{"id":1729,"date":"2024-02-10T17:56:55","date_gmt":"2024-02-10T16:56:55","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1729"},"modified":"2024-02-10T17:56:56","modified_gmt":"2024-02-10T16:56:56","slug":"vielfalt-fordern-einfalt-meinen-wenn-journalismus-kritiker-aneinander-vorbeireden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/vielfalt-fordern-einfalt-meinen-wenn-journalismus-kritiker-aneinander-vorbeireden\/","title":{"rendered":"Vielfalt fordern, Einfalt meinen: Wenn Journalismus-Kritiker aneinander vorbeireden"},"content":{"rendered":"\n<p>Eines l\u00e4sst sich mit ziemlicher Sicherheit behaupten: Das Angebot an Journalismus war noch nie so vielf\u00e4ltig wie heute. Man kann sich einerseits wie fr\u00fcher bei den gro\u00dfen oder lokalen Medienmarken informieren. Deren Inhalte gibt es aber nicht l\u00e4nger nur als lineare Sendung oder auf Papier, sondern auch auf Websites, manchmal bei YouTube, Instagram, TikTok, bei Spotify oder in der Mediathek. Zudem handeln die etablierten Nachrichtenmarken heute in einer Breite Themen ab, die es noch vor zehn Jahren an keinem Chefredakteur vorbei geschafft h\u00e4tten. Vermutlich kommen heute selbst in der <em>FAZ<\/em> mehr Paartherapeuten als Parteiforscher zu Wort. Andererseits existieren unz\u00e4hlige Spezial-Angebote f\u00fcr diejenigen, die sich als Teil einer Gruppe oder mit einem Interessengebiet identifizieren \u2013 ob das junge Frauen sind, People of Colour, die queere Community, Politik-Junkies oder Menschen, die sich im Detail \u00fcber Klima-Themen oder Geldanlage auf dem Laufenden halten wollen. Das Gr\u00fcnden im Journalismus ist einfach geworden (was nicht f\u00fcr das wirtschaftliche \u00dcberleben gilt). Und dennoch beklagen sich mindestens zwei Lager dar\u00fcber, dass es den Medien an Vielfalt mangelt.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Streit um die Vielfalt und seine beiden Lager\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>Das ist einerseits die Fraktion, die Harald Welzer und Richard David Precht (<em>Die Vierte Gewalt<\/em>) applaudiert. Sie unterstellt insbesondere dem politischen Journalismus eine ideologische Einfalt, die sie irgendwo links von der Mitte und auf jeden Fall im gr\u00fcnen Milieu verortet. Sie beklagen: Die angebliche \u201eMehrheits-Meinung\u201c (n\u00e4mlich ihre eigene) komme in den Medien nicht vor. Sie greifen vor allem den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk an, was man befremdlich finden kann, denn anders als bei kommerziellen Anbietern wird gerade dort penibel auf angemessene Redezeiten aller in den Parlamenten vertretenen Parteien geachtet.\u00a0<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die etwas \u00c4hnliches behaupten, aber etwas anderes meinen. Sie sagen: Redaktionelle Inhalte und Entscheidungen seien nach wie vor von einer Mehrheit wei\u00dfer, gut ausgebildeter M\u00e4nner, vielleicht auch ein paar Frauen gepr\u00e4gt. Menschen wie sie \u2013 schwarz, muslimisch, transsexuell, Arbeiterkinder, man erg\u00e4nze \u2013 seien weder optisch noch inhaltlich so repr\u00e4sentiert, dass es die Gesellschaft abbilde. Sie k\u00e4men h\u00f6chstens als Objekte vor, die es zu sezieren gelte. Praktisch ist, dass auf diese Weise so gut wie jeder in den Chor der nach Vielfalt Rufenden einstimmen kann, was dem Anliegen eine gewisse Lautst\u00e4rke verleiht. Allerdings ist es schon jetzt absehbar, dass kein Ergebnis alle zufriedenstellen wird.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was sind also die Fakten?<\/strong><\/h2>\n<p>Eine Tagung des Instituts f\u00fcr Journalistik der Universit\u00e4t Dortmund um Michael Steinbrecher und Tobias Gostomzyk hatte im Sommer 2023 den Spagat versucht, die Debatte in ihrer gesamten Breite abzubilden und dazu einige Fachleute samt Forschung aufgefahren. Es ging sowohl um inhaltliche Vielfalt als auch um Vielfalt in Redaktionen und Gremien.