{"id":1805,"date":"2024-06-12T17:22:43","date_gmt":"2024-06-12T15:22:43","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1805"},"modified":"2024-06-12T17:22:43","modified_gmt":"2024-06-12T15:22:43","slug":"zurueck-in-die-90er-warum-sich-auch-entscheider-briefings-mit-nutzerbeduerfnissen-beschaeftigen-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/zurueck-in-die-90er-warum-sich-auch-entscheider-briefings-mit-nutzerbeduerfnissen-beschaeftigen-sollten\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck in die 90er: Warum sich auch Entscheider-Briefings mit Nutzerbed\u00fcrfnissen besch\u00e4ftigen sollten"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Entscheider muss ein seltsames Wesen sein. Seine Di\u00e4t ist einseitig, daf\u00fcr aber reichhaltig. Er ist ein Mensch der W\u00f6rter, ja, er liebt das digital gewordene Blei. Er sch\u00e4tzt Verl\u00e4sslichkeit, \u00dcberraschungen sind nicht sein Ding. Bescheid wissen \u00fcber das Berufliche scheint sein Leben zu sein. Vermutlich ist er ein Mann.\u00a0<\/p>\n<p>Dieser Eindruck kann beim Blick auf jene journalistischen Produkte entstehen, die speziell f\u00fcr die so genannten Entscheider aufgelegt sind und sich derzeit rasant verbreiten. Ihre Sch\u00f6pfer treibt eine gemeinsame Motivation an: Sie betrachten den Entscheider als ein Wesen mit Geld.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Das Newsletter-Men\u00fc von <a href=\"https:\/\/table.media\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Table Media<\/a>, das <a href=\"https:\/\/www.thepioneer.de\/originals\/hauptstadt-das-briefing\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Hauptstadt Briefing<\/em> von Pioneer Media<\/a>, das neue <a href=\"https:\/\/www.sz-dossier.de\/?atr_src=google&amp;atr_mdm=cpc&amp;atr_cp=DE_Dossier_Brand&amp;atr_ct=DE_Dossier_Brand&amp;atr_kw=sz%20dossier&amp;atr_cid=20770606212&amp;atr_aid=152942970182&amp;gclid=EAIaIQobChMIv6fvrOTjggMVlAcGAB2iVg0tEAAYASAAEgIeBfD_BwE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Dossier <\/em>der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a> und das erwartete deutsche <em>Politico<\/em>: Es sind einige der einheimischen Kreationen, in denen Menschen wie Table-Gr\u00fcnder Sebastian Turner das wom\u00f6glich einzige aus sich selbst heraus profitable Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr Journalismus sehen: Fachleute erkl\u00e4ren Fachleuten die Welt. Dom\u00e4nenkompetenz oder <em>Deep Journalism<\/em> nennt Turner das. Gemeinsam mit dem Journalistikprofessor Stephan Russ-Mohl hat der ehemalige Herausgeber des <em>Tagesspiegels<\/em> sogar <a href=\"https:\/\/www.halem-verlag.de\/produkt\/deep-journalism\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ein Buch mit diesem Titel herausgegeben<\/a>*. Gegen dessen Kernbotschaft, dass Journalisten etwas von der ihnen anvertrauten Materie verstehen sollten, kann man definitiv nichts einwenden.\u00a0Aber es geht nicht um Einnahmen allein.