id":1705,"date":"2023-05-03T18:45:38","date_gmt":"2023-05-03T16:45:38","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1705"},"modified":"2023-12-21T18:53:05","modified_gmt":"2023-12-21T17:53:05","slug":"die-pressefreiheit-der-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/die-pressefreiheit-der-anderen\/","title":{"rendered":"Die Pressefreiheit der anderen"},"content":{"rendered":"\n<p>Man w\u00fcrde sich gerne \u00fcber das Alpha-Gehabe der Herren D\u00f6pfner, Reichelt, Friedrich und \u2013 in einer Nebenrolle \u2013 <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/jetzt-mal-auf-die-harte-tour-stuckrad-barre-julian-reichelt-bild-compliance\/4368\/\">Stuckrad-Barre<\/a> am\u00fcsieren und es als das letzte Zucken einer aussterbenden Spezies abtun. Sollen sie sich doch bek\u00e4mpfen, der Journalismus ist l\u00e4ngst weitergezogen. Dieser Gedanke dr\u00e4ngt sich auf, wenn man die Dutzenden nachdenklichen, vielf\u00e4ltigen und zukunftsgewandten Beitr\u00e4ge Revue passieren l\u00e4sst, die sich k\u00fcrzlich vor und jenseits der B\u00fchnen des International Journalism Festival in Perugia aufsaugen lie\u00dfen. Aber Lachen w\u00e4re in diesem Fall verfehlt. Das, was derzeit rund um den weltweit einflussreichen Axel-Springer-Konzern abl\u00e4uft, hat das Zeug, das \u00f6ffentliche Vertrauen in den Journalismus massiv zu untergraben \u2013 noch st\u00e4rker als die RBB-Aff\u00e4re oder die Causa Relotius.\u00a0<\/p>\n<p>Den Protagonisten des Schaukampfs m\u00f6chte man jedenfalls raten, zum diesj\u00e4hrigen Tag der Pressefreiheit lieber zu schweigen. Denn wer sollte die hehren Mahnungen zur Bewahrung dieses gesch\u00fctzten Gutes noch ernst nehmen, wenn Spitzenpersonal bedeutender Medienh\u00e4user signalisiert, dass entsprechende Regeln f\u00fcr sie selbst nicht gelten? Und das dr\u00fcckt sich nicht nur in ein paar nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmten Nachrichten aus, in denen politische Einflussnahme gefordert und der Quellenschutz ausgehebelt werden. Auch das <a href=\"https:\/\/www.euractiv.com\/section\/media\/news\/bid-to-split-media-freedom-act-into-directive-stalls-in-parliament\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">abweisende Gehabe deutscher Verlage<\/a> rund um den Media Freedom Act, mit dem Br\u00fcssel unter F\u00fchrung der EU-Vizepr\u00e4sidentin Vera Jourova geplagten Redaktionen und ihren Belegschaften zur Seite stehen will, zeugt nicht gerade von einem Bewusstsein f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe der Herausforderung. Wer in jenen Kreisen \u00fcber den Schutz der Pressefreiheit redet, scheint damit erstaunlich oft die Pressefreiheit der anderen zu meinen. Selbst m\u00f6chte manch einer wohl doch lieber nach Gutsherrenart durchregieren.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Man sch\u00fctzt die Pressefreiheit lieber woanders<\/strong><\/h2>\n<p>Das wiederum scheint kein deutsches, sondern ein internationales Ph\u00e4nomen zu sein. Regierungen finanzierten sehr gerne Initiativen, die die Pressefreiheit nicht etwa daheim, sondern in anderen L\u00e4ndern st\u00e4rken sollten, sagte Meera Selva, Europa-CEO der Organisation Internews, auf <a href=\"https:\/\/www.journalismfestival.com\/programme\/2023\/can-governments-save-independent-journalism-will-they-should-they\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">einem Panel<\/a> in Perugia. Die Runde widmete sich der delikaten Frage, ob und wie Regierungen Journalismus unterst\u00fctzen k\u00f6nnten. Prominentestes Beispiel sind die USA.<\/p>\n<p>Dort ist man, was Auslandsengagements f\u00fcr Medienfreiheit angeht, durchaus gro\u00dfz\u00fcgig. Wen k\u00fcmmert da schon das heimische Problem <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/media\/2023\/jan\/20\/joe-biden-julian-assange-extradition-tribunal\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Julian Assange<\/a>? Wom\u00f6glich hoffen viele Regierende, dass \u201edas Volk\u201c die Freiheit der Medien als unverdientes Privileg von Journalisten versteht statt als St\u00fctze der Demokratie. Oder sie gehen davon aus, dass die meisten Menschen nur eine vage Ahnung davon haben, worauf diese in vielen L\u00e4ndern von der Verfassung garantierte Freiheit baut: vor allem auf redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit, Auskunftsrechte und Informantenschutz. Mit dieser Einstellung aber untersch\u00e4tzen sie ihr Publikum.