{"id":1731,"date":"2024-02-10T18:03:47","date_gmt":"2024-02-10T17:03:47","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1731"},"modified":"2024-02-10T18:03:47","modified_gmt":"2024-02-10T17:03:47","slug":"zwischen-wirbel-und-wirkung-journalismus-muss-zeigen-dass-er-gutes-schafft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/zwischen-wirbel-und-wirkung-journalismus-muss-zeigen-dass-er-gutes-schafft\/","title":{"rendered":"Zwischen Wirbel und Wirkung: Journalismus muss zeigen, dass er Gutes schafft"},"content":{"rendered":"\n<p>Journalisten denken \u00fcblicherweise, dass sie mit ihrer Arbeit die Welt ver\u00e4ndern. Das sieht nicht jeder so. K\u00fcrzlich berichtete die Leiterin eines renommierten Ausbildungsprogramms f\u00fcr Journalisten an einer amerikanischen Universit\u00e4t von einem Dilemma. Sie sei auf der Suche nach Geldgebern f\u00fcr Trainings im Klimajournalismus, erz\u00e4hlte sie. Dabei erlebe sie Folgendes: Stiftungen, die Journalismusprogramme finanzierten, f\u00e4nden Klimajournalismus nicht wichtig genug. Stiftungen wiederum, die viel Geld in Klimaprojekte investierten, f\u00e4nden Journalismusf\u00f6rderung nicht wichtig genug. \u201eWir als Branche schaffen es offenbar nicht, unsere Wirkung ausreichend zu dokumentieren\u201c, sagte sie. Aber wom\u00f6glich ist es mehr als das: Bei vielen gro\u00dfen gesellschaftlichen Aufgaben steht der Beweis aus, dass Journalismus etwas zu deren L\u00f6sung beigetragen hat.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich setzen sich Journalisten ungern mit der Wirkung ihrer Arbeit auseinander. Ihr Job sei es, die Fakten zu recherchieren und zu berichten, sagen viele von ihnen. Die Konsequenzen m\u00fcssten dann andere ziehen. Man braucht allerdings kein Psychologiestudium, um zu wissen: Mehr Faktenwissen tr\u00e4gt nicht unbedingt dazu bei, dass Menschen ihr Verhalten oder Politiker und Institutionen die Regeln \u00e4ndern. \u00c4rzte w\u00fcrden sonst nicht rauchen, Eltern ihre Kinder nicht anbr\u00fcllen, FDP-Politiker sich nicht gegen ein Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen sperren. Emotionen, Werte und tiefe Bed\u00fcrfnisse wie jenes nach Zugeh\u00f6rigkeit bestimmen in bedeutendem Ma\u00dfe, wie Fakten auf diejenigen wirken, bei denen sie etwas ausl\u00f6sen sollen.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Journalismus ist kein Selbstgespr\u00e4ch<\/strong><\/h2>\n<p>Journalisten m\u00f6chten aber \u00fcblicherweise etwas bewirken. Diejenigen, die ihren Beruf und Auftrag ernst nehmen, m\u00fcssen sich deshalb mit ihrem Publikum besch\u00e4ftigen, und zwar lange bevor die ersten Online-Kommentare eintrudeln. Die Wahl des Themas, des Formats, der Ausspiel-Plattform, der Sprache, der Protagonisten und Quellen \u2013 alles hat einen Einfluss darauf, wie Journalismus wirkt und vor allem, auf wen er wirkt. Es gibt Kollegen, die das irgendwie anst\u00f6\u00dfig finden. Schlie\u00dflich sei man nicht in der Werbebranche, die darauf ziele, Menschen m\u00f6glichst effektiv zu beeinflussen und damit wom\u00f6glich zu manipulieren. Dabei verdr\u00e4ngen viele von ihnen, dass sie oft durchaus jemanden beeinflussen oder zumindest beeindrucken wollen. Dazu z\u00e4hlen wom\u00f6glich ihre Kollegen, ihre Chefs, die Konkurrenz \u2013 vielleicht sogar sich selbst. Guter Journalismus entsteht durchaus, weil jemand von seiner eigenen Idee besoffen ist. Aber oft wirken solche Projekte wie ein gro\u00dfes Selbstgespr\u00e4ch, bei dem das Publikum maximal auf den Zuschauerpl\u00e4tzen zugelassen ist. Es gibt ausreichend Beispiele f\u00fcr pr\u00e4mierte journalistische Leistungen, die au\u00dfer einer Jury nichts und niemanden bewegt haben.