{"id":1707,"date":"2023-12-21T18:57:21","date_gmt":"2023-12-21T17:57:21","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1707"},"modified":"2023-12-21T18:57:21","modified_gmt":"2023-12-21T17:57:21","slug":"excel-statt-prosa-was-journalisten-kuenftig-koennen-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/excel-statt-prosa-was-journalisten-kuenftig-koennen-sollten\/","title":{"rendered":"Excel statt Prosa: Was Journalisten k\u00fcnftig k\u00f6nnen sollten"},"content":{"rendered":"\n<p>Man kann es traurig finden, dass Dirk Kurbjuweit nun Chefredakteur des <em>Spiegel<\/em> ist, selbst wenn man in der j\u00fcngsten Personalrochade keine Loyalit\u00e4ten zu beachten hat. Immerhin geht dem Magazin ein \u00fcberragender Beobachter und Schreiber verloren, der sich nun in strategischer Arbeit und Machtk\u00e4mpfen aufreiben muss, statt das zu fabrizieren, was die Marke ebenso dringend braucht: erstklassigen Journalismus. Vor allem aber ist man als Unbeteiligte \u2013 wom\u00f6glich zu Unrecht \u2013 verwirrt. Wird nicht seit Jahren auf ziemlich allen Branchen-Konferenzen gepredigt, dass es eine der gr\u00f6\u00dften S\u00fcnden bei Bef\u00f6rderungen ist, auf die exzellente Fachkraft zu setzen statt auf jene Kolleginnen und Kollegen mit dem gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen F\u00fchrungspotenzial? Schlie\u00dflich brauchen Medienh\u00e4user in diesen Tagen vor allem versierte Strategen, die es zudem schaffen, Talente zu binden.\u00a0<\/p>\n<p>Die Signalwirkung der Entscheidung, die Schreibkraft Nummer eins zum Chef von Deutschlands wichtigstem Nachrichtenmagazin zu machen, ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Junge Journalistinnen und Journalisten beobachten das und ziehen daraus ihre Schl\u00fcsse. Und damit stellen sie wom\u00f6glich ihre beruflichen Weichen in eine ung\u00fcnstige Richtung. M\u00fcssen die Medienschaffenden der Zukunft doch viele neue Dinge trainieren, die erst langsam in die Ausbildungspl\u00e4ne der Branche einsickern. Recherche und Schreiben geh\u00f6ren dazu, bilden aber nur noch einen kleinen Teil des Redaktionsalltags ab. Hier sind sieben Fertigkeiten, die auf jeden Fall zu den k\u00fcnftigen Grundkompetenzen geh\u00f6ren:<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Verst\u00e4ndnis von Gesch\u00e4ftsmodellen und Strategie<\/strong><\/h2>\n<p>Die Entschuldigung, sich als Redaktionsmitglied nicht mit profanen Dingen wie Geldverdienen besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen, k\u00f6nnen sich k\u00fcnftig vielleicht noch ein paar K\u00fcnstler leisten. Selbst denen hilft es zu wissen, wie ihre Geh\u00e4lter erwirtschaftet werden. Schon heute haben viele Chefredakteure Ergebnisverantwortung, und das ist gut so. Wer mit seinem Journalismus etwas bewirken will, muss ihn gezielt einsetzen und dessen Erfolge kontrollieren. Ansonsten ist er nicht viel mehr als eine kostspielige Form der Selbstbefriedigung. Medienh\u00e4user werden es sich k\u00fcnftig immer weniger leisten k\u00f6nnen, Ressourcen zu vergeuden. Im gerade anbrechenden Zeitalter von K\u00fcnstlicher Intelligenz ist eine Strategie besonders wichtig. Wer da noch rein nach Bauchgef\u00fchl agiert und alles macht, nur weil man es machen kann, wird seine Redaktion \u00fcberfordern und sein Publikum ohnehin. Journalisten, die strategisch denken k\u00f6nnen, tun sich zudem leichter mit einer Zukunft als Entrepreneure \u2013 eine M\u00f6glichkeit, die das Fach heute zum Gl\u00fcck er\u00f6ffnet.