{"id":1801,"date":"2024-06-12T17:13:40","date_gmt":"2024-06-12T15:13:40","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1801"},"modified":"2024-06-12T17:13:40","modified_gmt":"2024-06-12T15:13:40","slug":"verlockt-verwoehnt-verbunden-mit-dieser-preispolitik-erobern-verlage-die-herzen-ihrer-kunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/verlockt-verwoehnt-verbunden-mit-dieser-preispolitik-erobern-verlage-die-herzen-ihrer-kunden\/","title":{"rendered":"Verlockt, verw\u00f6hnt, verbunden: Mit dieser Preispolitik erobern Verlage die Herzen ihrer Kunden"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer viel unterwegs ist, hat sich l\u00e4ngst daran gew\u00f6hnt, dass Preise nicht nur von der Qualit\u00e4t des Produkts abh\u00e4ngen: Airlines verkaufen ihre Tickets je nach Nachfrage, bei Booking.com zahlen Smartphone-Nutzer und loyale Kunden g\u00fcnstigere Raten f\u00fcr Hotelzimmer, an der Tankstelle steht manchmal ein anderer Liter-Preis an der Zapfs\u00e4ule als der, den man noch vor ein paar Minuten an der Einfahrt gesehen hatte. Und wom\u00f6glich wird zuk\u00fcnftig auch die Kneipe zu einer Art Bier-B\u00f6rse: \u201e<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/d0e3bcb5-b824-414e-bfac-4c0b4193e9f0\">The rise of surge pricing: It will eventually be everywhere<\/a>\u201c, betitelte die <em>Financial Times<\/em> k\u00fcrzlich eine gr\u00f6\u00dfere Recherche, nachdem eine britische Pub-Kette angek\u00fcndigt hatte, zu Sto\u00dfzeiten mehr f\u00fcrs Bier zu verlangen.\u00a0<\/p>\n<p>In der Medienbranche halten sich die flexiblen Preismodelle noch in Grenzen, aber es gibt sie: Die <em>New York Times<\/em> verlangt f\u00fcr das Abo in Europa deutlich weniger als auf dem Heimatmarkt. Andere Marken wie der zur schwedischen Bonnier-Gruppe geh\u00f6rende <em>Dagens Nyheter<\/em> arbeiten mit dynamischen Bezahlschranken, die hochgezogen werden, sobald ein Text h\u00e4ufig und ausf\u00fchrlich gelesen und geteilt wird, die Nutzer ihn also als besonders attraktiv bewerten. Au\u00dferdem scheinen Abos zuweilen Verhandlungssache zu sein. Nic Newman und Craig Robertson vom Reuters Institute in Oxford bezeichnen es als eines der erstaunlichsten Erkenntnisse einer auf Deutschland, die USA und Gro\u00dfbritannien fokussierten Studie, welche Bandbreite an Abo-Preisen verschiedene Nutzer f\u00fcr ein und dasselbe Produkt zu zahlen scheinen. Die Untersuchung <em>Paying for News: Price-Conscious Consumers Look for Value amid Cost-of-Living Crisis <\/em><a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/paying-news-price-conscious-consumers-look-value-amid-cost-living-crisis\">erschien im September 2023<\/a>.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Flexible Preise sind kein \u201eNo Go\u201c mehr<\/h2>\n<p>Flexible Preise galten lange als \u201eNo-Go\u201c. Aber wom\u00f6glich ist es nur fair, dass diejenigen mehr f\u00fcr ein Produkt zahlen, denen es mehr bedeutet. Angesichts der rasant wachsenden M\u00f6glichkeiten k\u00fcnstlicher Intelligenz ist es absehbar, dass sich in verschiedensten Branchen Preismodelle durchsetzen werden, die ber\u00fccksichtigen, wann, wie h\u00e4ufig, wie intensiv und von welchem Endger\u00e4t aus ein Nutzer auf bestimmte Produkte und Dienstleistungen zugreift. Verlage sind also gut beraten, schon jetzt mit Kreativit\u00e4t an die Sache zu gehen. Denn zwischen Paywall, Mitgliedschaften und dem unbegrenzt kostenlosen Zugriff gibt es noch eine Reihe von flexiblen M\u00f6glichkeiten. Wichtig ist allerdings, <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-journalismus-ist-kein-geschaftsmodell\/15925\/\">dass man sich \u00fcber seine Strategie und Zielgruppen im Klaren ist<\/a> \u2013 und die darf man getrost differenzieren.