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie misst man den Impact von gutem Journalismus?<\/strong><\/h2>\n<p>Gerade Geldgebern ist dies meistens zu wenig. In der Regel sind sie jemandem Rechenschaft schuldig, vor allem, wenn sie nicht auf Gewinne zielen, sondern einen gesellschaftlichen Zweck erf\u00fcllen m\u00fcssen. Wer sich Projekte von Stiftungen finanzieren lassen m\u00f6chte, muss sich darauf einstellen, einer gewissen Erfolgskontrolle ausgesetzt zu sein. Meistens werden harte Zahlen dazu verlangt, welche Wirkung das eingesetzte Geld hat. Aber wie misst man die Wirkung von Journalismus oder gar von Journalistenausbildung?\u00a0<\/p>\n<p>Auf dem diesj\u00e4hrigen International Journalism Festival in Perugia hatte sich ein Panel damit besch\u00e4ftigt, <a href=\"https:\/\/www.journalismfestival.com\/programme\/2023\/how-do-you-measure-the-social-value-of-your-journalism\">wie man den gesellschaftlichen Wert von Journalismus misst<\/a>. Richard Addy hatte dort ein \u201eImpact Wheel\u201c vorgestellt. Addy ist Mitgr\u00fcnder der <a href=\"https:\/\/www.akas.london\/\">Londoner Beratung AKAS<\/a>, die unter anderem Medienunternehmen wie dem <em>Guardian<\/em> dabei hilft, Projekte aufzusetzen, die eine gesellschaftspolitische Wirkung haben und diese Wirkung messbar zu machen. Das \u201eImpact Wheel\u201c ist ein Diagramm, mit dessen Hilfe Redaktionen beispielsweise systematisch erfassen k\u00f6nnen, welche Wirkung sie bei welchem Publikum erzielen m\u00f6chten, wie viele entsprechende Recherchen sie dazu aufgesetzt haben, welche Influencer und Entscheider sich mit jeweiligen journalistischen Inhalten besch\u00e4ftigt haben, welches die kurzfristigen und welches die langfristigen Wirkungen waren.\u00a0<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-18184\" src=\"https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-1024x571.png\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" srcset=\"https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-1024x571.png 1024w, https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-300x167.png 300w, https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-768x428.png 768w, https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-1536x857.png 1536w, https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-696x388.png 696w, https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-1392x776.png 1392w, https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10-1068x596.png 1068w, https:\/\/medieninsider.com\/wp-content\/uploads\/image-10.png 1904w\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"571\" \/><\/figure>\n<p>Es ist kein Wunder-Werkzeug, jede Organisation kann sich entsprechende Tools selbst basteln. Und das sollten Medienh\u00e4user zumindest versuchen, auch wenn sie nicht beabsichtigen, sich Projekte \u00fcber externe Geldgeber finanzieren zu lassen. Es sollte Redaktionen ein Bed\u00fcrfnis sein, sich nicht nur mit dem wirtschaftlichen Erfolg ihrer Produkte zu besch\u00e4ftigen und zum Beispiel Abo-Zahlen und Nutzerloyalit\u00e4t zu messen, sondern auch die gesellschaftliche