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wissen \u00fcber und Erfahrung in der Anwendung von KI<\/strong><\/h2>\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz er\u00f6ffnet dem Journalismus gro\u00dfe Chancen, birgt aber auch Risiken. Sie ist schon jetzt n\u00fctzlich sowohl in der Recherche als auch in der Produktion und beim Ausspielen von Journalismus. Man kann damit unter anderem Quellen aufsp\u00fcren, Interviews vorbereiten, datenjournalistisch arbeiten, Inhalte zielgruppengerecht entwickeln und personalisiert verteilen. \u201eJournalisten aller Ressorts sollten sich mit KI besch\u00e4ftigen\u201c, sagte Garance Burke, Investigativ-Journalistin der Nachrichtenagentur AP in der vergangenen Woche auf dem IPI World Congress in Wien. Es ist aber auch wichtig, die Grenzen und Gefahren von KI zu kennen. Gibt es keine Kontrolle, kann sie dazu beitragen, Stereotype und Fehler zu potenzieren. Jede k\u00fcnstliche Intelligenz ist immer nur so gut wie der Datensatz, auf dem sie aufbaut.\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kompetenz im Umgang mit Zahlen und Daten<\/strong><\/h2>\n<p>Es soll noch heute Journalisten geben, die sich damit br\u00fcsten, in Mathe immer versagt zu haben. M\u00f6glicherweise geh\u00f6ren dazu einige derjenigen, die in der Wahlberichterstattung regelm\u00e4\u00dfig Prozent und Prozentpunkte verwechseln. Allerdings wird Datenjournalismus immer wichtiger werden, allein weil es immer mehr Daten gibt. Au\u00dferdem hilft Datenanalyse dabei, auf der Basis von Fakten ab und an mal die Agenda zu setzen, statt der Agenda anderer hinterher zu jagen. Gefragt, wie sich die Journalistenausbildung \u00e4ndern m\u00fcsse, riet Florencia Coelho, Ausbildungsredakteurin bei der argentinischen Zeitung <em>La Nacion<\/em>, auf dem IPI Congress vor allem eines: \u201eAlle m\u00fcssen lernen, mit Excel Tabellen zu arbeiten\u201c.<\/p>\n<p>Abgesehen von der Inhalte-Produktion kommt Datenverst\u00e4ndnis auch in der Redaktion gelegen, wenn es darum geht, Nutzerzahlen zu analysieren und zu interpretieren. Je nach Strategie zeigen verschiedene Metriken, welche Inhalte erfolgreich sind und welche M\u00fche man sich sparen kann. Im Vorteil ist, wer solche Daten lesen und \u2013 noch besser \u2013 die Vorgaben entsprechend anpassen kann.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Freude an kurzen oder spielerischen Formaten<\/em><\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>Im Journalismus sind in den vergangenen Jahren rund um Social Media und Datenanalyse viele neue Jobs entstanden. Dennoch ist der Traum vieler angehender Journalisten gleich geblieben: einmal eine Seite Drei schreiben. Das ist schade. Denn mit kurzen Formaten \u2013 insbesondere Video \u2013 spricht man Zielgruppen an, die der Journalismus fr\u00fcher eher ignoriert hat. Viele Menschen lassen sich zudem lieber auf komplexe Themen ein, wenn sie dies spielerisch tun k\u00f6nnen. Ein Beispiele daf\u00fcr ist das von der<em> Financial Times<\/em> mit gro\u00dfem Aufwand produzierte <a href=\"https:\/\/ig.ft.com\/climate-game\/\"><em>Climate Game<\/em><\/a>. Gerade junge Menschen n\u00e4hern sich Nachrichten besonders gerne, wenn es lustig zugeht. Comedy-Formate sind gefragt. Das hunderte Zeilen lange Feature wird weiterhin Aufmerksamkeit finden, wenn es entsprechend erz\u00e4hlt ist. Aber mit der Vielzahl der Plattformen steigen die M\u00f6glichkeiten, Inhalte anders zu vermitteln. Gut f\u00fcr junge Absolventen ist: Wer neue Formen beherrscht, hat weniger Konkurrenz. Viele Redaktionen sind gut gef\u00fcllt mit versierten Schreibern. Wer Neues einbringen kann, ist gefragt.