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Problemfall Politikjournalist<\/strong><\/h2>\n<p>Vor allem die um Berlin, Br\u00fcssel oder andere Machtzentren kreisenden Briefings werden erstellt von einer Spezies an Politikjournalisten, die zunehmend ungehalten auf kaum noch \u00fcberh\u00f6rbare Botschaften aus ihren Redaktionen reagieren. Deren Tenor: Viele ihrer Geschichten aus dem Inneren des Apparats begeistern zwar deren Protagonisten, bei gew\u00f6hnlichen Lesern l\u00f6sen sie aber den gef\u00fcrchteten Scroll-Reflex aus. Das hei\u00dft: Sie hangeln sich so lange an den Teasern entlang, bis sie etwas finden, das sie wirklich interessiert. Der <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-metriken-redaktion-daten\/19139\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Einzug der Metriken<\/a> in die Inhalte-Steuerung hat vor allem eine Erkenntnis hervorgebracht: Der traditionelle politische Journalismus, vor allem jener der \u201edie hat gesagt, der hat gesagt\u201c-Variante interessiert das Publikum so wenig wie Ostereier im Advent. Er bringt selten Klicks und Abos ohnehin nicht.\u00a0<\/p>\n<p>Neuerdings f\u00fchren viele H\u00e4user zudem so genannte <a href=\"https:\/\/smartocto.com\/research\/userneeds\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">User-Needs-Modelle<\/a> ein. Und auch da kann der klassisch-informationsschwangere Politikjournalismus wenig gl\u00e4nzen. Erspart uns eure ewigen Updates, hei\u00dft es pl\u00f6tzlich vom Desk. Unsere Nutzer wollen mehr Erkl\u00e4rung, Unterhaltung, Inspiration, Emotion. Sp\u00e4testens, wenn die Redaktionsleitung dann noch ein Seminar zum <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/eine-checkliste-fur-starken-journalismus\/4442\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">konstruktiven Journalismus<\/a> besucht hat und gerne mehr Perspektive, L\u00f6sungen, gar Hoffnung herbeirecherchiert haben will, versteht der in Polarisierung ge\u00fcbte Politikjournalist die Welt nicht mehr. War er gestern noch die Nummer eins, segelte auch mal durch bis in die Chefredaktion, gilt er heute vielerorts als Problemfall, der umlernen muss.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass die neuen Briefings Magnete f\u00fcr jene geworden sind, die sich in ihren Haupth\u00e4usern seltsam heimatlos vorkommen. Bei den Spezial-Newslettern darf man wieder \u201erichtigen Journalismus\u201c machen. So sehen das wohl viele. Und so wirkt auch so manch ein Briefing wie eine Rolle r\u00fcckw\u00e4rts in den Journalismus der Neunzigerjahre. Man k\u00f6nnte auch sagen: Endlich wieder mehr <em>FAZ<\/em> wagen.\u00a0<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens hier muss ein Disclaimer kommen: Nat\u00fcrlich ist es vollkommen richtig, sich \u00fcber Zielgruppen Gedanken zu machen, es ist sogar zwingend. Und umso besser, wenn die angepeilten Zielgruppen auch zahlen k\u00f6nnen. Und selbstverst\u00e4ndlich hat jedes der Briefings seine ganz eigenen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen. Aber der Journalismus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt, und das hat Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Ja, da war diese Digitalisierung. Aber damit einher ging auch die Erkenntnis, dass nicht alle (erfolgreichen) Menschen wei\u00dfe, gebildete M\u00e4nner sind. Und dass selbst wei\u00dfe, gebildete M\u00e4nner auch andere Bed\u00fcrfnisse haben, als tagein, tagaus an den Lippen ihrer politischen Repr\u00e4sentanten, CEOs, oder als solchen ausgewiesenen gro\u00dfen Denkern zu h\u00e4ngen. Sie sind V\u00e4ter, Liebespartner, Hobby-K\u00f6che, Mountainbike-Fans und dabei umgeben von Frauen, deren Lebenswirklichkeit als Managerinnen, Richterinnen und Ingenieurinnen sie durchaus interessiert. Hinzu kommen all jene Kollegen mit Einwanderungsgeschichte, verschiedener sexueller Orientierung, k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen, die sich in dem tats\u00e4chlich schon fr\u00fcher an finanzkr\u00e4ftige Entscheider gerichteten Einheitsjournalismus nur h\u00f6chst selten wiederfanden. All das hatte zur Folge, dass Medien vielf\u00e4ltiger geworden sind \u2013 nach innen und immer h\u00e4ufiger auch sichtbar nach au\u00dfen.