{"id":1825,"date":"2024-07-01T16:58:07","date_gmt":"2024-07-01T14:58:07","guid":{"rendered":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/?p=1825"},"modified":"2024-07-01T16:58:08","modified_gmt":"2024-07-01T14:58:08","slug":"gesellschaft-des-misstrauens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alexandraborchardt.com\/de\/gesellschaft-des-misstrauens\/","title":{"rendered":"Gesellschaft des Misstrauens"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"field field--name-paywall-body field--type-text field--label-hidden field__item\">\n<p><em>Was ist zu tun gegen Miss- und Desinformation, f\u00fcr Medienvielfalt und Zusammenhalt? Eine Antwort.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Man kann sich dem Thema Falsch\u00adinformation von zwei Seiten ann\u00e4hern. Auf der einen, der schaurig-alarmschlagenden, mangelt es nicht an drastischer Sprache und d\u00fcsteren Szenarien. Dort warnen Experten vor einer Welt der k\u00fcnstlich verf\u00e4lschten oder g\u00e4nzlich fabrizierten Ton-, Bild- und Textdokumente, die t\u00e4uschend echt daherkommen, skalieren und deshalb das Ende des Konzepts Vertrauenn oder gleich der Wahrheit einl\u00e4uten.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"paywalled-content field field--name-paywall-body field--type-text field--label-hidden field__item\">\n<p>Auf der anderen, der n\u00fcchtern-akademischen, bem\u00fchen sich Forscher, das prognostizierte Drama im Lichte des Jetzt zu spiegeln. Mit Blick auf die Datenlage argumentieren sie: Abgesehen von seit jeher \u00fcblicher politischer Propaganda, die sich vom Wahlplakat \u00fcber den Tweet bis zum Politikerinterview zieht, seien verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenige Menschen \u00fcberhaupt solchen Desinformationsattacken ausgesetzt. Es handele sich um ein \u201eHeavy User\u201c-Ph\u00e4nomen, das sich wom\u00f6glich weniger auf allt\u00e4gliches Verhalten auswirke, als die Alarmschlagenden dies vermuteten. \u201eDesinformation ist ein begrenztes Problem mit begrenzter Reichweite in der \u00d6ffentlichkeit\u201c, schrieben Andreas Jungherr und Ralph Schroeder 2021. Die Prominenz des Themas in der \u00f6ffentlichen Debatte lasse sich am besten mit dem Begriff \u201emoralische Panik\u201c erkl\u00e4ren.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>Welcher dieser Seiten man sich zugetan f\u00fchlt, h\u00e4ngt stark vom Menschenbild ab. Wer bevorzugt denjenigen folgt, die Schlimmes bef\u00fcrchten, traut seinen Mitmenschen \u2013 und wom\u00f6glich sich selbst\u00a0\u2013 wenig zu. Er h\u00e4lt sie in der Mehrzahl f\u00fcr unaufmerksam, gutgl\u00e4ubig, leicht beeinfluss- und verf\u00fchrbar. Sowohl die historische Erfahrung mit Diktaturen als auch Forschung zur Manipulierbarkeit des Gehirns unterst\u00fctzen diese Einsch\u00e4tzung. Von einem solchen skeptischen Standpunkt her muss es das strategische Ziel sein, Formen der Desinformation \u2013 manche sprechen von Fake News \u2013 so weit es geht zu unterbinden. Als Schuldige werden h\u00e4ufig die digitalen Plattformen mit ihren auf Reichweite optimierten Gesch\u00e4ftsmodellen identifiziert, die es zu regulieren gelte.