\u00a0<\/p>\n<p>Eine wichtige Erkenntnis in Sachen politische Vielfalt lieferte die Uni selbst <a href=\"https:\/\/www.journalismusstudie.fb15.tu-dortmund.de\/wahrnehmung-zu-gruenem-journalismus\/\">in einer Studie<\/a> aus ihrem Projekt Journalismus und Demokratie: Anh\u00e4nger verschiedener Parteien finden, dass jeweils das andere politische Lager in den Medien \u00fcberrepr\u00e4sentiert ist. Im Kontrast dazu sehen sie sich und ihre Positionen zu wenig gespiegelt. Man k\u00f6nnte das als Hinweis auf eine gewisse Vielfalt deuten, denn schon als Journalist ahnt man, wenn sich gegens\u00e4tzliche Seiten beklagen, hat man wohl etwas richtig gemacht. Trotzdem attestierten die Anh\u00e4nger fast aller Parteien dem Journalismus eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohe Glaubw\u00fcrdigkeit. Allein diejenigen, die sich in der forsa-Umfrage als AFD-Sympathisanten bekannten, vertrauen den traditionellen Medien kaum, weshalb sie ihre Informationen eher aus anderen Quellen beziehen.\u00a0<\/p>\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>38 Prozent der befragten Journalisten stehen den Gr\u00fcnen nahe\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Die Dortmund-Studie legt allerdings die Interpretation nahe, dass der politische Journalismus eine gewisse Schlagseite Richtung gr\u00fcne Positionen haben k\u00f6nnte. Laut Michael Steinbrecher gaben 38 Prozent von 750 befragten Journalisten an, den Gr\u00fcnen nahezustehen. Es ist jedoch nicht belegt, ob und wie sich Parteipr\u00e4ferenzen in der Berichterstattung niederschlagen. Jeder vierte Befragte hatte zu Protokoll gegeben, sich mit keiner politischen Partei zu identifizieren.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Die Journalismusforscherin Birgit Stark von der Johannes Gutenberg Universit\u00e4t Mainz pr\u00e4sentierte zudem <a href=\"https:\/\/www.zora.uzh.ch\/id\/eprint\/234669\/1\/ZORA_1615_634X_2023_1_2_61.pdf\">eine Studie aus Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz<\/a>, in der sich die befragten Nutzer recht zufrieden mit der Vielfalt in den Medien \u00e4u\u00dferten. Die Forscher:innen hatten Themenvielfalt, Meinungsvielfalt und Akteursvielfalt in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien der drei L\u00e4nder untersucht. Vor allem bei Themen und Meinungen sahen die Angesprochenen kaum Defizite in der Vielfalt. Wo also liegen die Probleme wirklich?<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die erdr\u00fcckende Dominanz des politischen Journalismus\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>Ein Grund, warum Menschen Journalismus oft als einseitig wahrnehmen, d\u00fcrfte in der erdr\u00fcckenden Dominanz des traditionellen politischen Journalismus liegen, der insbesondere die wichtigen Nachrichtensendungen pr\u00e4gt. Hier geht es h\u00e4ufiger um Zitate und Konflikte als um Fakten und Nutzwert, zu Wort kommen in erster Linie Funktion\u00e4re. Harald Welzer sprach bei der Tagung von \u201ePolitik-Politik-Journalismus\u201c, also einer selbstreferentiellen Spielart des Fachs. Auch der <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/digital-news-report\/2023\">Digital News Report von 2023<\/a> sieht Anzeichen daf\u00fcr, dass diese Art von Journalismus Menschen in den Nachrichten-\u00dcberdruss treibt. \u201eDas Nachrichten-Interesse rutscht ab\u201c, best\u00e4tigte Juliane Leopold, Chefredakteurin Digital von ARD Aktuell auf der Tagung. Wer sich aber generell vom Journalismus abwendet, nimmt die gesamte Breite und Vielfalt des journalistischen Angebots nicht mehr wahr und verpasst wichtige Informationen und Debatten.\u00a0<\/p>\n<p>Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der FU Berlin warnte auf der Konferenz davor, nur auf die Angebotsvielfalt zu schauen. Es komme auf die Nutzungsvielfalt an, also darauf, dass der Journalismus auch die Breite der Gesellschaft erreicht. Hier haben viele Redaktionen Nachholbedarf, denn traditionell besch\u00e4ftigen sich Journalisten viel mit ihren Inhalten, aber wenig oder gar nicht mit deren Wirkung auf diejenigen, f\u00fcr die sie gedacht sind. Es reicht nicht, Vielfalt zu produzieren, wenn sie die potenziellen Adressaten nicht erreicht.