{"id":1809,"date":"2024-06-12T17:31:38","date_gmt":"2024-06-12T15:31:38","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1809"},"modified":"2024-06-12T17:31:38","modified_gmt":"2024-06-12T15:31:38","slug":"der-abgesang-auf-die-medienbranche-kommt-zu-frueh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/der-abgesang-auf-die-medienbranche-kommt-zu-frueh\/","title":{"rendered":"Der Abgesang auf die Medienbranche kommt zu fr\u00fch"},"content":{"rendered":"\n<p>Durchforstete man zu Beginn des Jahres 2024 einschl\u00e4gige Quellen nach Branchenanalysen, entsteht der Eindruck, Beobachter und Protagonisten des journalistischen Treibens h\u00e4tten sich zum Abgesang verabredet.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba In <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2024\/01\/24\/business\/media\/media-industry-layoffs-decline.html\"><em>The News About the News Business is Getting Grimmer<\/em><\/a><em>,<\/em> berichtet die <em>New York Times<\/em> \u00fcber die j\u00fcngsten Entlassungswellen bei gro\u00dfen Titeln mit dem Verweis, dass in den USA jeder zweite Landkreis keinen Zugang zu Lokaljournalismus mehr habe.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Der <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2024\/01\/21\/opinion\/pitchfork-gq-internet-media.html\">Medienjournalist Ezra Klein<\/a> beendete eine Liste sterbender Medienmarken mit dem Res\u00fcmee, nur die sehr kleinen oder die ganz gro\u00dfen Spieler k\u00f6nnten \u00fcberleben.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Zuvor hatten Reporter <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2024\/01\/18\/business\/media\/billionaires-news-media-owners.html\">der <em>New York Times<\/em> vorgerechnet<\/a>, dass Milliard\u00e4re wie Jeff Bezos bei ihren Investitionen in den Journalismus nichts anderes erreicht h\u00e4tten, als sich um ihr Verm\u00f6gen zu erleichtern.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Der New Yorker Medienprofessor Jeff Jarvis stellt die Frage: <a href=\"https:\/\/buzzmachine-com.cdn.ampproject.org\/c\/s\/buzzmachine.com\/2024\/01\/24\/is-it-time-to-give-up-on-old-news\/amp\/\"><em>Is it time to give up on old news?<\/em><\/a>, w\u00e4hrend ein Kolumnist der <em>Washington Post<\/em> prognostizierte: <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/opinions\/2024\/01\/27\/new-journalism-mission-save-america-make-money\/\"><em>Journalism may never again make money<\/em><\/a>.\u00a0<\/p>\n<p>\u25ba Nach einem Treffen von Medienmanagern am Reuters Institute in Oxford <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/news\/how-media-managers-think-ai-might-transform-news-ecosystem\">schrieb der Berater David Caswell<\/a>, die meisten der Teilnehmenden betrachteten K\u00fcnstliche Intelligenz als existenzbedrohend.\u00a0<\/p>\n<p>Zuversicht klingt anders. Was bedeutet das? Sind alle Versuche, den Journalismus in die nicht mehr ganz so neue digitale Welt zu bringen, vergebliche Liebesm\u00fche?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich klingen auch die von <a href=\"https:\/\/reutersinstitute.politics.ox.ac.uk\/journalism-media-and-technology-trends-and-predictions-2024\">Nic Newman f\u00fcr seinen j\u00e4hrlichen, am Reuters Institute erscheinenden Trend-Report<\/a> befragten Medienmanager aus aller Welt in diesem Jahr skeptischer als noch 2023. Nicht einmal jeder zweite der mehr als 300 Chefredakteure, CEOs und weiterer Entscheider geht zuversichtlich ins Jahr. Eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen sei, dass immer weniger Nutzer \u00fcber soziale Netzwerke und Suchmaschinen zu journalistischen Inhalten finden. Der Trend d\u00fcrfte sich versch\u00e4rfen, wenn sich Menschen Inhalte nicht mehr von Suchmaschinen sondern von Chatbots servieren lassen. Gleichzeitig leiden immer mehr Titel darunter, dass in einer von Konflikten gepr\u00e4gten Welt viele Nutzer das st\u00e4ndige Bombardement mit Nachrichten nicht mehr ertragen k\u00f6nnen und deshalb den Medienkonsum vermeiden.