{"id":1709,"date":"2023-12-21T19:09:58","date_gmt":"2023-12-21T18:09:58","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1709"},"modified":"2023-12-21T19:09:59","modified_gmt":"2023-12-21T18:09:59","slug":"warum-vertrauen-in-medien-als-messgroesse-wenig-nuetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/warum-vertrauen-in-medien-als-messgroesse-wenig-nuetzt\/","title":{"rendered":"Warum Vertrauen in Medien als Messgr\u00f6\u00dfe wenig n\u00fctzt"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwischen der Friedensnobelpreistr\u00e4gerin Maria Ressa und dem Reuters Institute in Oxford schwelt ein Konflikt, der f\u00fcr Medienschaffende Stoff zum Nachdenken enth\u00e4lt. Die weithin bewunderte philippinische Journalistin und Gr\u00fcnderin der Newssite <em>Rappler<\/em> <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/media\/2023\/jun\/14\/nobel-laureate-says-research-by-oxford-institute-can-be-used-against-reporters\">wirft dem Institut vor<\/a>, mit einem Teil seiner Forschung Journalistinnen und Journalisten in L\u00e4ndern zu schaden, deren Regierungen aktiv daran arbeiten, das Vertrauen in Medien auszuh\u00f6hlen. Es geht um den <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/digital-news-report-2023-so-tickt-deutschlands-online-bevoelkerung\/17057\/\">Digital News Report<\/a>, die weltweit gr\u00f6\u00dfte fortlaufende Untersuchung zum Medienkonsum, dessen elfte Ausgabe im Juni erschienen ist. Die Umfrage listet <em>Rappler<\/em> wiederholt als eine derjenigen philippinischen Medienmarken, denen die Nutzer am wenigsten vertrauen. Ressa sagt, die Regierung verwende diese Daten gegen sie und ihre Kollegen. Aus Protest gegen die Methodik war Ressa bereits im vergangenen Jahr aus dem Beirat des Instituts zur\u00fcckgetreten.<\/p>\n<p>Vertrauen ist ein aufgeladener Begriff. Kaum eine gro\u00dfe oder gro\u00df gemeinte Rede kommt ohne ihn aus. Das Vertrauen in Institutionen schwinde, hei\u00dft es dann mit leicht dramatisierender Intonierung, speziell jenes in Medien und in den Journalismus. Aber ist Vertrauen \u00fcberhaupt eine n\u00fctzliche Kategorie?<\/p>\n<p>Im Fall Ressa gegen Reuters hatte Institutsleiter Rasmus Kleis Nielsen schon 2022 versucht, die Sache einzuordnen. Hier zeigten sich die Kosten von mutigem, aufkl\u00e4rerischem Journalismus, analysierte er <a href=\"https:\/\/scroll.in\/article\/1026399\/the-cost-of-courage-what-lower-levels-of-trust-in-independent-digital-news-outlets-actually-reflect\">in einem Artikel<\/a>. Nat\u00fcrlich h\u00e4tten Regierungen, die Stimmung gegen unabh\u00e4ngige Medien machten, stets bei einem Teil der Bev\u00f6lkerung Erfolg. \u201eBeim Medienvertrauen gehe es um mehr als Faktentreue und die Vertrauensw\u00fcrdigkeit des journalistischen Outputs eines Unternehmens. Es geht auch darum, wie Menschen diese Arbeit im Licht der jeweiligen Politik und ihrer parteipolitischen Pr\u00e4ferenzen interpretieren\u201c, so Nielsen. Man k\u00f6nnte also sagen, viel Feind, wenig Ehr. Die Forschung des Instituts belegt schon lange, dass Medienvertrauen und das Vertrauen in die jeweilige Politik eines Landes eng verkn\u00fcpft sind. \u00c4rgern sich Menschen \u00fcber Politiker und politische Institutionen, erstreckt sich ihre Wut auch h\u00e4ufig auf Journalisten.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Um Vertrauen zu verstehen, muss man Misstrauen verstehen\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>Weder Forschung noch Journalismus k\u00f6nnen also ohne Kontext verstanden werden. Das macht es kompliziert in einer Welt, in der Politiker, Chefredakteure, Wissenschaftler und auch die informierte \u00d6ffentlichkeit recht leichtfertig mit Kategorien wie Medienvertrauen, Qualit\u00e4tsjournalismus, Filterblasen oder Fake News um sich werfen, oft aus dem \u2013 nat\u00fcrlich lobenswerten \u2013 Ansinnen heraus, sich f\u00fcr einen starken Journalismus zum Schutz der Demokratie einzusetzen. Tenor: alles geht bergab, nur hei\u00dfe Luft und L\u00fcgen nehmen zu. Doch so einfach ist es nicht.<\/p>\n<p>Um zum Beispiel Medienvertrauen zu verstehen, muss man Misstrauen verstehen. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rt es zu den Kernmerkmalen der Demokratie, dass sie ihren B\u00fcrgern ein gewisses Ma\u00df an Skepsis nicht nur gestattet, sondern sogar abverlangt. Vertrauenswerte nahe der 100 Prozent sollten eher stutzig machen als begeistern. Tats\u00e4chlich predigen die Medien selbst es ihren Konsumenten immer wieder: Sei kritisch, skeptisch, hinterfrage. Dies pr\u00e4gt auch die vielfach geforderte digitale Bildung. Teenager und junge Erwachsene wurden und werden dazu erzogen, lieber einmal mehr zu googeln, als auf Spam, Phishing oder L\u00fcgengeschichten hereinzufallen. Wenn das Medienvertrauen in der Folge niedrig ist, hat der Journalismus so betrachtet eines seiner Ziele erreicht.