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eNews Outsider\u201c \u2013 wem der Journalismus nichts bedeutet\u00a0<\/strong><\/h2>\n<p>Die Gr\u00fcnderin des Schibsted-Innovation Labs, Agnes Stenbom, hat den Begriff \u201eNews Outsider\u201c gepr\u00e4gt. Er beschreibt diejenigen, denen Journalismus nichts bedeutet. Sie finden, er sei f\u00fcr ihr Leben nicht relevant. Insbesondere junge Menschen aus sozialen Brennpunkten z\u00e4hlen dazu. F\u00fcr sie sind Angebote auf den (Social Media-)Plattformen wichtig, auf denen sie sich bewegen. Und darin m\u00fcssen nat\u00fcrlich Menschen vorkommen, mit denen sich diese Zielgruppen identifizieren k\u00f6nnen. Der Haken ist: Genau solche Formate, wie sie zum Beispiel bei Funk von ARD und ZDF zu finden sind, \u00e4rgern wiederum diejenigen, die in Talkshows gerne von mangelnder Medienvielfalt sprechen. Man k\u00f6nnte unterstellen, dass sich so manch einer dieser Kritiker eher eine R\u00fcckkehr zur Medienwelt von fr\u00fcher w\u00fcnscht \u2013 als es so ein breiteres Angebot eben nicht gab.<\/p>\n<p>Man sollte nicht vergessen, dass einige derjenigen, die den Medien einen Mangel an Meinungsvielfalt attestieren, politische Interessen damit verfolgen. Nicht erst seit den \u201eFake News Media\u201c-Tiraden von Donald Trump ist klar, dass sich Politiker gerne Kritiker vom Hals schaffen, indem sie die gesamte Branche als unglaubw\u00fcrdig diskreditieren. Wie <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/digital-news-report\/2023\/sources-drivers-news-media-criticism\">Craig Robertson im Digital News Report<\/a> belegt, setzen Politiker Medienkritik weltweit als Instrument ein, um Widerspruch zu ersticken und Rechercheure einzusch\u00fcchtern. Genau aus diesem Grund wird Forschung gebraucht, die Fakten zur Medienvielfalt liefert. Wer nur Gef\u00fchlslagen abbildet, dient damit gewollt oder ungewollt Interessen, die den unabh\u00e4ngigen Journalismus gezielt schw\u00e4chen wollen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Durch t\u00e4gliches Erleben wie auch durch Forschung nachgewiesen ist hingegen der Mangel an Vielfalt innerhalb der Redaktionen. Zahlreiche Publikationen zum Beispiel von den <a href=\"https:\/\/neuemedienmacher.de\/\">Neuen deutschen Medienmacher*innen<\/a> oder dem Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford belegen, dass hier noch viel getan werden muss. Das reicht von der Einstellung und F\u00f6rderung entsprechender Kandidat:innen \u00fcber die Sensibilisierung von F\u00fchrungskr\u00e4ften bis hin zum Kulturwandel. Nur in einer Umgebung, in der sich vielf\u00e4ltige Mitarbeiter:innen sicher f\u00fchlen, in der sie ihre Ideen als willkommen wahrnehmen, werden entsprechende Projekte gedeihen.\u00a0<\/p>\n<p>Dabei geht es auch um Bed\u00fcrfnisse von Menschen, die sich in keiner Statistik potenziell benachteiligter Gruppen finden. Schlie\u00dflich stecken die urban und bildungsb\u00fcrgerlich gepr\u00e4gten Redaktionen gro\u00dfer Medienmarken die Themenfelder entsprechend ab. Sven G\u00f6smann, Chefredakteur der<em> DPA<\/em>,\u00a0 gab auf der Konferenz zu bedenken, dass zum Beispiel die Berufsschule in der Berichterstattung deutscher Medien kaum stattfinde. Daf\u00fcr habe man sich zeitweise \u00fcberproportional mit Elektro-Rollern besch\u00e4ftigt. Redaktionen, die die Gesellschaft nicht abbilden, werden dies auch in ihren Inhalten kaum schaffen. Damit <a href=\"https:\/\/europeanjournalists.org\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Diversity_peaper.pdf\">riskieren sie aber nicht nur ihre Glaubw\u00fcrdigkeit<\/a>, sie verschenken auch wirtschaftliches Potenzial. Letztlich gef\u00e4hrden sie die Rolle des Journalismus in der Demokratie.<\/p>\n<p>Diese Kolumne <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-vielfalt-fordern-einfalt-meinen-wenn-journalismuskritiker-aneinander-vorbeireden\/17815\/\">erschien zuerst bei Medieninsider<\/a> am 27. Juli 2023. Aktuelle Kolumnen lesen Sie dort mit einem Abo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines l\u00e4sst sich mit ziemlicher Sicherheit behaupten: Das Angebot an Journalismus war noch nie so vielf\u00e4ltig wie heute. Man kann sich einerseits wie fr\u00fcher bei den gro\u00dfen oder lokalen Medienmarken informieren. 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