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr eine Zukunft des Journalismus: Daran sollten Medien arbeiten<\/h2>\n<p>Gl\u00fccklicherweise liegen Journalisten, Analysten und Futuristen oft ziemlich daneben mit ihren Einsch\u00e4tzungen. Ein Grund ist, dass sie gerne Scoops produzieren: Jeder will der Erste sein, der den Untergang prognostiziert. Au\u00dferdem wirkt der Herdentrieb. Man nimmt die These der Konkurrenz, l\u00e4uft damit weiter und setzt gerne noch einen drauf. Zudem \u2013 und das ist entscheidend \u2013 machen sie ihre Rechnungen viel zu oft ohne das Publikum \u2013 und das geschieht nicht nur in der Medienbranche. Man stellt Annahmen in den Raum, ohne den Beweis der Wirklichkeit abzuwarten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es kaum zu leugnen, dass alte, anzeigenbasierte Gesch\u00e4ftsmodelle, mit denen reichlich Geld verdient wurde, nicht mehr oder nur noch sehr begrenzt funktionieren. Es ist auch wahr, dass der Verkauf von Digital-Abos einer z\u00e4hen Bergtour gleicht. Daraus aber zu schlie\u00dfen, man bewege sich zwangsl\u00e4ufig auf eine Welt ohne Journalismus zu, ignoriert ein paar fundamentale Fakten. Der zu fr\u00fch verstorbene Harvard Professor Clayton Christensen, der die Theorie der Disruption entwickelt hat, h\u00e4tte geraten, mal \u00fcber die <a href=\"https:\/\/niemanreports.org\/articles\/breaking-news\/\"><em>Jobs to be done<\/em><\/a> nachzudenken, in modernerer Newsroom-Terminologie k\u00f6nnte man auch von <a href=\"https:\/\/smartocto.com\/research\/userneeds\/\"><em>User Needs<\/em><\/a> sprechen. Von diesen Jobs gibt es einige:\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Menschen brauchen faktentreue Informationen, um Entscheidungen zu treffen\u00a0<\/h2>\n<p>Das gilt f\u00fcr Fachleute ebenso wie f\u00fcr Konsumenten, Staatsb\u00fcrger, Bewohner einer Stadt oder Gemeinde. Die Pandemie hat gezeigt, dass der Journalismus die erste Adresse f\u00fcr diese Informationen ist, wenn viel auf dem Spiel steht. Wer annimmt, das Publikum g\u00e4be sich mit allerlei Content zufrieden, untersch\u00e4tzt die Bed\u00fcrfnisse eines Gro\u00dfteils seiner Mitmenschen. Nat\u00fcrlich m\u00f6gen einige durch Propaganda verf\u00fchrbar sein oder sich von der Welt abkapseln. Das f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung anzunehmen, zeugt von \u00dcberheblichkeit. Eine journalistische Grundversorgung ist deshalb zentral. Hier sind \u00f6ffentlich-rechtliche Modelle gefragt, um auch ohne Gewinnabsichten alle Generationen und Gesellschaftsschichten auf dem Laufenden zu halten. Regierungen m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, sie am Leben zu erhalten.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Menschen sind neugierig und wollen die Welt verstehen\u00a0<\/h2>\n<p>Journalismus hat einen Bildungsauftrag. Doch dem kommt er nicht immer nach. So manch eine Politik-Story liest sich eher wie der Beitrag des Strebers, der seine Mitsch\u00fcler im Kampf um gute Noten ausstechen m\u00f6chte, als wie der Versuch, die gesamte Klassengemeinschaft mitzunehmen. Medien-F\u00fchrungskr\u00e4fte scheinen das zu ahnen. Laut dem Trend-Report des Reuters Institutes nennen sie bessere Erkl\u00e4r-Formate und konstruktiven Journalismus als die wichtigsten zwei Strategien, um dem \u00dcberdruss entgegenzuwirken. Wer auf diesem Gebiet sein Profil sch\u00e4rfen m\u00f6chte, sollte sich Ros Atkins\u2018 <em>The Art of Explanatio<\/em>n besorgen. Der <em>BBC<\/em>-Journalist hat in dem 2023 erschienenen Buch aufgeschrieben, wie akribisch er jene<em> News Explainers<\/em> erarbeitet, mit denen er sich einen Namen gemacht hat.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Menschen suchen Gemeinschaft und Zugeh\u00f6rigkeit<\/h2>\n<p>Marken, die es schaffen, ein solches Gef\u00fchl zu stiften \u2013 sei es \u00fcber politische, geographische oder an Interessen gebundene Identifikation \u2013 haben ein gutes Fundament, auf dem sie aufbauen k\u00f6nnen. Konsumenten wollen zudem ernst genommen werden. Medienmarken wie das d\u00e4nische <em>Zetland<\/em>, die die Zeit und Bed\u00fcrfnisse ihrer Nutzenden respektieren und dosiert erkl\u00e4renden, hintergr\u00fcndigen Journalismus in verschiedenen Formaten anbieten, treffen durchaus auf zahlungsbereite Kunden. <em>Zetland<\/em> macht mit einer vergleichsweise jungen Kundschaft Gewinn.