<\/p>\n<p>Eine <a href=\"https:\/\/mediafreedompoll.com\/en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte, repr\u00e4sentative Umfrage<\/a>* zum Stand der Pressefreiheit in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei hat ergeben, dass die Menschen sich in deutlicher Mehrheit um den Schutz der Medien in ihrem Land sorgen \u2013 die \u00e4lteren mehr als die j\u00fcngeren mit Ausnahme der Slowakei, wo der <a href=\"https:\/\/balkaninsight.com\/2023\/03\/06\/5-years-after-kuciak-murder-slovak-journalists-are-still-being-attacked-by-politicians\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Mord an dem Journalisten Jan Kuciak<\/a> und seiner Verlobten auch die junge Bev\u00f6lkerung aufger\u00fcttelt zu haben scheint.\u00a0<\/p>\n<p>Interessanterweise trauen die Befragten \u2013 neben den Berufsverb\u00e4nden \u2013 vor allem der EU zu, wirkungsvoll gegen Angriffe einzuschreiten. Das Vertrauen in die Journalisten selbst variiert. Zu viele Redakteure haben sich offenbar f\u00fcr die B\u00fcrger ersichtlich vereinnahmen lassen in den L\u00e4ndern, wo die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender zum Teil zu Staatsfunk mutiert sind und \u00fcberwiegend Oligarchen private Medien kontrollieren.\u00a0<\/p>\n<p>Man sollte sich nicht zu selbstzufrieden geben bei der Frage, wie eine solche Umfrage in Deutschland ausgefallen w\u00e4re. Vertrauensf\u00f6rdernd sind die j\u00fcngsten Verwerfungen jedenfalls nicht. <a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Reporter ohne Grenzen<\/a>, die am Tag der Pressefreiheit ihr neues Ranking ver\u00f6ffentlichen, haben \u2013 so viel ist sicher \u2013 auch europ\u00e4ische L\u00e4nder erneut abgewertet, <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000145184089\/medienforscher-kaltenbrunner-sieht-konsequente-naehe-der-krone-zu-kurz-und\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">darunter \u00d6sterreich<\/a>, wo ein Konflikt um Regierungsinserate und eine <a href=\"https:\/\/www.ots.at\/presseaussendung\/OTS_20221103_OTS0014\/journalistenausbildung-unter-kontrolle-des-bundeskanzlers-ist-mit-medienfreiheit-und-demokratie-voellig-unvereinbar\">staatlich gef\u00f6rderte Journalisten-Ausbildung<\/a>eskaliert ist.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland sollten Medienunternehmen deshalb wachsam bleiben und sich konstruktiv auch auf europ\u00e4ischer Ebene f\u00fcr Pressefreiheit einsetzen. Der Media Freedom Act mag nicht in allen Facetten perfekt sein. Es st\u00fcnde den Verlagen aber gut an, um L\u00f6sungen zu ringen, statt Einmischung zu verdammen. Vor allem die Anforderungen des Regelwerks an Transparenz sto\u00dfen auf Widerwillen. Regulierung setzt aber aus gutem Grund immer da an, wo es an Einsicht mangelt. Wer Vorgaben nicht mag, k\u00f6nnte sich zum Beispiel ganz freiwillig \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.journalismtrustinitiative.org\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Journalism Trust Initiative<\/a> als vertrauensw\u00fcrdiges Medienunternehmen zertifizieren lassen. Reporter ohne Grenzen hat dieses Projekt gemeinsam mit der European Broadcasting Union genau deshalb entwickelt, weil sie es satt hatten, immer nur Fehlverhalten zu verdammen und nach Regulierung zu rufen, wenn sich guter Journalismus auch mit konstruktiven L\u00f6sungen st\u00fctzen l\u00e4sst.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Propaganda und Desinformation kennen keine Grenzen, und in Kriegs- und Krisenzeiten sind die Menschen noch st\u00e4rker darauf angewiesen, dass Journalisten ungehindert arbeiten k\u00f6nnen. Medienh\u00e4user haben die Pflicht, dazu beizutragen. Pl\u00e4doyers f\u00fcr mehr Freiheit bleiben nur Geschwafel, wenn es darin erkennbar nur um die eigene Freiheit geht.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n<p><em>*Transparenz-Hinweis: Alexandra Borchardt geh\u00f6rt dem Committee for Editorial Independence des Medienkonzerns Economia an, das die Umfrage in Auftrag gegeben hat.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst am Tag der Pressefreiheit, dem <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-dopfner-friedrich-und-die-pressefreiheit-der-anderen\/16410\/\">3. Mai 2023 bei Medieninsider<\/a>.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man w\u00fcrde sich gerne \u00fcber das Alpha-Gehabe der Herren D\u00f6pfner, Reichelt, Friedrich und \u2013 in einer Nebenrolle \u2013 Stuckrad-Barre am\u00fcsieren und es als das letzte Zucken einer aussterbenden Spezies abtun. 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