Wirkung ihres Tuns auszuleuchten. Denn es ist genau diese Wirkung, aus der Journalismus seine Daseinsberechtigung zieht und mit der er seine besondere Schutzbed\u00fcrftigkeit begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem liefert ein solcher Wirkungscheck eine Kontrolle dar\u00fcber mit, ob die Redaktion an wichtigen Themen lange genug \u201edrangeblieben\u201c ist, oder ob eine (teure) Recherche verpufft ist, bevor eine Wirkung einsetzen konnte. Und nat\u00fcrlich m\u00fcssen sich Journalisten auch mit den negativen Wirkungen ihres Tuns besch\u00e4ftigen: Treiben Debatten, wenn sie in einem bestimmten Ton gef\u00fchrt werden, wom\u00f6glich sinnvolle politische oder gesellschaftliche Projekte ins Aus, bevor sie jemand wirklich verstanden und durchdrungen hat? Man denke an den \u201eHeiz-Hammer\u201c. Zuweilen tr\u00e4gt Journalismus eher dazu bei, schnell aufzuzeigen, was nicht funktioniert, als auf das zu verweisen, was funktionieren k\u00f6nnte oder anderswo schon funktioniert.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Auch kann der Tag nahen, an dem man f\u00fcr ein besonderes Projekt eine spezielle Finanzierung braucht. Schlie\u00dflich kommt heute kaum noch ein Medienhaus mit einem einzigen Gesch\u00e4ftsmodell aus. Erst ein Mix verschiedenster Ans\u00e4tze macht ein Unternehmen robust \u2013 ob das Abo- oder Anzeigenfinanzierung, Mitgliedschaften oder Events sind, oder eben stiftungsfinanzierte Sonderprojekte, wie es sie insbesondere auf den Gebieten Gesundheit, Klima und Umwelt oder Wissenschaft gibt und zunehmend geben wird. Wer dann einen Wirkungsnachweis parat hat, sichert sich einen Vorteil im Ringen um potenzielle Investoren.\u00a0<\/p>\n<p>Allerdings t\u00e4te es auch Stiftungen zuweilen gut, sich damit zu besch\u00e4ftigen, was die Empf\u00e4nger ihrer Gelder wirklich brauchen. Ritu Kapur, die Gr\u00fcnderin und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des indischen Medienhauses <em>The Quint<\/em>, sagt, oft definiere eine westliche Perspektive die Bedingungen daf\u00fcr, f\u00fcr welche Projekte es Geld gebe. Zum Beispiel seien viele externe Finanzierungen f\u00fcr Klimajournalismus dem Kampf gegen \u201eFake News\u201c gewidmet, so Kapur im EBU News Report \u201e<a href=\"https:\/\/www.ebu.ch\/guides\/open\/report\/news-report-2023-climate-journalism-that-works\">Climate Journalism That Works<\/a>\u201c. Aber das sei nicht relevant in einem Land wie Indien. Dort m\u00fcsse es das Thema Klimaschutz \u00fcberhaupt erst einmal in die \u00f6ffentliche Debatte schaffen. Wenn aus gut gemeint gut gemacht werden soll, muss auf beiden Seiten etwas passieren: beim Sender und beim Empf\u00e4nger.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-zwischen-wirbel-und-wirkung-journalismus-muss-zeigen-dass-er-gutes-schafft\/18181\/\">zuerst bei Medieninsider<\/a> am 22. August 2023. F\u00fcr aktuelle Kolumnen brauchen Sie ein Abo.\u00a0<\/em><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalisten denken \u00fcblicherweise, dass sie mit ihrer Arbeit die Welt ver\u00e4ndern. Das sieht nicht jeder so. K\u00fcrzlich berichtete die Leiterin eines renommierten Ausbildungsprogramms f\u00fcr Journalisten an einer amerikanischen Universit\u00e4t von einem Dilemma. Sie sei auf der Suche nach Geldgebern f\u00fcr Trainings im Klimajournalismus, erz\u00e4hlte sie. 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