\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Menschen wollen den Austausch<\/h2>\n<p>Menschen erfreuen sich an der Vielfalt und Sch\u00f6nheit der Welt, sie wollen ber\u00fchrt werden und sich in andere Menschen einf\u00fchlen, und sie wollen Freude teilen. Das Buchgesch\u00e4ft zum Beispiel floriert, obwohl sowohl das Buch als auch der unabh\u00e4ngige Buchhandel schon oft totgesagt wurden. Aber weder hat das E-Book das Werk aus Papier verdr\u00e4ngt, noch konnten Amazon und gro\u00dfe Handelsketten dem unabh\u00e4ngigen Buchhandel die Luft abdr\u00fccken. Werden sie gut gef\u00fchrt, sind Buchl\u00e4den Begegnungsst\u00e4tten, in denen man st\u00f6bert, sich austauscht, nach Geschenken und Inspiration sucht. Nach wie vor \u00f6ffnen B\u00fccher T\u00fcren zur Welt, wie es auch der Journalismus tun sollte.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Menschen wollen Eskapismus<\/h2>\n<p>Menschen m\u00fcssen und wollen ihren Alltag bew\u00e4ltigen, und dazu geh\u00f6rt auch Entspannung. Bei manch einem Medienkritiker sp\u00fcrt man f\u00f6rmlich das Naser\u00fcmpfen dar\u00fcber, dass die <em>New York Times<\/em> viele ihrer Digital-Abos wegen der Kochrezepte und R\u00e4tsel verkauft. Aber beides deckt fundamentale Bed\u00fcrfnisse ab, und auch die hat Journalismus traditionell bedient. Das mag nicht zu jeder Marke passen, zur Kundenbindung taugt es allemal.<\/p>\n<p>Der Verkauf von Journalismus ist anspruchsvoll, und KI macht die Sache nicht leichter. Aber wer sich mit den Bed\u00fcrfnissen potenzieller Nutzergruppen besch\u00e4ftigt und es schafft, zu ihnen stabile Beziehungen aufzubauen, ist auf dem richtigen Weg. Es ist kein Zufall, dass die pessimistischsten Analysen derzeit aus den USA kommen, wo man amerikanische Ph\u00e4nomene gerne zum globalen Trend erkl\u00e4rt. Doch dort ist die Lage besonders prek\u00e4r, denn Investoren haben die Regionalmedien ausgesaugt, das \u00f6ffentlich-rechtliche Grundrauschen fehlt. Aber auch in Amerika entstehen junge Marken, die Gemeinschaft stiften, alte Flaggschiffe halten die Stellung. Das Berufsbild wird sich wandeln, vermutlich auch das, was wir heute unter Journalismus verstehen. Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass Menschen Journalismus brauchen, und zwar \u00fcberall auf der Welt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><em>Diese Kolumne erschien <a href=\"https:\/\/medieninsider.com\/der-abgesang-auf-die-medienbranche-kommt-zu-frueh\/20192\/\">bei Medieninsider am 29. Januar 2024<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durchforstete man zu Beginn des Jahres 2024 einschl\u00e4gige Quellen nach Branchenanalysen, entsteht der Eindruck, Beobachter und Protagonisten des journalistischen Treibens h\u00e4tten sich zum Abgesang verabredet.\u00a0 \u25ba In The News About the News Business is Getting Grimmer, berichtet die New York Times \u00fcber die j\u00fcngsten Entlassungswellen bei gro\u00dfen Titeln mit dem Verweis, dass in den USA &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/der-abgesang-auf-die-medienbranche-kommt-zu-frueh\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDer Abgesang auf die Medienbranche kommt zu fr\u00fch\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[871,872,102,875,874,154,52,60,876,329,873,863],"class_list":["post-1809","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-unkategorisiert","tag-abgesang","tag-branche","tag-digital","tag-erklaerung","tag-explanation","tag-fakten","tag-journalismus","tag-medien","tag-nutzerbeduerfnisse","tag-publikum","tag-ros-atkins","tag-user-needs"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1809\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1809"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1809\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1810,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1809\/revisions\/1810\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}