<\/p>\n<p>Dies wird sich mit dem Vordringen generativer KI noch verst\u00e4rken. Schlie\u00dflich weisen auch die Medien zurecht darauf hin, dass Bots wie Chat GPT manchmal halluzinieren und (noch) keinen Faktencheck k\u00f6nnen. Klar, die Medienmarken, die so etwas verbreiten, wollen damit auch sagen: Wenn ihr euch auf uns verlasst, seid ihr sicher. Aber sind die Nutzer es wirklich, wenn es gleichzeitig zunehmend hei\u00dfen wird, dass dieses und jenes Produkt mit Hilfe von KI erstellt oder zumindest erg\u00e4nzt und animiert wurde? Etwas Misstrauen ist da eine gute Strategie.\u00a0<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass man Medienvertrauen nicht messen kann und sollte. Neben dem Digital News Report, dessen <a href=\"https:\/\/www.hans-bredow-institut.de\/de\/aktuelles\/nachrichtenmuedigkeit-in-deutschland-nimmt-weiter-zu-deutsche-ergebnisse-des-reuters-institute-digital-news-report-2023-veroeffentlicht\">deutscher Teil vom Hans Bredow Institut<\/a> erstellt wird, tun dies auch andere Untersuchungen wie zum Beispiel die <a href=\"https:\/\/medienvertrauen.uni-mainz.de\/\">Langzeitstudie Medienvertrauen<\/a> der Universit\u00e4t Mainz. Interessant an solchen Erhebungen sind vor allem die Zeitreihen und Nuancen, nicht so sehr die plakativen Aussagen (\u201edramatischer Vertrauensverlust\u201c), die es in Vortr\u00e4ge schaffen. Ein hoher Vertrauenswert kann schlie\u00dflich vieles bedeuten. Er kann ein Indikator f\u00fcr journalistische Qualit\u00e4t und Markenst\u00e4rke sein, leider aber auch zeigen, dass Propaganda wirkt, es an Medienvielfalt mangelt, oder dass Menschen schlecht gebildet und oder einfach naiv sind.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der schwammige Qualit\u00e4tsbegriff<\/strong><\/h2>\n<p>\u00c4hnlich schwammig ist der Begriff Qualit\u00e4tsmedien. Den nutzen vor allem jene gerne, die in H\u00e4usern arbeiten, die sie f\u00fcr etwas besser als den Rest halten. Sie verstehen das als Abgrenzung zum Boulevard. Fr\u00fcher galt, je mehr Bleiw\u00fcste, desto h\u00f6her die (vermutete) Qualit\u00e4t. Das hat allerdings noch nie etwas dar\u00fcber ausgesagt, wie viele Menschen diese Medien mit welcher Wirkung tats\u00e4chlich erreichen. Zudem enthalten auch Qualit\u00e4tszeitungen durchaus schlechten Journalismus. In manchen Regionen der Welt wird \u201equality media\u201c sogar als Kampfbegriff verstanden. Gerne beschr\u00e4nkten Regierungen mit zweifelhaftem demokratischem Verst\u00e4ndnis den Zugang zu Informationen auf \u201eQualit\u00e4tsmedien\u201c, die Klassifizierung werde somit ein Einfallstor f\u00fcr Zensur, argumentieren Vertreter entsprechender L\u00e4nder. Im Europarat w\u00e4re die Er\u00f6ffnungssitzung des Experten-Ausschusses \u201e<a href=\"https:\/\/edoc.coe.int\/en\/international-law\/11046-promoting-a-favourable-environment-for-quality-journalism-in-the-digital-age-recommendation-cmrec20224.html\">Quality journalism in the digital age<\/a>\u201c 2018 fast daran gescheitert, dass sich manche Mitglieder auf den Begriff nicht einlassen wollten.<\/p>\n<p>Journalisten sollten sich generell dar\u00fcber bewusst sein, dass ihre eigene Berichterstattung viel dazu beitr\u00e4gt, wie Menschen Risiken der digitalen Kommunikationswelt wahrnehmen. Begegnet den Nachrichten-Konsumenten in gro\u00dfer Frequenz der Begriff \u201eFake News\u201c, werden sie solche auch eher wahrnehmen, als Problem definieren und sich in Umfragen entsprechend \u00e4u\u00dfern. Auch die Filterblase ist ein g\u00e4ngiger Begriff geworden, obwohl es <a href=\"https:\/\/www.niemanlab.org\/2023\/06\/people-dont-want-robots-picking-their-headlines-but-they-dont-really-want-editors-doing-it-either\/\">Belege daf\u00fcr gibt<\/a>, dass Mediennutzer heute mit mehr verschiedenen Quellen in Ber\u00fchrung kommen als fr\u00fcher. Reporter und Kommentatoren beeinflussen also mit ihren Warnungen die Forschung, \u00fcber deren Ergebnisse sie dann erschrecken.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was wir daraus lernen k\u00f6nnen<\/strong><\/h2>\n<p>Praktiker k\u00f6nnen daraus ein paar Dinge ableiten. Zun\u00e4chst einmal sollten sie auf andere Indikatoren schauen als auf Vertrauensabfragen, wenn sie sich der Qualit\u00e4t ihrer Erzeugnisse vergewissern m\u00f6chten.