<\/p>\n<p>Die <em>New York Times<\/em> zum Beispiel wird f\u00fcr die wenigsten Menschen in \u00dcbersee beim Abo-Abschluss erste Wahl sein, anders als in ihrem Kernverbreitungsgebiet rund um New York City. Es ist nur logisch, dass der Verlag nicht allen Kunden den gleichen Preis anbietet. Der <em>Guardian<\/em> verzichtet ganz auf Bezahl-Zwang, weil sich die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung darauf verlassen kann, dass ein betr\u00e4chtlicher Teil des politisch eher links engagierten Publikums aus moralischer Verpflichtung freiwillig f\u00fcr den Journalismus zahlt und ihn auch anderen zug\u00e4nglich machen m\u00f6chte. Fast nirgendwo anders funktioniert dieses Modell so gut wie dort.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Eine vielversprechende Mischform ist der Text zum Verschenken. Schon jetzt erlauben viele Medienmarken ihren Abonnenten, Beitr\u00e4ge mit einer begrenzten Anzahl von Nutzern zu teilen. F\u00fcr das d\u00e4nische Journalismus-Portal <em>Zetland<\/em> ist das ein Erfolgsprinzip: Abonnenten d\u00fcrfen Geschichten unbegrenzt oft verschenken. \u201eJournalismus funktioniert als Gespr\u00e4ch\u201c, sagt Zetland-CEO Tav Klitgaard. Das 2016 gegr\u00fcndete, strikt auf konstruktiven Journalismus fokussierte Medienunternehmen generiert auf diese Weise Leser-Einnahmen und Reichweite gleicherma\u00dfen, und es scheint sich auszuzahlen. Seit 2019 ist <em>Zetland<\/em> profitabel und hat mittlerweile 40.000 zahlende Kunden, die pro Monat im Schnitt 17 Euro hinlegen. Ein Drittel davon ist j\u00fcnger als 33 Jahre. Die Gr\u00fcnder f\u00fchren dies nat\u00fcrlich nicht nur auf das Geschenk-Konzept zur\u00fcck, sondern auf die\u00a0 journalistische Qualit\u00e4t und ein stark auf Audio ausgelegtes Angebot.\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auch das kulturelle Umfeld ist f\u00fcr die Preisgestaltung relevant<\/h2>\n<p>Wer an Preis- und Gesch\u00e4ftsmodellen arbeitet, sollte sich aber nicht nur mit seinen Produkten und Nutzern, sondern auch mit dem kulturellen Umfeld besch\u00e4ftigen. US-Amerikaner zum Beispiel sind das Spenden gew\u00f6hnt, sie tun es in den vielf\u00e4ltigsten Zusammenh\u00e4ngen gerne und reichhaltig. In Deutschland, wo man Wohlt\u00e4tigkeit vor allem vom Staat erwartet, weil man ohnehin kr\u00e4ftig Steuern zahlt, ist die Spender-Kultur weniger ausgepr\u00e4gt. Preise und Leistung werden genauer abgeglichen. Wer hier auf Mitgliedsmodelle setzt, muss mindestens eine gute Story bieten.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle Kulturr\u00e4ume gilt: Verlage, die allzu starr an ihren Bezahlmodellen festhalten, machen es sich unn\u00f6tig schwer. Viele Medienh\u00e4user erleben, dass eine harte Paywall das Wachstum irgendwann versiegen l\u00e4sst, weil ein Grund-Potenzial ausgesch\u00f6pft ist. Die NOZ-Gruppe experimentiert deshalb neuerdings mit flexibleren Modellen, um unterschiedliche Nutzerbed\u00fcrfnisse besser abzusch\u00f6pfen \u2013 die Bezahlschranken variieren je nach Themenfeld und Angebot. Als Grundregel l\u00e4sst sich feststellen: Themen und Formate, die es auch anderswo gibt, sollten eher frei zug\u00e4nglich sein. Bei Marken mit Alleinstellungsmerkmal\u00a0 k\u00f6nnen sich h\u00f6here Barrieren lohnen. Mancher Inhalt l\u00e4sst sich \u00fcber Anzeigeneinnahmen besser monetarisieren.\u00a0<\/p>\n<p>Wichtig ist auch, dass sich Abos schnell k\u00fcndigen lassen. Vertriebsleuten alter Schule mag das Magenkr\u00e4mpfte bereiten.