<\/p>\n<p><strong>Eine Frage des Menschenbilds\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wer eher an die Urteilskraft, Lernf\u00e4higkeit und Kapazit\u00e4t von Menschen glaubt, sich frei zu entscheiden, betrachtet die Lage gemeinhin entspannter. Die Nutzer von digitalen und anderen Angeboten w\u00fcrden k\u00fcnftig schlicht mehr Skepsis walten lassen, statt alles blind zu glauben, was sich in Text, Bild und Ton \u00fcber sie ergie\u00dft. Diejenigen, denen ein solches Menschenbild st\u00e4rker zusagt, f\u00fchlen sich wom\u00f6glich Erik Roose zugetan, dem Intendanten des \u00f6ffentlich-rechtlichen Senders von Estland. Der sagte k\u00fcrzlich in einem Interview: \u201eDamals zu Sowjetzeiten wusste man: Was in der Zeitung steht, ist zu 100\u00a0Prozent Desinformation. Man musste zwischen den Zeilen lesen.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Diese F\u00e4higkeit beherrschen nicht alle Menschen, aber offensichtlich dennoch ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung. Das zeigte sich zum Beispiel in der Covid-19-Pandemie. Die Weltgesundheitsorganisation hatte schon vor einer \u201einfodemic\u201c gewarnt, bevor sie das Virus im M\u00e4rz 2020 zu einer weltweiten Gefahr erkl\u00e4rt hatte. Tats\u00e4chlich aber verhielten sich viele Menschen musterg\u00fcltig und informierten sich bei traditionellen Medienmarken; das Vertrauen in Medien war 2020 sprunghaft gestiegen.\u00a0<\/p>\n<p>Allerdings sorgen sich auch eher optimistische Beobachter, dass exponentiell wachsende Desinformation das generelle Vertrauen in Informationen zerst\u00f6ren k\u00f6nnte. Frei nach Hannah Arendt hei\u00dft dies: Wenn man annimmt, alles k\u00f6nnte manipuliert sein, glaubt man gar nichts mehr. Ohne eine gesunde Skepsis m\u00fcndiger B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger w\u00fcrde Demokratie nicht funktionieren, aber der \u00dcbergang kritischer Beobachtung zur Misstrauensgesellschaft ist potenziell flie\u00dfend. Schon jetzt zeigt sich, dass junge Menschen, die in einer un\u00fcbersichtlichen Medienwelt aufgewachsen sind, dem, was sie sehen, h\u00f6ren und lesen, weniger vertrauen als fr\u00fchere Generationen.<\/p>\n<p><strong>Macht der Multiplikatoren<\/strong><\/p>\n<p>Traditionelle Medien pr\u00e4gen diese Debatte st\u00e4rker, als sie dies wom\u00f6glich einr\u00e4umen w\u00fcrden. Je ausf\u00fchrlicher und drastischer sie \u00fcber all die M\u00f6glichkeiten berichten, mit denen sich Informationen, Dokumente und Medienprodukte verf\u00e4lschen lassen, umso misstrauischer werden die Nachrichtenkonsumenten.\u00a0<\/p>\n<p>Insbesondere Multiplikatoren \u2013 zum Beispiel politische Entscheidungstr\u00e4ger und Regulierungsbeh\u00f6rden \u2013, die ihr Profil sch\u00e4rfen wollen, greifen solche Debatten gerne auf. In den vergangenen Jahren lie\u00df kaum eine Grundsatzrede zum Zustand der Demokratie das Thema Fake News unerw\u00e4hnt. Auf diese Weise beeinflusst das Narrativ der Desinformation das Ma\u00df, in dem sich B\u00fcrger davon bedroht f\u00fchlen. Politiker mit entsprechenden Instinkten ersp\u00fcren dies. Der Weg von der Sonntagsrede zum Gesetz kann deshalb kurz sein. \u00a0<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurden Begriffe wie Fake News und Desinformation von politischen Kr\u00e4ften instrumentalisiert, um die Arbeit von seri\u00f6sen Journalisten und Medien zu diskreditieren. Dahinter steckt Eigennutz: Manches, was recherchiert und publiziert wird, passt ihnen nicht. Vor allem autorit\u00e4re und zu autorit\u00e4rem Gebaren neigende Politiker verwenden Fake News seit \u00adJahren als Kampfbegriff gegen die Presse, allen voran der ehemalige US-Pr\u00e4sident Donald Trump. 2019 beklagte der Herausgeber der\u00a0<em>New York Times<\/em>, A.G. Sulzberger, dass binnen weniger Jahre mehr als 50 Regierungschefs und Staatspr\u00e4sidenten auf f\u00fcnf Kontinenten den Begriff Fake News genutzt h\u00e4tten, um gegen Medien vorzugehen.