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Werden journalistische Angebote tats\u00e4chlich genutzt? Wie lange bleiben die Kunden dran? Wie oft kommen sie wieder und zahlen sie daf\u00fcr? Hat Berichterstattung (politische) Konsequenzen? All das zeigt deutlich verl\u00e4sslicher an, ob man seinen Job anst\u00e4ndig macht. Der <em>Bild<\/em> zum Beispiel begegnen viele Menschen aus gutem Grund mit Misstrauen. Trotzdem bietet sie ihren Nutzern etwas, das diese woanders offenbar so nicht finden: zugespitzte, manchmal exklusive Informationen und einen gewissen Unterhaltungswert. Der Qualit\u00e4tsmarke hingegen m\u00f6gen sie vertrauen, sie aber trotzdem ignorieren. Vertrauen allein reicht nicht, der Gebrauchswert muss stimmen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Au\u00dferdem sollten sich Journalisten ihre eigene Rolle in gewissen Aufregungsspiralen bewusst machen. Wer p\u00f6belnden Politikern Reichweite verschafft, tr\u00e4gt dazu bei, dass der Ton rauer wird. Wer wochenlang in allen Facetten diskutiert, ob Aktionen von Klimaklebern gerechtfertigt sind, muss sich nicht wundern, wenn <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/agenda-setting-monitor-so-halten-aktivisten-den-klimawandel-in-den-medien\/17310\/\">das Thema Klimaschutz polarisiert<\/a>. Mit solchen Debatten zwingt man das Publikum in gegens\u00e4tzliche Haltungen hinein, meist ohne ihnen wieder herauszuhelfen. In einer komplexen Welt ist die Aufgabe von Journalismus aber auch, Menschen bei der Suche nach L\u00f6sungen zu begleiten.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Schlie\u00dflich brauchen Medien ein neues Verst\u00e4ndnis von Qualit\u00e4t. Das sollte sich einerseits mehr an Prozessen, andererseits an der Wirkung des eigenen Journalismus orientieren als an selbstdefinierter Brillanz. Ein Qualit\u00e4tsausweis ist zum Beispiel, wenn Redaktion und Organisation journalistische und ethische Standards einhalten und transparent mit m\u00f6glichen Interessenkonflikten umgehen. Qualit\u00e4t k\u00f6nnte man auch daran messen, ob die Produkte eines Hauses die Bed\u00fcrfnisse verschiedener Nutzergruppen erf\u00fcllen, ob die eigenen Recherchen Organisationen und Individuen zum Handeln bewegen, ob man Menschen auch mal Mut statt Angst macht.\u00a0<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen sich Intendanten und Chefredakteure trotzdem \u00fcber einen oberen Platz in Vertrauensrankings freuen \u2013 seit Jahren werden die Listen in Deutschland \u00fcbrigens von \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien und Lokalzeitungen angef\u00fchrt. Ob Redaktionen aber wirklich einen starken Journalismus produzieren, zeigt sich anderswo.\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien zuerst <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-warum-vertrauen-in-medien-als-messgroesse-wenig-nuetzt\/17325\/\">bei Medieninsider am 26. Juni 2023<\/a>.<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen der Friedensnobelpreistr\u00e4gerin Maria Ressa und dem Reuters Institute in Oxford schwelt ein Konflikt, der f\u00fcr Medienschaffende Stoff zum Nachdenken enth\u00e4lt. Die weithin bewunderte philippinische Journalistin und Gr\u00fcnderin der Newssite Rappler wirft dem Institut vor, mit einem Teil seiner Forschung Journalistinnen und Journalisten in L\u00e4ndern zu schaden, deren Regierungen aktiv daran arbeiten, das Vertrauen in &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/warum-vertrauen-in-medien-als-messgroesse-wenig-nuetzt\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWarum Vertrauen in Medien als Messgr\u00f6\u00dfe wenig n\u00fctzt\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[45,102,34,71,52,265,60,517,271,839,329,533,837,153,840,111,838],"class_list":["post-1709","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-demokratie","tag-digital","tag-digitalisierung","tag-fake-news","tag-journalismus","tag-maria-ressa","tag-medien","tag-nutzer","tag-polarisierung","tag-propaganda","tag-publikum","tag-qualitaetsjournalismus","tag-rasmus-nielsen","tag-reuters-institute","tag-skepsis","tag-vertrauen","tag-zensur"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1709\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1709"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1709\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1710,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1709\/revisions\/1710\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}