<a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/die-maer-von-der-zahlungsbereitschaft-im-journalismus\/9097\/\"> Aber wer sich im Abo f\u00fchlt wie im Gef\u00e4ngnis<\/a>, wird bei n\u00e4chster Gelegenheit ausbrechen und nie wiederkommen. Es ist deutlich sinnvoller, Kunden jederzeit gehen zu lassen, ihnen aber immer wieder neue Angebote zu machen. Dabei darf man ihnen ruhig ein bisschen auf die Nerven gehen. KI wird dabei helfen, die richtigen Anreize zu setzen.\u00a0<\/p>\n<p>Die Forscher des Reuters Institutes haben \u00fcbrigens herausgefunden, dass es kaum Unterschiede zwischen den Altersgruppen gibt, was die Zahlungsbereitschaft f\u00fcr Journalismus angeht. Allerdings weichen die Preisvorstellungen voneinander ab \u2013 auf eine Weise, die f\u00fcr die Verlage eher ung\u00fcnstig ist. W\u00e4hrend f\u00fcr \u00e4ltere Kunden das Zeitungsabo der Referenzrahmen sei, verglichen j\u00fcngere die Angebote mit den Kosten und Nutzen von Netflix und Spotify, sagt Autor Nic Newman. Ein E-Paper-Abo ist derzeit zwar das lukrativste digitale Medienprodukt, dessen Fans d\u00fcrften aber mittelfristig weniger werden.\u00a0<\/p>\n<p>Man kann nur jedem Verlagsverantwortlichen raten, offen an die Preisgestaltung heranzugehen. W\u00e4hrend einige Nutzer strikt aufs Budget schauen und am liebsten penibel abrechnen m\u00f6chten, m\u00f6gen die anderen bereit sein, f\u00fcr eine Art Deutschland-Ticket f\u00fcr Journalismus tats\u00e4chlich 49 Euro zu zahlen. Und wenn man hier mal fantasieren darf: Vielleicht k\u00f6nnten sogar \u00d6ffentlich-Rechtliche und ein paar Verlage ihre Streitigkeiten beilegen und eine Flatrate f\u00fcr Qualit\u00e4tsjournalismus entwickeln, eine Art aufgestockte Haushaltsabgabe, bei der man sich quer durch verschiedenste Angebote lesen und h\u00f6ren kann. Kern aller Modelle sollte es sein, gewohnheitsbildend zu wirken \u2013 auch wenn das nur mit Hilfe von R\u00e4tseln und Kochrezepten funktioniert. Im Sinne einer gut informierten, aufgekl\u00e4rten Bev\u00f6lkerung und W\u00e4hlerschaft ist es wichtig, dass Menschen Interesse an Journalismus entwickeln und es durch verschiedenste Lebenslagen beibehalten. Dann werden sie auch immer mal wieder zahlen. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien bei <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-preisgestaltung-verlage-medien\/18705\/\">Medieninsider am 28. September 2023<\/a>. Aktuelle Kolumnen lassen sich mit einem Abo lesen.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer viel unterwegs ist, hat sich l\u00e4ngst daran gew\u00f6hnt, dass Preise nicht nur von der Qualit\u00e4t des Produkts abh\u00e4ngen: Airlines verkaufen ihre Tickets je nach Nachfrage, bei Booking.com zahlen Smartphone-Nutzer und loyale Kunden g\u00fcnstigere Raten f\u00fcr Hotelzimmer, an der Tankstelle steht manchmal ein anderer Liter-Preis an der Zapfs\u00e4ule als der, den man noch vor ein &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/verlockt-verwoehnt-verbunden-mit-dieser-preispolitik-erobern-verlage-die-herzen-ihrer-kunden\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVerlockt, verw\u00f6hnt, verbunden: Mit dieser Preispolitik erobern Verlage die Herzen ihrer Kunden\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[135,201,102,857,260,52,60,859,858,856,855,153],"class_list":["post-1801","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-abo","tag-dagens-nyheter","tag-digital","tag-dynamische-preise","tag-financial-times","tag-journalismus","tag-medien","tag-mitgliedschaft","tag-paywall-2","tag-preisgestaltung","tag-pricing-2","tag-reuters-institute"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1801\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1801"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1801\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1802,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1801\/revisions\/1802\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}