\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Der Begriff der Desinformation wurde von politischen\u00a0Kr\u00e4ften instrumentalisiert, um seri\u00f6sen Journalismus zu diskreditieren\u00a0<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Thema Falschmeldungen hat in den vergangenen Jahren eine solche Wucht bekommen, dass sich daraus eine Art Desinformations-Bek\u00e4mpfungs-Komplex entwickelt hat: ein Zusammenspiel von Medien, Geldgebern und Regulierungsorganen, das sich nicht nur positiv auswirkt. So missbrauchen Regierungen die entsprechende Regulierung zuweilen dazu, Presse- und Meinungsfreiheit oder gar Grundrechte einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Center for News, Technology and Innovation aus Anlass der weltweit 50 Wahlen in diesem Jahr. Bei der F\u00f6rderung von Medienangeboten fixieren sich gro\u00dfe Geldgeber h\u00e4ufig derma\u00dfen auf den Kampf gegen Desinformation, dass Redaktionen Ressourcen f\u00fcr jene Recherchen fehlen, die etwas noch Wichtigeres vollbringen m\u00fcssen: erst einmal Fakten und Informationen heranzuschaffen, bevor es an das Verifizieren und Entkr\u00e4ften von Falsch\u00admeldungen geht. Bei einem Round-Table zu Desinformation im Ukraine-Krieg 2022 waren sich Teilnehmende sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland einig, dass eine unklare Informationslage eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Herausforderung in der Kriegsberichterstattung sei als Falsch\u00admeldungen.<\/p>\n<p><strong>Fake News haben politische Wurzeln<\/strong><\/p>\n<p>Der Kampf gegen Desinformation setzt zudem h\u00e4ufig an der falschen Stelle an, weil die Kritiker oft Ursache mit Wirkung verwechseln. Das Ph\u00e4nomen Fake News hat politische Wurzeln, die weit in die Zeit vor Social Media zur\u00fcckreichen. Die sozialen Netzwerke und Tech-Plattformen sind demzufolge keine alleinigen Verursacher gesellschaftlicher Spaltung, sondern vor allem n\u00fctzliche und wirkm\u00e4chtige Instrumente, um sie zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das Ringen um eine vielf\u00e4ltige, von Wissens- und Erkenntnisdurst bestimmte Informationslandschaft muss deshalb auch und insbesondere bei den Ursachen ansetzen, nicht erst bei der Symptombek\u00e4mpfung. Nur \u2013 dem stehen m\u00e4chtige Interessen entgegen.<\/p>\n<p>Dass Desinformation in der gegenw\u00e4rtigen Welt zumindest ausreichend Abnehmer findet, hat in erster Linie f\u00fcnf Ursachen:\u00a0<\/p>\n<p><em>Erstens,<\/em> politische Polarisierung. Diese ist nicht erst durch die sozialen Netzwerke entstanden, sondern hat ihre Wurzeln in den Protestbewegungen der zweiten H\u00e4lfte des vergangenen Jahrhunderts. In dem Ma\u00dfe, in dem Frauen, ethnische Minderheiten und andere benachteiligte Gruppen nach Positionen von Einfluss und Macht griffen, die ihnen vorenthalten wurden, verst\u00e4rkte sich in den gesellschaftlich dominierenden Schichten die Angst vor dem Bedeutungs- und Kontrollverlust.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber denjenigen, die mit neuem Selbstbewusstsein nach Teilhabe riefen, versammelten sich diejenigen, die um ihre Privilegien f\u00fcrchteten und fortan versuchten, diese zu zementieren. Religi\u00f6se Konflikte und Wirtschaftslobbys mit Interesse am Zur\u00fcckdr\u00e4ngen von Klimapolitik reicherten dieses Gebr\u00e4u an. Soziale Netzwerke, angetrieben von Gesch\u00e4ftsmodellen der Aufmerksamkeits\u00ad\u00f6konomie, erleichterten es den jeweiligen Gruppen, Gleichgesinnte zu finden und Ideologie-Cluster zu bilden.