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Faktenwissen zu Klimawandel und Nachhaltigkeit\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>Der Klimawandel ist das gr\u00f6\u00dfte vorhersehbare Risiko f\u00fcr die Menschheit. Redaktionen haben deshalb die Pflicht, ihr Publikum dabei zu unterst\u00fctzen, zukunftsorientierte Entscheidungen f\u00fcr sich, ihre Kinder und ihr Umfeld zu treffen. Jede Journalistin, jeder Journalist braucht ein Basiswissen in diesem Feld, das s\u00e4mtliche Ressorts durchzieht und nach Einordnung ruft. <a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/guides\/open\/report\/news-report-2023-climate-journalism-that-works\">Redaktionen wie<em> Radio France<\/em><\/a> haben deshalb damit begonnen, s\u00e4mtliche Mitarbeitende in Sachen Klimafakten zu schulen. In der Journalistenausbildung sollte die Wissensvermittlung zum Thema Nachhaltigkeit eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit werden.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kenntnisse im Projekt- und Change-Management<\/strong><\/h2>\n<p>Man mag argumentieren, dass das Managen von Ver\u00e4nderungen Chefsache ist, und Journalistensch\u00fcler sind noch keine Chefinnen oder Chefs. Aber auch Berufsanf\u00e4nger werden heute oft schon mit Projekten betraut, auch, weil sie sich Verantwortung w\u00fcnschen. Bei der zum britischen Konzern Reach geh\u00f6renden Marke <em>Birmingham Live<\/em> war es zum Beispiel eine Volont\u00e4rin, die den \u00fcberaus erfolgreichen Newsletter <a href=\"https:\/\/wan-ifra.org\/case\/birmingham-live-reaches-out-to-the-local-muslim-community\/\"><em>Brummie Muslims<\/em><\/a> entwickelte, der sich an die muslimische Bev\u00f6lkerung richtet. Es ist deshalb n\u00fctzlich, wenn schon junge Mitarbeitende wissen, wie man Projekte managt, Koalitionen schmiedet, Bef\u00fcrworter auf seine Seite zieht, Ergebnisse nachh\u00e4lt und mit Fehlern umgeht. All das ist kein Hexenwerk, es gibt Werkzeuge daf\u00fcr, die sich immer wieder auspacken lassen. Je fr\u00fcher man sie beherrscht, umso selbstverst\u00e4ndlicher wendet man sie an.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kenntnisse aus Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Neurowissenschaften<\/strong><\/h2>\n<p>Es gibt zahlreiche akademische Disziplinen, die dem Journalismus viel zu sagen h\u00e4tten. Nur halten sich beide Seiten gerne auf Distanz. Man wirft sich gegenseitig Praxisferne beziehungsweise Oberfl\u00e4chlichkeit vor. Dabei k\u00f6nnten Praktiker und Forscher viel voneinander lernen. F\u00fcr Journalisten ist es wichtig zu wissen, wie Menschen Informationen aufnehmen und verarbeiten, welche Reize wirken und welche \u00fcberfordern. Schon lange forschen Wissenschaftler zum Beispiel zum Thema Nachrichtenvermeidung, erst seit kurzem wird dies von Redaktionen ernsthaft diskutiert. Journalisten fordern von anderen oft, dass sie sich mit der Wirkung ihres Tuns auseinandersetzen m\u00fcssen, in Kommentaren verlangen sie dies zum Beispiel regelm\u00e4\u00dfig von den gro\u00dfen Tech-Konzernen. Es wird Zeit, dass sie diesen Rat auch selbst beherzigen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-excel-statt-prosa-was-journalisten-kuenftig-koennen-sollten-journalistenausbildung\/16768\/\">erschien am 31. Mai 2023 bei Medieninsider<\/a>.<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann es traurig finden, dass Dirk Kurbjuweit nun Chefredakteur des Spiegel ist, selbst wenn man in der j\u00fcngsten Personalrochade keine Loyalit\u00e4ten zu beachten hat. 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