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Auch nicht der Entscheider lebt allein von Information<\/strong><\/h2>\n<p>Nicht jedes Briefing h\u00e4lt da mit. Das ist nur konsequent, denn sein Ziel ist nicht Vielfalt sondern die Bubble. In der m\u00f6chte man Wortf\u00fchrer werden, wie dies lange Zeit nur die Gro\u00dfen vom Schlage <em>Financial Times<\/em> oder <em>FAZ<\/em> gewesen sind. Man kennt sich, und man schreibt f\u00fcr diejenigen, die man kennt \u00fcber das, was sie eigentlich schon kennen \u2013 nur vielleicht nicht im Detail. So ein Briefing wird dann zu einer Art Heimathafen, ein vertrauter Ort, an dem alles seinen Platz hat, wie fr\u00fcher in der Tageszeitung, als deren Welt noch in Ordnung war. Das kann ein Gesch\u00e4ftsmodell sein, auch wenn es zunehmend lebhaft werden d\u00fcrfte im Hafen-Wettbewerb.<\/p>\n<p>Doch Konzepte wie jenes der Dom\u00e4nenkompetenz verkennen: Der Mensch lebt nicht von Information allein \u2013 nicht einmal der Entscheider. Was das User-Needs-Modell f\u00fcr den allgemeinen Nutzer feststellt, gilt schlie\u00dflich auch f\u00fcr jenen mit Bubble-N\u00e4he. Er m\u00f6chte Nachrichten, das schon. Aber wom\u00f6glich plagen ihn Fragen, f\u00fcr die er Erkl\u00e4rungen sucht, Probleme, die gemanagt oder gel\u00f6st werden wollen. Und an dieser Stelle sind Journalisten nicht nur als Fakten-Rechercheure, sondern auch als Bed\u00fcrfnis-Forscher gefragt.\u00a0<\/p>\n<p>Brauchen die Adressaten wirklich den x-ten Terminkalender der Woche, oder interessiert sie wom\u00f6glich mehr, wie sich ein Shitstorm verkraften, das Amt mit Familienaufgaben vereinbaren oder eine klare Wahlkampf-Botschaft formulieren l\u00e4sst? Enth\u00e4lt der Newsletter genug frische Luft, sprich Ideen von au\u00dfen, K\u00f6pfe jenseits des eingeschwungenen Zirkels? Ist er, ja, vielf\u00e4ltig genug? Schaut er auch mal \u00fcber die Grenzen hinweg, beleuchtet Erfolgsgeschichten aus anderen Teilen der Welt? Gerade diejenigen, die neue Produkte entwickeln, m\u00fcssen sich all den Themen stellen, die den Ver\u00e4nderungsgeist in Redaktionen befl\u00fcgelt und so manch eine Verwerfung ausgel\u00f6st haben. Wer sich in alte Rituale fl\u00fcchtet, wird irgendwann nur noch alt aussehen. Und das ist garantiert kein Gesch\u00e4ftsmodell.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>*<em>Sebastian Turner, Stephan Russ-Mohl (Hrsg.) 2023, Deep Journalism \u2013 Dom\u00e4nenkompetenz als redaktioneller<br \/>Erfolgsfaktor, Herbert von Halem Verlag. Alexandra Borchardt hat einen Essay dazu beigetragen.<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Kolumne<a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/kolumne-alexandra-borchardt-entscheider-briefings-user-needs\/19485\/\"> erschien bei Medieninsider am 28. November 2023<\/a>.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Entscheider muss ein seltsames Wesen sein. Seine Di\u00e4t ist einseitig, daf\u00fcr aber reichhaltig. Er ist ein Mensch der W\u00f6rter, ja, er liebt das digital gewordene Blei. Er sch\u00e4tzt Verl\u00e4sslichkeit, \u00dcberraschungen sind nicht sein Ding. Bescheid wissen \u00fcber das Berufliche scheint sein Leben zu sein. 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