<\/p>\n<p>Verursacht aber hat \u201eBig Tech\u201c die Spaltung nicht. Eine Arbeit des Berkman Klein Center for Internet &amp; Society an der Har\u00advard University zeigt, dass zum Beispiel bei der US-Wahl 2016 in erster Linie polarisierende Politiker und traditionelle Medien Desinformation betrieben haben, nicht etwa soziale Netzwerke oder sogenannte Troll-Fabriken, in denen Auftragsarbeiter bewusst Falschmeldungen fabrizieren.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Soziale Netzwerke und\u00a0Tech-Plattformen sind \u00adkeine alleinigen Verursacher\u00a0\u2028gesellschaftlicher Spaltung, sondern wirkm\u00e4chtige\u2028In\u00adstrumente der Verst\u00e4rkung<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Osteuropa kommen Vaclav Stetka und Sabina Mihelj in ihrem Buch \u201eThe Illiberal Public Sphere. Media in Polarized Societies\u201c zu einem \u00e4hnlichen Schluss: Traditionelle Medien, oft von politischen Interessen korrumpiert, seien die prim\u00e4ren Kan\u00e4le der Desinformation.\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\n<p><em>Zweiter Grund,<\/em> eine komplexer werdende, sich rasant wandelnde Welt. Diese sogenannte VUCA-Umgebung \u2013 kurz f\u00fcr volatile, uncertain, complex, \u00adambiguous (fl\u00fcchtig, unsicher, komplex, mehrdeutig)\u00a0\u2013 gibt Populisten Auftrieb, die mit knackigen Botschaften einfache L\u00f6sungen versprechen. Die Kriege in der Ukraine und in Gaza, politische Repression, Fluchtbewegungen, wirtschaftliche Unsicherheit und Klimawandel ver\u00e4ngstigen Menschen. Manche sprechen von Polykrisen, ein Konzept, das von dem britischen Historiker Adam Tooze popularisiert wurde. Die neuen M\u00f6glichkeiten durch generative KI d\u00fcrften viele Branchen, Job-Profile und das Bildungssystem ver\u00e4ndern und damit noch mehr Menschen verst\u00f6ren. Als Konsequenz sucht manch einer Halt bei charismatischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten, Ideologien oder Institutionen, die Stabilit\u00e4t und klare Strukturen versprechen.<\/p>\n<p><em>Drittens,<\/em> hybride Kriegsf\u00fchrung mit \u201einformation operations\u201c. Dass moderne Kriege nicht nur mit Waffen an der Front, sondern auch \u00fcber digitale Informationskampagnen mit dem Ziel ausgefochten werden, Gesellschaften zu destabilisieren, ist fast schon Allgemeingut. Insbesondere der Angriff Russlands auf die Ukraine und das weitere Erstarken Chinas haben die geopolitische Polarisierung vorangetrieben.<\/p>\n<p>Das Ausma\u00df der digitalen Beeinflussung von Wahlen in einem Jahr, in dem fast die halbe Weltbev\u00f6lkerung in verschiedenen Formen an die Urnen geht, ist derzeit nicht abzusch\u00e4tzen. Es w\u00e4re allerdings verfehlt, die Verantwortung f\u00fcr politische Machtverschiebungen oder das Erstarken bestimmter Kr\u00e4fte in erster Linie externen Einfl\u00fcssen zuzuschreiben. Innenpolitische Machtstrukturen oder deren Aufl\u00f6sung d\u00fcrften Wahlen in weitaus gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe beeinflussen.\u00a0<\/p>\n<p><em>Viertens,<\/em> die un\u00fcbersichtliche Nachrichtenvermittlung. Das Erstarken der Online-Plattformen hat das Medien\u00adsystem aus den Angeln gehoben und die M\u00f6glichkeiten des Nachrichtenkonsums von Orten, Zeiten und festen Formaten gel\u00f6st. Die Angebote sind deshalb heute zwar vielf\u00e4ltiger als zu Zeiten des linearen Fernsehens und Radios und der Zeitung auf Papier \u2013 vom stundenlangen Podcast bis TikTok ist alles dabei. Daf\u00fcr f\u00fchlen sich die Nutzenden aber zunehmend \u00adverwirrt.<\/p>\n<p>Studien wie \u201eUse the News\u201c oder \u201eNext Gen News\u201c belegen dies gerade f\u00fcr die junge Generation. Die informiert sich vor allem in den sozialen Netzwerken, und dort l\u00e4sst sich im st\u00e4ndigen Fluss von Meldungen zuweilen schwer zuordnen, ob die Nachricht aus einer seri\u00f6sen Quelle stammt, eine Meinungsbekundung oder wom\u00f6glich eine Werbebotschaft ist.<\/p>\n<p>Es gibt zwar bislang keine Belege daf\u00fcr, dass dies junge Menschen anf\u00e4lliger f\u00fcr Desinformation macht. Im Gegenteil, \u00e4ltere Generationen, die nicht so versiert im Umgang mit digitalen Angeboten sind, scheinen sich leichter t\u00e4uschen zu lassen. Aber f\u00fcr Unge\u00fcbte ist im Informationsstrom schwer zu erkennen, was glaubw\u00fcrdiger Journalismus ist. Manche bezweifeln auch, dass man ihn \u00fcberhaupt braucht. Zudem k\u00f6nnen Satire oder andere humoristische Formate leicht als Desinformation wahrgenommen werden, wenn sie nicht klar gekennzeichnet sind.<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Die Angebote sind im Vergleich zur linearen Zeit so vielf\u00e4ltig, dass die Nutzer zunehmend verwirrt sind\u00a0<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><em>F\u00fcnftens,<\/em> die technischen M\u00f6glichkeiten durch K\u00fcnstliche Intelligenz. F\u00fcr diejenigen, die bewusst Desinformationen fabrizieren, sind die derzeit sich wie durch Zellteilung vermehrenden Tools der generativen KI n\u00fctzliche Werkzeuge. In Sekunden und Minuten lassen sich Videos lippensynchron mit anderen Tonspuren hinterlegen, Pornos mit Gesichtern von Prominenten ausstaffieren, geklonte Stimmen f\u00fcr politische Botschaften einsetzen, bewegte und statische Bilder zu jedem erdachten Inhalt fabrizieren. Der Sicherheitsexperte Jean-Marc Rickli vom Geneva Centre for Security Policy spricht von \u201eWeapons of Mass Disinformation\u201c, analog zu \u201eWeapons of Mass Destruction\u201c.\u00a0<\/p>\n<p>Ob Menschen solche Desinformation strategisch im Auftrag anderer oder aus Spa\u00df und Langeweile fabrizieren, ist nat\u00fcrlich politisch relevant. In beiden F\u00e4llen ist aber die genaue Wirkung kaum absehbar. Zu den gef\u00fcrchteten \u201eDeep Fakes\u201c kommen auch noch die \u201eCheap Fakes\u201c: nachl\u00e4ssig ver\u00e4nderte Inhalte, die man bei genauerem Hinsehen als solche enttarnen k\u00f6nnte, es aber nicht tut, weil man das, was man sieht, glauben will.<\/p>\n<p>Forschung zufolge nutzen Menschen in sozialen Netzwerken sogar mehr Informationsquellen als ihre Zeitgenossen, die sich traditionell informieren. Nur filtert das Gehirn die Informationen oft so, dass sie zum Weltbild passen. Das Grundproblem liegt also nicht in der KI, sondern im Kopf.<\/p>\n<p><strong>KI braucht Regeln<\/strong><\/p>\n<p>Dem Problem der Desinformation wird man nur begegnen k\u00f6nnen, wenn man an allen f\u00fcnf Punkten ansetzt. Von hinten aufgerollt hei\u00dft das: Nat\u00fcrlich brauchen KI-Anwendungen Regeln. Der European AI Act, der im Mai 2024 vom European Council verabschiedet wurde, ist ein sinnvoller erster Schritt. Er teilt KI-Tools in Risikoklassen ein, reguliert dementsprechend ihren Einsatz, und verlangt Transparenz. KI hilft auch denen, die Gutes im Sinn haben: Die Verifizierung von Inhalten wird einfacher \u2013 wenngleich Sicherheitsexperten vor einer asymmetrischen Entwicklung warnen. Medienforscher um Felix Simon hingegen argumentierten in einer Analyse 2023, dass \u00c4ngste \u00fcbertrieben \u00adseien, generative KI w\u00fcrde die Desinformation auf eine neue Stufe heben. Nach wie vor konsumiere nur ein kleiner Anteil der Bev\u00f6lkerung in gro\u00dfem Ma\u00dfe Falschmeldungen. Vielerorts gebe es demgegen\u00fcber ein funktionierendes Mediensystem, das Menschen erm\u00f6gliche, sich zuverl\u00e4ssig und hochwertig zu informieren.\u00a0<\/p>\n<blockquote>\n<p><em>Polarisierung und Konflikt\u00a0statt Konsens war f\u00fcr Medien lange ein lukratives\u00a0Gesch\u00e4ftsmodell. Statt aber den Zusammenhalt zu st\u00e4rken, trugen sie zur Spaltung bei<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Allerdings ist dieses System angeschlagen. Die fr\u00fcher lukrativen, anzeigenbasierten Gesch\u00e4ftsmodelle funktionieren in der digitalen Welt nur noch bedingt, und die Nachrichtennutzer sind in der Mehrzahl nicht bereit, diesen finanziellen Einbruch aus eigener Tasche auszugleichen. KI-basierte Suchmaschinen lassen zudem bef\u00fcrchten, dass Quellen \u00adunsichtbar \u00adwerden. Gleichzeitig f\u00fchlen sich viele Menschen von einem immer schnelleren und schrilleren Informationsangebot \u00fcberfordert oder schlicht nicht angesprochen. Besonders Medienh\u00e4user \u00fcbersch\u00e4tzen oft, wie viel Interesse an Nachrichten in der breiten \u00d6ffentlichkeit besteht. Die Nachrichtenm\u00fcdigkeit und -abstinenz nimmt zu (s. dazu auch die Grafik auf S. 43).<\/p>\n<p><strong>St\u00e4rkung der Medienvielfalt<\/strong><\/p>\n<p>Gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Akteure m\u00fcssen deshalb dazu beitragen, den Journalismus, die Medienvielfalt und die Pressefreiheit auf verschiedenen Wegen zu st\u00e4rken. Menschen brauchen verl\u00e4ssliche, unabh\u00e4ngige Informationen, um gute Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen. Viele Medienh\u00e4user m\u00fcssen dazu allerdings umdenken. F\u00fcr sie war Polarisierung lange ein lukratives Gesch\u00e4ftsmodell. Konflikte verkauften sich besser als Konsens, steile Thesen besser als Nuancen. Statt den Zusammenhalt zu st\u00e4rken, trugen sie zur Spaltung bei. Im Ringen um eine vertrauensw\u00fcrdige Informationslandschaft d\u00fcrfte ein Journalismus, der Menschen zuh\u00f6rt und sich an ihren Bed\u00fcrfnissen orientiert, wichtiger sein als die besten Fact-Checking-Tools.\u00a0<\/p>\n<p>Den anderen hier skizzierten Ursachen f\u00fcr Desinformation \u2013 Krieg, Polarisierung, allgemeine \u00dcberforderung \u2013 l\u00e4sst sich nur politisch begegnen. Es gilt, Aggressoren zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und politische Konflikte, wo es m\u00f6glich ist, diplomatisch zu l\u00f6sen. Die Institutionen von Demokratie und Gesellschaft m\u00fcssen daran arbeiten, Menschen mit Fakten kompetent zu machen, ihnen nahezubringen, was sie verbindet und so den Zusammenhalt und ihre Resilienz zu st\u00e4rken. Nur so l\u00e4sst sich Desinformation der N\u00e4hrboden \u00adentziehen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Dieser Essay erschien am 24. Juni 2024 als <a href=\"https:\/\/internationalepolitik.de\/de\/gesellschaft-des-misstrauens\">Aufmacher-St\u00fcck eines Schwerpunkts<\/a> in der Zeitschrift <em>Internationale Politik<\/em>.\u00a0<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist zu tun gegen Miss- und Desinformation, f\u00fcr Medienvielfalt und Zusammenhalt? Eine Antwort.\u00a0 Man kann sich dem Thema Falsch\u00adinformation von zwei Seiten ann\u00e4hern. Auf der einen, der schaurig-alarmschlagenden, mangelt es nicht an drastischer Sprache und d\u00fcsteren Szenarien. 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